Monatsarchiv für April 2010

Der HSV – ein Scherbenhaufen

30. April 2010

Wie begossene Pudel saßen sie in ihren Taxen, als sie in den Volkspark fuhren. Die HSV-Spieler trugen schwarze Anzüge – der Stimmung angemessen. Ohlsdorf ist nichts dagegen. Die Großraumtaxen fuhren fast alle in die Arena, damit die Profis nichts sehen, nichts hören und nichts sagen müssen. Draußen vor dem Stadiontoren hatten sich etwa 80 Fans versammelt, sie schwiegen sich in den meisten Fällen an, aber einige pöbelten auch über ihren Klub, schimpften auf Spieler und die Vereins-Führung. Schlimme Tage in Hamburg.

Um 13.45 Uhr war die Mannschaft an der Arena angekommen, um 14.40 Uhr brachen Tomas Rincon, David Rozehnal und Paolo Guerrero mit den Ersatz- und Regionalliga-Spielern zu einem Lauf durch den Volkspark auf, anschließend gingen sie auf den Trainingsplatz, wo sie von Ricardo Moniz und Torwarttrainer Claus Reitmaier in Empfang genommen wurden. Am Rande liefen Eljero Elia, Romeo Castelen (der später mit den Kollegen ganz normal trainierte!) und Collin Benjamin mit Reha-Trainer Markus Günther, die Stammspieler blieben in den Katakomben. Regenerieren ist jetzt erste Profi-Pflicht, denn bereits am Sonnabend um 15.30 Uhr steht das letzte Heimspiel der Saison auf dem Programm, es geht gegen Abstiegskandidat 1. FC Nürnberg. Ob sich der HSV noch einmal zu einem Kraftakt wird aufraffen können? Es gab an diesem Nachmittag nicht wenige, die davon überzeugt sind, dass den Hamburgern eine erneute Enttäuschung präsentiert wird – denn so kurz nach einem Europa-League-Halbfinale, das dazu noch mit einem Misserfolg endete, ist kaum zu erwarten, dass sich die Spieler noch einmal gen 100 Prozent bewegen können. Die Fans sind auf das Schlimmste gefasst.

So endet eine verkorkste Saison in einem Scherbenhaufen. Noch einmal kurz zu Fulham: Wer über ein schlechtes Spiel des HSV schimpft, der sollte sich einmal an die zuletzt gezeigten Auftritte in der Bundesliga erinnern. Das war schlecht, das war sogar grottig. Dagegen war Fulham Spitzen-Fußball. Und dennoch hat es nicht gereicht.

Die Frage ist, warum? Ich bin mir absolut sicher, dass des Rätsels Lösung in der Trainer-Frage zu finden ist. Meines Erachtens hätte Bruno Labbadia schon vor Monaten entlassen werden müssen. Wobei ich nichts, absolut nichts gegen den Menschen Labbadia sagen möchte. Ein netter Kerl. Aber mit vielen Defiziten als Trainer. Natürlich verstehe ich auch die Zwänge des Vorstands. Da kommt ein Coach mit seinem (?) Team stets eine Runde weiter in Europa. Entlässt man dann einen solchen Trainer? Ich meine nein. Aber dennoch sage ich: Es wäre nötig gewesen – und sicher auch besser für den HSV. Ich bekam heute mehrere Anrufe zum HSV, ist doch klar, aber es war auch ein ehemaliger HSV-Profi dabei, und ein namhafter Trainer. Beide hatten sich nicht abgesprochen, beide aber waren restlos davon überzeugt: „Diese Mannschaft ist ganz einfach schlecht trainiert.“ Und das stimmt in meinen Augen. Auch wenn es jetzt sicher jene Leute gibt, die auf das eine oder andere Spiel verweisen, in dem der HSV bis zuletzt alles gegeben hat, nicht schlapp machte, sondern noch zulegen konnte. In meinen Augen alles eine Frage des Willens. Nur in Fulham klappte das nicht mehr – leider. Weil der HSV die Engländer, die eigentlich schon draußen waren, mit dem 1:1 noch einmal aufbaute und zurückkommen ließ. Briten, die immer vorwärts gehen und stürmen, darf man nicht den kleinen Finger reichen, dann nehmen sie die ganze Hand. Der HSV aber gab den kleinen Finger, weil er sich wieder einmal fast amateurhafte Fehler leistete.

