Tagesarchiv für den 28. März 2010

Ohne Mut, aber mit viel Bewegungsarmut!

28. März 2010

Gute Nacht, Hamburg! 0:1 in Mönchengladbach verloren, die niederschmetternde Bilanz 2010 noch ein weiteres Mal verschlechtert, von der Meisterschaft, von der Champions League ist seit Monaten keine Rede mehr – und jetzt droht sogar Platz sechs noch verlustig zu gehen – ein Trauma! Dieser HSV spielt, das ist eindeutig, zurzeit seinen schlechtesten Fußball dieser Saison, und dieser HSV wird in den restlichen sieben Spielen mächtig ins Zittern geraten. Es geht nur noch bergab, aber vielleicht klappt es ja doch noch mit dem Gewinn der Europa League – die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch beim HSV. Fazit von HSV-Kapitän David Jarolim nach der 0:1-Niederlage: „Wir wollten hier gewinnen, wir hatten uns sehr viel vorgenommen – aber so ist Fußball“, sagte der Tscheche und fügte hinzu: „Wir brauchen Siege, das hat nichts mit dem Verhältnis Trainer/Mannschaft zu tun.“

Schon die ersten fünf Minuten waren für jeden HSV-Fan entsetzlich, die Gladbacher wollten den Gast aus Hamburg offensichtlich mit Tempo-Fußball überrennen. Die HSV-Mannschaft schien noch im Tiefschlaf, nur einer war zum Glück hellwach: Frank Rost. Sonst hätte es schon früh das böse Erwachen geben können. Nach diesem furiosen MG-Start fing sich der HSV, stand auch mit der neuen Viererkette mit Guy Demel, Jerome Boateng, David Rozehnal und Dennis Aogo sicherer. Die Gladbacher lauerten in der eigenen Hälfte auf ihre Konterchancen, der HSV musste wie eine Heimmannschaft das Spiel machen. Und das sah kümmerlich aus.

Nach vorne ging so schlecht wie gar nichts. Die Räume waren den Hamburgern zugestellt, oft mussten sich die aufbauenden Spieler in nutzlosen Eins-gegen-eins-Duellen versuchen, nicht selten gingen die Bälle dabei für den Hamburger verloren. Die Kreativ-Spieler Ze Roberto und Piotr Trochowski fielen lange Zeit überhaupt nicht auf, erst als sie die Seiten wechselten, war ein Hauch von Leben erkennbar. Wobei Ze Roberto kaum einen Ball, den er nach vorne spielte, an den eigenen Mann bringen konnte. Und Trochowski hatte seine besten Szenen (die rar waren, zugegeben), wenn er mit dem Ball am Fuß über links kam. Aber: Das war von Ze Roberto, Trochowski und von allen anderen, die den Ball nach vorne bringen sollten (vornehmlich David Jarolim, Tomas Rincon, Demel und Aogo), natürlich viel, viel zu wenig. Oder besser gesagt: absolut gar nichts! Wie gesagt: Gladbach tief hinten drin, der HSV mit dieser Art des Defensiv-Fußballs überfordert, aber da stand eine total leblose Hamburger Truppe auf dem Rasen.

HSV-Offensiv-Aktionen? Fast Fehlanzeige. Ein Van-Nistelrooy-Schuss in die Wolken (15.), ein Trochowski-Freistoß ebenfalls in die zweite Etage – Ende. Auffällig für mich: In den ersten 45 Minuten gab es keinen Versuch von Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric, sich gegenseitig in Szene zu setzen. Da wird sich nicht gesucht, da versucht es jeder auf eigenen Faust – wenn überhaupt. Kümmerlich.

Aber damit will ich nicht allein gegen die beiden Stürmer wettern, es stimmte in dieser HSV-Truppe in Halbzeit eins kaum etwas.
Symptomatisch dafür das 1:0 der Borussia. Ein Freistoß, natürlich. Ein Freistoß aus dem Halbfeld (halbrechts) in den HSV-Strafraum hinein, dort köpft Rozehnal Aogo an, der Ball prallt zu Brouwers, der kann gegen den vergeblich grätschenden van Nistelrooy einschießen (43.). Ein Billard-Tor, aber eines das so typisch ist in diesen Wochen. Was ich mich frage: Warum gelingt es immer dem Gegner, solche gefährlichen Freistöße in den HSV-Strafraum zu schießen. Jedes Mal herrscht da Alarmstimmung, aber auf der Gegenseite? Pustekuchen!

