Tagesarchiv für den 16. März 2010

Guerrero will mitmischen

16. März 2010

Ich habe heute meinen Kollegen Christian Pletz zum Training geschickt. Er hat mir berichtet, dass er zu Beginn der Trainingseinheit einen kleinen Schrecken bekommen hat im Hinblick auf das Europapokalrückspiel in Anderlecht. Erst vermisste er nur Ruud van Nistelrooy, dann auch noch Joris Mathijsen und zu guter Letzt David Jarolim – das trieb ihm dann doch ein paar Sorgenfalten ins Gesicht. Aber nach einiger Zeit konnte er dann wenigstens Entwarnung geben. Van Nistelrooy absolvierte ein wohl dosiertes Kraft- und Cardio-Training drinnen, Jarolim joggte ebenso wie der leider mal wieder leicht angeschlagene Bastian Reinhardt und Rekonvaleszent Romeo Castelen im Volkspark, und Mathijsen drehte ein paar Runden mit Techniktrainer Ricardo Moniz auf dem Trainingsplatz. Für das Duell in Belgien sind die besagten Drei aus der Stamm-Mannschaft weder fraglich noch gefährdet. Sie fliegen am morgigen Mittwoch mit und werden mindestens im Kader, eventuell sogar in der Startelf stehen.

Momentan, und das liegt natürlich auch an der jüngsten Niederlage in Leverkusen, muss man als Trainer des HSV ein „dickes Fell“ oder schlechte Ohren haben. Warum? Weil die Kritik am Coach, gelegentlich auch Hohn und Spott, natürlich sprießt wie Krokusse. Ein älterer Herr war heute offenbar erstaunt, dass so viele Trainingszuschauer (200-300) die Ränge am Trainingsplatz füllten – es sind ja Ferien, und die Anzahl der Kinder war wirklich enorm hoch. Und wie kommentierte der Mann das? So: „Ist Bruno schon weg und ein Neuer da, oder warum ist hier so ein Trubel?“

Das Gelächter der Umherstehenden hielt sich arg in Grenzen. Und Labbadia selbst stand in 30 Meter Luftlinie entfernt und konnte wegen des eisigen Windes eh nichts verstehen. Aber er weiß es ja selbst. Der Druck wächst, die Kritiker an seiner Person werden auch immer mehr, und Recht machen kann er es sowieso nicht allen.

Wer nun nach der gestrigen Kabinenpredigt des Coaches erwartet hatte, er würde seine mit Wut, Frust und Trotzgedanken getankte Mannschaft auf den Rasen schicken und dabei die gewünschte Reaktion hautnah miterleben, der wurde enttäuscht. Fußball-Tennis am laufenden Band – so lautete das Programm in den 70 Trainingsminuten. Nun werden wieder einige von Euch aufjaulen und schimpfen: „ Ja, so kann es ja auch nichts werden! Felix Magath würde seine Truppe nach so einer zweiten Halbzeit wie in Leverkusen mit Medizinbällen aufm Kopf, in den Armen und zwischen den Beinen den Süllberg rauf und runter jagen.“ Ja, das stimmt vielleicht sogar. Aber Magath hat mit seinem Team unter der Woche auch jede Menge Zeit, und der HSV spielt eben noch international, was ja auch nicht zu verachten ist.
Im Klartext heißt das: Die Mannschaft soll Kraft tanken, auch oder vor allem mental. Sie hat die Kritik des Trainers offenbar gut verdaut. Die Profis sollen sich gedanklich auf das Rückspiel in Anderlecht einstimmen. Morgen findet in Belgien das Abschlusstraining statt – und dann liegt die Wahrheit einzig und allein auf dem Platz. Über fehlende Regenerationszeit nach dem Leverkusen-Spiel wird sich jedenfalls keiner der Spieler beschweren können.

Eine Beschwere pro forma bahnt sich ebenfalls schon an. Ich betrachte es mal als lustige Anekdote. Paolo Guerrero, früher „der kleine Krieger“, heute vielen schon besser bekannt als „der kleine Flieger“, erzählt immer und immer wieder, dass er auf seinen Einsatz in Anderlecht hofft. Trainer Labbadia hat sich zuletzt ja einen Überblick über den körperlichen Zustand seines Stürmers gemacht und hält dessen Nominierungsdrang für stark verfrüht. Na gut, äußerte sich Guerrero angesprochen auf diesen Umstand, falls es nichts mit Anderlecht werden sollte, dann doch bitteschön gegen Schalke – am Sonntag. Ob Labbadia darüber auch noch lächeln kann. Ich kann es…

Wahrscheinlich wäre Guerrero auch gar nicht so erpicht auf eine Expressrückkehr nach seinem Kreuzbandriss, wenn sein Vertrag nicht im Sommer auslaufen würde. Momentan gilt der Peruaner ob seiner Verletzung auf dem internationalen Markt als „heikle Ware“. Grund: Keiner weiß so recht, ob der Stürmer noch einmal richtig in Form kommt. Und das will er natürlich beweisen. Die Zeit wird knapp. Ich bin mal gespannt, wie diese Geschichte ausgehen wird.

Denjenigen, die Guerrero bei einer seiner wenigen Einheiten mit dem Team gesehen haben und ihn lachend und fit wirkend für einsatztauglich halten, sei an dieser Stelle entgegnet, dass zwischen leichter Übungseinheiten (mehr hat Guerrero im Team noch nicht absolviert) und Pflichtspielen gerade im Profibereich noch Welten liegen. Immerhin machte der Angreifer am Montag ein paar längere Läufe mit Tempo, bei denen er einen guten Eindruck hinterließ. Und die Eindrücke in Hamburg untermauern zudem den Eindruck, dass sich der Offensivmann in seiner Heimat entgegen einiger hiesiger Befürchtungen nicht ausgeruht hat, sondern intensiv an seinem Comeback gefeilt hat. Nun muss der Trainer entscheiden, wann Guerrero seine erste Kaderberücksichtigung findet.

So, jetzt lasse ich Euch vorerst wieder alleine. Ich bin echt gespannt, wie die Reaktion der Mannschaft in Anderlecht aussehen wird. Es geht immerhin ums Viertelfinale. Und um eine neue Auslosung, bei der der HSV auf einen der vielen attraktiven Kontrahenten treffen könnte. Ganz ehrlich: Ich freue mich schon auf Donnerstag, auch wenn das Spiel erst um 21 Uhr beginnt.

PS: Ich werde mich erst morgen ausführlich zum Thema Zé Robero auslassen. Ich bin aber schon jetzt gespannt, was Ihr von der Sache haltet. Für diejenigen, die noch nicht im Bilde sind, sei kurz erklärt: Zé soll ein lukratives Angebot von Red Bull New York vorliegen haben, gültig ab Sommer, und soll nicht abgeneigt sein dieser Offerte zu folgen.

17:40 Uhr