Monatsarchiv für März 2010

“Das Schweigen der Lämmer”

30. März 2010

Lothar Matthäus? Horst Hrubesch? Oder ab sofort schon mit Joachim Löw? Vielleicht aber doch besser Norbert Meier? Herrlich. Da gibt der HSV-Boss Bern Hoffmann ganz klar bekannt, dass es keine Trainer-Diskussion im HSV und somit auch keinen neuen Trainer geben wird („Stand jetzt“), aber es werden Namen gehandelt wie an der Panini-Sammelbörse. Noch jemand ohne gültigen Trainer-Vorschlag? Allen denjenigen, die jetzt schon schlaflose Nächte haben, weil sie diesen und jenen Trainer unbedingt NICHT in Hamburg haben möchten, denen lege ich ans Herz: abwarten. Seht Euch in aller Ruhe die Spiele bis zum13. Mai 2010 an, und solltet Ihr dann schlaflose Nächte haben – dann wird Euch Bernd Hoffmann erlösen. Oder aber der alte und neue HSV-Trainer heißt am 13. Mai 2010 Bruno Labbadia.

Ganz mutig sind ja jene HSV-Fans, die solche Trainer-Größen wie Mourinho, Wenger, Hiddink, Ferguson, Benitez und Ancelotti auch nur ansatzweise in den Mund nehmen. Meine Bewunderung, die Herren! Ich würde da schon eher auf einen Außenseiter tippen: Louis van Gaal. Der kennt die Bundesliga nun ganz genau, und in Hamburg hätte er ohnehin viel, viel mehr Geld als in München zur Verfügung . . . Das Trainer-Gehalt dürfte Bernd Hoffmann ganz locker aus der Portokasse nehmen. Oder er nimmt das Geld aus der eigenen Haushaltskasse, egal, er wird das wuppen. Aber falls der eine oder andere Trainer dann doch etwas zu teuer sein dürfte (was ich eigentlich total ausschließe!), dann hätte ich, wenn ich darf, noch einen zweiten Tipp: Hans Meyer. Der ist zurzeit sogar ganz frei. Okay, okay, nicht gleich explodieren, das ist Realsatire, es ist überspitzt formuliert, es ist Ironie und nur mein ganz normaler Irrsinn, mit dem ich heute schon „Trainerglück“ beim Training im Volkspark etwas verwirrt habe – also, ganz klar gesagt: Hans Meyer ist frei erfunden. Ehrlich.

Auch aus einem ganz anderen Grund, als nur die Finanzlage des HSV. Wie sagte mir am Dienstag ein HSV-Spieler, den ich auf die Unruhe mit dem Trainer und einem angeblichen vorzeitigen Trainer-Wechsel ansprach? „Wir haben doch noch ganz andere Baustellen als den Trainer . . .“ Aha! Interessant.

Es gärt (auch) in der Mannschaft. Das ist ganz offensichtlich, das ist nicht neu. Da ist von einer Super-Stimmung, von Harmonie und von einer Einheit nichts, aber auch weit und breit nichts zu erkennen. Auch beim Training am Dienstag nicht. Alles ziemlich brav, bieder und lautlos. Spaß, Freundlichkeiten, Scherze? Fehlanzeige. Jeder spult sein Pensum so gut es geht ab. Und wenn es dann doch nicht ganz so gut geht – macht nichts. Es ist eben so. Für mich steht das Training bis zum Donnerstag ohnehin unter dem Motto: Kräfte sammeln, Kräfte schonen, Kräfte bündeln. Da wurde im Kreis gespielt, dann wurden Spielzüge einstudiert, zum Schluss Spielzüge mit Flanken und Torabschluss geübt. Alles ganz harmlos und völlig normal. Bei den Flanken gab es erneut viele, viele Rohrkrepierer, soll heißen, die Bälle zogen tiefe Furchen in den Rasen. Bester Flankengeber war, ich mag es gar nicht schreiben (aber “Trainerglück” sah es ebenfalls so), wieder einmal Piotr Trochowski.

