Monatsarchiv für April 2010

Der HSV – ein Scherbenhaufen

30. April 2010

Wie begossene Pudel saßen sie in ihren Taxen, als sie in den Volkspark fuhren. Die HSV-Spieler trugen schwarze Anzüge – der Stimmung angemessen. Ohlsdorf ist nichts dagegen. Die Großraumtaxen fuhren fast alle in die Arena, damit die Profis nichts sehen, nichts hören und nichts sagen müssen. Draußen vor dem Stadiontoren hatten sich etwa 80 Fans versammelt, sie schwiegen sich in den meisten Fällen an, aber einige pöbelten auch über ihren Klub, schimpften auf Spieler und die Vereins-Führung. Schlimme Tage in Hamburg.

Um 13.45 Uhr war die Mannschaft an der Arena angekommen, um 14.40 Uhr brachen Tomas Rincon, David Rozehnal und Paolo Guerrero mit den Ersatz- und Regionalliga-Spielern zu einem Lauf durch den Volkspark auf, anschließend gingen sie auf den Trainingsplatz, wo sie von Ricardo Moniz und Torwarttrainer Claus Reitmaier in Empfang genommen wurden. Am Rande liefen Eljero Elia, Romeo Castelen (der später mit den Kollegen ganz normal trainierte!) und Collin Benjamin mit Reha-Trainer Markus Günther, die Stammspieler blieben in den Katakomben. Regenerieren ist jetzt erste Profi-Pflicht, denn bereits am Sonnabend um 15.30 Uhr steht das letzte Heimspiel der Saison auf dem Programm, es geht gegen Abstiegskandidat 1. FC Nürnberg. Ob sich der HSV noch einmal zu einem Kraftakt wird aufraffen können? Es gab an diesem Nachmittag nicht wenige, die davon überzeugt sind, dass den Hamburgern eine erneute Enttäuschung präsentiert wird – denn so kurz nach einem Europa-League-Halbfinale, das dazu noch mit einem Misserfolg endete, ist kaum zu erwarten, dass sich die Spieler noch einmal gen 100 Prozent bewegen können. Die Fans sind auf das Schlimmste gefasst.

So endet eine verkorkste Saison in einem Scherbenhaufen. Noch einmal kurz zu Fulham: Wer über ein schlechtes Spiel des HSV schimpft, der sollte sich einmal an die zuletzt gezeigten Auftritte in der Bundesliga erinnern. Das war schlecht, das war sogar grottig. Dagegen war Fulham Spitzen-Fußball. Und dennoch hat es nicht gereicht.

Die Frage ist, warum? Ich bin mir absolut sicher, dass des Rätsels Lösung in der Trainer-Frage zu finden ist. Meines Erachtens hätte Bruno Labbadia schon vor Monaten entlassen werden müssen. Wobei ich nichts, absolut nichts gegen den Menschen Labbadia sagen möchte. Ein netter Kerl. Aber mit vielen Defiziten als Trainer. Natürlich verstehe ich auch die Zwänge des Vorstands. Da kommt ein Coach mit seinem (?) Team stets eine Runde weiter in Europa. Entlässt man dann einen solchen Trainer? Ich meine nein. Aber dennoch sage ich: Es wäre nötig gewesen – und sicher auch besser für den HSV. Ich bekam heute mehrere Anrufe zum HSV, ist doch klar, aber es war auch ein ehemaliger HSV-Profi dabei, und ein namhafter Trainer. Beide hatten sich nicht abgesprochen, beide aber waren restlos davon überzeugt: „Diese Mannschaft ist ganz einfach schlecht trainiert.“ Und das stimmt in meinen Augen. Auch wenn es jetzt sicher jene Leute gibt, die auf das eine oder andere Spiel verweisen, in dem der HSV bis zuletzt alles gegeben hat, nicht schlapp machte, sondern noch zulegen konnte. In meinen Augen alles eine Frage des Willens. Nur in Fulham klappte das nicht mehr – leider. Weil der HSV die Engländer, die eigentlich schon draußen waren, mit dem 1:1 noch einmal aufbaute und zurückkommen ließ. Briten, die immer vorwärts gehen und stürmen, darf man nicht den kleinen Finger reichen, dann nehmen sie die ganze Hand. Der HSV aber gab den kleinen Finger, weil er sich wieder einmal fast amateurhafte Fehler leistete.

Ich will aber nicht auf die Fulham-Partie schimpfen. Mir machen die Begegnungen in der Bundesliga viel mehr Sorgen. Da spielte der HSV zuletzt wie ein Absteiger. Die Frage, die ich mir nun stelle: Wie geht es weiter, wo soll diese Krise enden, wer rettet diesen HSV vor dem Sturz? Urs Siegenthaler ist ja meine Hoffnung, aber er allein wird es nicht schaffen können. Er braucht Hilfe, dringend sogar. Und mehr denn je.

Hier bei „Matz ab“ wird ja immer stärker auf Bernd Hoffmann (und den Vorstand) geschossen. Natürlich sind einige Vorwürfe berechtigt, aber es ist doch lange nicht alles schlecht, was seit 2000 von Hoffmann auf die Beine gestellt wurde. Der HSV-Chef hat nur einen großen Fehler, und daran wird er für die Zukunft arbeiten müssen: Er darf nicht der Alleinherrscher über den HSV sein, er sollte sich professionelle Mitarbeiter, die eine eigene Meinung haben (und diese auch kundtun) mit ins Boot holen. Vier Augen sehen mehr als zwei. . . Hoffmann ist nicht der Erfinder des Fußballs, er ist ein Wirtschafts-Fachmann, sollte sich aber auch fußballerischen Rat ins Haus holen – und darauf hören. Das Alpha-Tier Hoffmann muss, um es auf einen Nenner zu bringen, endlich lernen, dass zum harten Fußball-Geschäft auch exzellente Fußball-Fachleute gehören. Schluss mit der Selbstüberschätzung, dass ein (Hoff-)Mann alles allein bewältigen und schaffen kann. Nur dann kann der HSV wieder auf einen guten Weg kommen, nur dann und erst dann.

Und schnell noch einmal zum Aufsichtsrat des HSV. Nette Männer tummeln sich dort. Laien und Ja-Sager, konsequente Abnicker. Mein Gott, was sind dass für Kontrolleure? Hat jemals einer von ihnen ein Labbadia-Training gesehen? Ach was, warum auch, es wäre ja niemanden aufgefallen, was da falsch läuft. So lange der Aufsichtsrat zu allem ja und Amen sagt, ist das Schiff HSV ohnehin nicht zu retten. Wo sind die Querdenker, die Mahner, die Männer, die auch mal den Mund aufmachen wenn es anderen wehtut? Wo? In diesem Aufsichtsrat auf jeden Fall nicht! Sonst wäre es nicht so gekommen, wie es sich jetzt darstellt.

Ganz klar: Ich habe Angst um diesen HSV. Sage ich ganz deutlich. Und ich hoffe, dass der Klub nicht an dieser verkorksten Saison zerbrechen wird. In einem Europa-League-Halbfinale kann man ausscheiden, überhaupt keine Frage, aber man darf sich mit dem zweit- oder drittgrößten Etat der Bundesliga keine solche niveauarme Punktspiel-Saison erlauben. Verletzte hin, Verletzte her.

