Tagesarchiv für den 22. März 2010

Die Talsohle ist durchschritten

22. März 2010

Für Ruud van Nistelrooy war es „das beste Spiel, seit er das HSV-Trikot trägt“, für einige „Matz-abber“ war es ein mittelmäßiger Kick, für mich war die zweite Halbzeit „sensationell“ – nun sollten sich alle die und vor allem ihre richtige Mischung daraus ziehen, und dann voller Optimismus dem Spiel am Sonntag in Mönchengladbach entgegen sehen. Fest steht allerdings, und ich kann verstehen, dass einigen von Euch das Herz blutet, dass Werder Bremen nun auf Platz fünf liegt – und der HSV nun einen Rang dahinter. Für mich ist das aber nur eine Momentaufnahme, denn eines glaube ich durch das Schalke-Spiel erkannt zu haben: Der HSV hat die Talsohle wohl durchschritten, es geht jetzt wieder bergauf, es kann nun nur bergauf gehen. Ruud van Nistelrooy scheint körperlich stetig zuzulegen, Ze Roberto ebenfalls, das macht Mut.

Natürlich gibt es bei all diesen Dingen auch die Rückseite der Medaille. Der HSV hat in diesem Jahr 2010 von 14 Spielen nur fünf gewonnen. Oder, auch eindrucksvoll: Von 27 Bundesliga-Spielen wurden bislang nur elf gewonnen. Kurios dabei: In der Hinrunde hat der HSV mit einer namentlich schlechter besetzten Mannschaft erstens besser gespielt, und zweitens viel mehr Punkte eingefahren. Das ist nun einmal (traurige) Tatsache. Ist aber daraus zu schließen, dass der HSV gerade deswegen so gut und erfolgreich Fußball gespielt hat, weil mit Paolo Guerrero, Mladen Petric, Ze Roberto, Eljero Elia, Marcell Jansen (war immerhin bei acht Bundesliga-Spielen nicht dabei), Alex Silva und Collin Benjamin so viele Spieler so lange verletzt gefehlt haben? Auf diese Idee würde doch sicher keiner kommen, oder? Für mich sind die Zahlen „14 zu fünf“ und“27 zu elf“ darin begründet, dass dem HSV der Schwung, die Frische, die Unbekümmertheit von 2009 abhanden gekommen ist. Warum auch immer das so ist. Und dass die Gegner bei den Rückspielen auch wacher geworden sind. Und, auch das kommt hinzu: Jede Mannschaft nimmt sich im Laufe einer Saison mal eine kleine Krise, davon bleibt kein Klub verschont (erst waren es 2009 die Bayern, jetzt, 2010, ist es Bayer). Beim HSV dauert eine solche kleine Krise vielleicht nur ein wenig länger – wie weiß das schon genau?

Wie gesagt, für mich ist das aber kein Thema mehr, es geht bergauf. Hoffentlich. Es geht noch gegen Mönchengladbach (auswärts), Hannover 96 (heim), Bochum (a), Mainz (h), Hoffenheim (a), Nürnberg (h) und Bremen (a). Da müsste doch etwas in Sachen „Saison-Rettung“ zu machen sein. Jedenfalls so viel, dass es zu Platz fünf reichen müsste. Sollte das dann aber doch nicht klappen, so wäre es wirklich wieder einmal ein verschenktes Jahr – aber so weit ist es noch nicht. Und deswegen behaupte ich einmal ganz kess: Noch immer ist vieles, bis auf die Champions League, möglich. Auch wenn die Gegner aus dem Mittelfeld (und darunter) natürlich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind, denn alle wollen schließlich noch ihre im Sommer 2009 gesteckten Ziele erreichen. Oder sie wollen sich auf jeden Fall noch verbessern. Wobei ich gerade bei Mittelmaß bin: Standard Lüttich hat am Wochenende daheim gegen AA Gent 0:2 verloren, steht nur noch auf Rang acht in der ersten belgischen Liga – und hat auf Spitzenreiter RSC Anderlecht nun sogar schon 30 Punkte Rückstand. Alles klar für das EL-Halbfinale? Mit Sicherheit nicht. Oder nur dann, wenn der HSV immer eine solche Leistung abrufen kann, wie die gegen Schalke in den zweiten 45 Minuten.