Ich will aber nicht auf die Fulham-Partie schimpfen. Mir machen die Begegnungen in der Bundesliga viel mehr Sorgen. Da spielte der HSV zuletzt wie ein Absteiger. Die Frage, die ich mir nun stelle: Wie geht es weiter, wo soll diese Krise enden, wer rettet diesen HSV vor dem Sturz? Urs Siegenthaler ist ja meine Hoffnung, aber er allein wird es nicht schaffen können. Er braucht Hilfe, dringend sogar. Und mehr denn je.

Hier bei „Matz ab“ wird ja immer stärker auf Bernd Hoffmann (und den Vorstand) geschossen. Natürlich sind einige Vorwürfe berechtigt, aber es ist doch lange nicht alles schlecht, was seit 2000 von Hoffmann auf die Beine gestellt wurde. Der HSV-Chef hat nur einen großen Fehler, und daran wird er für die Zukunft arbeiten müssen: Er darf nicht der Alleinherrscher über den HSV sein, er sollte sich professionelle Mitarbeiter, die eine eigene Meinung haben (und diese auch kundtun) mit ins Boot holen. Vier Augen sehen mehr als zwei. . . Hoffmann ist nicht der Erfinder des Fußballs, er ist ein Wirtschafts-Fachmann, sollte sich aber auch fußballerischen Rat ins Haus holen – und darauf hören. Das Alpha-Tier Hoffmann muss, um es auf einen Nenner zu bringen, endlich lernen, dass zum harten Fußball-Geschäft auch exzellente Fußball-Fachleute gehören. Schluss mit der Selbstüberschätzung, dass ein (Hoff-)Mann alles allein bewältigen und schaffen kann. Nur dann kann der HSV wieder auf einen guten Weg kommen, nur dann und erst dann.

Und schnell noch einmal zum Aufsichtsrat des HSV. Nette Männer tummeln sich dort. Laien und Ja-Sager, konsequente Abnicker. Mein Gott, was sind dass für Kontrolleure? Hat jemals einer von ihnen ein Labbadia-Training gesehen? Ach was, warum auch, es wäre ja niemanden aufgefallen, was da falsch läuft. So lange der Aufsichtsrat zu allem ja und Amen sagt, ist das Schiff HSV ohnehin nicht zu retten. Wo sind die Querdenker, die Mahner, die Männer, die auch mal den Mund aufmachen wenn es anderen wehtut? Wo? In diesem Aufsichtsrat auf jeden Fall nicht! Sonst wäre es nicht so gekommen, wie es sich jetzt darstellt.

Ganz klar: Ich habe Angst um diesen HSV. Sage ich ganz deutlich. Und ich hoffe, dass der Klub nicht an dieser verkorksten Saison zerbrechen wird. In einem Europa-League-Halbfinale kann man ausscheiden, überhaupt keine Frage, aber man darf sich mit dem zweit- oder drittgrößten Etat der Bundesliga keine solche niveauarme Punktspiel-Saison erlauben. Verletzte hin, Verletzte her.

Ich hoffe trotz dieser erkennbar schlimmen Misere immer noch auf Besserung. Und ich setze auch Bernd Hoffmann, dass er seine Fehler nicht nur erkennt, sondern sie auch abstellen wird. Dazu gehört auch, dass der HSV einen Trainer verpflichtet, der kein Befehlsempfänger des Vorstands ist, sondern seinen eigenen Kopf hat, der Durchsetzungsvermögen mitbringt und sich auch gegen den Klub-Boss behaupten will und kann. Wenn ein solcher Mann den Weg nach Hamburg finden würde, wenn Bernd Hoffmann ihn dann auch noch gewähren ließe – dann wäre mir wohler. Dazu dann auch noch ein Aufsichtsrat, der sich nicht nur seine Freikarten abholt, sondern wirklich kontrolliert – das hätte schon was. Aber wahrscheinlich ist das auch schon wieder zuviel auf einmal.

16.11 Uhr

Nächste Einträge »