Tagesarchiv für den 15. März 2010

Labbadia redet Tacheles

15. März 2010

David Jarolim war heute der Erste, der aus der HSV-Kabine kam. Der Kapitän machte gar kein Geplänkel oder Rumgeeiere aus der Niederlage in Leverkusen. „Wir haben den Anschluss nach oben verloren“, befand er geknickt und legte noch drei Worte machen, die ich ihm zu 100 Prozent abnehme: „Das tut weh!“ Erklärungen für den Auftritt in Hälfte zwei, in der sich der HSV nicht mehr richtig gewehrt hatte, vermochte der Tscheche nicht zu vermelden. „Keiner hat das gespielt, was er kann. Wir waren nicht aggressiv genug.“ Als ich diesen „Jaro“ da so reden hörte und ihn betrachtete, wirkte er fast ein bisschen so, als resigniere er. Doch die Frage eines TV-Kollegen nach den Rechenkünsten, welcher Platz denn nun für die Europa-League der kommenden Saison reiche, weckte dann doch seine Bissigkeit: „Wir wollen nicht spekulieren oder rechnen oder so, wir wollen wenigstens noch Platz vier erreichen und sichern. Dafür sind wir stark genug!“

Klar, dass Jarolim so denkt. Er weiß – wie wir wahrscheinlich alle -, dass diese Mannschaft des HSV große Qualitäten hat. Dass sie es besser kann, als sie es zuletzt häufiger gezeigt hat. Dass sie momentan vielfach unter ihren Möglichkeiten bleibt, weil sie mehrere vermeintliche Führungskräfte „durchschleppt“ bzw. einige Leistungsträger in regelmäßigen Abständen durchhängen. Aber welches Indiz soll ich nehmen, um wirklich optimistisch in den Saisonendspurt zu gehen? Schließlich stehen in den kommenden Wochen weiterhin jede Menge Spiele an, die physisch und mental Kraft kosten, es wird bestimmt noch die eine oder andere Verletzung geben – und die ehemals Langzeitverletzten und Hoffnungsträger wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder auch Eljero Elia werden bestimmt nicht durchstarten wie Raketen.
Halt, stopp. Bevor mir wieder jemand unterstellt, ich mutiere zum Nörgler oder Berufspessimisten, habe ich mich heute mal gezielt nach Optimismuspotenzial umgesehen. Dazu gleich mehr.

Wisst Ihr, was „Jaro“ in seiner treffenden Situationsbeschreibung gesagt hat? Er sagte: „Jetzt geht es nicht darum zu zaubern, jetzt müssen wir nicht Barcelona spielen, sondern kämpfen und Zweikämpfe gewinnen!“ Jawoll. Auch wenn hier in Hamburg jetzt nicht der Abstiegskampf eingeläutet wird, sondern der Endspurt im Kampf um eine direkte Qualifikation für den Europapokal, sind mal Trotzreaktionen gefragt. Das Gegentor zum 3:1 für Leverkusen war so ein Treffer, der in dieser Form einfach nicht fallen darf und dieses Manko des letzten Willens bestens repräsentiert: Renato Augusto wird von Dennis Aogo nicht aggressiv und konstant genug am Flanken gehindert, und in der Mitte hatte Guy Demel den Weg zum Ball schon aufgegeben, bevor er den möglichen Zweikampf mit Stefan Kießling überhaupt gesucht hatte. Bei einem Stürmer, der in dieser Form potenzielle Abschlüsse verpasst, würde man wohl von fehlendem „ultimativen Tordrang“ oder neudeutsch von mangelnder „Torgeilheit“ sprechen. Defensiv machen solche Defizite eben den Unterschied zwischen Remis und Niederlage aus. So einfach ist das.

Ich habe ja gelesen, dass einige von Euch kein gutes Haar am Trainer lassen. Ich habe ja vor einiger Zeit schon geschrieben, dass ich eine Bewertung der Labbadiaschen Tätigkeit erst nach Saisonende vollziehen möchte. Dennoch werden er und seine Maßnahmen natürlich auch weiterhin Einzug in meine Berichte haben. Heute beispielsweise hat er das gemacht, was man in so einer Situation einfach mal machen muss: Er hat intern Tacheles geredet.

Der Coach wollte trotz mehrfacher Nachfragen zwar nicht auf Details eingehen („So etwas gehört in die Kabine und nicht showmäßig in die Öffentlichkeit!“), aber meine Informationen besagen, dass die Fehler des Duells gegen Leverkusen alle beim Namen angesprochen wurden. Das heißt: Die Herren Profis haben diesmal richtig „Peitsche“ bekommen, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder mögliche mentale Ungleichgewichte. Aus dieser Aktion ziehe ich meinen Optimismus für diese Woche. Ernsthaft. Ich hoffe, dass die Spieler mal so richtig attackiert wurden. Ausreden haben schließlich immer viele parat, und die sind ja auch leicht gefunden (Müdigkeit, Mehrfachbelastung, Eingewöhnungsphase nach Verletzungen usw.). Warum ich das hoffe? Weil das möglicherweise bei dem einen oder anderen eine Trotzreaktion hervorruft. Die Zeit der Jammertage (auch für die, die immer nur hinter vorgehaltener Hand nörgeln und leiden) muss vorbei sein, wenn der HSV im Endspurt nicht noch eine eigentlich ganz gute Saison verdaddeln will.

Zé Roberto sagte nach der „Kopfwäsche“, in der auch er nicht kommentarlos davon gekommen sein dürfte angesichts zu vieler Passivphasen, dass nun „jeder in die Pflicht genommen werden müsse“, er eingeschlossen – vor allem in Anbetracht des Auswärtsspiels am Donnerstag in Anderlecht. Jetzt ist eben auch mal Kämpfen, Beißen, Kratzen angesagt. Schönwetterfußball steht erst wieder an, wenn die unübersehbare fußballerische Mini-Krise mit zwei, drei guten Resultaten in Folge ad acta gelegt wurde.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Bruno Labbadia seinen gesamten Kader „unter Beobachtung“ gestellt hat. Das heißt: Er wird sich die Einstellung aller Spieler, auch die gestandener Stammkräfte, genauestens betrachten und auch nicht vor unpopulären Maßnahmen zurückschrecken, wenn er das Gefühl hat, einer verlässt sich auf sein spielerisches Können. Die defensive Anfälligkeit ist schließlich so etwas der Anfang des sportlichen Abstiegs in der Tabelle – und den gilt es mit aller Macht aufzuhalten.

Ein Schlusswort noch kurz zu Paolo Guerrero. Der Peruaner liebäugelt ja öffentlich kurz nach seiner Rückkehr aus der Langzeitpause nach dem Kreuzbandriss mit seiner Nominierung. Auch er dürfte sich demnächst auf ein paar deutliche Worte seines Trainers gefasst machen, der den körperlichen Zustand seines „Flugspezis“ etwas anders einschätzt. Guerrero müsse erst einmal ein paar Trainingseinheiten mehr unter voller Belastung machen, sagt Labbadia: „Für das Spiel in Anderlecht steht er nicht zur Debatte.“

18:10 Uhr