Tagesarchiv für den 23. März 2010

Viele Fragen zu Elia

23. März 2010

Elia, die Ärzte und der Frust. Die Wellen schlagen hoch. Die Verletzung (Knochenabsplitterung) soll der Niederländer, so Trainer Bruno Labbadia, schon im Sommer gehabt haben. Das sagte der Coach vor dem Schalke-Spiel. Ich sage nun: Wenn Elia diese Verletzung schon gehabt hat, dann ist es aller Ehren wert, dass er damit noch Spieler der Hinrunde werden konnte. Jetzt muss ich auch lesen, dass sich die vorhandene Verletzung durch den Tritt des Mainzers Noveski verschlimmert hat. Das Mainz-Spiel war am 28. November, und wir erinnern uns doch alle: Elia war am 20. Dezember, im Heimspiel gegen Werder Bremen, wieder einmal einer der besten HSV-Profis. Trotz dieser Verletzung. Und dann der Hammer: Beim Weihnachtsurlaub in der Heimat hatte Elia wieder Schmerzen, begab sich in die Obhut eines Arztes – ich glaube, es war der Arzt der Nationalmannschaft. Und dieser legte den Knöchel für einige Tage in Gips. Beim türkischen Trainingslager in Belek, Anfang Januar, joggte Elia zuerst nur, bevor er später ins Mannschaftstraining einstieg. Die Verletzung schien kein Thema mehr zu sein. Zumal Bruno Labbadia immer sagte: „Eljero hat zwar noch Schmerzen, aber es kann nichts passieren.“

Elia spielte stets nur schlecht, aber keiner machte sich so richtig Gedanken über die Frage warum? Was ich mich aber auch frage: Wenn der HSV-Stürmer um die Weihnachtszeit in der Heimat erneut untersucht wurde (und es wurden ja Maßnahmen ergriffen), warum merkte es denn spätestens in den Niederlanden keiner, was wirklich ist? Auch in den Niederlanden alles nur schlechte Ärzte? Wie die in Hamburg? Ganz sicher nicht. Zuerst will ich einmal sagen: Ich möchte eines auf keinen Fall sein: Mannschaftsarzt. Schon gar nicht beim HSV. Ich habe hier schon einige Ärzte erlebt, die hatten es immer verdammt schwer. Schrieben sie zu schnell krank, bekamen sie Ärger mit den Trainern. Übersahen sie etwas (Schlimmes), bekamen sie Ärger mit dem Spieler, mit dem Trainer und der Klub-Führung. Und: Wer auch immer danach gefragt hat, HSV-Spieler (und andere auch) haben freie Arzt-Wahl und fliegen schon seit Jahrzehnten immer durch die Welt, um sich vom Arzt ihres Vertrauens untersuchen, behandeln oder operieren zu lassen. Alles völlig normal, alles völlig legal. Felix Magath flog als Spieler immer zu Professor Klümper in den Süden, und als Felix Magath später Trainer des HSV war, schickte er auch viele seiner Spieler zu Professor Klümper in den Süden – obwohl der HSV natürlich in Hamburg einen Mannschaftsarzt hatte. Alles ganz normal.

Wenn Elia mit der Verletzung schon immer Sommer nach Hamburg kam, wenn der Tritt von Noveski die Sache noch verschlimmert haben soll – warum wurde es bei der Kernspintomographie in Hamburg übersehen? Und warum fanden die niederländischen Ärzte Weihnachten nichts? Ich kann es Euch nicht erklären, ich bin kein Arzt, ich habe auch keine Aufnahmen des lädierten Knöchels gesehen. Ich weiß nur, dass die HSV-Verantwortlichen zu Weihnachten bass erstaunt darüber waren, dass Elia seinen Knöchel in den Niederlanden hatte still legen lassen. Und alle, auch viele HSV-Fans, fragten sich: Wie kann es angehen, dass Elia gegen Werder Bremen ein so gutes Spiel hinlegt, und nun mit einem Male einen ganz kaputten Knöchel hat? Auf jeden Fall ein äußerst mysteriöse Geschichte. Die vielleicht ihr Ende noch lange nicht gefunden hat.

