Tagesarchiv für den 29. März 2010

Hoffmanns Erklärungen

29. März 2010

„Herr Hoffmann, sind Sie sicher, dass Sie mit Trainer Bruno Labbadia auch in die nächste Saison gehen werden?“ Diese Frage stellte ein Kollege, als wir mit Bernd Hoffmann sprachen. Der Kollege stellte in diesem Pulk nur diese eine Frage, aber die hatte es in sich, denn der HSV-Boss kam leicht ins Trudeln: „Ja, äh, äh, selbstverständlich bin ich mir, bin ich mir sicher.“ Und dann, nach fünf Sekunden des Schweigens, fügte Hoffmann hinzu: „. . . Stand jetzt.“ Auf das leise aufkommende Gelächter der Umstehenden fragte der HSV-Chef in die Runde: „Ja, nun, über was reden wir denn hier?“ Diese Frage war die letzte für dieses spontane Treffen, und sie blieb unbeantwortet. Aber es war schon allen klar: Wir hatten mit dem Boss über Bruno Labbadia geplaudert . . .

Ohnehin war beim HSV am Montag der Tag der Unterhaltungen. Morgens, vor dem Training, gab es die einstündige Aussprache, an der Mannschaft, Trainer-Team und der Vorstand in Person von Bernd Hoffmann und Katja Kraus teilnahmen. Tacheles wurde gesprochen. Und es wurde sich gegenseitig versprochen und versichert, für den Rest der Saison an einem Strang zu ziehen, alles dafür zu geben, dass der HSV wieder zurück in die Erfolgsspur kehrt.

Ich habe Bernd Hoffmann an diesem Montag auch Fragen gestellt. Ganz besonders eine, die Euch, so war zuletzt häufig zu hören und zu lesen, am HSV-Herzen lag: „Herr Hoffmann, einige User bezweifeln, dass Sie sich von Bruno Labbadia trennen würden, weil Sie damit ja Ihren eigenen Fehler eingestehen müssten, denn Sie haben ihn schließlich selbst zum HSV geholt?“ Die Antwort von Bernd Hoffmann war erneut eine Gegenfrage: „Hätten Sie diese Sorge auch?“ Meine Antwort war dann keine Gegenfrage: „Ich habe diese Sorge nicht, und das habe ich bei Matz ab auch schon gelegentlich geschrieben, denn Sie, Herr Hoffmann, dulden keine Stagnation, erst recht keinen Rückschritt. Sie würden reagieren.“

Natürlich würde er es. Aber Bernd Hoffmann entgegnete mir auf meine Entgegnung: „Wissen Sie, was ich für ein Votum der Fans empfange? Dass wir 45 000 Leute haben, die unbedingt am Donnerstag bei dem Europa-League-Spiel gegen Standard Lüttich dabei sein wollen. Und zudem gibt es jede Menge Aufmunterung für unsere Mannschaft. Die Leute sagen mir, dass sie mit dieser Mannschaft hier noch eine Menge erreichen wollen.“ Auf den Einwand eines Kollegen, dass die 45 000 Fans auch im Stadion wären, wenn der HSV-Trainer Willi Schulz heißen würde, sagte Hoffmann: „Das ist jetzt nicht das Thema. Das haben wir auch schon klipp und klar gesagt. Sondern wir werden am Donnerstag eine Reaktion der Mannschaft sehen. Mehr ist zu diesem Thema auch nicht zu sagen.“

Auf meine Frage, dass Bernd Hoffmann ja keine Stagnation, erst recht keinen Rückschritt dulde, antwortete der HSV-Chef: „Aktuell haben wir den 29. März, und wir haben immer noch alle Chancen. Wir hätten natürlich schon eine bessere Ausgangsposition haben können, darüber müssen wir nicht reden, denn wir haben in der Bundesliga jede Menge Chancen liegen lassen. Da hilft uns jetzt aber kein Lamentieren, sondern wir haben noch sechs Spiele in der Bundesliga, haben die Möglichkeit, uns für die Europa League zu qualifizieren noch in den eigenen Händen – und wir haben ein Europapokal-Finale im eigenen Stadion, für das wir uns in vier Spielen qualifizieren können. Ich kann mir durchaus größere Probleme im Verein vorstellen.“

