Tagesarchiv für den 13. März 2010

Drei offene Fragen

13. März 2010

Leverkusen ist immer eine Reise wert. Nicht etwas deshalb, weil die Stadt besonders schön wäre, nein, vielmehr deshalb, weil der HSV dort immer gut gespielt hat – und oft auch erfolgreich. Seit sieben Bundesliga-Spielen wartet Bayer auf einen Dreier gegen Hamburg, die Serie dürfte ruhig noch eine Weile andauern. Und an diesem Sonntag ohnehin – es wäre ja so wichtig, denn Dortmund kommt gewaltig. Beim HSV fehlt, das ist bekannt, Tomas Rincon wegen seiner fünften Gelben Karte, bei Leverkusen fallen Reinartz und Kroos gelbgesperrt aus – und besonders Kroos dürfte für die Heynckes-Truppe ein herber Verlust sein, denn der Bayern-Ausleihprofi war zuletzt nicht nur in großartiger Verfassung, er schoss auch einige ganz wichtige Tore. Hamburg wird sich diebisch freuen, dass die Kroos-Gewaltschüsse diesmal fehlen werden.

Apropos fehlen: Beim HSV hat es gegenüber dem Anderlecht-Spiel am Donnerstag drei personelle Veränderungen gegeben. Guy Demel, Jerome Boateng (bestand am Sonnabend beim Abschlusstraining den Härtetest) und Marcus Berg sind wieder im Kader, dafür fielen Rincon, Collin Benjamin und Abwehrtalent Henrik Dettmann raus, sie blieben in Hamburg.

Bruno Labbadia kann also (fast) in Bestbesetzung antreten lassen, hat aber bis zum Anpfiff noch mindestens drei knifflige Fragen zu lösen: Demel oder Boateng hinten rechts? Piotr Trochowski oder Eljero Elia ins rechte Mittelfeld? Und Ruud van Nistelrooy von Beginn an, oder doch eher Berg?

Beginnen wir in der Viererkette. Demel oder Boateng? Ich bin ja ein bekennender Boateng-Befürworter, aber in diesem Falle muss ich ganz klar sagen: Demel. Wieso? Weil Demel die ganze Woche trainiert hat, während Boateng verletzt fehlte. Der deutsche Nationalspieler kann gar nicht bei 100 Prozent sein. Und: Die Denkpause, die Demel in Form der Ersatzbank (beim Hertha-Spiel) erhalten hatte, sollte ihm geholfen haben. Vielleicht wurden dem guten „Giiiiiiiiieee“ dadurch die Augen geöffnet. Motto: „Was wirklich wichtig ist“. Sollte er jetzt seine Chance erhalten, dann müsste er sich nur ein wenig zusammenreißen (konzentriert und diszipliniert spielen) – und das würde dann in jedem Falle der Mannschaft gut tun. Und natürlich auch ihm, der ja vor einer Woche öffentlich zugab, zurzeit nicht in bester Verfassung zu sein, gewiss auch helfen.

Zum Mittelfeld. Dort war Elia zuletzt ein Ausfall. Und bleibt (nicht nur mir) ein Rätsel. Was ist los mit dem kleinen Niederländer, der weit, meilenweit von seiner Bestform entfernt ist. Ihr werdet Euch erinnern: Eljero Elia wurde zum HSV-Spieler der Hinserie gewählt. Und jetzt? Er läuft seiner Form hinterher, wobei das mit dem Laufen eigentlich gar nicht so richtig zutrifft, denn Elia trudelt meistens nur ein wenig aus. Von „Rakete“ ist nichts, aber auch überhaupt nichts mehr zu erkennen. Das böse Foul des Mainzers Noveski hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Denn auffällig ist ja auch, dass Elia kaum einmal einen Zweikampf sucht. Im Gegenteil, er zieht zu 90 Prozent zurück, wenn er merkt, dass es hart werden könnte. In dieser desolaten Verfassung ist er der Mannschaft keine Hilfe.

Wäre Trochowski dem Team eine Hilfe? Die Sache mit „Troche“ gleicht ja eher der einer Wundertüte. Mal so, mal so. Gegen Hertha BSC versagte der Einwechselspieler Trochowski, gegen Anderlecht war dem Einwechselspieler Trochowski durchaus anzusehen, dass er will. Natürlich glückt ihm in der jetzigen Verfassung, in der ich ihm eine gewisse Verunsicherung zubillige, nicht alles, aber er deutet immerhin an, dass er beißen will. Was mich zudem erfreut: Nach dem Anderlecht-Spiel, als alle Spieler vor der Nordtribüne tanzten, da tanzte Trochowski mit, er klatschte den Fans zu, ihm war seine Freude anzusehen. Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte: Er zieht sich nicht beleidigt zurück, er lässt auch nicht den Kopf hängen, er macht so, als wäre nichts geschehen. Oder er tut äußerlich nur so, das aber vermag ich nicht eindeutig aufzuklären.

