Tagesarchiv für den 19. März 2010

Elia – die neue Hiobsbotschaft

19. März 2010

Uwe Seeler! Von nun an darf nicht nur von seinen „goldenen Füßen“ gesprochen werden, sondern auch von seinen „goldenen Händchen“. Den Ehrespielführer kann man ja los schicken. Zieht doch dem HSV, seinem HSV, Standard Lüttich als Viertelfinal-Gegner der Europa League. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass Lüttich eine Art Freilos für den HSV ist, keineswegs, aber es hätte ja durchaus schlimmer – und damit auch eventuell aussichtsloser – kommen können, wenn ich so an Liverpool, Benfica oder vielleicht auch Valencia denke. Aber Lüttich sollte allein schon deshalb nicht unterschätzt werden, weil der Klub zurzeit noch Meister in Belgien ist, und weil Standard in dieser Saison sowohl in der Champions League als auch in der Europa Legaue gute bis sehr gute Ergebnisse erzielt hat. Auch auf die Gefahr hin, dass ich nun nur müde belächelt werde: Standard Lüttich wird kein Selbstgänger.

Das wissen ganz offenbar auch die HSV-Spieler. Kapitän David Jarolim sagt: „Ich habe einige Spiele von Standard Lüttich gesehen, das wird in harter Gegner für uns.“ Guy Demel befindet: „Ich höre immer, dass das ein leichtes Los für uns sei. Ich sage aber, dass wir erst einmal beide Spiele abwarten sollten. Und dann, wenn wir im Halbfinale stehen, dann werde ich sagen, ob es ein Glückslos für uns war.“ Tunay Torun sagt: „Jede Mannschaft, die jetzt im Viertelfinale steht, hat ihre Qualität, da darf man keinen unterschätzen.“ Tomas Rincon schätzt die Lage wie folgt ein: „Standard Lüttich ist eine große Chance für uns, in Europa weiter den Weg zu gehen, aber wir sollten uns hüten, den Gegner zu unterschätzen. Wir werden ganz sicher nicht automatisch ins Halbfinale kommen.“

Bruno Labbadia lächelte, als er über Lüttich sprach: „Ist wieder ein interessantes Land für uns, wir sind ja gerade aus Belgien zurück – aber wir freuen uns drauf, das werden zwei interessante Spiele, auf die wir uns freuen. Wir wollen weiterkommen.“ Natürlich. Der HSV-Trainer wird ja auch nicht sagen, dass er im Viertelfinale ausscheiden möchte. . . Über Standard weiß Labbadia: „Ein interessanter Gegner, der im Achtelfinale beide Spiel gewonnen hat, der zuvor auch Salzburg ausgeschaltet hat. Standard ist Meister in Belgien, hat in einer sehr guten Champions-League-Gruppe sehr gute und enge Ergebnisse erzielt, hat wenige Gegentore kassiert – es wird ein Duell, das durch Kleinigkeiten entschieden wird. Allgemein gilt, dass es im Viertelfinale keine einfachen Gegner mehr.“

Das galt auch schon für das Achtelfinale. Anderlecht, klarer Tabellenführer in Belgien, war auf Augenhöhe mit dem HSV. Vor allen Dingen deshalb, weil der HSV wieder einmal seine großen Abwehrschwächen offenbarte. Vier Gegentore in Leverkusen, vier in Anderlecht – wie soll das weitergehen? „Wir haben in Belgien ein Wechselbad der Gefühle erlebt“, gibt Bruno Labbadia zu: „Es gab aber auch positive Dinge. Zum Beispiel das, dass wir immer wieder aufgestanden sind. Natürlich haben wir uns auch selbst in Bedrängnis gebracht, aber es ist schon eine Qualität, dann immer wieder aufzustehen. Aber wir haben dort drei Tore gemacht, deswegen sind wir auch zu recht weiter gekommen.“

Aber zuvor steht ja auch eine andere Mannschaft als Anderlecht oder Lüttich im Fokus des HSV: Schalke 04. Garantiert eine noch härtere Nuss als Lüttich. Zumal der gegnerische Trainer Felix Magath heißt, und der lässt sich in jedem Spiel etwas Besonderes einfallen, mit Vorliebe dann, wenn es gegen „seinen“ HSV geht. Und dieser HSV hat wieder einmal – nichts Neues im Norden – große personelle Schwierigkeiten. Eljero Elia fuhr vom Anderlecht-Spiel nach Amsterdam, wo der niederländische Nationalspieler bereits am Freitag operiert wurde. Elia leidet seit dem Sommer an einer Knochenabsplitterung am Knöchel, diese Verletzung hat nichts mit dem bösen Tritt des Mainzers Noveski (am 28. November 2009) zu tun. Oder besser: Die Verletzung, so sagt es Trainer Bruno Labbadia, soll nichts mit Noveski zu tun haben. Elia fällt einige Wochen aus, wahrscheinlich bis zum Saisonende.

