Tagesarchiv für den 7. März 2010

Hoffnungsträger Siegenthaler

7. März 2010

Die Hoffnung saß beim Hertha-Spiel für mich auf der Tribüne. Ein Mann mit den Initialen US. Nein, nicht Uwe Seeler. Der war zwar auch da, der Ehrenspielführer sagte zur Pause sogar einige sehr kluge Worte, die leider bei den Verantwortlichen ungehört verhallten, aber ich meine in diesem Fall den Schweizer Urs Siegenthaler. Der neue Sportchef des HSV sah das „Spiel“ und ich hoffe sehr, dass er es nicht gleich nach dem Schlusspfiff abgehakt hat, sondern dass er noch einige Zeit darüber nachdenken wird. Und dann auch seine Schlüsse daraus ziehen wird. Vielleicht sogar in einem Vier-Augen-Gespräch mit HSV-Boss Bernd Hoffmann. Motto: Was in der nächsten Saison alles besser werden muss. Und da gibt es sicher einiges. . .

Aber: Bevor ich etwas schreibe, möchte ich Euch zum Besten geben, was die beiden Trainer der Partie HSV gegen Hertha BSC resümierten.

Ich beginne, wie es üblich ist, mit dem Gast. Friedhelm Funkel, der zuvor bei allen Fernsehsendern etwas härter über den HSV geurteilt hatte („Ich glaube, beim HSV weiß keiner, warum er dieses Spiel gewonnen hat!“), sagte bei der offiziellen Pressekonferenz: „Es fällt mir echt schwer, etwas zu diesem Spiel zu sagen, weil wir, ähnlich wie in der letzten Woche, noch mehr Leidenschaft, noch mehr Aggressivität, noch mehr Spielfreude gezeigt haben, vor allen in der zweiten Halbzeit, aber wir haben uns wieder selbst nicht belohnt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Mannschaft, dass wir einfach nicht in der Lage sind, Tore zu erzielen. Das war auch heute der Knackpunkt. Der HSV hatte eine Möglichkeit und macht ein Tor, wir hatten zwei, drei, vier – und machen kein Tor. Deshalb haben wir leider verloren, obwohl ich der Mannschaft im Großen und Ganzen, was die Dinge anbelangt, die ich eben genannt habe, überhaupt keinen Vorwurf machen kann. Sie hat wirklich hier, beim Tabellenvierten HSV, eine überzeugende Leistung abgeliefert, sie hat sich nicht versteckt, sie hat keine Angst gehabt, sie hat mutig nach vorne gespielt – nur der Abschluss, und das ist das Wichtigste im Fußball, der hat wieder nicht gepasst. Aber wir werden weiter daran arbeiten, wir werden weiter darauf hoffen, dass die Jungs, und da sind nicht nur die Stürmer gefordert, sondern alle, wieder treffen. Wir müssen, um Spiele zu gewinnen, so spielen wie heute, aber eben auch Tore erzielen.“

Bruno Labbadia befand danach: „In der ersten Halbzeit haben wir viele Dinge so gemacht, wie man sie machen muss – gegen einen tief stehenden Gegner. Wir haben den Ball gut laufen lassen, haben die Ruhe bewahrt, haben die eine oder andere Torchance bekommen und das 1:0 gemacht, und, ganz entscheidend, wir haben gegen eine Mannschaft, die nur auf Konter gespielt hat, keine einzige Torchance zugelassen. Zweite Halbzeit war schlecht, das muss man ganz klar sagen. Da haben wir zu wenige Bälle gefordert, haben unsere Möglichkeiten, die wir hätten haben können, die wir teilweise auch gehabt haben, nämlich gegen einen dann kommenden Gegner, der volles Risiko gegangen ist, der mit Mann und Maus gestürmt hat, der mit dem Rücken zur Wand stand und nichts mehr zu verlieren hatte, zu kontern. Wir haben unsere Möglichkeiten zu wenig ausgenutzt. Ich denke, das ist so ein Spiel, zu dem man sagt: Mund abputzen, drei Punkte mitnehmen. Und: Es ist schön, auf die Tabellen zu gucken.“

