Tagesarchiv für den 12. März 2010

Und plötzlich ist Guerrero da

12. März 2010

Es ist kein Spiel wie jedes andere. Weder für die HSV-Mannschaft, noch für den Trainer. Der HSV könnte mit einem Sieg am Sonntag in Leverkusen einen großen Schritt in Richtung Europa tun, und für Bruno Labbadia gilt es, der Vergangenheit zu begegnen. Mit der Bayer-Mannschaft hatte er in der Saison 2008/09 eine grandiose Hinrunde gespielt, der damalige HSV-Trainer Martin Jol schwärmte von Leverkusen als „bestes Teams der Bundesliga“ („Die werden Meister“), aber dann gab es in der Rückrunde das böse Erwachen, den Absturz ins Mittelfeld – und den Ärger um das Pokalfinale gegen Werder Bremen. Labbadia aber lässt sich in Richtung Leverkusen nichts entlocken, er will nichts von Abrechnung, Rache oder ähnliche Begriffe wissen, er hält den Ball flach: „Es ist interessant, dorthin zurück zu kehren, denn wir hatten im ersten halben Jahr in diesem Stadion ein tolles Gefühl. Ich freue mich ganz einfach auf die Rückkehr. Aber ein besonderes Spiel? Nur deshalb, weil es nun heiße Spiele für uns gibt. Erst Leverkusen, dann wieder Anderlecht, dann Schalke – das sind schon ganz besondere Spiele für uns.“

Mehr aber auch nicht. Sagt der HSV-Coach jedenfalls. Wie es innen, wie es in seinem Inneren aussieht, das konnte er schon immer geschickt verbergen, das gilt natürlich auch – oder erst recht – vor einem so wichtigen, einem so großen und vor allem brisanten Spiel. Letztlich ist es ja aber auch so: Es geht am Sonntag nicht um Bruno Labbadia, sondern um den HSV, um Sieg, um oben dran zu bleiben. „Es wird ein intensives, ein interessantes Spiel, dazu auch eine technisch sehr anspruchsvolle Begegnung – da treffen zwei Top-Mannschaften aufeinander.“ Und dabei, so wünschen es sich ganz sicher auch die meisten HSV-Fans, sollte möglich auch Ruud van Nistelrooy wieder mithelfen. Wenn es geht, von Beginn an. Das aber ließ sich Labbadia noch offen. Erst einmal muss wohl abgewartet werden, wie die „Erscheinung“ die ersten 90 Minuten seit über einem Jahr verarbeitet hat.

„Hoffentlich können wir so weitermachen und so ein sehr gutes Saisonende spielen. Es hat Spaß gebracht, es lief gut, wir haben gut gespielt, auch gut nach vorne gespielt, Chancen kreiert, den Ball laufen lassen, den Ball immer in den Fuß gespielt – und wir haben gut über die Außenpositionen gespielt, über Elia und Marcell Jansen, so können wir sehr gefährlich werden“, sagte Ruud van Nistelrooy über seine ersten 90 Minuten in Hamburg. Er ist eigentlich immer heiß, brennt auf seinen Einsatz, will immer von der ersten Minute ran. Diesmal aber bremst er sich selbst ein bisschen: „Ich muss mal abwarten, wie es geht. Von Donnerstag auf Sonntag, das ist ja ziemlich schnell, das werde ich mal sehen. Ich will in aller Ruhe abwarten.“

Dass sein Tor zum 2:0 etwas Besonderes für ihn war, das gab er unumwunden zu: „Natürlich, das war sehr schön für mich. Bei meinem Treffer hatte ich auch Glück, der Ball prallte an den Innenpfosten. Als Stürmer versucht man immer, den Ball auf und in das Tor zu schießen, dass es geklappt hat, war besonders schön für mich. Es hat an diesem Abend alles gepasst, internationale Spiele sind immer schön, die Fans standen hinter uns, die Stimmung war gut – wir waren gut drauf, das war ein sehr schöner Abend, ich habe jede Minute genossen.“

Dass van Nistelrooy bis zuletzt auf dem Rasen blieb, obwohl er in Sachen Kraft doch abgebaut hatte, begründete der HSV-Trainer mit der Größe des Gegners: „Wir hätten den Ruud gerne eine Viertelstunde vor Schluss vom Platz genommen, aber dadurch, dass wir in der Körpergröße Anderlecht doch ein Stück unterlegen waren, brauchten wir ihn noch unbedingt auf dem Rasen.“

Ob „Van the man“ auch am Sonntag in der HSV-Startformation stehen wird? Abwarten. „Wir werden es wieder so halten, wie vor dem Anderlecht-Spiel. Da haben wir uns auch erst kurzfristig dafür entschieden, dass Ruud von Anfang an spielen wird. Ich werde mit ihm reden, wir werden mal sehen, wie er sich nach diesem Spiel fühlt – und dann mal gucken, wie und ob es geht“, sagt Labbadia. Er hatte es seinem neuen Stürmer erst drei Stunden vor dem Anpfiff mitgeteilt. Nach dem Spiel lobte der Coach dann den Weltstar: „Er hat seine unglaubliche Qualität gezeigt, er hat sich sehr gut bewegt. Und er hat gezeigt, wie wertvoll er für uns ist. Ruud hat sein Können eindrucksvoll bewiesen – das war sehr gut. Ich denke, dass er sehr, sehr gut gearbeitet hat, seit er hier ist, dass wir aber auch eine Balance finden, zwischen Arbeit und gleichzeitig Regeneration, dass wir sehen, dass wir nichts überpowern – und das ist genau das, was wir in den nächsten Tagen und Wochen mit ihm tun müssen.“