Ich hoffe trotz dieser erkennbar schlimmen Misere immer noch auf Besserung. Und ich setze auch Bernd Hoffmann, dass er seine Fehler nicht nur erkennt, sondern sie auch abstellen wird. Dazu gehört auch, dass der HSV einen Trainer verpflichtet, der kein Befehlsempfänger des Vorstands ist, sondern seinen eigenen Kopf hat, der Durchsetzungsvermögen mitbringt und sich auch gegen den Klub-Boss behaupten will und kann. Wenn ein solcher Mann den Weg nach Hamburg finden würde, wenn Bernd Hoffmann ihn dann auch noch gewähren ließe – dann wäre mir wohler. Dazu dann auch noch ein Aufsichtsrat, der sich nicht nur seine Freikarten abholt, sondern wirklich kontrolliert – das hätte schon was. Aber wahrscheinlich ist das auch schon wieder zuviel auf einmal.

16.11 Uhr

Ende, aus, vorbei!

29. April 2010

Es hat nicht sollen sein. Der HSV hat alles gegeben, hat eine Stunde lang wie der sichere Finalteilnehmer vom 12. Mai ausgesehen, aber dann brach das Unheil doch noch über ihn herein. Zwei ganz dumme Tore machten aus einer herrlichen HSV-Führung eine 1:2-Niederlage, das Aus in der Europa League, das Ende aller Träume vom Endspiel in der eigenen Arena. Der HSV hat diesmal nicht enttäuscht, der HSV hat mit Herz und Leidenschaft um diese historische Chance gekämpft und gespielt, aber am Ende reichte es dennoch nicht. Diese Niederlage passt zum gesamten Jahr 2010, in dem nichts so richtig laufen will. Es tut weh, es ist wahnsinnig traurig, es ist tragisch. Und es ist müßig, jetzt noch darüber zu reden, ob eine Trainerwechsel vor Wochen noch viel mehr aus dieser nun verkorksten Saison gemacht hätte. Kopf hoch, Hamburg, es geht weiter. In der Saison 2010/11. Dann mit frischem Mut, mit neuem, passenden Trainer und einer Mannschaft, die in jedem Spiel als Einheit auftritt – und nicht erst nach einem Trainerwechsel.

Am 29. April 1910 wurde Erwin Seeler geboren. Zum 100. von „Old Erwin“ gab es aber leider keinen Grund zum Feiern für Hamburg. Obwohl es lange Zeit so ausgesehen hatte.

Dabei begann es nicht gerade vielversprechend. Bereits nach zwei Minuten stand bei etlichen HSV-Fans das Herz fast still: Zamora kreuzte im Hamburger Strafraum allein vor Frank Rost aus. Ein simpler Doppelpass hatte die Abwehr ausgehebelt, wobei Jeroma Boateng auch ein wenig zu lässig, besser noch nachlässig in das Duell mit dem Fulham-Torjäger ging, Rost aber reagierte gleich zweimal sensationell. Er blieb stehen, bewahrte beim ersten Schuss die Ruhe und hechtete dann die Kugel zum ersten Eckstoß für die Engländer. Rost, der Held! Was wäre gewesen, wenn es nach nur 120 Sekunden schon 1:0 für Fulham gestanden hätte? Was?

Nach nur 58 Sekunden hatte sich Boateng schon den Hoch-und-weit-Preis des Abends abgeholt. Am Strafraum stehend drosch er den Ball nur wenig nach vorne, dafür aber in die Höhe. Motto: Nach oben ist keinem Platz eine Grenze gesetzt. So 30 Meter stieg der Ball in die Luft, kam aber ohne Schnee wieder herunter. Offenbarte aber eines: Boateng schien ein wenig nervös zu sein.

Was auch auf einige Kollegen zutraf. Aber nach dem Schock der Anfangsphase legte sich die Nervosität, der HSV kam, der HSV spielte clever, der HSV war leicht Spiel bestimmend. Großartig! Wie hat Ricardo Moniz das nur so schnell hinbekommen? Zwischen Sinsheim (Hoffenheim) und London liegen wahrlich Welten. Alles eine Sache des Kopfes? Ganz sicher auch. Es stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Platz, die sich zerriss, die sich untereinander half, die mit Köpfchen spielte.

Überragend für mich David Jarolim, der nicht nur viele Bälle erkämpfte und erlief, sondern die Kugel unglaublich sicher hielt. Hier ein Haken, dort ein Haken, dann den Ball immer (zu 100 Prozent) an den eigenen Mann gebracht – das war eine absolute Klasse-Partie des Kapitäns. Ihm am nächsten kam Jonathan Pitroipa, der immer wieder viel versuchte, der sich ein Herz für Alleingänge fasste, der auf links für Wirbel sorgte. Großartig. Einmal grätschte „Piet“ nach dem Ball und erkämpfte ihn sich in der Manier eines Linksverteidigers. Sogar schießen schien das „Eichhörnchen“ über Nacht gelernt zu haben, denn in der 39. Minute zog er aus halblinker Position aus 20 Metern ab – knapp daneben. Und dann kam die neue Stimmung beim HSV zum Vorschein: Moniz rief Pitroipa ein Lob zu und hielt den Daumen hoch. So baut man Leute auf, so sorgt man für Selbstvertrauen, so sorgt ein Trainer dafür, dass es auch beim nächsten Schussversuch den nötigen Mut dazu gibt. Bravo, Ricardo Moniz, ganz eindeutig dafür von mir ein absolut verdientes Bravo!

Vor diesem Schuss gab es schon jene Szene, die die Herzen der HSV-Fans höher schlagen ließ. Murphy hatte Ze Roberto 29 Meter vor dem Fulham-Tor gefoult, Freistoß. Boateng und Mladen Petric stand am Ball, der Kraote schoss schließlich. Und was für ein englisches Pfund! Sensationell getroffen die Kugel, ein Hammer des Monats, genau in den oberen linken Winkel – einfach nur traumhaft. Von diesem Tor hatte ganz Hamburg vorher geträumt, nun war es da. Die ganze Mannschaft (außer Rost) fiel über den Torschützen her, das war eine Freude, und es war auch eine riesige Freude, es zu sehen.

Danach aber ließ sich der HSV zurückfallen. Mit der „Inter-Taktik“ zum Erfolg? Die Räume wurden dicht gemacht, kein Zentimeter Rasen wurde verschenkt, es ging konzentriert zur Sache. Eine so große Tormöglichkeit, wie es sie nach 120 Sekunden gegeben hatte, wurde Fulham bis zum Seitenwechsel nicht mehr gestattet.

Übrigens: Nach 25 Minuten fragte mich Frau M., ob denn Ruud van Nistelrooy mitspielen würde? Das war nicht böse gemeint, sie hatte ihn nur noch nicht gesehen. Das blieb bis zum Halbzeitpfiff auch so. Etwas fiel auch Dennis Aogo ab, der nicht eine (!) vernünftige Flanke in den Strafraum der Engländer schlug. Aber: Der Verteidiger war erst am Spieltag aus Hamburg nach London geflogen, hatte den Tag zuvor wegen einer Magen-und-Darm-Grippe noch im Krankhaus verbracht. Das ist es aller Ehren wert, dass sich Aogo doch noch aufmachte und mitspielte – denn wer sonst hätte hinten links spielen sollen? Dass ihm vieles misslang – Schwamm drüber. Wir alle wissen, dass er es besser kann.

Ganz hervorragend, das muss an dieser Stelle auch festgehalten werden, wieder einmal die HSV-Fans. 1400 waren sicher dabei, 600 dürften sich noch auf dem Schwarzmarkt ihre Karte ergattert haben. Was sie in Craven Cottage abzogen, war reif für die Champions League. Sie waren immer zu hören, sie gaben in diesem „historischen Spiel“ wieder einmal alles – und mehr. So muss es sein, von Sinsheim ist nichts hängen geblieben, jedenfalls beim harten Kern nicht.

Und wo ich gerade beim Loben bin: Der türkische Schiedsrichter Cakir behielt bewundernswert die Ruhe und zeigte eine Klasse-Leistung. Wo hat die Uefa den so lange versteckt? Er war für diese Partie, in diesem kleinen Hexenkessel genau der richtige Mann.