Mein Bauchgefühl sagt mir übrigens, dass Eljero Elia – trotz seines Vertrages bis 2014 (nicht 2012, dankele Ollile) – nur einen Sommer in Hamburg getanzt hat. Ich sehe ihn Mitte 2010 zu einem anderen Klub dribbeln – Knöchel hin, Knöchel her. Wie gesagt, nur mein Bauchgefühl, also noch keine Panik, dass schon wieder ein Star weg ist.

Apropos Star. Ruud van Nistelrooy soll in der Kabine mit Tunay Torun gerangelt haben. Was heißt soll, er hat. Diese Tatsache allein würde rechtfertigen, dass Bruno Labbadia den Weltstar ab sofort zum Kapitän beruft. Alle Achtung! Da kommt doch Freude bei jedem Vollblut-Fußballer auf wenn er sieht, dass auch Wrestler nun prädestiniert sind, nach ihrem ersten Kampf schon Spielführer des HSV zu werden. Aber nun gut, es darf ja ruhig diskutiert werden, denn auf eine solche Idee würde Labbadia ohnehin nie kommen – völlig zu Recht, ganz nebenbei bemerkt. Und noch eines: Hat eigentlich mal einer danach gefragt, wie eine solche Geschichte zu meinen Kollegen der Bild-Zeitung kommt? Meines Wissens war gerade zu diesem Zeitpunkt keiner von ihnen in der Kabine, als dort gerangelt wurde . . .

Wo ich denn gerade bei „Van the man“ bin. Er ist natürlich ein sehr netter, umgänglicher und liebenswerter Mensch. Der Typ „Schwiegermutters Liebling“. Aber er kann eben auch anders (wer nicht?). Auf dem Platz kennt er keinen Verwandten, da geht es, da geht er zur Sache, immer den direkten Weg zum Tor. Geht es da aber einmal nicht nach seiner Fasson, flippt er auch schon mal aus. Piotr Trochowski hat es beim Spiel gegen Hertha BSC erlebt: In der 70. Minute eingewechselt, so bekam er Minuten danach einen Pass von Ruud van Nistelrooy auf die halbrechte Position. „RvN“ ging danach steil, wollte den Ball am oder im Hertha-Strafraum wieder in den Fuß serviert bekommen, doch Trochowski schoss selbst – weit vorbei. Und dann ging die Pöbelei los. Aber wie! Van Nistelrooy brüllte Trochowski an, so lange und so laut, bis der deutsche Nationalspieler eine abwertende Handbewegung machte – frei nach dem Motto: „Du kannst mich mal . . .“

Natürlich wäre es besser gewesen, wenn Trochowski in dieser Szene den Ball gepasst hätte. Aber er gab sich in dieser Szene eben auch einmal egoistisch, denn ein Tor hätte ihm in seiner verfahrenen Situation sehr gut getan (da hat er mein vollstes Verständnis). Und so ganz nebenbei bemerkt: Van Nistelrooy wäre nicht van Nistelrooy, wenn er nicht in über 1000 Spielen ebenso egoistisch gehandelt hätte – auf dem Acker. Wenn er eine Möglichkeit zum Schießen sieht, dann schießt er. Dann, wenn er ein eigenes Tor wittert, dann ballert er auch los. Ohne Rücksicht auf Verluste. Oder auf umstehende Schmollende. Oder gar Wütende. In der Mitte wartet dann vielleicht auch mal der eine oder andere Mitspieler vergeblich auf die Kugel, aber das ist dann eben so. Ich weiß nicht, warum ich jetzt gerade an Mladen Petric denke . . . Ich schrieb es hier bereits: Die Harmonie zwischen Petric und van Nistelrooy könnte besser sein. Zurzeit ist sie für mich in etwas so, wie die Harmonie zwischen Joris Mathijsen und David Rozehnal. Es gibt also im Zwischenmenschlichen innerhalb des HSV-Teams noch einige Luft nach oben.