Nach diesen beiden Reden stellte HSV-Medien-Chef Jörn Wolf die Frage: „Gibt es noch Fragen?“ Die gab es nach diesen Vorträgen natürlich, möchte ich meinen, nicht, worauf Wolf sagte: „Das ist rekordverdächtig, dann wünsche ich allen einen schönen Abend.“

Ich gebe zu, den hatte ich dann nicht mehr. Ich kam mit meinem dicken Hals kaum durch meine Haustür, aber mehr möchte ich zu diesem Thema, meinem Abend, nicht sagen. Nur so viel: Der HSV wird in dieser Saison ganz sicher einen internationalen Startplatz erreichen, wahrscheinlich auch die Europa League gewinnen, und Hertha BSC wird noch mindestens auf Platz sechs vorpreschen. Bitte, bitte, verzeiht mir diesen Sarkasmus, aber wenn man ein solches Spiel gesehen hat, und dann solche Erklärungen der Verantwortlichen zu hören bekommt, dann frage ich mich, was bei mir in den letzten 30 Jahren beruflich falsch gelaufen ist. Bin ich so weltfremd geworden, dass ich kein schlechtes Spiel mehr von einem guten unterscheiden kann? Es muss wohl so sein.

Oder, da komme ich wieder auf den ersten Absatz zurück, der Herr Siegenthaler möge mir helfen. Nein, natürlich nicht nur mir, sondern vor allem dem HSV. Urs Siegenthaler ist mein Strohhalm. Der Mann strotzt nur so vor Fachkompetenz, er kann Fußball lesen, kann ganz sicher, nicht so wie ich, guten von schlechtem Fußball unterscheiden, und er weiß sicher auch ganz genau, wo hier, beim HSV in Hamburg, der Hebel anzusetzen ist.

„Wir freuen uns auf dieses Spiel.“ Das hatte Bruno Labbadia noch am Donnerstag erklärt. Da habe auch ich mich gefreut. Wenn Spieler voller Vorfreude in eine Partie gehen, dann sind sie gut drauf, dann sind sie heiß, dann wollen sie beweisen, wie gut sie sein können – und dann noch gegen einen Tabellenletzten. Von Freude aber war beim HSV, so mein Empfinden, nicht viel zu erkennen. Die Frage, die ich mir schon während der Anfangsphase gestellt habe, ist die: Was ist da passiert? Warum spielt der HSV so, wie er nun spielt? So gehemmt, so unsicher, so verkrampft. Kann das nur damit erklärt werden, dass die HSV-Mannschaft die Ruhe bewahrt hat? Ich behaupte mal: Nein!

Wobei ich – wenn auch höchst ungern – noch auf mein spezielles Thema kommen möchte: Piotr Trochowski. Nicht gleich in die Luft gehen, ich glaube, ich habe nach dem Spiel auch schon geschrieben, dass er nach seiner Einwechslung eine einzige Enttäuschung war. Das sah wohl auch Bruno Labbadia so, der nach jeder Fehlleistung (von denen es viele, viele gab) seines Einwechselspielers aufgebracht in seiner Zone hin und her rannte, um dann, mit dem Rücken zum Spielfeld, verbal Dampf abzulassen.