In der zweiten Halbzeit zwei schnelle Wechsel. Beim HSV ging Robert Tesche, der mir durchaus gefallen hatte, wenn er auch nach vorne kaum zum Zuge gekommen war. Für ihn schickte Moniz den wackeren Kämpfer Tomas Rincon auf den Rasen (56.) – die etwas defensivere Variante. Und Fulham musste den gefährlichen Zamora vom Platz nehmen (58.), der sich trotz einer Achillessehnenverletzung fast eine Stunde durchgebissen hatte. Für ihn kam Dempsey, und mir war ein wenig wohler zu Mute, denn Zamora ist eigentlich immer für ein Tor gut. Diesmal nicht.

Als sich Boateng in der 62. Minute mit einer Harakiri-Aktion an der Eckfahne eine überflüssige Gelbe Karte abgeholt hatte (eingesprungene Beinschere), geriet die Volksseele vollends ins Kochen – und Fulham kam. Und wie. Der HSV wackelte. Und er kassierte den Ausgleich. Wieder einmal ein Pass durch die Mitte. Dort erlief sich Davies den Ball vor Guy Demel, der Engländer ließ den HSV-Abwehrspieler aussteigen und schoss unhaltbar ein (69.). Wieso tut sich in der Abwehrmitte, im Zentrum eine so große Lücke auf, wieso? Zum wiederholten Male. Aus gehabtem Schaden nichts gelernt.

Wahnsinn. Und es kam noch schlimmer. Eckstoß für Fulham, die Kugel segelt in der Mitte an allen vorbei – an fast allen. Der Ball prallt an das linke Bein von Demel, es wird daraus eine Mustervorlage für Gera. Der Ungar schießt mühelos ein – 2:1.

Das Ende? Moniz will es nicht wahrhaben, riskiert alles. Er bringt elf Minuten vor Schluss Paolo Guerrero und nimmt Rincon wieder vom Platz. Eine harte Aktion, aber in einem solchen Spiel absolut richtig. Nun war die offensivere Hamburger Variante wieder auf dem Rasen.

Aber es half alles nichts mehr. Die historische Chance ist verpasst worden. Und eine chaotische Saison wird nun im Tal der Tränen enden. Wieder einmal beste Voraussetzungen gehabt, wieder einmal zum Schluss abgebrochen. Die Hoffnung stirbt zuletzt . . .

23.05 Uhr

Schweißnasse Hände . . .

29. April 2010

Schnell noch ein paar Zeilen vor dem Spiel der Spiele. War schon einmal eines wichtiger? Ich lege mich fest (ein Scherz) – in diesem Jahr noch nicht . . . Ich kann Eure Aufregung und die steigende Nervosität sehr gut verstehen, mir geht es nicht anders. Um es genau zu schildern: Ich bin davon überzeugt, dass es heute gut für den HSV enden wird. Und dann kommt von links ein innerer Einwand dazwischen: „Wieso glaubst du Trottel eigentlich, dass auf einmal alles gut wird? Nur weil Ricardo Moniz nun zwei Tage lang seine heilenden Hände auf die Häupter der Spieler gelegt hat? Träum schön weiter, mein lieber Dieter . . .“ Und Sekunden danach bekommt der Optimismus wieder die Oberhand: „Mach mal halblang, Digger, alles wird gut, es gibt ein wunderschönes und maßgeschneidertes 1:1.“ Nun bin ich gespannt, wer von den Beiden in mir gegen 22.50 Uhr – oder auch eine Verlängerung und ein eventuelles Elfmeterschießen später – richtig liegt. Mensch, meine Hände sind schon wieder schweißnass. . .

Um kurz auf andere Gedanken zu kommen. Nur ein „alter Sack“ wird sich daran erinnern können (natürlich!), was um das erste Europapokal-Spiel des HSV herum geschah. Einen tag vor dem 2. November 1960, dem Spiel im Landesmeister-Wettbewerb bei Young Boys Bern, war keine Aschewolke aus Richtung Island unterwegs, und dennoch flog der HSV nicht in die Schweiz, es ging mit dem zug. Genauer: Es ging mit dem super-modernen TEE nach Bern. Und es ging auch so, denn der HSV siegte beim Meister der Schweiz, der fast identisch war mit der Nationalmannschaft der Eidgenossen, mit 5:0. Es wurde gejubelt. Aber es wurde in Hamburg auch böse gemosert, denn: Der HSV spielet unter Flutlicht zum ersten Mal mit weißen Stutzen. Die blauen Socken mit der schwarz-weißen Krempe blieben im Mannschaftskoffer, was zu Folge hatte, dass an der Elbe die HSV-Oberen total entsetzt waren. Es wurde gemeckert und getadelt, fast hätte es eine Abmahnung für die Mannschaft um Uwe Seeler gegeben, so groß wurde dieses Vergehen bewertet. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Nie wieder weiße Stutzen. Was allerdings nicht lange eingehalten wurde, denn die Öffentlichkeit hatte nichts gegen dieses Weiß, ganz im Gegenteil. Es gab danach Jahre, in denen dieses Weiß ganz einfach zum HSV gehörte.

Ja, Sorgen hatten die damals . . . Andere Zeiten, andere Stutzen. Dann, Jahre später, auch eine kuriose Geschichte. Es gab in der Saison 1968/69 noch den Messepokal. In diesem erreichte der HSV nach Spielen gegen den FC Metz, Slavia Prag und Hibernian Edinburgh (es waren damals genau 6 721 Zuschauer im Volksparkstadion!) das Viertelfinale, trat aber gegen den kommenden Gegner Göztepe Izmir aufgrund von Terminschwierigkeiten nicht mehr an. Wenn so etwas heute passieren würde . . . Nein, natürlich kann so etwas heute nicht mehr passieren, aber dass es damals passiert ist, das ist noch heute ein Hammer. Schließlich spielten in der damaligen HSV-Mannschaft Uwe Seeler, Charly Dörfel, Arkoc Özcan, Willi Schulz, Jürgen Kurbjuhn und „Bubi“ Hönig, um nur einige zu nennen. Dass diese Spieler nicht auf die Barrikaden gegangen sind, wundert mich noch heute. Sehr sogar. Aber: Andere Zeiten, andere Prioritäten.

Noch einmal kurz zu den Zuschauer-Zahlen. In die Geschichte ging auch ein Intertoto-Spiel gegen IFK Göteborg ein. Am Rothenbaum hatten sich am 13. Juni 1970 gerade einmal 2 500 Zuschauer versammelt, die sahen einen 1:0-Sieg des HSV. Noch weniger gab es 1974. Der HSV war in der Intertotorunde über „die Dörfer gezogen“ und gastierte zum Spiel gegen Xamax Neuchatel in Oldenburg. Da verliefen sich dann beim 5:2-Sieg gerade einmal 1 700 Fans. Was allerdings eine riesige Steigerung gegenüber dem Hinspiel war, denn in der Schweiz wollten nur 500 Zuschauer diese Partie sehen.

