Tagesarchiv für den 11. März 2010

Ruuuud tut allen gut!

11. März 2010

Sieg! 3:1 gegen Anderlecht, die halbe Miete ist drin, der HSV ist auf dem besten Weg ins Viertelfinale der Europa League. Gegen einen starken Gegner aus Belgien gab es drei herrliche Tore, das Spiel war von Leidenschaft geprägt, es ging hin und her – das war Fußball pur! Noch einmal so konzentrierte 90 Minuten, und es darf weiter vom 12. Mai geträumt werden, denn dann findet im Volkspark das Finale statt. Die HSV-Mannschaft wurde nach dem Schlusspfiff gefeiert und mit viel Applaus in die Kabine geleitet.

Nur 34 921 Zuschauer in der Arena, eine herbe Enttäuschung. Die Fans wollen immer internationale Spiele, aber offenbar nur die ganz besonderen. Schade. Im Achtelfinale hätte die Mannschaft doch ein wenig mehr Zuspruch verdient. So feuerten die Rothosen im Norden wie immer an, aber sie hatten mit den cirka 7000 RSC-Fans im Süden zu kämpfen, die mächtig Alarm machten. Auch schon am Nachmittag, denn da sollen in der Stadt schon einige belgische Fäuste gegen deutsche Köpfe geflogen sein. Bitter, aber so ganz ist die Gewalt eben doch nie zu stoppen, besonders bei internationalen Spielen wohl nicht.

Beim HSV gab es schon vor dem Anpfiff eine Überraschung: Ruud van Nistelrooy sollte sein Startdebüt geben. Unglaublich, wie schnell sich diese Nachricht herumgesprochen hatte. Und wie optimistisch die Hamburger mit einem Male waren. Wie oft war zu hören: „Hast du schon gehört? Ruud spielt. Dann gewinnen wir 3:0.“ Auch ein 4:0 hatten die Fans auf den Lippen. Unfassbar, was „Van the man“ in Hamburg bewegt.

Der HSV war von Beginn an leicht überlegen, die Belgier, die fast alle Gardemaß hatten, warteten auf Konter. Und die waren immer brandgefährlich. Der RSC war für mich besser als zuletzt der PSV Eindhoven. Zum Glück aber stand Joris Mathijsen gegen die Belgier wie der Fels in der Brandung, der Niederländer bewies erneut sein ausgezeichnetes Auge und stopfte links und rechts viele Löcher _ und bewachte, fast nebenbei, den talentierte Lukaku. Das war hervorragend. Noch einen Tick stärker vielleicht sein Nebenmann David Rozehnal. Der Tscheche war überall, er gewann fast alle seine Zweikämpfe, wirkte enorm konzentriert – und schlug auch diesmal kaum einen seiner sonst so (vom eigenen Anhang) gefürchteten 40-Meter-Fehlpässe. Alle Achtung, Rozehnal war ein ganz dicker HSV-Pluspunkt.

Was unangenehm auffiel: Viele, viele Fehlpässe und auch technische Unzulänglichkeiten. Mladen Petric und Dennis Aogo lagen gegenüber ihren Kameraden leicht vorne. Und Petric behandelte die Kugel nach dem Motto: „Unsere Spieler stoppen den Ball weiter – als der Gegner schießen kann. . .“ Das war gelegentlich auch für ihn unfassbar, denn einige Male schüttelte er seinen Kopf.

Aber alles wird gut. In Form des 1:0. Ein abgewehrter HSV-Eckstoß (23. Minute) flog vor die Füße von Dennis Aogo, und dessen Querschläger prallte wie beim Billard vor die Füße von Joris Mathijsen. Und der machte das Tor mit rechts! Diesen Fuß hat er eigentlich nur, damit er nicht umkippt . . . Diesmal nutzte er ihn zum erfolgreichen Torschuss – große Erleichterung.

