Tagesarchiv für den 1. April 2010

Pitroipa war sensationell

1. April 2010

Sieg! Aber einer, der noch für einige Zitterei beim HSV und seinem Anhang sorgen wird. Mit 2:1 wurde im Europa-League-Viertelfinal-Hinspiel Standard Lüttich besiegt – nach einem sehenswerten, teilweise begeisternden Fußballspiel. Der HSV zeigte endlich einmal wieder Engagement, Leidenschaft sowie Lauf- und Einsatzbereitschaft. Mit dieser Einstellung bis zum Saisonende, dann wird sicher auch einiges von dem, was 2010 schief gelaufen ist, verziehen. So wollen die HSV-Fans ihre Mannschaft sehen, so muss der HSV auch beim Rückspiel in Belgien auftreten, dann klappt es auch mit dem Finale in Hamburg. 12. Mai 2010. Operation Rathausmarkt!

So sah er also aus, der „Neuanfang“. David Rozehnal, Tomas Rincon und Piotr Trochowski (ich wollte es nicht glauben!) saßen auf der Bank, dafür spielten Guy Demel, Tunay Torun und Jonathan Pitroipa. Und wie! Der Start war hervorragend. In den ersten 90 Sekunden wurden die Belgier schwindelig gespielt und an ihrem Strafraum eingeschnürt. Die Aussprache hatte irgendwie gewirkt. Hinten stand die „neue“ Viererkette mit Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen und Dennis Aogo sehr sicher, im Mittelfeld ackerte vor allem David Jarolim wie ein „Wilder“, und vorne sorgten Mladen Petric, Ruud van Nistelrooy und vor – er vor allem – „Piet“ Pitroipa für Wirbel. Unglaublich dabei die „Auferstehung“ von Pitroipa, der endlich, endlich einmal abging wie „Schmitz Katze“. Oder wie Eljero Elia in seinen besten Zeiten.

Auf dem neuen Teppich im Volkspark bot der HSV die besten ersten 20 Minuten des Jahres. Es geht also doch. Jeder war für den Nebenmann da, es war Bewegung im Spiel, es wurde sich angeboten, es wurde sogar (Demel!) hinterlaufen, was es seit Monaten nicht gegeben hat, und es wurde mit Herz gekämpft. Sogar Petric grätschte, auch Ze Roberto. Und unglaublich, wie der Weltmeister des Antizipierens, David Jarolim, die Bälle eroberte. Sensationell, „Jaro“! Und: Das lief richtig gut, das lief richtig rund, das sah nach europäischem Spitzenfußball aus. Pitroipa erhielt, und das in Hamburg (!), mehrfach Beifall auf offener Szene, weil er durch seine Super-Dribblings begeisterte.

Und hinten? Standen sie in den ersten Minuten wie eine Eins. Was zudem auffiel: Als Boateng einmal in höchster Not rettete und den Ball nach vorne beförderte, da klatschte Mathijsen spontan mit ihm ab. Das sah richtig schön nach Harmonie aus. In dieser Saison zwischen Mathijsen und Rozehnal nie gesehen . . .

Nach 20 Minuten allerdings schien der großartige HSV-Start schon verpufft. Lüttich kam. Aber mit Schmackes. Und Lüttich ging auch in Führung. Eckstoß von links, in der Mitte pennte Boateng, Standard-Stürmer Mbokani konnte ohne Mühe aus sechs Metern einköpfen – was für ein Geschenk, wieder einmal ein Präsent der HSV-Defensive. Und das in Europa! Unfassbar! Zu null geht offenbar nicht mehr.

Die Antworten kamen aber. Petric schoss aus elf Metern, gehalten, und dann der erste große Auftritt von Ruud van Nistelrooy: Ansatzlos zog er aus 23 Metern ab – Pfosten (36.). Was für ein Pech. Aber das Tor fiel trotzdem. In der 42. Minute. Wieder einmal Weltklasse-Pitroipa. Der wirkte wie aufgedreht. Was hatte er vorher im Tee? Wo war er in den letzten 20 Monaten? Doch nicht in Hamburg, oder? „Wenn ich meine Chance bekomme, dann werde ich sie auch nutzen“, hatte er zwei Tage vor dem Spiel mutig, einige nannten es vollmundig, gesagt. Er hielt aber großartig Wort: „Piet“ dribbelte in den Standard-Strafraum, Camozzato ließ das Bein stehen – Strafstoß. Den verwandelte Petric cool und sicher, aber ob er den wirklich so in die Mitte haben wollte?

Doch mit diesem 1:1 war noch nicht Schluss. Der HSV war wieder da. Und schoss noch vor der Pause das 2:1. Aogo gab wieder einmal von links zur Mitte (machte er häufiger, manchmal gekonnt, manchmal überhastet), dort lenkte van Nistelrooy den Ball aus zehn Metern verdeckt auf das Tor – drin. Wenn auch nicht unhaltbar. Und Halbzeit. Es gab donnernden Applaus von den Rängen (48 437 Zuschauer waren da, also nicht ausverkauft!) – auch das hatte es im Volkspark schon lange nicht mehr gegeben. Und lang anhaltende „Ruuuuuuuuuud“-Rufe.

Der zweite Durchgang war spannend, brachte weiter Tempo-Fußball, aber der HSV war nicht mehr dominant. Ich bewunderte in den 15 Minuten nach dem Seitenwechsel den Langmut von Bruno Labbadia, der Torun immer weiter gewähren ließ – obwohl der kleine Türke kaum noch etwas Produktives zustande brachte. Erst in der 72. Minute ging Torun – verletzt – vom Platz, Labbadia musste also handeln. Er brachte Piotr Trochowski und gleichzeitig Marcus Berg für Petric.

Das hohe Tempo hatte dann eine höchst unangenehme Nachwirkung. In der Schlussphase wirkte der HSV wie ein angeschlagener Boxer. Er wankte, aber zum Glück fiel er nicht mehr. Standard hatte zum Schluss aber deutlich mehr zuzusetzen.

Beste Noten beim HSV verdienten sich neben dem überragenden Jonathan Pitroipa, der das Spiel seines Lebens machte, David Jarolim, Joris Mathijsen und Frank Rost. Enttäuschend dagegen die Vorstellung von Ze Roberto, dem nichts, aber auch nichts gelang. Durchwachsen die Vorstellungen von Jerome Boateng, Dennis Aogo und Guy Demel. Eine Fleißnote verdiente sich Ruud van Nistelrooy, der weite Wege ging, der viele Bälle aus dem Mittelfeld heraus nach vorne schleppte, der sich aufopferte. Aber: Steht oder bleibt er in der Spitze, vergeudet er nicht so viel Kraft – und auch die Konzentration beim Torschuss geht nicht verloren. Trotzdem: „Van the man“ war auch stark.

Ein Wort noch zu den Einwechslungen: Berg war eine Katastrophe, Trochowski war ganz klar eine große Belebung. Für mich unverständlich, warum er so spät kam – davon einmal abgesehen, dass mir das Verständnis dafür fehlt, weshalb er nicht von Beginn an spielte!

Ein Wort, wirklich nur ein Wort an das englische Schiedsrichter-Gespann: erschütternd!

Gute Nacht!

23.06 Uhr