Wunderschöne Erinnerungen habe ich auch an ein UI-Cup-Spiel auf Island (damals noch ohne Asche-Wolke!). Am Abend vor dem Spiel wurde auf der Insel Mitsommernacht gefeiert – traumhaft. Um 24 Uhr ging hinter den Bergen von Akureyri die Sonne auf, ein solches Schauspiel hatte ich zuvor noch nie gesehen. Tags darauf ging es gegen IF Leiftur Olafsfjördur, 1000 Zuschauer wurden offiziell angegeben, aber es waren vielleicht gerade mal 500. Vielleicht wurden auch die vielen Ziegen, die auf den Bergen und Hängen standen und das Spiel Spiel sein ließen, mitgezählt. Egal: De HSV hat wohl zuvor und auch nie wieder danach so schön gespielt – von der Botanik her. Umgeben von herrlichen und eisbedeckten Gletschern lag malerisch in einer Talsohle der unebene und schräge abfallende Dorfplatz, der lediglich ein Klubheim mit Umkleidekabinen zu bieten hatte. Das eigentliche Dorf Olafsfjördur lag jenseits (und war damit unsichtbar) eines Gletschers. Ein wunderschöner und zugleich skurriler Anblick, denn unter solchen Bedingungen hatte der HSV wohl noch nie ein internationales Pflichtspiel absolvieren dürfen und müssen – aber es gab einen mühevollen 2:1-Sieg. Tore: Dirk Weetendorf und Markus Schopp. Ende gut, alles gut.

Ein 2:1 wäre heute ja auch absolut herrlich, traumhaft, sensationell. Vor ausverkauftem Haus! Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Und während ich doch erneut an ein 1:1 denke, kommt von links wieder der . . . Nein, lassen wir das. 1:1. Alles Gute für den HSV und für Euch, dass Ihr einen wunderschönen Abend haben werdet.

PS: Ich habe eben mit Jörn Wolf (auf der Insel)  kurz vor dem Abendessen um 17.45 Uhr telefoniert, es sind alle Spieler fit – auch Dennis Aogo. Es kann also losgehen – packt es an, Männer!

17.49 Uhr

Geben Sie alles, Dr. Krohn!

28. April 2010

Vom Chaos ins Europa-League-Finale. Davon träumt ganz Hamburg. Und im Rest der Republik wird dazu geschmunzelt, gescherzt und gelacht. Über den HSV. Folgende Falschmeldung landete in meinem Computer, ich möchte sie Euch nicht vorenthalten. Bitte schmunzeln, auf keinen Fall aber ärgern:

Hamburg (dpa) – Sensationelle Neubesetzung beim HSV: Wie HSV-Chef Hoffmann auf einer Pressekonferenz heute Mittag mitteilte, werden die beiden Trainer-Urgesteine Dettmar Cramer und Udo Lattek bis zum Saisonende das Training leiten. Der 85-jährige Cramer und der 75-jährige Udo Lattek führten u. a. Bayern München in den 70er und 80er Jahren zu mehreren Meisterschaften und Europapokalsiegen. HSV-Vorstands-Chef Bernd Hoffmann: „Wir stehen mit Dettmar Cramer und Udo Lattek bereits seit Wochen in engstem Kontakt. Beide haben die nötige Lebenserfahrung, die wir jetzt beim HSV brauchen. Ich bin überzeugt, dass wir mit dieser Verpflichtung eine zukunftsfähige Entscheidung getroffen haben. Mit Dettmar und Udo werden wir in das Europa-League-Finale kommen und auch den sechsten Platz in der Liga erreichen.“ Hoffmann betonte vor zahlreichen Medienvertretern, dass er sich auch eine längerfristige Verpflichtung für die kommenden Jahre vorstellen könne. Dettmar Cramer und Udo Lattek werden bereits am Donnerstag in Fulham auf der Bank sitzen. dpa hal yyzz n1 aer

Nehmt es bitte mit Humor, die Lage ist ernst genug. Um schnell auf mein vom „Athener“ kritisiertes Video hinzuweisen: Es sollte keine Beschwerde sein, ich wollte lediglich mein Erstaunen zum Ausdruck bringen, dass mehr über den neuen Trainer als über Fulham philosophiert wird. Und ich wollte Eure blick für die Realität schärfen: Der HSV steht auf Rang sieben in der Bundesliga, der HSV kämpft am Donnerstag um das Überleben in Europa, der HSV ist im Vergleich zu vielen wirklichen Top-Klubs arm wie eine Kirchenmaus. Da dürfte eigentlich jeder und jedem klar sein, dass hier kein Wenger, kein Mourinho und auch kein Hiddink anheuern wird. Und kein Ronaldo, kein Ballack und kein Rooney.

Natürlich habe ich auch einen Trainer-Namen eingebracht: Terim. Weil ich aus vielen Ecken gehört hatte, auch von einigen „Matz-abbern“, dass Terim erstens nach Hamburg geflogen, und zweitens schon in der Stadt sein soll. Und da ich von einigen „Informanten“ dringend ermahnt worden bin, das nicht als lächerlich abzutun, habe ich mich an Ruud van Nistelrooy erinnert. Damals, Ihr erinnert Euch, rief mich „Eiche Nogly“ an und sagte: „Was läuft da mit van Nistelrooy? Erkundige dich mal beim HSV.“ Ich musste innerlich lachen, raffte mich dann aber doch auf – und es kam tatsächlich zu diesem Sensations-Transfer. Deswegen nun mein „Fall Terim“.

Ich habe ja auch absolut nichts gegen Spekulationen, aber eben nicht nur. Denn Fulham halte ich für absolut „überlebensnotwendig“. Zumal das Thema Trainer noch gar keines sein kann. Kann! Denn welcher Könner bindet sich jetzt an den HSV, obwohl noch gar nicht feststeht, ob es in der nächsten Saison wieder nach Europa geht? Jeder Coach, der einen guten und großen Ruf hat, der will international dabei sein. Und wenn schon nicht in der Champions League, dann bitte in der Europa League.

Übrigens: Ein guter, nein, einer meiner besten Freund (kein Kollege!) behauptet felsenfest, am Dienstag Markus Babbel auf dem Hamburger Flughafen gesehen zu haben. Abends. Er flog ab aus dem B-Bereich, also ins Ausland. Nun reimte sich mein Freund folgende Geschichte zusammen: „Babbel war hier, um mal auszuloten, ob er nicht mit seinem Lehrmeister Gerard Houllier, bei dem er einst in Liverpool kickte, zum HSV kommen können. Babbel als Assi von Chef Houllier.“ Schöne Geschichte, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass da auch nur ein Hauch von Wahrheit dran ist.

Zum Spiel: Ich, der Pessimist, bin durchaus optimistisch. Dank Ricardo Moniz. Der ist Vollblut-Fußballer und Vollblut-Trainer. Und er kommt, das ist immer noch ganz erstaunlich für mich, sehr gut bei allen (!) Spielern an. Er wird ihnen den Hintern aufreißen. Vorher, währenddessen, nachher. Ganz sicher. Da gibt es keine Komplimente für NICHTS. Der Mann spricht die Wahrheit, und zwar schonungslos. Und sie alle, egal wer es ist und wie sie heißen, werden parieren. Und laufen, kämpfen, reinhauen!

Was mich auch optimistisch stimmt: Der HSV ist mit einer großen Delegation in London, die Stimmung ist heiter-optimistisch und locker-flockig. Dazu diese großartige moralische Unterstützung: Viele Aufsichtsräte sind dabei, dazu der Vorstand und sogar die diesmal nicht spielberechtigten Profis Bastian Reinhardt und Piotr Trochowski (Er wird mir in dieser so schweren Partie sehr fehlen! Gebe ich zu). Und außerdem zwei, nein, drei große Altmeister: Caspar Memering, Peter „Eiche“ Nogly (der wahre!) und Dr. Peter Krohn, der unvergleichliche HSV-Präsident. Der sagte bei der Ankunft in England (Wetter heiter bis wolkig) voller Vorfreude: „Dass ich mit dabei bin, bringt der Mannschaft vielleicht Glück, ich war zuletzt im Jahre 2000 mit dem HSV auf Reisen – damals siegte das Team überraschend 3.1 bei Juventus Turin.“ Lieber Dr. Krohn, ein 2:1 würde mir, würde uns allen schon reichen, sogar ein 1:1 – wenn dann die Engländer erst in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielt hätten – und Abpfiff. Wegen der Herzinfarkt-Gefahr.
Geben Sie alles, Dr. Krohn!

