Tagesarchiv für den 2. April 2010

Gewinnen – egal wie!

2. April 2010

Stolz wie Bolle kam Domenico D’Onofrio zur Pressekonferenz. Der Trainer von Standard Lüttich hatte zwar 1:2 gegen den HSV verloren, aber er hatte etwas für sich gewonnen. In seiner linken Hand trug er ein HSV-Trikot, und der Coach ließ es auch nicht eine Sekunde los. Auf die Frage, welcher Spieler ihm dieses Trikot überlassen hätte, lächelte der Italiener zufrieden, strahlte über das ganze Gesicht und sagte: „Ruud van Nistelrooy.“ Abgesehen von seinem HSV-Souvenir war der 56-jährige Trainer auch mit dem Ausgang des EL-Viertelfinalspiels einigermaßen einverstanden, denn er vertraut im Rückspiel am 8. April auf den Hexenkessel von Lüttich. Obwohl D’Onofrio auch einschränkend sagte: „Wir wissen, dass wir mit dem HSV weiterhin eine harte Nuss zu knacken haben. Ich schätze die Chance, dass Standard ins Halbfinale einziehen wird, auf 50:50 ein. Wir wissen zwar, dass wir ein wichtiges Auswärtstor geschossen haben, aber wir wissen auch, dass der HSV aufgrund seines Offensivpotenzials in der Lage ist, ein Auswärtstor zu erzielen. Wir wissen zudem, dass der HSV nicht viele Chance benötigt, um ein Tor zu erzielen, das haben wir nun im Hinspiel gesehen.“

Domenico D’Onofrio sagte dazu noch einen bemerkenswerten Satz: „So gut wie in diesem Spiel hatte ich den HSV noch nie gesehen, während ich die Mannschaft beobachtet habe.“ Dieser Meinung schlossen sich am späten Donnerstag auch viele, viele HSV-Fans an. Die Aussprache vom Montag, als Mannschaft, Trainer und Vorstand in der Kabine Tacheles sprachen, hat ganz offenbar für diese Wende gesorgt. Der HSV zeigte Spielfreude, Laufbereitschaft, Kampf und Leidenschaft. Attribute, die das Team in diesem Jahr völlig vernachlässigt hatte. Sonst hätte sie wohl viel öfter das Spielfeld als Sieger verlassen. Diesmal wurde sogar in einem EL-Viertelfinalspiel ein Rückstand nicht nur wettgemacht.

Davon, dass die Aussprache für diese neue Einstellung gesorgt haben könnte, davon wollte Bruno Labbadia allerdings nichts wissen: „Das Wort Aussprache ist falsch. Wir nehmen die Mannschaft öfter einmal zusammen, das gab es in den letzten Wochen auch häufiger. Ich denke, klar, es ist ein kleines Mosaiksteinchen, aber es sind so viele kleine Mosaiksteinchen in diesen paar Tagen und in den letzten Wochen gewesen, die wir versucht haben einzubringen.“ Ich will gar nicht darauf beharren, dass es sich hier um eine Aussprache gehandelt haben könnte. Es kann ja auch ein reinigendes Gewitter gewesen sein. Ich weiß nur, dass die Spieler sehr wohl von einer Aussprache sprachen, und es war bei dieser „Mannschaftssitzung“ ja auch der Vorstand in Person von Bernd Hoffmann und Katja Kraus anwesend – typisch für eine ganz normale Zusammenkunft unter Profi-Sportlern des HSV?

Aber egal, wie man es auch immer nennt, es gab diesen Ruck durch die HSV-Mannschaft, und deshalb verließen die meisten Fans die Arena auch zufrieden und wieder einen Hauch optimistischer. Bruno Labbadia befand zur allgemeinen Lage noch: „Die, die mittendrin sind, die wissen genau, welche Probleme wir haben, auch gehabt haben. Das sind ganz logische Dinge, mit denen wir selber sehr gut umgehen können. Wichtig ist, dass man eine gewisse Ruhe bewahrt, die haben wir nun gehabt. Aber, ganz klar, wir müssen die Dinge, die wir diesmal gemacht haben, nämlich die Bereitschaft auch gegen den Ball gut zu arbeiten, mit in die nächsten Spiele nehmen, und dann werden wir auch wieder erfolgreich sein.“