Kurz einmal zu den Spieldaten des 2:2 vom Sonntag. Der HSV hatte 18 Torschüsse zu verzeichnen, Schalke 19. Das Eckenverhältnis lautete 4:8, den ersten Eckstoß holte der HSV erst in der 36. Minute heraus. Die Ballkontakte verteilten sich auf 55 zu 45 Prozent für den HSV, der auch in Sachen Zweikämpfen mit 51 zu 49 Prozent die Nase leicht vorne hatte. Die meisten Torschüsse beider Klubs: Piotr Trochowski brachte es auch neun, Kuranyi auf sechs. Auch in Sachen Ballkontakten lag der HSV vorn: Tomas Rincon hatte 86, Rafinha 65. David Jarolim war mit 67 Prozent gewonnener Zweikämpfe der beste Spieler auf dem Platz, bei Schalke brachte es Baumjohann auf 65 Prozent.

Apropos Jarolim. Ich finde es – mal am Rande bemerkt – jammerschade, dass sich viele von Euch auf die Negativ-Leistungen (oder auch nicht) des Duos Joris Mathijsen/David Rozehnal fokussieren, und die erneut großartige Leistung des Kapitäns nicht herausstellen oder loben. „Jaro“ war für mich nach Piotr Trochowski der zweitbeste Hamburger, er lief wieder unendlich viel, ging die weitesten Wege, lief oft auch in die Spitze (mit Ball), holte viele Freistöße heraus (war ein geschundener dabei? Mit Sicherheit nein!) und übernahm stets volle Verantwortung. Wer das nicht honoriert, wer das nicht sieht oder anerkennt, der sollte dann doch einmal seine fußballerischen Kenntnisse hinterfragen. Jarolim ist sicher kein lauter Spieler, er schreit nicht herum (wie zum Beispiel einst ein Stefan Effenberg), er tönt nicht auf dem Rasen, er ist ein Mensch der leisen Töne – er lässt seine Leistung für sich sprechen. Und die ist (fast) immer vorbildlich. Auch deswegen ist er für mich ein sehr guter Spielführer für den HSV. Ich vergleiche ihn in Sachen Menschlichkeit gerne mit Ditmar Jakobs, den ehemaligen Kapitän. „Jako“ war auch eher ein leiser Typ, der stets durch seine guten Leistungen beeindruckte und immer mit bestem Beispiel voran ging.

In Sachen Trochowski habe ich am Sonntag bereits viel geschrieben. Er hat ALLEN (Trainern, Kollegen Fans) die richtige Antwort auf die monatelange Nörgelei gegeben. „Troche“, das war ein ganz starker Auftritt! Nun mehr davon, und Du bist im Sommer in Südafrika.
Und der HSV, der von diesem überragenden Trochowski profitieren würde, wäre erneut im internationalen Geschäft.

Trochowski hat gezeigt, wie gut er sein kann. Und er hat die Messlatte nun selbst sehr hoch gelegt. Ich bin gespannt auf die nächsten Wochen. Wenn mir, auch das möchte ich schnell bemerken dürfen, hier bei „Matz ab“ von dem User „Trainerkollege“ (indirekt?) unterstellt wird, ich hätte Trochowski nicht genügend unterstützt, empfinde ich das als absolut haltlos und lächerlich. „Trainerkollege“ ist tatsächlich ein ehemaliger deutscher Bundestrainer (ich hoffe, das durfte ich verraten!?) und ganz offensichtlich auch ein großer Trochowski-Fan. Dieser Trainer schrieb nun (wer es nicht gelesen hat): „Hamburger Journalisten hätten auch die Aufgabe, deutsche Nationalspieler zu fördern.“ Wie bitte? Was habe ich hier denn seit Monaten getan? Nichts anderes. Ich habe Trochowski immer und immer gefordert, und ich habe von vielen „Matz-abbern“ dafür immer und immer wieder um die Ohren bekommen. Aber ich bin trotz allem beharrlich geblieben. Und zwar nur deshalb, weil ich von den fußballerischen Künsten Trochowski zu 100 Prozent überzeugt bin, nicht etwa aus Lokal-Patriotismus, oder weil es eventuell die Aufgabe eines jeden Hamburger Journalisten wäre, so etwas zu tun. Also, Herr „Trainerkollege“, mit dieser Schelte sind Sie bei mir total falsch, und zwar auch zu 100 Prozent. Und sollten Sie es nicht glauben, dann lesen Sie hier nach – es ist noch jeder Bericht von mir zu öffnen!