Übrigens: Ich sprach am Vormittag mit Lotto King Karl. Der äußerte sich auch in Sachen „neuer Trainer“. Lotto sagte: „Wir alle sollten erst einmal abwarten, wie diese Saison endet. Endet sie noch versöhnlich mit vier HSV-Siegen, dann sollten alle bedenken, auch Ricardo Moniz eine Chance auf den Posten des Chef-Trainers einzuräumen.“ Ganz egal, ob der HSV dann den Coach aus dem Vertrag bei Red Bull Salzburg herauskaufen müsste – oder auch nicht. Da sind doch schon ganz andere Trainer aus ihren Verträgen herausgekauft worden, oder?

18.51 Uhr

Läuft da etwas mit Fatih Terim?

27. April 2010

Ein neuer Trainer ist auch ein neues Training. So ging es mir durch den Kopf, als ich von meinem Kollegen Christian Pletz die Eindrücke der ersten „echten“ Einheit unter Interimscoach Ricardo Moniz übermittelt bekam. Warum? Ganz einfach: Weil sich dort neben der Nordbank-Arena 23 Mann tummelten. 23, ja, Ihr lest richtig: Mit Ausnahme der verletzten Eljero Elia, Collin Benjamin, Tunay Torun und Romeo Castelen (lief aber seine Runden, will nächste Woche wieder voll einsteigen) waren wirklich alle dabei. Niemand musste zum Mitmachen überredet oder gedrängt werden, alle waren gespannt auf Moniz‘ Auftreten und wollten sich für das Europa-League-Rückspiel am Donnerstag in London empfehlen.

Um die Einheit und das Abschlussspiel möglichst wettkampfgetreu zu gestalten, hatte Moniz aus der Regionalligamannschaft Unterstützung angefordert. Offensivmann Kazior mimte Fulhams Angriffskanten, Groß, Dettmann, Pressel und Co. brachten sich ebenfalls engagiert ein.

Manch ein Fan empfand diese knapp 75-minütige Einheit als „intensivste seit Monaten“. Zu so einem Superlativ, da verlasse ich mich mal auf den Bericht meines Kollegen, möchte ich mich noch nicht hinreißen lassen. Aber dass es strikter und leidenschaftlicher zuging als zuletzt unter Bruno Labbadia, das erklärte auch er mir. Und seitdem ich gestern mit einigen Spielern und Verantwortlichen gesprochen habe, muss ich sagen, dass mir wesentlich wohler ums Herz ist, was den Rest dieser nicht mehr allzu langen Saison betrifft. Der Grund: Moniz ist in der Mannschaft akzeptierter und respektierter, als ich es erwartet hätte. Die Spieler erkennen, dass sie einen vor sich haben, der für den Erfolg dieser Mannschaft alles tut, der Fußball denkt, lebt und auch vorlebt, was auf dem Platz angesagt ist. Lautstark, präzise, manchmal auch etwas flapsig (wie heute nach einem Fehlpass: „Das war einfach nur doof, doof, doof!“).

Unter den Fans, das war auch heute zu erkennen (draußen und in Euren Beiträgen), herrscht nach wie vor eine geteilte Meinung zur Trainerbeurlaubung. Die Mannschaft hat bei vielen Anhängern, auch bei den treuen, jeglichen Kredit verspielt. Joris Mathijsen und Dennis Aogo wurden heute beispielsweise von einem Anhänger verbal attackiert, als sie nach der Einheit für HSV-PR-Zwecke ein Foto in einem neu angelegten Blumenbeet machen ließen. Pressesprecher Jörn Wolf beruhigte die Lage schließlich.

Für den Endspurt dieser Saison müssen sich die Spieler aufgrund vieler ihrer letzten Auftritte auf eine gehörige Portion Skepsis und Kritik ihrer Anhängerschaft einstellen. Im Europapokal wird noch Ausnahmezustand herrschen, weil ALLE das Finale so sehr herbeisehnen, dass selbst einige Hardcorefans ihre Wut und Enttäuschung auf die Herren Profis verdrängen. Wie es aber in der Bundesliga werden soll, falls das Endspiel nicht erreicht wird, mag ich mir atmosphärisch gar nicht vorstellen. Dagegen wäre ein „Trauermarsch“ wohl noch ein freudenerfüllter Festakt.

Aber eines ist doch klar. Nach diesem Frustwochenende und der folgenden Konsequenz in Sachen Trainerwechsel sehe ich keinen Grund, schwarz zu malen. Die Chancen am Donnerstag stehen bei 50:50. Und eines Umstands können sich alle Verantwortlichen sicher sein: Die Profis werden 100 Prozent mehr Leidenschaft an den Tag legen als beim Auftritt in Hoffenheim. Und ihr unvorbelasteter Trainer wird an der Seitenlinie und in der Kabine alles dafür tun, um die Minibruchteile äußerer Eingriffsmöglichkeiten gewinnbringend zu nutzen.

Zu Moniz habe ich heute übrigens einiges gelesen. Auch, dass er angeblich lieber länger in Hamburg bleiben wolle und eventuell bei Red Bull seine Zusage noch einmal zurückziehen möchte. Meine Informationen sind anders. Demnach hat Moniz in Salzburg sehr wohl schon einen Vertrag unterzeichnet und wird dort zur nächsten Saison sein Amt antreten. Wer den 46-Jährigen aber kennt, der weiß, dass das nichts an seiner Einstellung oder an seiner Arbeitsweise in dieser Spielzeit ändern wird. Wer Moniz im Team hat, zählt auf einen 100-Prozentigen. Ganz oder gar nicht – so lautet sein Motto.

Wer nun einen kompletten Personalwechsel in Fulham erwartet, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Nimmt man das heutige Training als Maßstab, dürften Frank Rost, Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen, Dennis Aogo, David Jarolim, Zé Roberto, Robert Tesche, Jonathan Pitroipa und ein Duo des Trios Ruud van Nistelrooy/Mladen Petric/Paolo Guerrero die besten Chancen zur Nominierung für die Startelf haben. Piotr Trochowski fehlt Gelb-gesperrt – der Rest muss sich wohl mit einem Platz auf der Tribüne oder Ersatzbank anfreunden.

Nach welchen Bewertungskriterien Moniz für die Startelf aus dem Sturmtrio zwei Profis herauspicken will, ließ sich heute noch nicht erkennen. Mal ließ er Guerrero mit van Nistelrooy üben, mal van Nistelrooy mit Petric und dann wieder Petric mit Guerrero. Mir persönlich gefällt die Version van Nistelrooy/Guerrero am besten. Allerdings weiß ich auch, dass Petric als „Mr. Europa-League“ gefürchtet ist und nicht sonderlich für eine Jokerrolle taugt. Und Guerreros Leistung im Hinspiel war wirklich unterirdisch schlecht, so dass er möglicherweise zunächst zuschauen müssen wird. Van Nistelrooy wird gesetzt sein, sofern sein Körper „grünes Licht“ gibt.

Nach der Rückbetrachtung des Hinspiels gegen passive Londoner könnte es meiner Meinung nach vier offensive Schlüsselfiguren im Duell gegen Fulham geben:

1. Guy Demel. Schafft er es diesmal, wenigstens 30 Prozent seiner Vorstöße sinnvoll zu beenden (das heißt: mit einer brauchbaren Flanke), erhöht sich die Torgefahr immens. Defensiv wird Moniz ihn mit Sicherheit noch verbal „aufmöbeln“.