Ferner bangt der HSV für das Schalke-Spiel um Dennis Aogo, der beim Anderlecht-Spiel wegen einer Leisten-Verletzung ausgefallen war. Am Sonnabend findet um 15 Uhr das Abschlusstraining des HSV statt, dann wird sich entscheiden, ob Aogo einen Tag drauf im Kader sein kann. Angeschlagen ist auch Marcell Jansen, der an einer Spannverletzung laboriert, weil ein Belgier am Donnerstag „drüber hielt“. Jerome Boateng leidet an einem Pferdekuss, soll aber bis Sonntag wieder fit sein. Ob er dann aber zum Einsatz kommen wird, das bleibt abzuwarten, ich denke eher nein. Das hat etwas mit der Form des Nationalspielers zu tun. Insgesamt aber hat sich die personelle Situation des HSV seit dem Jahreswechsel nicht so – wie von vielen erhofft – verbessert, im Gegenteil, wenn sich ein Spieler gesund meldet, dann fällt dafür ein anderer Kollege aus.

Aber das ist nur eine Sorge, mit der sich der HSV in dieser Saison herumplagen muss. Eine andere ist die Abwehr, speziell die Schwächen der Defensive. Die vielen individuellen Fehler, die zu den Gegentoren führten und immer wieder führen, die geben allen zu denken. Labbadia sieht diese Defizite natürlich auch, aber er glaubt nach wie vor an sein Team: „Die Spieler haben die Qualität. Wir müssen uns wieder auf gewisse Dinge besinnen, wir müssen uns auch in gewissen Phasen mehr konzentrieren. Ich denke aber, dass was die Ordnung betraf, eigentlich gut in Anderlecht gespielt haben. Ärgerlich waren nur die individuellen Fehler, und die müssen wir abstellen. Das werden wir ansprechen.“

Ob das reicht? Die Ansprache vor dem Schalke-Spiel? Die HSV-Mannschaft wirkt auf mich zurzeit nicht wie eine Einheit. Da wird hier ein Süppchen gekocht, und dort ein anderes. Ein, zwei Aktionen des Gegners sorgen dafür, dass das Chaos in die HSV-Defensive Einzug hält. Dann ist jeder mit sich beschäftigt, aber kaum einer hilft dem Nebenmann. Weil es menschlich nicht so stimmt, wie es in einer intakten Gemeinschaft stimmen sollte? Der Kicker spricht in der Donnerstag-Ausgabe davon, dass sich die beiden Innenverteidiger, Joris Mathijsen und David Rozehnal, nicht auf einer Wellenlänge liegen. Im Gegenteil, beide sollen keine echten Freunde sein. Was die beiden letzten Spiele eigentlich eindrucksvoll belegen, nicht nur aufgrund der acht Gegentore. Es soll zwischen beiden Abwehrspielern schon eine Menge harter Wortwechsel gegeben haben, und „Punktsieger“ in diesem unschönen Verbal-Duell soll Mathijsen sein. Wobei ich anmerken möchte, dass ich zurzeit keinen der beiden Innenverteidiger besser als den Nebenmann sehe. Und wenn ich denn doch einen „besseren“ ausmachen müsste, dann wäre das sogar Rozehnal – denn Mathijsen, den zurzeit gleich zwei blauen Augen zieren, durchläuft in diesem Frühjahr ganz sicher nicht seine beste Phase.

Was auch auf Jerome Boateng zutreffen dürfte. Sky-Experte Andreas Herzog (ehemals Werder und FC Bayern) formulierte es am Donnerstag so: „Ich glaube, dass Boateng überschätzt wird, er ist noch lange nicht so weit, wie ihn einige in Hamburg schon sehen wollten.“ Ich mag mich dieser Meinung nicht anschließen, gebe aber zu, dass Jerome Boateng schon bessere Tage im HSV-Trikot erlebt hat. Im Moment scheint er das Denken für die Defensive vergessen zu haben, es war am Donnerstag (viel) zu leicht, den Ball an ihm vorbei zu bekommen. Mit einem guten Auge wäre so mancher „dicke Bolzen“, den Boateng schoss, abzuwenden gewesen, aber er hatte dieses Auge nicht. Und ich glaube nicht, dass es nur daran lag, weil er links (statt rechts) in der Viererkette spielen musste. Zurzeit scheint Boateng nur bei 80 Prozent zu sein, und wenn er seine WM-Chance wahren will, dann sollte er sich jetzt im Training bemühen, seine Fitness, auch die mentale, stetig zu verbessern. Sonst könnte er bei der Nominierung des WM-Kaders noch eine böse Überraschung erleben. Er könnte es doch! Er war doch schon auf einem so guten Wege! Was sorgt dafür, dass er nun in dieses Tief gefallen ist? Die Gedanken an einen Vereinswechsel?