Natürlich, Herr Hoffmann, Abstiegsgefahr für den HSV wäre sehr, sehr schlimm. Oder auch eine Ebbe in der Vereinskasse. Da gäbe es sicher noch viele Dinge. Im Moment aber zwickt es eben nur sportlich, und da wollen die Fans gerne etwas hören, was für Optimismus sorgen würde. Auf die Hoffmannschen Ausführungen entgegnete ich dem Boss: „Der HSV war in der vergangenen Saison im Uefa-Pokal-Halbfinale, und der Klub belegte am Saisonende auch nicht Platz sechs, sondern Platz fünf . . .“ Weiter kam ich nicht, denn Bernd Hoffmann sagte: „Ich bin gerne bereit, mit Ihnen am 13. Mai ein Saison-Resümee zu ziehen. Ich möchte nicht den 29. März mit dem 13. Mai vergleichen, und bis zum 13. Mai sind wir nicht bereit, Diskussionen zuzulassen. Wir arbeiten daran, den Trend in der Bundesliga zu drehen, und den guten Trend in der Europa Legaue, wo wir von 120 Mannschaften bis unter die letzten acht gekommen sind, zu forcieren. Ab jetzt gilt unsere volle Konzentration dem kommenden Donnerstag.“

Also wird am 13. Mai abgerechnet. Das bekräftigte Bernd Hoffmann auch noch einmal: „Wir sind permanent im Gespräch und in einer Gesamt-Schau der Saison, das ist ja völlig logisch. Am Saisonende wird die Öffentlichkeit, werden die Medien und die Fans, unsere Arbeit bewerten, werden wir alle bewerten, was am Ende für Ergebnisse erzielt werden. Alles andere ist kalter Kaffee.“

Und über den Trainer will er ohnehin keine Diskussion aufkommen lassen. Hoffmann: „Wir führen eine solche Diskussion nicht, denn wir haben einen exzellenten Kader, und wir haben ein Trainer-Team, das die Mannschaft in der ersten Phase der Saison zu exzellenten Leistungen gebracht hat. Und wir gehen davon aus, dass wir diese Saison nicht nur ordentlich zu Ende spielen werden, sondern dass wir auch noch einiges erreichen können.“ Das ist mal ein Wort. Auch dieses wird am 13. Mai natürlich zur Diskussion stehen.

Statt Hoffmanns Erzählungen standen an diesem Montag Hoffmanns Erklärungen auf dem Programm. Der Boss sagte auch: „Wir standen in dieser Saison sechs Mal auf Platz eins, und wir haben von den letzten 20 Bundesliga-Spielen nur fünf gewonnen – das weiß ich auch, ich kann auch Tabellen lesen. Aber das hindert uns nicht daran, an den richtigen Ansätzen für die letzten sechs Wochen zu arbeiten. Und da hilft es uns nichts, übereinander zu reden, sondern nur miteinander zu reden, miteinander zu arbeiten, denn wir haben noch alle Chancen. Wir haben am Donnerstag die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, und wir haben die Chance, den Eindruck, den wir am Sonntag in Mönchengladbach hinterlassen haben, zu korrigieren.“

Dass sich Bernd Hoffmann so ausführlich gestellt hat, war super und sicher auch mutig. Es war aber auch mal Zeit. Und trotz allem: Die Tatsache, dass dem HSV ein Sportchef fehlt, die ist nicht von der Hand zu weisen. Es fehlt ein Regulativ zwischen der Klub-Führung und der sportlichen Leitung. Und zwar eindeutig. Hoffmann als (ehrgeiziger, manchmal auch ungeduldiger) Boss kann einem jungen Trainer wie Bruno Labbadia nicht wirklich eine große Hilfe sein. Dieses Dilemma hatte am Sonntag bei der Sky-Diskussion auch schon die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, aus der Ferne erkannt. Genau so ist es.

Ein Sportchef könnte zwischen Mannschaft und Trainer vermitteln – das kann Bernd Hoffmann nicht. Selbst wenn er es wollte. Ein Sportchef könnte auch dem Trainer einige Tipps geben, wie er eine nicht aus der Spur geratene Mannschaft wieder in die Erfolgsspur bekommen könnte. Ein Sportchef könnte sich mit Spielern unter vier Augen unterhalten, woran es derzeit krankt. Das kann der Trainer deshalb nur begrenzt, weil er ja durchaus ein Kritikpunkt (der Mannschaft) sein könnte – niemand würde sich ihm offenbaren. Und auch dem Vorstandsvorsitzenden würde wohl kaum ein Spieler die reine Wahrheit erzählen – mal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es ein solches Gespräch (oder gar Gespräche) mal geben könnte. Auch das ist ein Punkt, weshalb es beim HSV derzeit so läuft, dass kaum noch etwas läuft.