Beim HSV ist, so mein Empfinden, die Frische der Hinrunde total auf der Strecke geblieben. Es ist für niemanden (auf der Tribüne) mehr erkennbar, dass diese Mannschaft mit Freude und mit Spaß ihrem Beruf nachgeht, da ist nichts mehr von Herz, Leidenschaft und Emotionen erkennbar. Alles vorbei. Da laufen elf Künstler über den Rasen, die rein zufällig dieselbe Trikotfarbe auf der Brust tragen. Da gibt es kein Miteinander, da gibt es keine Motivationen, da gibt es keine Aufmunterungen – da gibt es nur das „Schweigen der Lämmer.“ Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, keiner verschwendet auch nur den kleinsten Gedanken an den Nebenmann.

Sicher, das ist oder wäre  auch eine Sache des Trainers. Oder besser: Eine Sache für den Trainer. Der muss das erkennen und es beheben. Aber: Es ist eben auch eine verdammt ernste Sache der Herren Profis. Und vor allen ein Ding für die Führungsspieler. Letztere Sorte von HSV-Profis wurde vom Trainer nach der 0:1-Niederlage in Mönchengladbach kritisiert. Sie seien nicht in der Verfassung, in der sie Verantwortung übernehmen könnten. Die Frage sei erlaubt: Wieso das denn nicht? Aber die Antwort darauf müsste sich Bruno Labbadia selbst geben.

Kapitän David Jarolim sagt zu diesem Thema: „Es ist eine Sache, die alle Spieler angeht, wir sind eine Mannschaft, alle müssen mitziehen. Wenn wir verlieren sind es alle, wenn wir gewinnen sind es alle – und nicht der und nicht der. Und wir müssen selbstkritisch sein. In Gladbach waren ganz sicher nicht alle bei 100 Prozent.“ Und die Sache mit dem Spaß, mit der Freude am Fußball? Jarolim: „Wenn man die Ergebnisse nicht hat, dann ist das so. Ein Sieg wäre auch ein Befreiungsschlag für den Kopf.“ „Jaros“ Erfolgsrezept für die nächsten Spiele: „Wir müssen nicht aus der Kabine kommen, um schön zu spielen – wir müssen erfolgreich spielen. Und mal wieder zu null. Und vielleicht auch mal einen dreckigen Sieg einfahren.“ Schon gegen Standard Lüttich am Donnerstag?

Zwei, die bei einem solchen „dreckigen Sieg“ gerne mithelfen würden, standen nicht immer in der ersten Reihe des HSV: Marcus Berg und Jonathan Pitroipa. Der Schwede musste zuletzt in Mönchengladbach eine kleine „Ohrfeige“ verdauen, als Trainer Labbadia den erst seine eineinhalb Wochen im Mannschaftstraining stehenden Paolo Guerrero (für Ruud van Nistelrooy) einwechselte. Berg dagegen schmorte bis zum Ende auf der Bank. Und sagt zu seiner Situation: „Ich muss positiv denken, sonst spiele ich auch noch schlecht. Ich muss einfach weiter gut trainieren, ich glaube nämlich nicht, dass es etwas bringen würde, wenn ich nun zum Trainer laufe um mit ihm zu sprechen. Wenn er einen Spieler besser findet als mich, dann ist das eben so, dann wird dieser Spieler auch immer spielen. Außerdem: Ich kann nach der Saison immer noch mit dem Trainer sprechen . . .“

Marcus Berg – ein Missverständnis? Oder vor allem DAS Missverständnis? Er gibt zu: „Ich habe mich in Mönchengladbach geärgert, ich war sehr enttäuscht – aber ich muss es so akzeptieren. Ich bin zwar nicht einverstanden damit, aber wenn ich mich jetzt groß darüber aufregen und viel Gesabbel darum veranstalten würde, dann wird das alles zu negativ hier. Es ist auf jeden Fall aber nicht so, dass ich mich nicht ärgere – auch wenn ich nichts dazu sage.“ Zur Erinnerung: Marcus Berg wurde von Bruno Labbadia verpflichtet. HSV-Kenner wollten am Sonntag aber mit der Einwechslung von Guerrero auch erkannt haben, dass sich der HSV-Coach damit an einen (kleinen) Strohhalm klammerte: In der Hinrunde, ganz am Anfang, funktionierte das Sturm-Duo Malden Petric/Paolo Guerrero ganz ausgezeichnet, es hätte ja auch in Mönchengladbach wieder klappen können. Hätte.