Auch Ruud van Nistelrooy steckt zurzeit in einem solchen Tief. Für seine Situation aber völlig normal. Das weiß jeder Spieler, der schon einmal länger verletzt war und dann wieder einsteigen musste. Das erste Spiel ist immer okay, vielleicht auch noch das zweite und dritte, aber dann? Dann fällt man in ein kleines körperliches Loch, und in einem solchen steckt van Nistelrooy jetzt. Gegen Leverkusen war er schon nichts, gegen Anderlecht erst recht nicht. Kein Grund zur Panik aber, das wird schon, doch da werden sich alle Geduld üben müssen: der Spieler, die Trainer, die Fans. Ich würde van Nistelrooy auch gegen Schalke nicht von Beginn an bringen, sondern dann, wenn es die Situation erfordert (oder zulässt), als Einwechselspieler. Übrigens: Dass Labbadia van Nistelrooy bis zum Ende auf dem Rasen ließ, das hatte erneut mit den Körpergrößen beider Teams zu tun. Anderlecht ist dem HSV in diesem Punkt weit überlegen, deshalb brauchte der HSV-Coach den kopfballstarken Niederländer bei gegnerischen Standards, weil er einer der größten Spieler im Hamburger Team ist.

Grundsätzlich ist es natürlich so, dass der HSV in Sachen Kraft in diesen Wochen und Monaten mehr Aderlass zu beklagen hat, als zum Beispiel nun der kommende Gegner Schalke 04. Obwohl auch Bruno Labbadia in Sachen Kraftreserven sagt: „Wenn man international spielen will, dann spielt man eben alle drei Tage, und deshalb muss man auch nicht über die Kraft reden. Es ist klar, dass man dann auf Gegner treffen kann, wie jetzt Schalke, der die ganze Woche nur auf dieses eine Spiel wartet. Das können wir nicht ändern.“ Und deswegen bleibt es hart für den HSV, in der Bundesliga und in der Europa League zu bestehen. Der HSV-Coach weiß das und geht in die Offensive: „Wir können beide Wettbewerbe, wir wollen auch beide Wettbewerbe – das will doch jeder so haben. Jetzt gilt es einfach, die Kräfte zu mobilisieren, aber dazu sind wir auch in der Lage.“ Dann sagt Bruno Labbadia auch optimistisch: „Wir sind stark genug, um auch Schalke schlagen zu können, und das wollen wir am Sonntag versuchen.“

So, ganz zum Schluss noch eine andere Geschichte. Ich sprach heute mit Sidney Sam. Der an den 1. FC Kaiserslautern ausgeliehene Stürmer könnte im Sommer zum HSV zurückkehren – wenn es der HSV so will. Sam sagt: „Zurzeit sprechen beide Klubs darüber, der 1. FC Kaiserslautern bemüht sich intensiv darum, dass ich bei ihm bleibe.“ Bei einem Aufstieg des FCK würde Sidney Sam wohl auch gerne am „Betze“ bleiben, denn dort fühlt er sich wohl, dort ist er eine Führungspersönlichkeit geworden. Er sagt: „Es gibt auch andere Angebote für mich.“ Die aber, das denke ich, spielen keine große Rolel für ihn. Entweder FCK oder HSV. „Eines Tages, wenn ich reifer und erfahrener bin, kehre ich ganz bestimmt zum HSV zurück, das will ich – aber im Moment muss das noch nicht sein.“ Obwohl er auch so selbst bewusst geworden ist, dass er sagt: „Wenn ich im Sommer nach Hamburg zurück müsste, dann würde ich mir schon zutrauen, dass ich auch Stammspieler werde. Weil ich mich gegenüber meiner ersten Zeit in Hamburg doch erheblich verbessert habe.“

Ganz sicher ist es so. Mir imponiert der U-21-Nationalstürmer mit seiner schnellen, trickreichen Spielweise sehr. Und mit welcher Selbstverständlichkeit er sich – im Alter von 22 Jahren – nun schon die Elfmeter nimmt und verwandelt, das ist ebenfalls klasse. Und zeugt davon, dass er Verantwortung übernehmen will. Trotz seiner Jugend. Deswegen sage ich ganz klar, auch wenn ich Sidney Sam damit ein wenig wehtun muss: Ich würde ihn gerne wieder in Hamburg sehen, und zwar nicht nur beim Gastspiel des 1. FC Kaiserslautern, sondern erst einmal für immer.

Um noch auf einen anderen “Neuling” zu kommen: Bruno Labbadia ist sehr erfreut über den Fitnessstand von Paolo Guerrero. Aus den Worten des Trainers meine ich herausgehört zu haben, dass er dem Peruaner nicht zugetraut hatte, körperlich schon so weit zu sein. Labbadia fand am Freitag (fast) nur lobende Worte, obwohl er natürlich auch festgestellt hat, dass dem guten Guerrero doch noch einiges fehlt. Genau deswegen spielt er für das Schalke-Spiel auch noch keine Rolle, aber danach? Ich würde jetzt nichts mehr ausschließen.

19.42 Uhr