„Es muss etwas passieren, es muss sich etwas ändern. Das haben wir uns gesagt, deshalb gab es diese Aussprache am Montag“, sagte HSV-Kapitän David Jarolim und befand weiter: „Jeder muss sich Gedanken machen, und jeder muss wissen, dass er nicht nur davon reden darf, dass wir uns bessern müssen, sondern jeder muss mit sich anfangen. Diese Aussprache muss helfen, muss uns etwas bringen, wir müssen uns ganz anders präsentieren. In Gladbach habe wir viel zu naiv gespielt.“ Auf die Frage, ob der Trainer die Mannschaft noch erreicht sagte David Jarolim: „Ich denke, mit Sicherheit.“ Dann sagte er weiter: „Mir wurde schon in Mönchengladbach die Frage gestellt, wie das Verhältnis Trainer/Mannschaft sei. Wie soll das Verhältnis sein? Das Verhältnis ist gut. Aber klar, wir brauchen Siege. Alle brauchen Siege, die Spieler, auch der Trainer. Wir sind alle verantwortlich, aber wir müssen jetzt nicht nur reden, wir müssen nun endlich tun.“

Dabei will auch Ze Roberto mithelfen. Trotz der Tatsache, dass es bei ihm zurzeit nicht gerade gut läuft. Der Brasilianer stellt sich aber vor den Trainer, wenn er über die sportliche Krise des HSV spricht: „Der Trainer erreicht die Mannschaft sehr wohl und sehr gut. Die Mannschaft ist gefordert. Am Anfang, als der HSV auf Platz eins stand, wurde der Trainer gefeiert, der HSV war die Sensation der Bundesliga – und nun soll alles anders sein? Das kann es nicht sein. Am Anfang hat der Trainer die Spieler erreicht, und jetzt erreicht er sie nicht mehr? Es liegt allein an den Spielern, die müssen sich wieder aufraffen und dafür sorgen, dass es wieder besser wird.“

Lippenbekenntnisse? Am Donnerstag wird man es sehen.

Ich wurde zuletzt oft gefragt, warum ich nach dem Spiel in Mönchengladbach nicht härter mit dem Trainer ins Gericht gegangen bin. Ich erkläre es allen: In Hamburg und um Hamburg herum, auch bei „Matz ab“, herrscht eine unglaublich aufgeladene, hitzige, teilweise auch höchst aggressive Stimmung. Auch gegen Bruno Labbadia. Mitunter auch vor allem gegen ihn. Das geht mir entschieden zu weit. Ich habe mit Spielern unter vier Augen gesprochen, die haben mir erklärt, dass es bei dieser Krise auch um Bruno Labbadia geht, aber nicht nur. Es gibt noch einige andere Ungereimtheiten innerhalb dieser HSV-Mannschaft, die in meinen Augen seit Monaten schon keine Einheit mehr ist. Da wird, natürlich nicht offen, mitunter sehr massiv gegen Mitspieler abgeledert – wie soll da einer für den anderen kämpfen? Der Zwischenfall beim Spiel in Anderlecht, als sich Ruud van Nistelrooy und Tunay Torun „an die Wäsche gingen“, ist symptomatisch für den Zustand der HSV-Mannschaft 2010.

Natürlich liegt das auch am Trainer – aber nicht nur. Und zum Trainer kann ich nur sagen: Der Vorstand ist gefordert. Nur er. Und ich habe schon mehrfach betont: Bernd Hoffmann wird reagieren. Das ist in meinen Augen ein Selbstgänger. Er duldet keine Stagnation, keinen Rückschritt, kein Mittelmaß. Damit ist alles gesagt. Deshalb habe ich nach dem Gladbach-Spiel kein Silbertablett hervor gekramt, um darauf den aggressiven Fans unter uns den Kopf des Trainers zu präsentieren. Nein, nein, ein solches Spiel halte ich für unwürdig. Und: Alles, wirklich alles, regelt sich von ganz allein. Spätestens am 13. Mai. Oder um den 13. Mai herum. Dafür braucht die HSV-Führung keine Ratschläge, weder von uns, noch von anderen „Hosenscheißern“, um es salopp mit Bruno Labbadia zu sagen. Ich bin mir da vollkommen sicher. Abgerechnet wird zum Schluss.

Übrigens, pikante Note am Rande: Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw gilt bei deutschen Buchmachern als Favorit auf den HSV-Trainerposten zur neuen Saison. Zur Spielzeit 2010/2011.

18.37 Uhr