2. Jonathan Pitroipa. Das Eichhörnchen war schon im Hinspiel einer der Aktivposten. Er ist unbequem als Gegenspieler, muss noch häufiger den Weg in den Strafraum suchen und dort notfalls auch mal fallen, wenn er unsanft angegangen wird. Den Engländern behagt er jedenfalls gar nicht.

3. Ze Roberto: Auch wenn er von der „Sechser-Position“ kommt, so können seine Pässe in die Tiefe den Unterschied ausmachen. Zuletzt wirkte er sehr wechselhaft, war nun sogar angeschlagen. Mit seiner spielerischen Eleganz kommen Engländer auch nur schwerlich zurecht.

4. Ruud van Nistelrooy: Im Hinspiel hing er meist in der Luft, bekam allerdings auch nahezu keinen Ball im Strafraum, sondern ackerte außerhalb der „Box“. Der Niederländer kann sich zielgerichtet für Spiele hochfahren und braucht erfahrungsgemäß wenige Chancen für einen Torerfolg. In England ist er nach wie vor gefürchtet – das kann er mit Argumenten unterfüttern.

Derweil setzen sich hier in Hamburg natürlich die Trainerdiskussionen fort. Wer übernimmt Moniz‘ Rolle zur nächsten Saison. Bernd Hoffmann soll sich mit Jürgen Klinsmann getroffen haben. Bernd Schuster ist im Gespräch. Marcel Koller auch, Jögi Löw nicht zu vergessen. Und – es war vor zwei Wochen schon mal in den Medien – nun wurde mir von drei unabhängigen Quellen zugetragen, dass der ehemalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim in der Hansestadt sein soll um mit den Verantwortlichen des HSV zu verhandeln.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu wenig über Terim weiß, um mir ein abschließendes Urteil über ihn erlauben zu können. Er gilt als hart und kompromisslos, als gradlinig und taktisch clever. Ich weiß aber nicht, ob der HSV tatsächlich schon so weit ist, um einen neuen Coach innerhalb von wenigen Tagen nach Labbadias Abschied fest für die kommende Spielzeit zu verpflichten. Spricht Terim überhaupt deutsch? Ich warte die nächsten Tage mal gespannt ab.

14:30 Uhr

Das Alibi der Mannschaft ist jetzt weg

26. April 2010

Es war 10.14 Uhr, als sich die Tür vom Mannschaftstrakt in Richtung Parkplatz noch einmal öffnete und ein Lockenkopf namens Ricardo Moniz heraustrat und in Richtung Trainingsrasen joggte. Die meisten Fans vor der Nordbank-Arena wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie soeben den neuen Coach der Profis an sich vorbeiflitzen sehen hatten. Die Spieler wussten es. Sie hatten die Nachricht vom Vorstand zuvor in der Umkleide übermittelt bekommen.

Während sich also ein Großteil der Reporterschar mit Kameras und Mikros vor dem Eingang zur Buseinfahrt versammelte, hielt der Hoffentlich-Vier-Spiele-Trainer seine erste Einheit mit acht Reservisten und Ergänzungen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Moniz, der auch in diesem Blog schon wegen seiner Leidenschaft, seines mitunter sehr harten Umgangstons und seiner fachlichen Qualität thematisiert wurde, machte alles wie immer. Nein, das stimmt doch nicht ganz: FAST wie immer. Er stellte Hütchen auf, ließ Paolo Guerrero, David Rozehnal, Marcus Berg, Tolgay Arslan, Bastian Reinhardt, Henrik Dettmann, Tom Mickel und Miroslav Stepanek Passübungen machen, während sich Frank Rost und Wolfgang Hesl mit Torwart-Trainer Claus Reitmaier aufwärmten. Anschließend folgten Passübungen in Spielform – mit lauten und unmissverständlichen Anweisungen des Vollblutfußballers Moniz -, Abschlussübungen und ein intensives Fünf-gegen-Fünf-Abschlussspiel, bei dem der neue Interimscheftrainer (er wechselt nach der Saison zu Red Bull Salzburg) immer wieder als verbaler Antreiber und Korrektor auftrat. Anschließend sammelte er die Hütchen wieder allesamt ein und wurde mit seinen Spielern durch den Nebeneingang des Stadions in die Kabine „geschleust“.

Was nun anders war im Vergleich zu sonst? Ganz einfach: Moniz machte beim Abschlussspiel nicht mit. Unter Bruno Labbadia hatte er fast täglich mitgekickt, war immer als einer der emotionalsten, lautstärksten und aggressivsten Zweikämpfer aufgetreten. Diesmal beobachtete er seine sonstigen „Mitspieler“ nur, lobte und kritisierte sie. Und war beim abschließenden Elfmeterschießen auch für das eine oder andere Lächeln zu begeistern. Bis Donnerstag, das weiß Moniz genau, gilt es noch einiges aufholen – vor allem im Bereich Spaß und Leidenschaft.

Dass es überhaupt zur Inthronisierung Moniz‘ gekommen war, hatte sich in der Nacht von Sonntag auf Montag entwickelt. Vorstandschef Bernd Hoffmann war mit seinen Mitstreitern alle Wenn und Abers, Hättes und Könntes durchgegangen. Oberste Priorität aller Überlegungen: Wie kann die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, im Halbfinalrückspiel in Fulham zu bestehen und es als Sieger zu beenden? „Nach einem Gespräch mit den Trainern sind wir dann heute Morgen zur Entscheidung gelangt“, sagte Hoffmann. Er sprach von einem „alternativlosen Weg“, von einem „einstimmigen Ergebnis bei der Vorstandsentscheidung“.

Kurz und stark verkürzt zusammengefasst lässt sich die Entscheidung der sofortigen Beurlaubung Labbadias so beschreiben: Labbadias Abgang war das i-Tüpfelchen eines in sich komplett zerstörten Verhältnisses zwischen Team und Coach. Mit der Beurlaubung wurde den Profis das große Alibi genommen, das einige von ihnen zuletzt immer wieder bemüht hatten, extern und intern. Moniz gilt als optimales Mittel zum Zweck. Er kennt die Mannschaft, die Probleme, kennt Fulham und ist intern anerkannt. Er strotzt vor „Feuer“ und Tatendrang, ließ sich trotz seines seit mehreren Wochen feststehenden Wechsels nach Österreich nie hängen. „Er soll die paar Prozentpunkte wecken, die zuletzt etwas verschüttgegangen sind“, sagte Hoffmann mit sorgenvoller Miene.

Die Bundesligasaison ist gelaufen, nun setzen alle Beteiligten alle Hoffnungen in das Rückspiel in London. Danach, beziehungsweise nach dieser Saison, wird es eine schonungslose Analyse der Bosse geben. Und mancher aktueller Stammspieler wird sich möglicherweise einer Verabschiedung aus charakterlichen Gründen ausgesetzt sehen. Abwarten.

Moniz selbst präsentierte sich am ersten Tag seines 16-Tage-Cheftrainer-Engagements nach 71 Trainingsminuten konzentriert. Er sprach von einem „dramatischen Tag“ und führte weiter aus: „Ich bin mit Bruno und Eddy Sözer emotional sehr verbunden und schätze sie als Mensch und Trainer.“ Einen Vorwurf Labbadias habe es für Moniz‘ Amtsübernahme nicht gegeben. „Ich bin überzeugt von dieser Lösung, sonst hätte ich es nicht gemacht“, sagte der Niederländer, der es als seine Pflicht sieht, „den Spielern Leidenschaft zu vermitteln und nun mit ihnen gemeinsam den Knopf zu drücken“. Auf geht’s, kann man da nur sagen.

