Tagesarchiv für den 6. März 2010

1:0 – zum Sieg gezittert

6. März 2010

Genau ein solches Spiel hatte ich erwartet, ein 1:0 gegen Hertha BSC. Nur dass das Tor schon etwas früher fiel. Ansonsten aber Spiel? Nein, das war alles andere als ein Spiel. Das war ein Grottenkick. Das war Krampf, Gewürge und ein unglaubliches Gekicke zum Abgewöhnen, da wurden die Fußball-Feinschmecker ganz brutal 90 Minuten gefoltert. Die Quittung gab es nach dem Schlusspfiff, nämlich ein Pfeifkonzert. Aber, es ist schon kurios: Der HSV steht auch nach einer solchen Leistung und dank eines 1:0-Sieges über die abstiegsgefährdeten Berliner immer noch auf einem Europa-League-Platz, und er darf weiter von viel mehr träumen. Auch wenn sich Schalke mit dem 4:1 (!) in Frankfurt wieder einmal keine Blöße gab. Ja, ja, der Felix, der hat es drauf!

Und beim HSV? Da hat der Herr Labbadia mal wieder „einen“ aus dem Hut gezaubert! Tunay Torun kam irgendwie wie Kai aus der Kiste auf den Rasen der Arena. Er kam statt Piotr Trochowski. Der hatte zuletzt zwei (!) gute Bundesliga-Spiele hingelegt, und dann war er doch draußen. Kann ich mir nur so erklären, dass der Trainer sich von Torun mehr Zug zum gegnerischen Tor erhofft und versprochen hat. Für „Troche“ aber eine ganz bittere Nummer, was wird bloß aus „seiner“ WM? Die Gedanken wird er sich ganz sicher auch machen. Aber nun gut, es geht hier ja auch in erster Linie um den HSV, und nicht um Südafrika.

Und? Ob Jerome Boateng auch daran denken wird? Der Nationalspieler trainierte am Freitag mit, fehlte dann aber am Sonnabend gezerrt. Für ihn kam Tomas Rincon, der erst am Freitag von seiner Länderspiel-Reise nach Hamburg zurückgekehrt war. Der Südamerikaner machte seine Sache hinten rechts auch ganz okay, was ich aber dennoch bemängeln muss ist die Tatsache, dass er wieder zu sehr dazu neigt, kleinere Fouls zu begehen, die (eigentlich?) die überflüssig sind. Immerhin: Kämpferisch ist Rincon immer eine glatte Eins.

„Wir müssen heiß sein, wir müssen brennen.“ So hatte es Marcell Jansen vor dem Spiel gesagt und gefordert. Und dann das: Fußball zum Einschlafen. Mensch, war die erste Halbzeit grausam langweilig. Der einzige Hamburger Feldspieler, der von Beginn an hellwach war, das war der Kapitän. David Jarolim ackerte, rackerte, lief rauf und runter, eroberte unglaublich viele Bälle. Nach dem Seitenwechsel allerdings hatte „Jaro“ auch zwei Dinger drauf, die er sonst nicht im Repertoire hat. Aber gut, er muss ja auch nicht mehr an Südafrika denken . . .
Jarolim am nächsten kam in Halbzeit eins Joris Mathijsen, der den Laden da hinten „schmiss“ und der beste Hamburger war. Neben Frank Rost, der erneut überragend und ganz, ganz stark hielt. Aber sonst? Schweigen. Es wirkte auf mich, als sei diese HSV-Mannschaft total verunsichert. Das war gar nichts. Brennen? Heiß? Das sah auch oft nach Unterschätzen des Gegners aus. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Jansen fing damit nach zwei Minuten an (in aussichtsreicher Position!), Ze Roberto (der weit unter seinen Möglichkeiten blieb) tat es ihm gleich – ebenfalls in aussichtsreicher Position). Motto: „Treffen wir jetzt nicht, treffen wir eben nachher.“ Gähn! Das sah aus wie „Barfuß Jerusalem“ gegen die „Datschiburger Kickers“. Oder auch wie Not gegen Elend. Nur die Frage, wer Not und wer Elend war, die blieb offen. Fußball jedenfalls war das nicht. Spitzenfußball schon gar nicht. Beim HSV griff kein Rad ins nächste, die einzelnen Mannschaftsteile standen viel zu weit auseinander, schon deshalb konnte von gegenseitiger Hilfe keine Rede sein. Die Quittung für diesen niveauarmen Fußball: In der 38. Minute gab es dann auch prompt das lauteste Pfeifkonzert, das es seit Monaten in dieser Arena gegeben hat.