Schnell zu „Isa“, der danach fragte, wie ich heute dazu stehen würde, dass Ruud van Nistelrooy – entgegen meiner Empfehlung an den Trainer – doch von Anfang an gegen Schalke spielte. Du lieber Vater, Isa, Du wirst sicher Verständnis haben, dass ich nichts mehr dagegen sagen werde. Labbadia hat alles richtig gemacht (ich schrieb es schon aus anderen Gründen). Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich mich erschießen werde, sollte „RvN“ von Beginn an spielen, ich habe nur gesagt, dass ich, wenn ich HSV-Trainer wäre, es nicht machen würde. Der Grund: Der Niederländer hatte zuvor schon dreimal von Beginn an gespielt – und war zum Schluss immer mächtig abgetaucht, stand kurz vor dem Heldentod. So ist er aber, der HSV-Trainer Labbadia, und so ist er, der B-Lizenz-Trainer Matz, der beim HSV nichts sagen hat (zum Glück!) – es gibt eben doch unterschiedliche Sichtweisen. Und im Scherz: Ich bin Bruno Labbadia deswegen kein bisschen böse . . .

Wobei ich auch durchaus, um das Thema zu wechseln, nicht überlesen habe, dass Ihr Petric im Moment nicht so ganz bei 100 Prozent seht. Ich kann dem nicht widersprechen, aber: Eine solche Phase hatte der Kroate schon einige Male. Und just zu dem Zeitpunkt, als er am meisten Prügel (von den Fans) bezog, feierte er eine glanzvolle „Wiederauferstehung“ – indem er Tore schoss. Deswegen würde ich ihn auch in der jetzigen Phase ganz und gar nicht abschreiben, denn schon im nächsten Spiel könnte er wieder explodieren. Und dann haben ihn wieder alle ganz furchtbar lieb – und überhaupt. Um Petric mache ich mir deswegen keine Sorgen, nur um die gewisse Disharmonie, die im HSV-Sturm herrscht. Aber auch die wird der Trainer sicher in den Griff bekommen . . . Wenn es denn überhaupt eine (diese) Disharmonie geben sollte.

So, ich merke schon wieder, dass ich auch heute viel zu lang werde. Das muss ich aber schnell noch loswerden: Jonathan Pitroipa tat mir nach seinem 2:2-Tor gegen Schalke sehr leid, denn er konnte sich nicht freuen. Da war nichts von Jubel zu sehen. Er schoss den Ball ins Tor, alle feierten ihn, aber er schlich mehr oder weniger „bedröppelt“ zur Mitte. Schade. Aber Fans sind eben manchmal gnadenlos. Ich finde es trotz allem bedauerlich, dass sich ein Hamburger Spieler nach seinem (so wichtigen) Tor nicht freuen kann. Und ich würde mich schon sehr freuen, wenn das die HSV-Fans einmal (bald?) ändern könnten. Das hätte was!

Weil ich immer gefragt wurde (und nichts geschrieben hatte): Ich fand die Rettungsaktion von Tomas Rincon gegen Schalke, als er auf dem Rasen liegend den Ball von der Torlinie köpfte, einfach nur großartig und spektakulär. Unglaublich, diese Szene wird noch in Jahrzehnten in jedem Bundesliga-Rückblick zu sehen sei – ein Novum. Und ich behaupte auch: das kann nur er. Ich glaube es war Lotto King Karl, mit dem ich darüber sprach. Er sagte: „Rincon war da die Reinkarnation eines Maulwurfs.“ Hallo? Sollten die Maulwürfe tatsächlich wieder Einzug in den Volkspark gehalten haben? Die waren doch einst unter Protest gegen die Mehdi-Mahdavikia-Eckstöße alle ausgezogen. Und sie, die stets von den Ecken rasiert wurden, ließen sich auch nach dem Weggang des Iraners nicht überreden, wieder Einzug in den Arena-Rasen zu halten, denn die Eckstöße blieben ja (in der Mehrzahl jedenfalls) so katastrophal flach und schlecht . . .