Um noch einmal auf sein Interview, das er meinem Abendblatt-Kollegen Kai Schiller gegeben hat, zurück zu kommen: Trochowski bekam von vielen „Matz-abbern“ mal wieder reichlich um die Ohren. Ich habe zunächst gedacht: Bitter. Und auch: Lieber Piotr Trochowski, gebe in den nächsten zwei Jahren kein Interview mehr. Aber das würde ja auch nicht helfen. Ich habe mich aber dann noch weiter mit diesem Thema beschäftigt. Und bin so zu folgenden Aussagen von ihm gekommen:

Wohlgemerkt, ich lege ihm, lege Piotr Trochowski, diese Worte in den Mund, ich habe das alles nur erfunden. Deshalb bitte nicht falsch interpretieren.
Trochowski über sich, den HSV und seine Lage in der Nationalmannschaft: „Ich gebe zu, dass ich seit Jahren schlecht spiele. Ich habe bei Doll, bei Stevens, bei Jol und nun bei Labbadia keinen Stammplatz gehabt, deswegen war ich froh, dass wir einen solchen Bundestrainer haben, wie wir ihn haben. Joachim Löw erkennt nicht das, was Doll, Stevens, Jol und Labbadia in mir erkannt haben. Löw holt mich immer und immer wieder, und ich kann mich nicht dagegen wehren. Dabei gebe ich allen zu: ich spiele schlecht. Auf jeden Fall aber stets deutlich unter meinen Möglichkeiten. Dafür möchte ich mich bei allen HSV-Fans, bei den Trainer und den Verantwortlichen entschuldigen. Ich werde auch am Ende der Saison meine Konsequenzen ziehen, ich werde Hamburg verlassen. Mein Berater Roman Grill hat den Auftrag erhalten, einen Vertrag mit Union Berlin oder eventuell auch mit Greuther Fürth abzuschließen. Wie gesagt, es tut mir wirklich leid, dass ich alle Hamburger seit vielen Jahren enttäuscht habe, ich bitte um Verzeihung.“

Ob diese Sätze bei den Trochowski-Gegnern „angekommen“ wären? Ganz sicher nicht. Sie hätten mit Häme reagiert. Und vielleicht hätten sie auch gesagt: „Seht ihr, ich habe es doch immer gewusst, Trochowski ist ein Weichei!“ Denn das muss ja mal gesagt werden: Egal, was auch immer Piotr Trochowski jetzt von sich gibt, bei seinen Gegnern wird es immer das Falsche sein. Tritt er selbstbewusst und noch selbstbewusster auf, so heißt es natürlich, er sei fernab jeder Realität. Ist er voller Demut, heißt es ganz sicher, dass er zu schwach sei. Aber, und das ist die Crux: Gibt er keine Interviews mehr, verweigert er sich den Journalisten, ist er auch bei denen unten durch. Also, wie er es auch immer macht, er kann nur verlieren. Doch natürlich haben alle diejenigen recht, die sagen: „Spielt er endlich einmal so, wie er es könnte, dann muss er auch gar nicht viel reden, denn dann ließe er sein Spiel für sich sprechen.“ Letztere Variante würde ich deshalb dann auch ganz stark favorisieren. Und: Ich würde Piotr Trochwoski morgen in Leverkusen von Beginn an auflaufen lassen.

Wie übrigens auch Ruud van Nistelrooy. Der würde beim „Trainer Matz“ auch zur ersten Spielminute auflaufen. Und dann so lange stürmen, bis er nicht mehr kann. Und, um auch das noch einmal aufzuarbeiten: Viele von Euch (oder die Fans im Stadion) hatten ja kritisiert, dass Bruno Labbadia den nachlassenden Niederländer gegen Ende des Anderlecht-Spiels nicht ausgewechselt hat. Ich hätte, das gebe ich zu, es während der Partie auch befürwortet, aber: Die Überlegungen des Trainers, den langen van Nistelrooy gegen die langen und damit kopfballstarken Belgier im Spiel zu lassen (sowohl offensiv als auch defensiv!), die waren ja genau richtig. Also, und damit habe ich nun nicht die geringste Schwierigkeit, deshalb ein ganz klares Lob von mir an Bruno Labbadia.

Sollte van Nistelrooy dann gegen Ende des Leverkusen-Spiels erneut nachlassen, so käme Marcus Berg als sein Ersatz. So einfach ist das. Oder wäre das für mich. Ob Bruno Labbadia sich dazu durchringen kann oder wird, ob Ruud van Nistelrooy selbst grünes Licht für seinen Einsatz geben wird, das dürfte sich allerdings erst am Sonntagnachmittag entscheiden.

Ansonsten hat „Matz ab“ mal wieder eine äußerst turbulente Nacht hinter sich – es betrübt mich. Deswegen möchte ich jetzt auch nicht mit „Nur der HSV!“ enden, sondern lediglich sagen: „Ich habe Euch alle lieb.“

18.07 Uhr