Tagesarchiv für den 10. März 2010

Achtelfinale löst Kribbeln aus

10. März 2010

Wer stapft so forsch durch Schnee und Eis und schimpft so laut: „Was für ein Sch…!“ Na, was denkt Ihr, auf wen diese Zeile nach dem Abschlusstraining gemünzt ist. Auf Frank Rost, den man nach den Schilderungen meines Kollegen Christian Pletz heute eher als Frank Frost bezeichnen könnte. Das, was Bruno Labbadia zuvor bei der Pressekonferenz erklärte, dass seine Profis dieses „Europacup-Kribbeln“ verspüren, das konnte man bei der abschließenden Einheit neben der Nordbank-Arena vor allem dem Schlussmann anmerken. Weil einige seiner Vorderleute beim schnellen und intensiven „Fünf gegen Fünf“ mit Anspielstationen Außen auf 30 Meter Spielfeldlänge die Defensivarbeit nicht ganz so enthusiastisch verfolgten wie die Offensive, platzte dem Torwart schon während des Spiels mehrfach der Kragen. Die direkt angesprochenen Spieler wichen seinen Blicken und Worten ähnlich geschickt aus wie den Schussversuchen des Gegners. Hätten Rost nicht zwischenzeitlich die Treffer seiner Mitspieler Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric (beide in einer Mannschaft – ob das ein Zeichen für morgen Abend ist?) besänftigt, hätte es lauter „knallen“ können als bei einer der zwei leidenschaftlichen Rettungsaktionen des Torhüters gegen Piotr Trochowski. Bei der ersten zog „Troche“ gerade noch rechtzeitig seinen Fuß weg, bei der zweiten erwischte es ausgerechnet Techniktrainer Ricardo Moniz – der als Rosts Teamkollege klären wollte.

Frank Rost, der im Umgang bestimmt nicht immer ein einfacher Typ ist (ein Torwart eben), weiß, was die Stunde vorm Achtelfinalhinspiel geschlagen hat. Kapitän David Jarolim ist sich dessen auch bewusst, das verkündete er auch bei der Pressekonferenz: „Wir haben das erste Spiel gegen Anderlecht zuhause, da kann man rechnen, wie es funktioniert. Das Wichtigste, das hat schon unser Duell gegen Eindhoven gezeigt, ist es, kein Gegentor zu kassieren.“

Trainer Bruno Labbadia will sich gegen die unbequemen Belgier aber keinesfalls darauf beschränken, Beton anzurühren. „Wir müssen uns gut organisieren und brauchen Geduld. Wir betrachten es als große Herausforderung, gegen Anderlecht, das in Belgien eine ähnliche Rolle wie Eindhoven in Holland hat, zu gewinnen“, sagte Labbadia und wehrte alle Versuche der Pressevertreter erfolgreich ab, die einen Hinweis auf die Anfangsformation bekommen wollten. Ruud van Nistelrooy sei immer eine wichtige Person, ob er nun von Beginn an spielt oder reinkommt, sagte Labbadia und konnte sich ein Lächeln nur schwer verkneifen. Im Europacup, das weiß der Coach, kann man die Kontrahenten noch etwas mehr im Dunkeln tappen lassen als in der Bundesliga. Und da mit Marcus Berg (Knieprobleme) und Jerome Boateng (trainierte wegen seiner muskulären Probleme nicht mit und fällt fast sicher aus) nur zwei Spieler bei der letzten Einheit fehlten, herrscht bis heute Abend Rätselraten. Laufen rechts wirklich Tomas Rincon als Verteidiger und Tunay Torun als Mittelfeldleute auf? Bekommt vorne das Duo Mladen Petric/Eljero Elia eine weitere Chance? Oder huschen möglicherweise doch Piotr Trochowski und „Van the man“ in die Startformation?

Die Trainingseinheit gab darüber keinen Aufschluss. Und da Labbadia seine Spieler zuhause schlafen lässt und sich erst morgen früh mit ihnen im Tageshotel zur Vorbereitung und letzten Einstimmung trifft, werden es die Betroffenen wohl auch erst am Spieltag erfahren. Ich lege mich mal gefühlsmäßig fest: Trochowski ersetzt Torun, statt Elia wird van Nistelrooy in der ersten Elf stehen.

