Tagesarchiv für den 21. März 2010

Hoide nicht, Felix!

21. März 2010

Ein Klasse-Spiel, ein sensationelles Spiel – nach durchwachsenem Start! Der HSV trotz Schalke 04 ein verdientes 2.2 ab, alle diejenigen, die live dabei waren, werden wiederkommen. Ein herrlicher Fußball-Nachmittag im Volkspark „Hoide nich, Felix.“ So prangte es auf dem T-Shirt von Kultsänger Lotto King Karl optimistisch, er lag richtig. Felix Magath holte sich aus seinem Wohnzimmer nur einen Punkt ab, darf aber trotzdem noch von der Meisterschaft träumen. Und der HSV dar sich weiter Hoffnungen auf den internationalen Startplatz machen, auch wenn es eng wird.

Es entwickelte sich ja erst recht langsam. Beide Mannschaften zeigten viel Respekt voreinander, Sicherheit zuerst hieß die Devise. Eine Viertelstunde lang passierte gar nichts. Nur die Fans beider Klubs sorgten für Super-Stimmung. Das passte eigentlich gar nicht zum Spiel. Der HSV hatte ganz offensichtlich Konsequenzen aus der 2:4-Pleite von Leverkusen gezogen, denn David Rozehnal und Joris Mathijsen schienen zehn Meter vor dem eigenen Strafraum wie festgenagelt zu sein. Richtig so: Tiefer stehen, so die Konter der Schalker abfangen, erst gar nicht in die Verlegenheit kommen, überlaufen zu werden.

Fast wäre es dennoch schief gegangen, Rozehnal schlief am Ball tief und fest ein, Farfan luchste ihm die Kugel ab, bediente Kuranyi, der aber an Frank Rost scheiterte (27.). Was für ein Glück, was für ein guter Torwart, und was für ein Rozehnal-Fauxpas! Das kann alles nicht wahr sein.

Übrigens: In derselben Minute wechselte Ze Roberto schon wieder einmal während des Spiels seine Stiefel. Was läuft da falsch?

Und es werden auch immer noch einige andere Dinge beim HSV falsch gemacht. Zum Beispiel in der 33. Minute: Freistoß für Hamburg in der Schalker Hälfte, zehn Meter hinter der Mittellinie. David Jarolim spielt den Ball kurz, Marcell Jansen und Tunay Torun sind an der Kugel, verlieren sie aber – der Konter läuft. Bis hin zu Frank Rost. Was läuft da falsch? Alles. Schalke machte es vor. Jeder Freistoß auf Höhe Mittellinie wurde in den HSV-Strafraum befördert, fast immer drohte dem Rost-Tor Gefahr. Warum schafft es der HSV nicht, Freistöße von der Mittellinie in Richtung gegnerisches Tor zu befördern? Abgesehen davon, dass dann der Ball in der gegnerischen Hälfte ist und nicht vor dem HSV-Tor (!) – es könnte ja durchaus auch mal ein Tor daraus entstehen.

Wie das geht, und dass es geht, das zeigte sich in der 40. Minute: 26-Meter-Freistoß von Piotr Trochowski. Das kann er ja. Der Ball flatterte wohl etwas, S04-Torwart Neuer jedenfalls boxte ihn nur ungenügend ins Feld zurück, und dort lief er hin: Ruud van Nistelrooy. Unnachahmlich, wie er den Ball nahm. Das, so behaupte ich einmal frech, kann kein anderer Spieler, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Rasen stand. Jeder andere hätte den Ball in Richtung Güterbahnhof Wandsbek befördert, aber nicht Ruud van Nistelrooy. Der drückte die Kugel so perfekt, er nahm sie volley – es war eine Pracht. Was für ein Kunststoß! Traumhaft. Erste Sahne – herrlich! Der Niederländer wurde nach diesem Treffer völlig zu recht von allen Zuschauern gefeiert.