Zu Bruno Labbadia ist eigentlich schon alles gesagt worden. Ich habe mir trotzdem noch einmal die Mühe gemacht, wie früher nach Trainerentlassungen einen abschließenden Kommentar zu schreiben, um das Kapitel endgültig abzuhaken:

Es musste so kommen, keine Frage. Diese Trainer-Entlassung war überfällig, denn der HSV hat sich unter der Regie von Bruno Labbadia zurückentwickelt. Trotz der Tatsache, dass erneut das Halbfinale der Europa League erreicht worden ist. Fakt ist: Der HSV stürzt in der Tabelle im Gegensatz zum Vorjahr, als Platz fünf erreicht wurde, dramatisch ab.

Dabei war der Start des HSV mit seinem neuen Trainer im Sommer 2009 grandios. Hamburg stürmte die Tabellenspitze. Und weckte Begehrlichkeiten, sorgte für große Träume der Fans. Dann gab es die vielen Verletzten, die den HSV dramatisch schwächten, und dennoch: Als es in die Winterpause ging, sah alles noch gut aus. Nicht mehr so blendend wie im Herbst, aber alle hatten das Gefühl: Hier geht noch etwas.
Ging ja auch. Nur in die falsche Richtung. Vier Siege in der Bundesliga-Rückrunde, das ist blamabel, peinlich, für jeden Fan entsetzlich. Der HSV hat die zweit- oder drittteuerste Mannschaft der Liga, trotz aller Verletzungen hätte mit dieser namentlich super besetzten Truppe mehr erreicht werden können – vielleicht sogar müssen?

Bruno Labbadia hat sich in diesem Jahr immer hinter den Widrigkeiten des Herbstes versteckt: „Wir wissen ja, woran es liegt, wir wussten, dass es 2010 schwer für uns werden würde.“ Die Frage aber hat niemand gestellt: Wieso wusste es der HSV, dass es schlechter laufen würde?
Es lief vor allen Dingen deswegen schlecht, weil das Verhältnis Mannschaft/Trainer schon Richtung Jahresende immer schlechter geworden war, weil das Verhältnis schließlich total zerrüttet war. Wer es als Trainer im Laufe eines Dreivierteljahres schafft, sich mit Spielern wie Ze Roberto, Frank Rost, Mladen Petric, David Jarolim, Dennis Aogo, Piotr Trochowski, Jerome Boateng „auseinander zu leben“ (oder besser: zu verkrachen), der darf sich nicht beschweren, dass eine solche Mannschaft nicht mehr funktioniert, dass dermaßen vor den Kopf gestoßene Spieler nicht mehr für ihren Vorgesetzten durchs Feuer gehen.

Bruno Labbadia wollte sich stets korrekt verhalten, er ist unbeirrt seinen Weg gegangen. Das mag in den meisten Fällen klug sein (besonders im Profi-Sport) – zum HSV hat es nicht gepasst. Der Trainer hat es nicht mitbekommen, wie sehr er sich Tag für Tag von der Mannschaft entfernt hat. Das war keine Einheit mehr, das waren zwei Gruppen: hier Labbadia, dort die Mannschaft. Ein solches Gebilde kann in der Wirtschaft eventuell funktionieren, im Sport muss das zum Misserfolg führen. Ich habe menschliche Gesten des Trainers vermisst, dass er einmal einen Spieler in den Arm nimmt, um ein Einzelgespräch zu führen – so etwas gab es nicht. Ich jedenfalls habe es nie gesehen.

Dabei hat der Trainer viel gesprochen. Unendlich viel sogar. So viel, dass es den Spielern zu den Ohren heraus kam (Tatsache, nicht erfunden!). Was andere Trainer in Jahrzehnten zu wenig gesprochen haben, hat Bruno Labbadia alles in ein, zwei Monaten aufgeholt. Und er hat für die nächsten Jahre vorgelegt. Für mich sein Kardinalfehler. Über das Trainingsprogramm ließe sich vortrefflich streiten – aber jeder Coach hat seine eigene Philosophie. Für mich, und ich weiß, dass es viele, viele Kollegen gab, die es ganz genauso sahen, war dieses Training viel zu lasch. Ich kann es vergleichen, denn seit dem Stabwechsel von Ristic auf Happel habe ich das HSV-Training verfolgt – weicher war es nie. Und ich werde niemals den Tag vergessen, als „Benno Hafas“, ein eifriger Trainingsbesucher, hier bei „Matz ab“ die Frage stellte: „Wann übt der HSV eigentlich mal Kondition? Laufen die ganz geheim durch den Volkspark? Oder was und wann machen die etwas, ohne dass wir Fans es sehen?“ Treffender hätte es niemand formulieren können.

Pech für den HSV: Er steht nun vor einem riesigen Scherbenhaufen. Und er muss nun wieder einmal von vorne beginnen, etwas Vernünftiges und Erfolgsversprechendes aufzubauen. Das kann wieder dauern. Meine große Hoffnung aber heißt Urs Siegenthaler. Dieser Mann ist ein absoluter Fachmann, ihm vertraue ich, dass er in Hamburg in Bestzeit etwas auf die Beine stellt. Alle HSV-Fans sollten diese Hoffnung übernehmen – mehr bleibt im Moment nicht.

PS: Eine personelle Hiobsbotschaft gab es heute übrigens auch noch. Tunay Toruns Knieverletzung aus dem Freitagtraining entpuppte sich als Kreuzbandriss. Damit fällt der Offensivspieler mindestens ein halbes Jahr lang aus. Bitter. Ich wünsche auf diesem Wege gute Besserung!

15:22 Uhr

Eilmeldung: Moniz leitet das Training

26. April 2010

Um 10.14 Uhr kam er als letzter Mann des HSV aus der Kabine der Arena: Ricardo Moniz. Der Niederländer eilte den Spielern hinterher – um das Training zu leiten. Es sieht alles danach aus, als ob Moniz, von dem sich der HSV zum Saisonende trennen wollte, trennen will, der Übergangstrainer wird. Seit 8.30 Uhr tagte der Vorstand um Bernd Hoffmann gemeinsam mit Bruno Labbadia – offenbar wurde dabei die einvernehmliche Trennung beschlossen. Sonst hätte es wohl keinen Übergangstrainer Moniz gegeben. Angeblich soll auch Katja Kraus vom Vorstand die Mannschaft über die neue Situation informiert haben.

Der HSV hat allem Anschein nach die Reißleine gezogen, damit das Unternehmen Europa League noch zu einem vernünftigen Abschluss kommen kann. Die einzig richtige Entscheidung, denn der alte Trainer hat die Mannschaft nicht mehr erreicht. Was auch Piotr Trochowski gestern nach dem Schlusspfiff in Sinsheim zum Ausdruck brachte: “Die Mannschaft findet keine Lösung mehr . . .” Das heißt, das Hilfe von außen kommen soll, kommen muss. Das ist nun ganz offensichtlich geschehen.

Fortsetzung folgt.

10.34 Uhr

1:5 – es ist aus, Herr Labbadia!

25. April 2010

Der HSV verkümmert zur Lachnummer der Bundesliga. Wie tief ist der Traditionsklub von der Rothenbaumchaussee inzwischen gesunken, wie tief wollen ihn die Verantwortlichen noch sinken lassen? Mit 1:5 ging die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia gegen Hoffenheim unter, es war ein Debakel, eine Klatsche, eine Demütigung. Dieser Untergang ist eine große Katastrophe, in dieser Verfassung würde der HSV gegen den Abstieg spielen, aber zum Glück wurden 2009 schon genügend Punkte gesammelt. Und: Diese Leistungsverweigerung muss Konsequenzen haben, sie wird meines Erachtens auch Konsequenzen haben. Ich lege mich fest: Donnerstag, beim Europa-League-Halbfinale beim FC Fulham, wird ein anderer Trainer als Bruno Labbadia auf der HSV-Bank sitzen. Ganz sicher hat Labbadia nicht die alleinige Schuld an diesem Absturz, aber er trägt die Hauptlast daran – und er ist schon lange keine Einheit mehr mit der versagenden Truppe. Die Spieler sind fertig mit ihrem Trainer, für ihn geht nicht ein Hamburger Profi mehr durchs Feuer. Es ist aus, Herr Labbadia!