Von, ich muss es leider noch einmal sagen, jetzt 25 Bundesliga-Spielen wurde Piotr Trochowski, aktueller deutscher Nationalspieler (in der Minuten-Wertung aller WM-Qualifikationsspiele an dritter Stelle stehend), in 13 Spielen ausgewechselt, und in fünf Spielen eingewechselt. Das möchte ich nur mal festhalten. In den letzten beiden Spielen, gegen Frankfurt und gegen den FC Bayern, spielte Trochowski durch – und gehörte ganz sicher beide Male zu den besseren Hamburgern. Im Abschlusstraining spielte dieser Trochowski in der für alle Trainingskiebitze wohl angedachten A-Mannschaft, die nur ein 0:0 gegen die Reserve schaffte, aber gegen das Schlusslicht aus Berlin stand dann plötzlich Tunay Torun in der Anfangsformation. Labbadias Erklärung: „Das war keine Entscheidung gegen Trochowski, sondern eine Entscheidung für Torun.“

Wie auch immer. Ich möchte einmal meine Meinung dazu kundtun. Trochowski hatte zuletzt zweimal gut, viel von Euch würden ganz passabel sagen, gespielt. Er war bei der Nationalmannschaft, kam aber gegen Argentinien nicht zum Einsatz. Ich denke aber, dass der HSV durchaus erwarten konnte, dass Hertha BSC zuerst einmal darauf bedacht sein würde, kein Gegentor zu bekommen. Das heiß: Defensive zuerst. Gegen einen Gegner, der die Räume eng macht, der eher, um es mal deutlich zu machen, mauert statt Hurra-Fußball zu spielen, brauche ich vor allem Spieler, die Eins-zu-eins-Duelle bestreiten können. Nicht nur bestreiten. sondern auch gewinnen können. Trochowski könnte das. Tunay Torun konnte das gegen Hertha auch. Einmal. Dieses eine mal führte zum Siegtreffer. So gesehen hatte Bruno Labbadia alles richtig gemacht, aber: Vielleicht wären mit Trochowski mehr Eins-zu-eins-Duelle gewonnen worden, und somit mehr HSV-Tore gefallen? Hypothetisch. Während des Spiels habe ich oft an Thomas Doll gedacht. Warum? Der hätte einen Berliner nach dem anderen umkurvt und die Dinger dann mustergültig aufgelegt. Nur hat der HSV keinen solchen Spieler mehr. Obwohl Piotr Trochowski ihm wohl schon sehr nahe kommen würde.

Aber das sehen ja auch bei uns, bei „Matz ab“, 50 Prozent anders. Deswegen, auch daran dachte ich während des Hertha-Spiels, wäre es wohl besser, wenn sich am Ende der Saison die Wege zwischen dem HSV und dem Nationalspieler Trochowski trennen würden. Es muss ja nicht mehr England, Italien oder Spanien sein, die Bundesliga würde es ja auch schon tun. An „Troches“ Stelle aber würde ich dem Herrn Roman Grill, der bekanntlich sein Berater ist, spätestens jetzt das Signal geben: „Mach et, Grilli, hol’ mir ‚nen anderen . . .“ Wobei ich gerne immer noch einmal zugebe: Trochowski war gegen die Berliner genau so grottenschlecht wie das gesamte Spiel. Und wer damit immer noch nicht leben kann, dem gebe ich auch gerne zu, weil es die Wahrheit ist: Trochowski war diesmal sogar noch schlechter als alle anderen. Was ich aber allein seiner Verunsicherung zuschreibe.

Dennoch:
Ich kann da nur für mich sprechen (was ich hiermit dann tue): Bei mir hätte Piotr Trochowski nach seinen zuletzt beiden guten Spielen auch diesmal zur Anfangsformation gehört, und zwar selbstverständlich. Und, ich gebe es zu, ich habe nach dem Spiel genauso versagt, wie vorher Trochowski in seinen 20 Minuten: Schon während des Spiels hatte ich von einigen „Matz-abbern“ den „Auftrag“ erhalten (mündlich und per Telefon), den Trainer zu fragen, warum er diesmal auf Trochowski verzichtet hatte. Ich habe es nicht getan, es tut mir Leid. Nach den oben geschilderten Erklärungen der Trainer mochte ich ganz einfach nichts mehr fragen. Sorry, aber da bitte ich um Milde und um ein wenig Verständnis!