Schon zur Pause hatte der Trainer den Flügelflitzer Jonathan Pitroipa (für Tomas Rincon) gebracht. Mit Erfolg, wie ich meine, auch wenn der HSV das 0:1 nicht mehr drehen konnte. „Piet“ sorgte aber für Schwung. Für ihn war es eine Art „Schaulaufen“, denn er will weg. Weg aus Hamburg, weg vom HSV. Am liebsten sofort, aber das geht natürlich nicht – dann eben im Sommer. Auch wenn er jetzt ein wenig besser zur Geltung kommt, als vor einigen Monaten noch. Pitroipa sagt: „Ich konnte von Anfang bis jetzt noch nicht sehr viel zeigen, ich hoffe auf meine Chance. Wenn ich die bekomme, dann werde ich sie auch nutzen – mit meinen letzten Auftritten war ich ganz zufrieden, ich habe Selbstvertrauen bekommen.“

Er will spielen, will mehr Einsätze, möchte Stammspieler werden und sein. Schon vor einigen Tagen sagte er, dass er sich nach der Saison unbedingt mit dem Trainer und dem Vorstand unterhalten möchte, denn er will geklärt haben, wie seine sportliche Zukunft aussieht, aussehen kann. Er sagt: „So wenig zu spielen, wie ich in den letzten Monaten, das kann nicht gut für mich sein.“

Wobei ich anmerken darf und muss: Fußball ist nicht nur Laufen, nicht nur Haken schlagen, dribbeln und sprinten. Fußball ist auch, den Ball einmal hart und platziert auf des Gegners Tor zu schießen. Und genau in diesem Punkt hapert es, da hat der „gute Piet“ seit seiner Ankunft in Hamburg starke Defizite. Könnte er die beheben, wäre er sicher ein Kandidat für die Stamm-Elf, aber er kann sie eben nicht beheben. Fliegt beim Torschuss-Training des HSV mal ein Ball über den großen Fangzaun (und das kommt gewiss nicht selten vor!), dann war es sehr oft Jonathan Pitroipa, dem wieder einmal das Zielwasser abhanden gekommen ist. Deshalb ist mein Empfinden: Für die Rolle als Joker ist Pitropia eigentlich prädestiniert – wenn er sie so ausfüllt, wie zuletzt. Und vielleicht am Donnerstag gegen Standard Lüttich?

Noch etwas in eigener Sache:
In den letzten Tagen sind einige Beiträge von Usern nicht (sofort) veröffentlicht worden. Das ist keine Zensur, das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme des Verlags Axel Springer. Es gibt eine Instanz, die die Texte nun auf Verunglimpfungen, Pöbeleien, Beleidigungen etc. überprüft, denn davon hatte es in jüngster Vergangenheit zu viele gegeben. Es waren Fälle darunter, die für den Verlag vor Gericht hätten enden können, und das muss nun wirklich nicht sein. Wir wollen mit diesem Blog Spaß und Freude am Fußball und am HSV vermitteln, und wir wollen auch faire Kritik üben, wenn sie angebracht ist. Faire Kritik, das möchte ich betonen. Zu gegebener Zeit wird sich auch die Rechtsabteilung des Verlags zu diesen Dingen äußern. Es wird auch darüber nachgedacht, eine Registrierung für „Matz-ab“-User einzuführen. Noch ist es nicht soweit, aber es wird in Erwägung gezogen.

Allen denen, die zuletzt mich bepöbelten und beleidigten, sei gesagt, dass ich erstens mit dieser Art des Umgangs, wie er hier zuletzt von einigen „gepflegt“ wurde, ganz und gar nicht einverstanden war (und bin), dass aber nicht ich die Artikel auf Beleidigungen, Pöbeleien und Beschimpfungen überprüfe. Es ist, wie gesagt, eine Instanz zwischengeschaltet worden – und das ist auch gut so. In erster Linie, das gebe ich gerne zu, für mich. Entweder wir alle befleißigen uns wieder eines freundlicheren und fairen Miteinanders, oder es geht auf einem etwas anderen Wege weiter. Eines steht fest: Das Hamburger Abendblatt will und wird sich „Matz ab“ nicht kaputt machen lassen. Und ich bedanke mich bei allen, die den nun eingeschlagenen Weg mitgehen wollen und werden – es ist deutlich die Mehrheit.

Danke.

18.48 Uhr

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