Vor dem Anpfiff teilte Bruno Labbadia den fragenden Medienvertretern mit: „Wir haben keinen Spieler daheim gelassen, um ihn zu schonen. Wenn heute Halbfinale wäre, könnten sie tatsächlich nicht spielen.“ Und deshalb fehlten Tunay Torun, Ruud van Nistelrooy, Ze Roberto und Guy Demel. Das war schon verdammt bitter für den HSV. Und dann war es noch sehr warm in Sinsheim, fast schon Sommer, da soll Mann dann noch Bundesliga spielen. Wo doch das ganz große Ziel erst am Donnerstag auf dem Programm steht: Fulham. Natürlich wird nun jeder Trainer und auch jeder verantwortliche sagen: „Die Spieler haben Fulham nicht aus ihren Hinterköpfen bekommen, die haben mehr an Fulham als an Hoffenheim gedacht.“ Wer kann ihnen das verdenken? Ganz sicher werden es die 2000 HSV-Fans, die zu diesem Spiel nach Sinsheim gereist waren, nicht tun. Die haben ohnehin viel Zeit, und auch viel zu viel Geld . . .

Bereits nach 78 Sekunden war der Keks gegessen: Robert Tesche quer zu Joris Mathijsen, der nach vorn (!) zu Jonathan Pitroipa, der wieder zurück auf Mathijsen. Bis dahin gibt es nichts, aber auch wirklich nichts zu meckern. Da ist der Schlafwagen-Fußball, den der HSV in diesem Jahr spielt. Egal ob es friert oder auch die Sonne scheint. Dann aber dieser Rückpass: Mathijsen hat nur einen Fuß: links. Pitroipa spielte ihm die Kugel auf rechts. Und ein, zwei Meter neben diesen Fuß. Peinlich. Aber es wurde noch peinlicher. Mathijsen will – natürlich – zurück zu Frank Rost spielen, wohin denn sonst? Und als Ibisecvic dazwischenspritzt, nimmt das Unheil seinen Lauf – 1:0 für Hoffenheim. Alles ganz normal. Schließlich muss ein Aufbaugegner auch aufgebaut werden, da hat der HSV doch auch einen Ruf zu verspielen. Bislang hat er das doch immer noch geschafft.

Aber wenn schon denn schon, halbe Sachen kennt ein Hamburger ja nicht. Flanke Beck, Kopfball Ibisevic aus elf Metern, Boateng steht hinter ihm und kommt nicht an die Kugel, Frank Rost auch nicht – 2:0 (11.). Wie eine Schüler-Mannschaft ließ das HSV-Team mit sich machen was Hoffenheim wollte. Unfassbar. Aber dann erst die Antwort des HSV: Zum Beispiel in der 18. Minute. Was für eine herrliche Ballstafette: Boateng quer zu Mathijsen, der quer zu Aogo, der quer zu Dennis Aogo, der zurück zu Mathijsen, der zurück zu Aogo, der nach vorne zu David Jarolim, der zurück zu Aogo – und weg ist der Ball. Wunderschön anzusehen, aber irgendwie auch brotlos, oder? War jedenfalls mein Empfinden. Muss aber auch nicht ganz richtig sein. Was mich an dieser Traum-Kombination störte: Wieso wurde nicht auch noch Rincon rechts mit einbezogen? Schneiden die Kollegen ihren Kameraden?

Nicht von ungefähr dann das 3:0. Eichner setzt sich außen gegen Rincon und Boateng durch, geht auf den ersten Pfosten zu und legt den Ball zurück auf den völlig ungedeckten Obasi – Tor. So spielt man mit Studenten.

Was dazu passt: Kurz darauf lief Jarolim mit dem Ball am Fuß entlang der Mittellinie. Keine Anspielstation. Er lief und lief und lief. Hart bedrängt von Liz Gustavo, der mit seiner Brust an Jarolims Rücken hing, „Jaro“ spürte den Atem des Hoffenheimers. So muss es auch sein, aber die Hamburger kannten nur eine andere Art des Fußballs: Begleitservice. Aber der ganz zarten Art. Körperloser geht es nicht mehr . . . Irgendwie dachte ich an das Abschluss Sonnabend. Da spielte die HSV-Mannschaft Handball. Und ich bin mir ganz sicher, im Handball hätte der HSV diese harmlosen Handballer aus Hoffenheim ganz deutlich besiegt. Was dazu auch passt: 41. Minute, Einwurf für Hamburg auf der Linksaußen-Position. Piotr Trochowski rennt hin, schnappt sich den Ball – aber keiner der Kollegen kommt als Abnehmer. Hilflos zuckt „Troche“ mit den Schultern . . .

Vor dem Spiel hatte Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick seine Taktik erläutert: „Wir spielen heute mit eineinhalb Spitzen.“ Die „halbe“ war Obasi. Und der durfte machen was er wollte. Unbehelligt. Und beim HSV warteten die beiden Innenverteidiger Boateng und Mathijsen auf die beiden Hoffenheimer Spitzen! Immerhin: Sekunden nach dem Halbzeitpfiff tauschte Joris Mathijsen sein Trikot mit dem Hoffenheimer Eduardo. Watt mutt, dat mutt, sagt der Hamburger.

Zum Wiederanpfiff ein Tausch auf HSV-Seite. Kommentar des Sky-Reporters: „Es kommt David Rozehnal – halten Sie sich fest – für Marcus Berg.“ Da wird ein Wechsel schon voller Ironie kommentiert. Dabei wollte Labbadia nur die Überzahl im Mittelfeld ausgleichen, was ja auch sein gutes Recht ist: Rincon eine Position nach vorne. Und es half. Robert Tesche knallte den ball aus 32,5 Metern ins Hoffenheimer Netz. Ein „Tor des Monats“ in der 65. Minute. Hoffnung? Überhaupts nicht, würde Kurt Jara sagen, überhaupts nicht. Obasi schießt das 4:1, weil Mathijsen die weltberühmte Hamburger Abseitsfalle aufbauen wollte (72.), und dann das 5:1 von Salihovic, als das gesamte Mittelfeld irgendwo im luftleeren Raum herumtobte (77.), und weil Rozehnal den Hoffenheimer laufen ließ. Der arme Frank Rost! Der schimpfte, der tobte, aber wer hörte ihm noch zu? Da rein, da wieder raus. Die Rote Karte für Tolgay Arslan war zum Schluss ein Witz, da war überhaupt nichts, aber sie passte zu diesem Untergang.

Hoch interessant noch das Halbzeitgespräch zwischen Sky-Moderator Jan Henkel und HSV-Boss Bernd Hoffmann, der bis zu dieser Frage sehr moderat und salopp geantwortet hatte. Die Frage: „Herr Hoffmann, Bruno Labbadia wird auf jeden Fall die Saison als HSV-Trainer beenden?“ Hoffmann: „Also, ich glaube, das ist die allerletzte Frage, mit der ich mich hier unter dem Eindruck dieses Spiels beschäftige . . .“ Henkel: „Das ist keine Antwort.“ Hoffmann: „Sie können daraus machen was Sie wollen. Sie glauben doch nicht, dass ich in der Halbzeit über den Trainer rede, irgendwann ist ja auch Schluss hier . . .“

Hoffentlich, Herr Hoffmann, hoffentlich. Bitte springen Sie über Ihren Schatten. JETZT!

17.33 Uhr

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