Aber es gab diesmal viele Hamburger, die aufgrund ihrer starken Leistungen Beifall verdient gehabt hätten. Allen voran ein Sorgenkind, Eurer Sorgenkind: Piotr Trochowski. Diesmal fand er von Beginn an zu seinem Spiel, diesmal war er auch gleich in diesem Spiel, er bewies Herz, er zeigte Biss, er wollte. „Troche“ eroberte viele Bälle, ließ sich von „Rüpel“ Rafinha nicht die Butter vom Brot nehmen, im Gegenteil, Trochowski zeigte dem Brasilianer, wo Bartel den Most holt. Eine völlig andere, bislang unbekannte Seite an Trochowski. Hervorragend. Auch schien er sich ganz besonders gut mit Ruud van Nistelrooy zu verstehen, er suchte ihn oft mit einem Anspiel in die Spitze.

Dazu auf der „Sechs“ David Jarolim als Kilometerfresser, unglaublich, diese Energie-Leistung. Tunay Torun wirkte selbstbewusst, ackerte nach vorne und nach hinten, das war sehenswert. Marcell Jansen (für Dennis Aogo in der Viererkette) kam von ganz hinten, hatte diesmal aber auch gute Szenen in der Offensive. Ze Roberto wirkte präsenter als zuletzt, und vorne zeigte sich Mladen Petric lauffreudiger als in den letzten Spielen. Und wenn es Gefahr vor dem Schalker Tor gab, dann war van Nistelrooy daran beteiligt. Er wirkt auf mich immer wieder wie „Schmidtchen Schleicher“, aber wehe man unterschätzt ihn. Dann beißt er zu wie eine Kobra!

Die zweite Halbzeit wurde fußballerisch großartig, es wurde ein richtig guter Kick. Plötzlich war von der 46. Minute an Tempo drin, es ging hin und her, rauf und runter. Es wurde spannend, dramatisch – und härter. Für mich dabei unfassbar, dass Jansen die Gelbe Karte erhielt, weil er mit „Rüpel“ Rafinha aneinander geraten war. Der Brasilianer hatte sich vor dem Hamburger aufgebaut, er suchte die Konfrontation, aber Schiedsrichter-Assistent Robert Kempter (der Bruder) bedeutete seinem „Chef“ Wolfgang Stark, den Karton zu zeigen. Wenn, dann hätten beide Kontrahenten Gelb verdient gehabt, aber Rafinha blieb wieder einmal als der bessere Schauspieler von einer Verwarnung verschont (56.). Schade. Schade auch deswegen, weil Stark bis dahin eigentlich ganz stark gepfiffen hatte.

Aber: Schalke kam. Mit Macht. Und der Unterstützung der HSV-Defensive. In Person von Rozehnal. Der verlängerte per Kopf eine Rafinha-Flanke zu dem am langen Pfosten lauernden Kuranyi, der bis dahin nichts gesehen hatte – Tor, 1:1. Und damit nicht genug: Schalke führte bald 2:1. Weil Ruud van Nistelrooy an der Mittellinie einen Ball verloren hatte. Der Niederländer setzte nach, bis an den HSV-Strafraum. Er hatte den Ball fast schon wieder, dann aber lief Baumjohann an Joris Mathijsen vorbei, so dass van Nistelrooy noch einmal tätig werden musste. Ein Fall, ein Pfiff, ein Elfmeter. War es einer? Es gab einige in der Arena, die eine Schwalbe gesehen haben wollen. Rakitic verwandelte den Strafstoß gleich zweimal (68.). Die Entscheidung?

Nein, der HSV kam noch einmal zurück. Was für ein Fight, was für eine Leidenschaft! Kompliment, HSV, das war einfach nur klasse. Von einem Kraftproblem nichts, aber auch gar nichts erkennbar. Der Wille versetzte Berge.

Und dann wurde einer gefeiert, den sie im Volkspark schon lange nicht mehr auf dem Zettel hatten: Jonathan Pitroipa. Er kam in der 71. Minute für Torun, und er traf zum 2:2. Nach sensationeller Vorarbeit des diesmal überragend spielenden Trochowski, der den Ball von links flach vor das Schalke-Tor gepasst hatte. „Piet“ musste nur noch einschieben, der Rest war Jubel. Ein völlig verdienter Punktgewinn – gegen den kommenden Deutschen Meister?

17.30 Uhr