Tagesarchiv für den 25. März 2010

Guerrero löst Jubel aus – auch intern!

25. März 2010

Der HSV zieht. Und wie. Jedenfalls gilt das für Kinder und Familien aus Norddeutschland. Ich war auch heute wieder überrascht, wie viele „Lütte“ die Einheiten neben der Nordbank-Arena besuchten und genau beobachteten, wer welche Tricks vollbringt, wer tolle Abschlüsse aufs Tor macht und wer mit wem besonders gut kann. Eljero Elia (OP), Dennis Aogo, Collin Benjamin (beide Zerrung) fehlten ebenso wie David Jarolim, der wegen muskulärer Probleme in der Wade erst morgen wieder voll mitmischen soll. Marcell Jansen bekam während der Einheit auch eines auf die Wade, sank zu Boden und löste bei vielen Trainingskiebitzen sorgenvolle Mienen aus. Doch nach der Einheit gab es weitgehend Entwarnung: Er und „Jaro“ werden am Wochenende in Gladbach auf jeden Fall dabei sein. Bei Aogo und Jerome Boateng (Pferdekuss, trainierte aber beschwerdefrei mit) heißt es noch: Abwarten.

Ein Hamburger Spieler löste unter den Zuschauern mitunter Verzückung aus. Und das war nicht etwa Frank Rost, auch wenn dieser dank einiger „Kamikaze“-Rettungstaten Tore verhinderte und mit einem gekonnten Hackenpass mehrere spektakuläre Aktionen hatte. Nein, die Rede ist von Paolo Guerrero. Nach dem Aufwärmprogramm sollten die Profis Drei-gegen-Zwei- und Vier-gegen-Drei-Überzahlsituationen mit gezielten Torabschlüssen üben. Guerrero fasste sich gleich bei der ersten Runde ein Herz, setzte dank enger Ballführung zum überraschenden Sprint zwischen den beiden Verteidigern an und versenkte den Ball an Wolfgang Hesl vorbei ins Tor. Dafür gab es nicht nur von den Kollegen ein anerkennendes Lob, auch Trainer Bruno Labbadia, der ansonsten eher schweigend beobachtete und sich einen Eindruck vom Gesamtzustand seines Teams verschaffte, nickte zufrieden.

Guerrero gehörte heute eindeutig zu den Aktivposten. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, dass der Peruaner mit jedem Plusgrad in Sachen Außentemperatur körperlich und fußballerisch zulegt. „Ich weiß, dass ich noch nicht bei 100 Prozent bin, aber ich fühle mich schon fit und empfinde jede Ballberührung als Fortschritt“, sagte er nach der Einheit. Während beim HSV nach den diversen Veröffentlichungen der vergangenen Tage (von Trainerkritik über Elias Verstimmung bis hin zu Gerüchten um potenzielle Abgänge – dazu später mehr) die Gesamtstimmung eher durchwachsen bis brodelnd ist, kann man Guerrero als wohltuende Ausnahme betrachten. Man merkt dem Offensivmann einfach an, dass er vor Tatendrang nur so strotzt. Und nach den merklich zurückhaltenden Einheiten der vergangenen Tage (nach dem Motto: Ganz geht es eben doch noch nicht) drängt er nun in den Kader. Mein Gefühl müsste mich schon sehr täuschen, wenn er am Sonntag in Mönchengladbach nicht auf der Ersatzbank sitzen sollte. Natürlich nur, wenn er sich in den verbleibenden drei Trainingseinheiten bis dahin ebenso tadellos verhalten sollte wie heute.

Der hörbare Jubel der Teamkollegen treibt den „kleinen Krieger“ übrigens auch an, das konnte man beim Training auch merken. Anschließend gab Guerrero zu: „Das ist wirklich toll, dass sich die Jungs mit mir freuen. Für mich ist dieses spürbare Vertrauen sehr wichtig!“

Um die eine oder andere Portion Mannschaftsflachs kommt Guerrero natürlich nicht herum. Dass er sich wie einst Dennis Bergkamp schon mal auf den Weg zu einem Auswärtsspiel machen müsse, damit er auch ohne Flugzeug pünktlich ankommt, musste sich der Flugangst-besessene Kicker dann doch schon ein paarmal anhören. „Dabei sind nur längere Strecken ein echtes Problem“, sagt Guerrero, der die Reisen stets mit seinen Kollegen und im Flieger antreten möchte. Ob und wie der Stürmer, dessen Vertrag im Sommer ausläuft und bislang nicht verlängert wurde, nach dem Riss seines hinteren Kreuzbandes noch einmal absolute Topform auf internationalem Niveau abrufen können wird, weiß noch keiner der Beteiligten. Guerrero glaubt natürlich fest daran, seine Berater und Freunde auch, aber eine definitive Antwort wird es erst nach seinen ersten Spielen geben können. Immerhin machen Guerreros Trainingsleistungen Hoffnung. „Meine Motivation in der ganzen Zeit meiner Verletzungspause war der Ball“, sagt er. Kein Widerspruch, denn diese Motivation war und ist auch auf dem Platz erkennbar. Und der Peruaner, der die letzten Wochen seiner Rehazeit in seiner Heimat mit der peruanischen U-17-Auswahl verbrachte, mit den Junioren trainierte und Übungsspiele absolvierte, genießt in Hamburg derzeit nicht nur das Wetter und die Zustimmung seiner Weggefährten, sondern auch den Zuspruch der Fans. In Scharen stürmten sie heute nach der Vormittagseinheit auf ihn zu und baten um Autogramme und Fotos. Guerrero strahlte und kam den Wünschen geduldig nach.

Auch wenn ich das Verhalten Guerreros zuletzt nicht immer positiv bewerten konnte (vor allem in Bezug auf seine lange Abwesenheit während der Genesungsphase), so betrachte ich ihn jetzt noch einmal als kleinen Lichtblick und auch als Chance. Viele Mitspieler wünschen sich den Peruaner bestimmt auch deshalb zurück in ihre Mitte, weil sie dann eine spielerisch starke Komponente zurück wissen, die ihnen als eine DER fußballerischen Stützen der Hinserie, vor allem der starken Anfangsphase, in Erinnerung ist. Dass sich der Peruaner für einen neuen Vertrag empfehlen will und empfehlen muss (auch international wird seine Entwicklung wegen des Kreuzbandrisses skeptisch beäugt), kann dabei nur von Vorteil sein. Guerrero wird 100 Prozent geben, sobald er die Chance zur Präsentation bekommt – denn mit jedem Spiel ohne Einsatz und damit „ohne Bewerbungschance“ sinken seine Möglichkeiten, einen hoch dotierten Kontrakt zu ergattern – wo auch immer!

Nun noch einmal kurz zum abgesprochenen Thema „potenzielle Abgänge“. Nun wird also Elia als möglicher Ribery-Nachfolger gehandelt, und auch aus England habe ich bereits diverse Interessenten forschen hören, was eine Verpflichtung des Niederländers betrifft. Ich hätte da einen Tipp für den HSV: Stellt einfach mal 90-Minuten-Videobilder der Elia-Einsätze in den vergangenen Matches zum kostenlosen Download auf hsv.de und schickt gezielt entsprechende Mitteilungen an die vermeintlichen Interessenten heraus. Die werden es sich dreimal überlegen, ob sie Elia als Kandidaten auf ihre Wunschliste setzen. Die Bilder könnten abschreckende Wirkung haben.

So, nun reicht es erst einmal wieder. Ich melde mich morgen nach dem Training.

15:55 Uhr