Und nun lande ich noch ein zweites Mal bei Piotr Trochowski. Weil ich gerade daran denke, dass die Profis am Montag und am Dienstag frei hatten. Ihnen sei es gegönnt. Am Mittwoch geht es dann um 15 Uhr im Volkspark weiter. Der B-Lizenz-Trainer Matz aber befürwortet ja schon seit Jahr und Tag, wirklich seit vielen, vielen Jahren, dass sich jene Spieler, die sich verbessern wollen (und müssen), doch verstärkt um ein Individual-Training bemühen sollten. Es soll ja nicht, um Gottes Willen nicht, Kondition gebolzt werden, es soll doch nur an den Schwächen gearbeitet werden. Dafür, dass sich das lohnen würde, gibt es für mich immer noch zwei Parade-Beispiele. Thomas von Heesen nahm sich einst, völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit, einen Privat-Coach namens Rainer Sonnenburg. An jenen Nachmittagen, an denen der HSV nicht trainierte, trainierten von Heesen und Sonnenburg in der Jahn-Kampfbahn in Winterhude. Erst als von Heesen besser und besser wurde, erkundigten sich die Journalisten nach dem Grund. Der hieß Sonnenburg. Und das zweite Beispiel heißt Patrick Owomoyela. Der spielte beim Lüneburger SK, wollte aber noch hoch hinaus – und verpflichtete gleich zwei Privat-Trainer: den ehemaligen Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange und den heutigen Torwart-Trainer des FC St. Pauli, KaPe Nemet. Und was kam dabei heraus? Owomoyela wurde deutscher Nationalspieler und spielt schon seit Jahren in der Ersten Liga.

Das sei jedem Profi, der auf der Stelle tritt, der merkt, dass noch mehr in ihm steckt, dringend zur Nachahmung empfohlen. Es gab in der Vergangenheit einige HSV-Spieler, die auf diesem (Um-)Weg eine große oder größere Karriere hätten machen können, aber sie machten es nicht. Und beim HSV sah parallel dazu auch niemand, dass an den speziellen Defiziten des Spielers zu arbeiten sei, um ihn zu verbessern – auch zum Wohle des Vereins. Paradebeispiel ist für mich immer noch Christian Rahn, Nationalspieler unter Rudi Völler, heute bei Greuther Fürth in der Zweiten Liga. Ich behaupte einmal: Hätte Christian Rahn, der nach vorne alles konnte (vergleichbar mit Marcell Jansen), seine defensiven Defizite dank eines Privat-Trainers behoben, wäre er noch heute in Liga eins. Und vielleicht auch in der Nationalmannschaft. Aber: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was auch auf die Vereine – und den HSV – zutrifft.

So, es ist wieder viel zu viel geworden. Kurz will ich noch auf meine Nachbarin eingehen. „Eva“ hatte gefragt, wie es um Wolfgang Hesl steht? Offenbar gut, denn der Vertrag wurde verlängert. Hätte das der HSV getan, wenn er nicht von den Künsten des zweiten Mannes überzeugt wäre? Für mich hat Hesl in dieser Saison einen Sprung nach vorne gemacht, er ist besser und selbstbewusster geworden. Ob es reichen würde, eines Tages Frank Rost abzulösen? Da bin ich, gebe ich ehrlich zu, überfragt. Hesl fliegt schön, hat super Reflexe, hat auch starke Momente im Spiel eins gegen eins – aber er ist mir (im Moment) noch nicht laut genug. Ich vermisse bei ihm, dass er seine Vorderleute mal so richtig zusammenstaucht, zusammendonnert. Okay, das kann er sich als Ersatzkeeper vielleicht noch nicht erlauben (so wie Frank Rost es natürlich macht), aber ab und an sollte er schon mal lautstark dazwischenfahren. Das fehlt ihm noch. Aber vielleicht kommt es ja auch noch, nämlich dann, wenn er mal ins kalte Wasser geschmissen wird. Ich erinnere mich noch an den Kölner Harald Schumacher, der seinen Trainer Hennes Weisweiler oft zur Weißglut getrieben hat – und plötzlich, quasi über Nacht, wurde der „Toni“ dann einer der besten Torhüter der Welt. Auch so kann es gehen. Noch ein Satz zur Nummer drei: Ich halte auch von Tom Mickel einiges, der Mann hat ebenfalls viel Talent.

Kurz noch ein Querverweis in redaktioneller Sache: In der Straubhaar-Kolumne im Abendblatt-Internet berichtet unser Korrespondent aus Washington auch über einen HSV-Spieler. Die Kolumne trägt den lustigen Titel: Wer macht für Piotr Trochowski den Schwarzenbeck?

18.06 Uhr