Schon am Sonntag, im Bundesliga-Spiel gegen Hannover 96? Es ist eigentlich ein Muss. Und eigentlich auch ein Pflicht-Sieg. Zumal jetzt, mit dieser (alten und neuen) Einstellung. Kapitän David Jarolim aber weiß: „Gegen 96 werden wir nicht so viele Chancen kriegen, wie gegen Lüttich. In dem Spiel wird es einfach nur darum gehen, zu gewinnen. Egal wie.“ Zur Vorstellung gegen Standard befand der HSV-Kapitän: „Wir haben gut gespielt. Dass wir wieder nach einem Standard, nach einer Ecke, einen Gegentreffer kassieren, ist aber schade. Dieses 0:1 war wie eine kalte Dusche, aber wir haben gute Moral gezeigt, das war schon eine gute Leistung von uns.“

Dieses Gegentor könnte dem HSV noch sehr wehtun. Und es tat einem Mann schon diesmal sehr weh: Frank Rost. Erneut nicht zu null – es ist wie ein Fluch. Auch deswegen, oder vor allem deswegen, verließ der HSV-Keeper nach Spielende den Rasen nicht gerade gut gelaunt. Rost auf die Frage, ob die Krisensitzung den „neuen HSV“ bewirkt hätte: „Ich bin nicht der Erklärer, ich bin Fußballtorwart, und ich beschränke mich darauf, Bälle zu halten.“

Diesmal war es zwar nur ein Gegentor für den HSV, auch weil Frank Rost wieder hervorragend hielt, aber auch dieser eine Treffer war erneut höchst überflüssig. In Gladbach sorgte ein Freistoß in den HSV-Strafraum für das entscheidende 0:1, in Hamburg sorgte nun ein Eckstoß für Lüttichs Führungstor. Immer wieder sind es die Standards. Diesmal verschließ Jerome Boateng, dass sich sein Gegenspieler frei geschlichen hatte. Wobei ich (aus gegebenem Anlass) schnell noch einmal bemerken möchte: Ich habe Boateng und Joris Mathijsen sehr wohl eine gute Leistung bescheinigt – für die ersten 20 Minuten, als der gesamte HSV hervorragend spielte. Ganz sicher, das habe selbst ich erkannt, hat diese HSV-Defensive immer noch ganz große Abstimmungsprobleme, und die werden wohl auch bis zum Ende der Saison nicht mehr hundertprozentig behoben werden können. Es steckt der Wurm in dieser Viererkette. Mal rechts, mal links, mal in der Mitte – und mal überall.

Aber es gibt zum Glück ja nicht nur Negatives bei diesem HSV. Die plötzliche Leistungsexplosion von Jonathan Pitroipa zum Beispiel ist doch etwas höchst, höchst Erfreuliches. Ich hätte eine solche Steigerung des Flügelflitzers nicht mehr erwartet, das gebe ich ehrlich zu, aber ich denke, da sitzen wir (fast) alle in einem Boot. Umso erfreulicher ist es, dass es der gute „Piet“ noch gepackt hat. Oder gepackt zu haben scheint. Vielleicht gibt es ja eine ähnliche Entwicklung wie im Fall von Tomas Rincon. Der Südamerikaner war, das sind sich wohl die meisten von uns einig, schon so gut wie weg vom HSV, wurde dann doch gebraucht, schlug großartig ein – und erhielt doch noch einen neuen Vertrag. Wiederholt sich das jetzt auch bei Jonathan Pitroipa? Fest steht für mich: In der Form vom Donnerstag wird er fast jeder Abwehr Kopfschmerzen bereiten. Und: Einen solchen Tempo-Dribbler, der blitzartig Gegenspieler aussteigen lassen kann, hat der HSV sonst nicht in seinen Reihen. Pitroipa ist Sprinter und Dribbler in einer Person, zu hoffen ist jetzt nur, dass er diese Form konservieren kann.