Und noch eines möchte ich bitte korrigieren dürfen: Es hieß hier, ich würde mich der „Meinung der Schnittchentribüne anschließen“. Wie aber soll das gehen? Darf ich das bitte einmal erklären: Jeder Spielbericht ist spätestens zehn Minuten nach dem Schlusspfiff im Netz. Selbst wenn ich wollte, ich hätte gar keine Zeit, mich in der „Schnittchentribüne“ schlau zu machen. Um es noch genauer zu sagen: Ich rede mit niemandem über meine Berichte, ich hole mir von niemanden eine Meinung ein, ich schreibe nur das – und zwar ungefiltert – was ich sehe. So halte ich es übrigens seit 30 Jahren. Weil ich mir von niemandem etwas aufschwatzen lassen muss, möchte und will. Deswegen ist es geradezu grotesk, mir die Theorie der „Schnittchentribüne“ zu unterstellen. Alles ist Matz, und zwar zu 100 Prozent, mir redet niemand rein, ich bitte auch niemandem, mir seine Meinung zu sagen. Dass ich mit dieser, meiner Art der Berichterstattung auch mal Schiffbruch erleide, dass ich dabei auch mal (oder auch öfter) daneben liege, ist eine andere Geschichte. Ich stehe trotzdem dazu, denn ich, auch ich, habe die Fußballweisheit nicht mit Löffeln gefressen.

Und wo wir gerade dabei sind: Es entstand hier ja auch eine lebhafte Diskussion um das 1:1 von Kuranyi. Einige (viele?) wollten Joris Mathijsen dafür verantwortlich machen. Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, denn wenn ich die Szene richtig vor Augen habe, dann war es doch so: Rozehnal verlängerte unfreiwillig per Kopf. Zuvor sah Mathijsen, dass Rozehnals Timing nicht stimmen könnte (!). Also lief er einige Schritte nach vorn, um den hinter Rozehnal stehenden Schalker eventuell stören zu können. Es war also nur gut gemeint. Aber als der Ball über Mathijsen hinweg flog, war er natürlich ausgespielt worden (von Rozehnal). Und was Frank Rost damit zu tun haben soll, ist mir nur noch ein wenig schleierhafter. Aber was soll’s? Grundsätzlich muss ich zu diesem Thema bekennen, dass ich Rozehnal in den letzten Wochen doch einen Tick besser sehe, als seinen oft meckernden Nebenmann Mathijsen (der auch oft in Richtung Rozehnal abpestet – das hat Bob Dylan sehr gut beobachtet!). Und kurz noch einmal zu Dylan: Felix Magath hat kein Haus mehr in Hamburg. Um es genau zu sagen, er hatte her nie eines. Er wohnte in Quickborn-Heide, hatte in Hamburg nur eine kleine Wohnung (als er schon lange woanders arbeitete und wohnte).

Und noch einmal zu Rozehnal: „Nordbert“ stellt sich ja auch auf seine Seite, schreibt heute aber: „Er spielt gut, doch seine Aussetzer sind höchst spektakulär“. Nett umschrieben. Aber gerade dies Aussetzer sind es ja, die ihn so tief im Ansehen bei den HSV-Fans haben sinken lassen. Er hat sie einfach zu oft. Und da ist es total egal, ob er 89 Minuten lang gut spielt. Das würde einem Torwart Rost doch auch angelastet werden: 89 Minute super, dann ein Fehlgriff. So war es, fällt mir spontan ein, doch einst mit Richard Golz, der als „Quartalspatzer“ verschrien wurde. So lange Rozehnal diese Aussetzer nicht in den Griff bekommt, so lange wird er auch immer umstritten bleiben. Egal wie gut er auch über weite Strecken verteidigt.

Bei der Gelegenheit darf ich (hoffentlich?) noch über ein Vier-Augen-Gespräch mit Felix Magath schreiben. Nach der Pressekonferenz gingen wir vom ersten Stock in Richtung Kabinen, da gab er zu, sauer auf Farfan gewesen zu sein. Weil der den Ball in der 27. Minute, als es den unglaublichen Rozehnal-Aussetzer gegeben hatte (Motto: „Wie halte ich in der Bundesliga unbemerkt den Sekundenschlaf?“), so schlampig auf Kuranyi gespielt hatte. Magath: „Wäre der Pass in den Fuß gekommen, hätte es 1:0 für uns gestanden. So aber hatte Frank Rost noch die Chance, den Winkel zu verkürzen“). Ja, und wenn ich gerade bei Chancen bin: Bruno Labbadia hatte nach dem Spiel seine Defensive gelobt, dass sie den Schalkern nur ganz wenige Möglichkeiten gegeben hätte. Was ich nicht so ganz nachvollziehen kann, denn Schalke hatte, wie auch der HSV (Tore eingerechnet) sieben gute bis beste Torchancen. Wenn es also schlecht läuft, hätte Schalke 7:2 gewinnen können – der HSV natürlich auch, ganz klar. Ich will damit auch nur sagen, dass große Schalker Chancen ganz gewiss nicht rar waren.

Zum Schluss, ich habe wieder einmal viel zu viel geschrieben (sorry!), noch eine gute Nachricht vom HSV: Torwart Wolfgang Hesl hat seinen Vertrag bis zum Sommer 2012 verlängert.

16.59 Uhr