Ähnlich wird es sich mit Paolo Guerrero verhalten. Plötzlich war der Peruaner wieder da, saß sogar beim Anderlecht-Spiel im Stadion. Von Flugangst war und ist nichts mehr zu spüren, der Südamerikaner lacht schon wieder viel, wirkt frisch, erholt und unternehmungslustig. Er gibt zu: „Ich hatte einige kleine Probleme nach Hamburg zu fliegen, aber nun bin ich hier. Ich bin zu 80 Prozent fit, ich denke, dass ich gegen Anderlecht schon wieder spielen kann.“ Der Optimist. Er wird sich wohl in Geduld üben müssen. Bruno Labbadia jedenfalls sagt lächelnd: „Er will spielen, aber dafür haben wir Trainer, dafür haben wir eine medizinische Abteilung. Klar, da gibt es eine Diskrepanz, der Spieler will immer schnell, aber davor sind noch einige Tests angesetzt, davor ist für Paolo noch einige Arbeit angesetzt, damit ausgeschlossen ist, dass es Folgeverletzungen gibt. Wir hatten vor Wochen einen Plan entwickelt, der muss noch weiterhin abgearbeitet werden.“

Der erste Guerrero-Test steht für Sonnabend an, da wird es um die Kraft geben. Dann muss auch die Ausdauer überprüft werden, und, und, und. Labbadias Resümee zu diesem „Fall“: „Es ist klar für mich, dass gewisse Defizite nicht innerhalb einer Woche aufzuholen sind. Aber ich lasse mich immer jeden Tag neu überraschen, deswegen werden wir gucken müssen, wie sich das entwickelt.“ Immerhin sagt Bruno Labbadia auch: „Paolo macht einen sehr klaren und stabilen Eindruck.“ Diesen Eindruck vermittelte der Peruaner allen. Auch seinen Kollegen. Kapitän David Jarolim über die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“: „Wir waren überrascht, dass er so plötzlich da war. In der Kabine haben wir ihn dann geflachst, ob er eventuell schon Deutsch verlernt hätte.“ „Jaro“ weiter: „Er kommt jetzt zum richtigen Zeitpunkt, es ist nicht mehr so richtig kalt hier – er hat das schon clever gemacht. Aber er ist jetzt hier, das ist das Wichtigste, wir wollen ihn so schnell wieder im Mannschaftstraining sehen, nur muss man ihn da auch bremsen, er will ja sofort, doch da wird er es doch ein wenig langsamer angehen müssen.“

Ganz sicher ist es so. Obwohl Paolo Guerrero auch ein wenig schelmisch lächelnd sagt: „Ich bin froh, wieder in Hamburg zu sein, ich will der Mannschaft helfen, und ich denke, dass ich der Mannschaft auch helfen kann. Am liebsten sofort.“ Von seiner Flugangst will er nichts mehr wissen: „Ich hatte schon als kleines Kind Angst vorm Fliegen, das ist geblieben, das wissen auch die Kollegen. Ich habe immer Schwierigkeiten, wenn ich in der Luft bin, ich habe Angst, das ist für mich auch normal.“ Dass er in Peru zitiert wurde, die Flugangst sei eine Erfindung der deutschen Medien, das wies er aber zurück: „Ich gebe in Peru keine Interviews, deswegen kann ich das nicht gesagt haben. Ich stehe dazu, ich habe Angst vorm Fliegen.“ Obwohl er auch freudig zugab: „Jetzt der Flug nach Hamburg, der war sehr schön, es war ruhig, ich habe viel geschlafen . . .“ Dass er diese Flugangst verspürt, das schiebt er seinem Magen zu: „Mir wird immer schlecht, mir wird flau, mein Magen dreht sich. Das ist mein Problem.“ Einmal, so berichtete er, musste ein Flugzeug mit ihm an Bord (Ziel Deutschland) wieder nach Peru zurückkehren, weil sein Magen wieder einmal strikte. Bleibt nur zu hoffen, dass er das nicht noch oft macht. Zum Beispiel nicht auf dem Flug nach Brüssel – am Mittwoch.

Übrigens, folgende Anekdote möchte ich Euch zum Abschluss nicht vorenthalten. RSC-Trainer Ariel Jacobs (56) sagte nach der 1:3-Niederlage seines Teams folgendes über zwei HSV-Profis und seinen 16-jährigen Stürmer Romelu Lukaku: „In der ersten Halbzeit hat Lukaku mit seinen Kräften um sich geschmissen, in der zweiten Halbzeit gingen ihm dann die Kräfte aus – alles eine Sache der Erfahrung. Wenn man dagegen bei Hamburg Ze Roberto und David Jarolim sieht, die sehr viel Erfahrung haben, dann scheint es manchmal so, als würden sie aus dem Stillstand heraus Fußball spielen, aber das macht eben die Erfahrung aus.“ So kann man es natürlich auch sehen. Muss Mann aber nicht.

18.47 Uhr