Er hat sein Herz in beide Hände genommen. Und überzeugte sogar seine größten Kritiker. Nach seinem Gala-Auftritt sagte er: „Ich habe meine Chance gekriegt und es gut gemacht, glaube ich. Der Trainer hatte mir nach dem Abschlusstraining gesagt, ich solle mehr auf die Eins-gegen-eins-Situationen gehen und über den Flügel Tempo machen. Ich freue mich, weil ich das sehr gut hinbekommen habe. Wichtig war, dass die erste Aktion gleich geklappt hat – das hat mir den nötigen Schwung gegeben. Der Sieg war für mich und die Mannschaft sehr wichtig. Wir sind noch nicht fertig, aber ich denke, wir gehen eine Runde weiter.“ Und plötzlich ist er auch wieder ein Optimist.

Danach sah es bei ihm in den letzten Monaten ganz und gar nicht aus. Im Gegenteil, Pitroipa lief tief frustriert durch die Gegend, wirkte auf manchen sogar depressiv. Er gibt zu: „Es gab in den letzten Monaten viele Spiele, in denen ich nicht gespielt habe, obwohl ich gut trainiert hatte. Damit war ich nicht einverstanden. Als Fußballer kannst Du nicht zufrieden sein, wenn du so wenig spielst. Das waren schwere Monate. Als Fußballer verlierst man da sein Selbstvertrauen. Aber ich habe weiter gut trainiert und hoffte auf meine Chance.“ Die bekam er, er nutzte sie. Ob er nun doch noch darüber nachdenken wird, in Hamburg und beim HSV zu bleiben? Er will im Sommer bekanntlich weg, hat es offen ausgesprochen. Und nun? Gibt es noch die Chance, dass er bleibt? Pitroipa geht bei dieser Frage in die Defensive: „Momentan kann ich nicht darüber reden. Jetzt konzentriere ich mich erst mal nur auf diese Saison.“ Klingt für mich wie Abschied. Aber, wir erinnern uns: Am Ende der vergangenen Saison wollte auch Jerome Boateng den HSV verlassen, weil er ein Unverhältnis zum Trainer hatte. Als Martin Jol ging, blieb Boateng. Wobei ich diese beiden Fälle trenne – ganz klar: Pitroipa hat, im Gegensatz zu Boateng vor einem Jahr, keine Probleme mit dem Trainer. Ich will damit nur sagen, dass es sehr wohl noch bis zum Sommer einen Sinneswandel des Spielers geben könnte, aus welchem Grunde auch immer.

Einen kleinen Absatz möchte ich auch noch zu Piotr Trochowskis Nichtberücksichtigung in der Start-Elf schreiben. Ich weiß, dass ich viele von Euch damit nerve, wenn ich den deutschen Nationalspieler immer wieder fordere, aber ich bin davon nun einmal restlos überzeugt (und nicht etwa deshalb, weil er mein Informant ist – welch ein absoluter Quatsch!). Ich möchte dazu nur schnell einmal bemerken, dass ich vor und nach dem Spiel mit einigen „Alt-Internationalen“ des HSV mit großen Namen über das Thema Trochowski gesprochen habe. Und, ich kann es Euch nicht ersparen: Zu 90, ich würde fast sogar zu 99 Prozent sagen, sind sie meiner Meinung. Und das ist die Wahrheit. Wie immer.

Und kurz noch einmal auf den Anfang dieses Berichts zurück. Aussprache? Krisensitzung? Mannschafts-Besprechung? Mladen Petric ist die Bezeichnung egal, er sagt im Nachhinein nur: „Was wir besprochen haben, bleibt intern. Aber jeder der Zuschauer konnte sich von der Wirkung in den ersten 25 Minuten überzeugen. Das einzige, was da gefehlt hat, war ein Tor. Wir haben Super-Fußball geboten. Es war ein kleiner Schritt in die nächste Runde – aber eben leider nur ein kleiner.“

Es liegt nun nur am HSV, ob daraus ein ganz großer Schritt werden kann. Aber zunächst einmal gilt es, den schwer „angeschlagenen Boxer“ für voll zu nehmen, um keine böse Überraschung (wie schon so oft gegen die Niedersachsen!) zu erleben. Also bitte, keinen Angsthasen-Fußball gegen 96, sonder wieder volle Pulle wie gegen Lüttich.

In diesem Sinne: Ich wünschen allen „Matz-abbern“, dass Ihr mit Euren Lieben und der Familie ein friedliches, ruhiges und harmonisches Osterfest verleben werdet – natürlich mit einem wunderschönen Drei-Punkte-Sieg am Sonntag.

Nur der HSV!

19.23 Uhr