Tagesarchiv für den 14. März 2010

Jetzt wird es ganz eng

14. März 2010

Aus der Traum. Von ganz oben jetzt auf sicher. Die 2:4-Niederlage in Leverkusen wirft den HSV entscheidend zurück, von der Champions League darf in Hamburg nun niemand mehr träumen, jetzt kann es nur noch darum gehen, Platz fünf zu verteidigen. Es wird noch ganz, ganz eng. Und es war diesmal ganz deutlich zu erkennen, dass die Doppelbelastung Bundesliga/ Europa League doch enorme Kräfte fordert. Leverkusen wirkte insgesamt frischer, schneller, spritziger und ideenreicher, der HSV baute nach guter erster Halbzeit stetig ab, hatte kaum noch Szenen in der Offensive – und durfte sich beim erneut starken Torwart Frank Rost bedanken, dass er nicht total unter die Räder kam. Bedenklich sind die vier Gegentore, erstmals in dieser Saison, bislang waren drei Schalke-Treffer das Höchstmaß für die HSV-Defensive, die diesmal Auflösungserscheinungen zeigte. Alles eine Sache der Konzentration? Nun heißt es für den HSV, Kraft für das schwere Europa-League-Spiel am Donnerstag beim RSC Anderlecht zu sammeln – damit auf jeden Fall ein Traum in Hamburg weiterhin geträumt werden kann.

Mit Guy Demel, mit Ruud van Nistelrooy – und auch wieder mit Eljero Elia gegen Bayer. Bruno Labbadia beweist Geduld. Vor allem mit dem kleinen niederländischen Flitzer, der zuletzt ganz und gar nicht mehr so richtig flitzen konnte oder wollte. Aber wahrscheinlich denkt der Trainer bei Elia ebenso wie bei Ze Roberto und van Nistelrooy: Jede Spielminute bringt sie weiter, jede Minute kann dafür sorgen, dass diese Spieler ihren Rhythmus, den sie einst hatten, wiederfinden können. Unter diesem Aspekt ist wohl das Festhalten an Elia zu sehen. Wobei es natürlich auch eine andere Warte des Trainers geben könnte: Bei der Wahl zwischen Elia und Piotr Trochowski ist Elia das kleinere Übel . . .

Immerhin: Elia, von dem phasenweise erneut nichts zu sehen war, hatte diesmal auch einige gute Szenen. So in der elften Minute, als er einen überragenden Pass auf Mladen Petric gab, der – hart bedrängt – mit seinem Heber über Adler dann scheiterte, der Ball flog ins Aus. Der Pass aber war sensationell – mehr davon, Eljero Elia! Er musste auch diesmal über rechts kommen, allerdings versuchte er sich einige male auch über links – dann wechselte Marcell Jansen auf die rechte Seite. Leider klappte das nicht so gut, wie zum Beispiel die Münchner Lösung mit dem Linksfuß Robben über rechts. Als Jansen mit dem Ball am Fuß über rechts in den Bayer-Strafraum eindrang, hatte er keine Traute, den Ball mit seinem schwächeren rechten Fuß in die Mitte zu passen – Chance vertan (12.).

Auffällig am Offensivspiel des HSV: Mladen Petric war die einzig echte Sturmspitze, Ruud van Nistelrooy ließ sich oftmals weit zurückfallen, hielt sich oft um den Mittelkreis herum auf, holte sich sogar einige Bälle Mitte der eigenen Hälfte. Er lief viel, hatte aber nach vorne dafür wenigere Szenen. Und torgefährlich wurde er in Halbzeit eins eigentlich nie. Diejenigen, die den Niederländer gerne weiter vorne gesehen hätten, sei gesagt, dass sich Bruno Labbadia mit dem zurückgezogenen van Nistelrooy sicher etwas gedacht hat. So ging „Van the man“ der harten Manndeckung durch Friedrich des Öfteren aus dem Weg, stand nicht so sehr im Brennpunkt, wenn es im oder am Strafraum hart zur Sache ging. Ich habe Verständnis dafür, wenn Labbadia so argumentieren würde, denn van Nistelrooy ist körperlich noch lange nicht bei 100 Prozent, kann es gar nicht sein. Für mich ist es eine kleine Sensation, dass er überhaupt schon zu diesem Zeitpunkt von Anfang an in ein Bundesliga-Spiel gehen kann. Aber natürlich gilt auch für ihn, was ich eingangs über Elia (und ihn) schrieb: Jede Spielminute bringt ihn nach vorn, so lange er nicht verletzt wird.