Die Antwort aber folgte auf dem Fuße: Eineinhalb Minuten später hieß es 1:0. Dank Torun. Der hatte sich ein Herz gefasst, einen Alleingang riskiert, wurde im Strafraum von Hubnik zu Fall gebracht, gab den Ball aber im Fallen noch zu Jansen ab – und der traf. Hätte er nicht das 1:0 gemacht, hätte Schiedsrichter Dr. Fleischer ganz sicher auf Elfmeter entschieden. Um das auch ganz klar zu sagen: Eine Super-Aktion von Torun, und eine Aktion, die ich von Trochowski schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe. Trotz allem bleibe ich dabei: Dass der Trainer Trochowski draußen ließ, ist für mich, nur für mich (gebe ich gerne zu), höchst, höchst seltsam. Ich frage mich auch: Was stimmt da nicht?

Okay: Die zweite Halbzeit sah etwas mehr nach Fußball aus, aber wesentlich besser wurde es trotzdem nicht. Jedenfalls nicht beim HSV. Es ging hin und her, jetzt mit etwas mehr Tempo, auch mit mehr Engagement, bei manchem war sogar ein leichtes „Brennen“ zu erkennen (Jansen), aber dennoch lag einige Male das 1:1 in der Luft. Wenn nicht Frank Rost in überragender Form gewesen wäre, dann hätte es auch nicht zum Heimsieg gereicht. Und einmal half dann ja auch das Lattendreieck dem HSV, als Ramos die Kugel ins leere Tor befördern wollte (49.).

Höhepunkte? Kaum! Als sich Ruud van Nistelrooy in der 69. Minute auszog, kochte das ganze Stadion: „Ruuuuuuuuuuuud!“ Der für ihn „geopferte“ Mladen Petric, der weit hinter seiner Bestform geblieben war, ging total sauer durch, nein, er ging nicht, er „startete“ gleich in Richtung Kabine durch. Wenn Blicke töten könnten . . . Nun gut, ich will da auch nicht viel hinein interpretieren, wahrscheinlich ist jeder Spieler sauer, der solche Ansprüche (an sich selbst) hat und dann vom Rasen geholt wird.

Kurios: 60 Sekunden später ging auch Tunay Torun. Sein erster Antritt in der zweiten Halbzeit hatte ihm eine Zerrung (?) eingebracht. Oder waren es Krämpfe? Als der Türke das Zeichen zum Auswechseln gab, hielt sich Bruno Labbadia die Hand vor die Stirn und wendete sich mit Grausen.

Es kam Piotr Trochowski, aber der brachte keinen Fuß mehr vor den anderen. Wenn ich vorher von einer gewissen Verunsicherung der gesamten Mannschaft geschrieben habe, so wirkte er auf mich aber auch absolut verunsichert. Nichts, aber auch wirklich nichts gelang ihm. Das war schon grausam anzusehen, denn er kann eigentlich alles. Oder könnte eigentlich alles.

Was auch auf den gesamten HSV zutrifft. In der Schlussphase durfte gezittert werden, gehofft und gebangt. Das 1:1 gegen den Tabellenletzten lag in der Luft, aber Rost sei Dank, es fiel nicht. Was für ein Kick!

17.42 Uhr