Zur Pause ließ dann auch Bernd Hoffmann ganz gewaltig Dampf ab. Der HSV-Boss, total blass um die Nase, sagte auf Sky einige bemerkenswerte Sätze: „Die erste Halbzeit war absolut enttäuschend, wir zeichneten uns durch Mutlosigkeit und Bewegungsarmut aus. Jetzt hoffe ich auf eine energische Korrektur zur zweiten Halbzeit.“ Zu den Zielen, die der HSV nun so langsam aus den Augen verliert, befragt, sagte Hoffmann: „Ich mache mir keine Sorgen, aber wir beobachten das natürlich, denn wir betreiben ja einen hohen Aufwand.“ Und auf Bruno Labbadia angesprochen, ob auf den HSV-Coach nun eventuell harte Zeiten zukommen werden, sagte Hoffmann: „Das hat nichts mit dem Trainer zu tun. Da standen in der ersten Halbzeit zehn Nationalspieler für uns auf dem Rasen, die sind gefordert.“

Vielen Dank, Herr Hoffmann, für diese klaren Worte. Das dürfen Sie ruhig beibehalten! Nur so geht es nämlich.

Und ich bin mir sicher, dass auch Frank Rost solche klaren Sätze gesprochen hätte, aber der Torwart ging mit verkniffenen Lippen in die Kabine. Wie es in ihm aussah, das konnte man erahnen – er bekommt seit Wochen die Bälle nur so um die Ohren, aber Besserung stellt sich nicht ein.
Wobei die zweite Halbzeit natürlich engagierte angegangen wurde – vom HSV. Natürlich deshalb, weil es schlechter ja nicht mehr sein konnte. Jonathan Pitroipa kam für den begnadeten Kämpfer Rincon, der sich oftmals als Retter in höchster Not hervor tun konnte. Aber der Südamerikaner tat so gut wie nichts für den Spielaufbau (okay, okay, ich gebe zu: wer schon?), deswegen kam „Piet“. Und der brachte Schwung. Wie schon zuletzt. Der Wirbelwind ist zurzeit gut drauf, sehr gut möchte ich sogar sagen, aber über seine Schussqualitäten muss ich selbstverständlich kein Wort mehr verlieren. Aber er soll ja auch in erster Linie wirbeln, über die Flügel kommen, vorarbeiten. Und das machte er. Besser als alle anderen.
Übrigens: In der 59. Minute gab es den ersten Versuch eines Zusammenspiels zwischen den Stürmern: Van Nistelrooy suchte Petric, aber der Ball landete bei einem Borussen. Immerhin, es war ein Versuch . . . Der letzte für den Niederländer, der in der 63. Minute vom Platz genommen wurde, für ihn kam Paolo Guerrero (!) zu seinem ersten Einsatz seit dem 30. August 2009. Und van Nistelrooy ging ganz sicher nicht überglücklich in die Kabine, ganz im Gegenteil. Er muss total sauer gewesen sein. Aber: Ich hätte an Labbadias Stelle auch so entschieden, auch wenn ich mir damit, das ist mir bewusst, sehr, sehr viele Feinde machen werde. Petric hatte bis zu dieser 63. Minute zwar, auch das ist Tatsache, keine einzige offensive Aktion, aber im Gegensatz zu van Nistelrooy ist er körperlich besser drauf, kann sich behaupten oder auch mal durchsetzen – was van Nistelrooy, der oftmals wie ein Jogger wirkt, in meinen Augen (noch) abgeht. Und: In meinen Augen taute Petric auch in der Schlussphase etwas auf, auch wenn er natürlich nichts mehr „riss“. Aber wer riss da auf Hamburger Seite überhaupt etwas?
Das war doch, trotz des Aufbäumens (was die Pflicht eines jeden Profis ist!), eine absolut enttäuschende Kiste. Ich habe außer Frank Rost und Jonathan Pitroipa keinen HSV-Spieler gesehen, der hervorgehoben werden müsste. Demel, der durchaus gute 15 Minuten hatte, sah die fünfte Gelbe Karte und fällt für das Spiel am Sonntag gegen Hannover 96 aus.
Abschließend sei gesagt: Ich bewundere Bruno Labbadias Mut. Ganz ehrlich! Er nahm van Nistelrooy raus und musste wissen, dass er deswegen um die Ohren bekommen wird. Ich habe Euch meine Einstellung dazu geschrieben, viele, viele Experten (also auch Ihr) werden anderer Meinung sein, und genau diese Meinungen wird der HSV-Trainer in dieser Woche zu hören bekommen. Der HSV steht am Donnerstag vor einem schweren Europa-League-Spiel gegen Lüttich – und vor einer ganz, ganz unruhigen Woche. Das ist sicher. Denn jetzt muss auch – oder sogar – um das Minimal-Ziel gebangt werden. Es ist schon armselig, verdammt armselig sogar! Weil diese leblose HSV-Truppe sogar nicht den Anschein vermittelt, dass man auf Besserung hoffen darf. Gute Nacht, Hamburg!

19.20 Uhr