Ansonsten soll das Abschlusstraining wenige Neuigkeiten erbracht haben. Wolfgang Hesl wurde zwischenzeitlich mal ausgeknockt, Ruud van Nistelrooy erzielte das erste Tor per Fallrückzieher, und Robert Tesche versuchte unter dem Gelächter der Kollegen ein Handspiel zu vertuschen. Ansonsten bauen die Profis langsam die nötige Spannung auf, um den Belgiern keine „Gastgeschenke“ zu machen. „Langsam wird es ernst, man merkt den fortschreitenden Wettbewerb“, sagte Petric. Mit einem Auge und für ein paar Bruchteile von Sekunden schielen alle Hamburger gen 12. Mai – wenn hier in der Hansestadt das Finale der Europa-League steigt. Ach, was wäre das schön: Mit dem HSV im Endspiel zu stehen. Aber, und jetzt hole ich mich selbst zurück in die Realität, der Weg dorthin ist noch richtig weit, hart und hürdenreich sowieso.

Apropos Realität: Die hat Bruno Labbadia heute auch noch einmal thematisiert. Als der Trainer gefragt wurde, ob er die Kritik nach dem Heimsieg gegen Hertha BSC als ungerecht empfunden habe, sprach er vom „Fluch der guten Taten“. Das Anspruchsdenken habe sich aufgrund der starken Auftritte in der Hinrunde eben gewandelt, es sei erheblich gestiegen, sagte er. Stimmt. „Darum müssen wir uns als Team von der Öffentlichkeit unabhängig machen. Wir müssen uns für unseren Auftritt und den Sieg gegen Berlin nicht entschuldigen. Wichtig ist, dass wir wissen, woran wir noch intensiv arbeiten müssen. Und das wissen wir“, sagte Labbadia. Ich nehme den Trainer beim Wort und hoffe nach den wirklich deprimierenden Wochen mit Verletzungen, Ausfällen und einigen sportlichen Rückschritten auf eine Besserung der kleinen Schritte. Ein Zu-Null-Sieg gegen Anderlecht würde mir schon reichen.

Eine lustige Begebenheit beim Training gab es doch noch. Ihr wisst ja, es ist Ferienzeit, und entsprechend gut besucht war die Einheit mal wieder. Einige diskutierten am Rande des Platzes über den wahrscheinlichen Abschied von Techniktrainer Moniz. Sollte er zu Didi Beiersdorfer nach Salzburg gehen, wäre das ein herber Verlust – vor allem für die vielen Nachwuchshoffnungen, denen sich Moniz täglich auf dem Trainingsplatz widmet.

Und als dann plötzlich während der Einheit ein älterer Herr in brauner Jacke direkt am Spielfeldrand stand und die Einheit beobachtete, machte ein Satz die Runde: „Das muss Urs Siegenthaler sein…“ Entwarnung! Der neue Sportchef, der meines Wissens gar nicht so viel Präsenz bei den Profis haben wird, jedenfalls nicht bei den Spielern, war es nicht, sondern lediglich der HSV-Dolmetscher, der die Zeit zwischen HSV- und RSC-Pressekonferenz mit einem Besuch auf dem Trainingsplatz überbrückte.
PS: Weil einige von Euch ja an meinem Fußballverstand gezweifelt haben, nur weil ich Tunay Torun als potenzielle Alternative für die rechte Verteidigerposition vorgeschlagen (!!!) habe, möchte ich dazu noch anmerken, dass die Platzierung von gelernten Stürmern und Offensivkräften auf den Außenverteidigerpositionen nun wahrlich keine Rarität sind. Auch beim HSV gibt es dafür ein prominentes Beispiel. Bernd Wehmeyer kam einst als Rechtsaußen nach Hamburg und wurde von Trainer Ernst Happel zum linken Verteidiger umfunktioniert. Und er war immerhin der einzige Nicht-Nationalspieler in der Meistermannschaft von 1983. Nicht, dass Ihr jetzt denkt, ich würde Torun mit Wehmeyer vergleichen. Nein, so weit ist der junge HSV-Türke bestimmt noch nicht. Aber er will es ja bestimmt mal werden…

18:00 Uhr