So, jetzt aber zum Ende – ich muss mich mal wieder disziplinieren. Ist Euch aufgefallen, dass David Jarolim in der Schlussphase einige Male schön lang und steil geschickt wurde? Ich traute meinen Augen nicht. „Jaro“ wie eine entfesselt stürmende Sturmspitze? Das hatte schon etwas Neues an diesem neuen HSV. Obwohl: Es war natürlich kein Allheilmittel, um doch noch das eine oder andere Tor zu schießen, denn „Jaro“ ist ja wirklich kein Sprinter . . . Aber er hat eben auch nichts unversucht gelassen, er ist jedem Pass nachgegangen, nein, nachgelaufen natürlich. Und: Ist Euch aufgefallen, dass ich diesmal nichts über den Schiedsrichter geschrieben habe (und auch gar nicht gepöbelt!)? Das lag wohl auch daran, dass der Herr Dr. Helmut Fleischer doch eher ein bisschen zum HSV tendierte, als zu Hertha BSC. Was ich darauf zurückführe, dass bei den Berlinern mit Friedhelm Funkel ein Mann an der Außenlinie steht, der alle, wirklich alle Entscheidungen des Unparteiischen stets genau analysiert, auch oft verbal und sehr laut, gelegentlich böse seinen Senf dazu gibt – was die 23. Männer eben nicht ganz so gern haben. Funkel findet bei seinen Tiraden kein richtiges Maß, und er hat, so meine Beobachtungen, damit auch schon die gesamte Berliner Bank infiziert. Da waren alle (auch Manager Michael Preetz) stets ganz schnell auf 180. Und das, ja das bleibt einem erfahrenen Mann wie Dr. Helmut Fleischer dann doch nicht verborgen, dann wird eben so gepfiffen, wie er dann gepfiffen hat. Wie gesagt, das macht aber auch nur ein erfahrener Schiedsrichter. Mann ist ja auch nur ein Mensch.

Ganz zum Schluss, auch das muss bemerkt werden dürfen, noch zwei sportliche Dinge. Erstens: Ist Euch eigentlich gegenwärtig, wie oft zuletzt ein überragender Frank Rost den HSV, seinen HSV, vor Schlimmeren bewahrt hat? Der gute alte Mann zwischen den HSV-Pfosten ist seit Wochen in Weltklasse-Form! Und zweitens: Als Ruud van Nistelrooy in den Schlusssekunden auf das Hertha-Tor zulief, wurde er von Kobiashvili lange geklammert, gehalten, gezupft. Das war eigentlich Rot für den Berliner. Viele Stürmer hätten sich, spätestens im Strafraum, fallen lassen – Elfmeter. Van Nistelrooy aber war so heiß, er lief und lief und lief, er hätte wahrscheinlich auch drei, vier haltende Gegenspieler wie lästige Fliegen abgeschüttelt, um ein Tor schießen zu können. Er traf dann doch nicht, aber er meckerte auch nicht. Deswegen (m)ein Kompliment. An den Niederländer. Und an Dr. Fleischer? Nein. Er hätte eventuell (zuerst den Vorteil abwartend) doch auf Strafstoß entscheiden können. Aber dann hätte er wahrscheinlich ein Einreiseverbot nach Berlin auf Lebenszeit erhalten.

Nebenbei, so heißt es ja unter Fußballern: 1:0-Siege sind die schönsten. Und, wo er recht hat, da hat er recht, der Bruno Labbadia: „Es ist schön, auf die Tabelle zu gucken.“ Und dieser Blick könnte ja noch schöner werden. Wie das geht? Das zeigten die beiden Exil-HSVer Eric-Maxim Choupo-Moting und Mickael Taveres mit dem 1. FC Nürnberg. Im Frankenland wurde gerade Bayer Leverkusen mit 3:2 besiegt. Und die Werkself, bei der Kroos und Reinartz ihre fünfte Gelbe erhielten und somit ausfallen, erwartet ja am Sonntag den HSV zum Bundesliga-Pflichtspiel.

17.28 Uhr