Und danach war dann auch Petric im Spiel. Er hatte in der 35. Minute seine erste Szene, als er nach einem Jansen-Pass aus der Drehung schoss, die Kugel aber knapp am RSC-Tor vorbei flog. Dennoch sein Aha-Erlebnis, er war plötzlich da. Im Gegensatz zu Eljero Elia, der wieder einmal rechts, auf seiner ungeliebten Position, zum Einsatz kam – und nicht zu sehen war. An ihm lief das Spiel vorbei. Bis auf eine Szene in der 40. Minute. Da tauchte Elia urplötzlich links im RSC-Strafraum auf und legte den Ball zwei Meter auf den neben ihn lauernden Ruud van Nistelrooy. Und der machte das, was alle von ihm erwarten: ein Tor. Aber was für eines! Ein unglaubliches! Im Stile von Lothar Emmerich, der bei der WM 1966 in England gegen Spanien ein Tor aus unmöglichem Winkel erzielte. Der Ball touchierte den kurzen Pfosten, aber er war drin – und die Arena kochte über. Alle HSV-Fans sprangen von ihren Sitzen hoch, Paaadie-Time im Volkspark. Jubel, Trubel, van Nistelrooy. Und dazu dann der dreifache Lotto: „ Tor für den HSV! Torschütze: Ruuuuuuud!“ Und dann donnerte es im Chor zurück: „VAN NISTELROOY!!!“ Und beim Anstoß Anderlecht summte das ganze Stadion: „Ruuuuuuuud!“ Einmalig. Und der Torschütze? Der war im siebten Himmel. Obwohl er auf dem Rasen seine beiden Arme sekundenlang in die Luft streckte. Ein traumhaftes Erlebnis.

Bis zur 45. Minute. Dann schoss Anderlecht den Anschlusstreffer. Legear zirkelte einen Freistoß aus 23 Metern in den oberen linken Torwinkel, ein herrliches Tor, unhaltbar für den vergeblich fliegenden Frank Rost, leider passte es so gar nicht in die Regie dieses Europa-League-Spiels. Mit einem Male waren die belgischen Zuschauer wieder wach. Halbzeit.

Der zweite Durchgang wurde noch lebhafter, noch spannender, noch schneller. Und der HSV bekam personelle Probleme: Ze Roberto hing schon seit Spielbeginn durch (das war gar nichts!), van Nistelrooy musste gelegentliche Pause einlegen (natürlich!), und Elia war immer noch nicht zu sehen. Im Gegenteil, er tauchte immer weiter ab, in meinen Augen übertrieb er das körperlose Spiel, er ging allen Zweikämpfen aus dem Weg. In der 78. Minute war die einstige Rakete dann endlich erlöst, für ihn kam Piotr Trochowski ins Spiel.

Kurz zuvor hatte David Jarolim für das 3.1 gesorgt. Jarolim mit einem Knaller! Und wieder stand der Volkspark Kopf. „Jaro“, der sonst kaum einmal über 16 Meter schießen kann, der drosch die Kugel aus 18 Metern ins RSC-Tor. Wieder ein großartiger und überwältigender Freudentaumel. Dazu viele erlösende Lacher, denn einen solchen „Hammer“ hätten sie alle dem HSV-Kapitän nicht zugetraut. 3:1 – allen wurde im kalten Volkspark wärmer ums Herz.

Dass es beim 3:1 blieb, das war auch Frank Rost zu verdanken, der in der 86. Minute großartig mit dem Fuß gegen einen Legear-Schuss klärte – überragend.

Die Bestnoten beim HSV: Rozehnal, Mathijsen, Rost, dazu Marcell Jansen, Tomas Rincon (was für ein großartiger Kämpfer!), Dauerläufer Jarolim und natürlich Ruud van Nistelrooy. Der baute in den letzten 25 Minuten zwar gewaltig ab, aber ganz ehrlich: Eine solche Leistung hätte ich ihm (noch) nicht zugetraut. Das macht Hoffnung für die Endphase dieser Saison, bleibt der Niederländer „heil“, dann wird er noch für viel Freude sorgen. Ist er bei bester Kraft, profitiert auch die Mannschaft von ihm, denn er macht viele, viele Dinge richtig, kann den Ball halten, gewinnt Zweikämpfe und weiß auch genau, wann er abzuspielen hat. Großartig!

Übrigens: Auch einer der beiden „Torrichter“ durfte diesmal Arbeit verrichten. In der 32. Minute wurde der gute Mann allerdings zu seinem „Glück“ gezwungen, weil der Norden ihn darauf aufmerksam machte, dass der Ball bei einem Eckstoß für den RSC nicht regelkonform lag. Ein einziger Aufschrei nötigte den Mann, kurz mal nach dem Rechten in der Ecke zu sehen – seine einzige Daseinsberechtigung. Naja, zu diesem Thema ist alles gesagt. Und es war an diesem Abend ja auch vor allem Jubel angesagt: „Ruuuuuud!“ Obwohl es noch einen „Batzen“ Arbeit im Rückspiel zu verrichten gibt, bevor das Viertelfinale erreicht ist.

21.04 Uhr