Der HSV war – anders als es Fritz von Turn und Taxis gesehen haben wollte – in Halbzeit eins ganz sicher nicht die schlechtere Mannschaft, im Gegenteil, ich sah ihn in Sachen Spielanteilen leicht vorne. Genau das dürfte die Mannschaft auch dazu verführt haben, so „offen wie Holland“ zu stehen und so Kießling zum 1:0 einzuladen. Ein Wahnsinn! Da haben David Rozehnal (59 Länderspiele) und Joris Mathijsen (9 Länderspiele) so viel Erfahrung, und dennoch begehen sie eine solche grobe Nachlässigkeit. Statt tiefer zu stehen, statt die Mitte abzusichern, stehen sie an der Mittellinie völlig unsortiert. Und Leverkusen marschierte prompt ab durch die Mitte. Ein anfängerhafter Fehler der Hamburger Defensive ging diesem Tor voraus (22.). Zu sicher gefühlt? Zu überlegen gewesen? Auf jeden Fall war es dramatisch, wie man eine Heimmannschaft so zum Kontern einladen konnte.

Aber: Einmal kam der HSV noch zurück. Mit Glück. Mitte der Bayer-Hälfte gab es einen Freistoß für Hamburg. Der wurde nicht etwa nach vorne gespielt, sondern wieder einmal quer. Und dann – auch wieder einmal zurück bis zur Mittellinie. Auch das ist für mich Wahnsinn. Und typisch. Diesmal aber entwickelte sich daraus das 1:1. Mathijsen peitschte den Ball in den Bayer-Strafraum, dort waren sich Nationaltorwart Adler und Hyypiä nicht einig, der Ball prallte Ze Roberto vor den Fuß – und der vollendete mühelos aus 20 Metern. Hoffnung keimte auf. Zumal Ze Roberto, der bis dahin nicht zu sehen gewesen war, danach zwei bessere Szenen hatte, die ebenfalls für Mut sorgten.

Die Frage, die ich mir – abgesehen von diesem Tor – trotzdem stelle ist die: Warum wird ein Freistoß wieder nicht gleich nach vorne (Richtung gegnerischer Strafraum) gespielt? Ihr erinnert Euch: Als Rozehnal das einmal in Stuttgart wagte, verlängerte Robert Tesche per Kopf zu Ruud van Nistelrooy – Tor für den HSV. Mit dem Quergeschiebe aber (und dem nach Hintengespiele) wird nur eines erreicht: Der HSV-Spieler, der dann an den Ball kommt, wird sofort von einem Gegner bedrängt – und dann hilft oft nur ein Verlegenheitsabspiel und der Vorteil, der durch einen Freistoß eigentlich gegeben sein sollte, ist mir nichts dir nichts verpufft.

Kommen wir zur zweiten Halbzeit. Mathijsen sah beim 2:1-Kopfball von Derdiyok denkbar schlecht aus (fast schon katastrophal), und Dennis Aogo machte es beim 3:1 von Kießling seinem erfahrenen Nebenmann nach. Es war schon bitter, wie sich Aogo von Renato Augusto austanzen ließ, Flanke, Kießling allein im Fünfer – Tor. Nicht nur in dieser Szene fehlte mir die Kraft, die Entschlossenheit, sich energisch der Bayer-Angriffe zu erwehren. Aber, auch das sage ich sofort, es ist kein Wunder. Der HSV spielte am Donnerstag, Bayer wartete nach der ersten Saisonniederlage eine ganze Woche auf diese Wiedergutmachung. Und: Für den HSV war es die 41. Pflichtpartie dieser Saison, für Leverkusen erst das 27. Spiel. Welch ein Unterschied.

Labbadia versuchte diesmal alles. Er nahm Aogo raus (68.), van Nistelrooy raus (70.), Ze Roberto raus (76.), brachte Trochowski, Marcus Berg und Jonathan Pitroipa. Und als Rozehnal (nach Trochowski-Freistoß) auf 2:3 verkürzte, kehrte die Hoffnung wieder zurück – aber nur für schlappe 50 Sekunden. Dann nutzte Leverkusen den „Tag der offenen Tür“ erneut eiskalt aus – Castro vollendete zum 4:2. Es wird eng, denn die Konkurrenz aus dem Norden drängt verstärkt nach. Jene Konkurrenz, die natürlich auch der Doppelbelastung ausgesetzt ist – die aber nicht so viele Langzeitverletzte hatte (die jetzt erst Anschluss finden müssen), wie im Herbst der HSV. Und, immer daran denken: Auch in Hamburg stirbt die Hoffnung zuletzt!

19.39 Uhr