Tagesarchiv für den 5. März 2010

“Wir müssen brennen”

5. März 2010

Als die Uhrzeiger so um 15.30 Uhr kreisten, hellten sich die Mienen der Trainingskiebitze im Volkspark mit einem Male auf. Schnell machte die Runde: „Ruud spielt morgen. Bruno lässt ihn von Beginn an gegen Hertha stürmen.“ Überall wurde getuschelt, an allen Ecken wurden freundliche Gesichter gemacht – mit van Nistelrooy gegen die Berliner, das wird ein Fest. Nur weil in einer Art Trainingsspiel, als wieder Automatismen eingeübt wurden, Ruud van Nistelrooy plötzlich neben Mladen Petric im Angriff aufgetaucht war. Kurz vor 16 Uhr aber war alles schon wieder ganz anders. Da gab es dann das „richtige“ Abschlussspiel zwischen Stamm und Reservisten, und da stürmte mit einem Male das Duo Mladen Petric/Eljero Elia. Alles spricht also dafür, dass van Nistelrooy auch diesmal über die Bank ins Spiel kommen wird, die Frage ist: wann?

Wer Marcus Berg in Sachen Angriffsformation vermisst? Der Schwede war am Freitag nur kurz in der Arena, er meldete sich mit einer Grippe krank, sein Einsatz ist definitiv ausgeschlossen. Ich denke, dass der HSV gegen die Hertha morgen mit folgender Elf beginnen wird: Rost – Boateng, Rozehnal, Mathijsen, Aogo – Jarolim, Ze Roberto – Trochowski, Jansen – Petric, Elia. Im Kader sind ferner: Hesl, Demel, Tesche, Rincon, van Nistelrooy, Pitroipa und Torun.

Guy Demel wird demnach auf der Bank Platz nehmen müssen. Und er dürfte es mit Fassung tragen, denn er weiß um seine Formschwäche und gibt zu: „Zurzeit bin ich nicht optimal drauf. Seit dem Afrika Cup komme ich nicht an meine normalen Leistungen heran, aber man darf nicht vergessen, dass ich seit drei Jahren fast nie eine richtige Pause gehabt habe, fast immer habe ich durchgespielt.“ Obwohl Demel in ein tiefes Loch gefallen ist, wird er von den HSV-Fans ständig gefeiert und mit „Giiiiiiiieee“-Rufen motiviert. Er freut sich darüber, möchte sich am liebsten mit Best-Leistungen für diese Unterstützung bedanken, aber irgendwie funktioniert es nicht so wie gewünscht. Er sagt über seine Gedankenspiele: „Sollte für mich ein anderer Spieler ins Team kommen, zum Beispiel Jerome Boateng, so wäre das okay – ich bin ja selbstkritisch.“ Dabei hatte es zuletzt, beim 0:1 in München, den Anschein, als könne sich Guy Demel leistungsmäßig stabilisieren. Er bot gegen einen Weltstar wie Franck Ribery eine gute und konzentrierte Leistung. Bis auf das Tor, das diese Partie entschied. Demel: „Es ist mir egal, ob ich vorher gut gegen Ribery ausgesehen habe, dieses Tor ärgert mich noch immer. Ich will mich hier nicht selbst runtermachen, aber das sind Momente in meiner Karriere, in denen ich weiß, dass ich nicht optimal arbeite.“

Guy Demel wirkt bei seinen Worten gefasst. Der Mann weiß genau, wohin der Hase derzeit für ihn läuft – Richtung Reservebank. Aber er will dagegen ankämpfen. Er hat mit dem Trainer gesprochen, und er hat mit der medizinischen Abteilung einen Plan erstellt. Mit Reha-Trainer Markus Günther wurde ein spezielles Trainingsprogramm abgesprochen, vom Doktor gibt es Vitamine und Medikamente. Dabei gibt Demel zu: „Eigentlich fühle ich mich körperlich gut, aber auf dem Platz ist das irgendwie ganz anders.“ Weil er auch dünner vom Afrika Cup nach Hamburg zurückgekehrt ist? Er gibt zu, dass er Gewicht verloren hat, ohne dass er es wollte. Eine Erklärung dafür hat er nicht. Aber er sagt: „Ich habe jetzt genau mein Gewicht, mit dem ich einst in Hamburg angefangen habe. Daran kann es also nicht liegen“

Vielleicht tut ihm ja die Pause, die er gegen die Berliner nun (höchst wahrscheinlich) einlegen wird, ganz gut. Und: Auf einen ähnlichen Effekt hofft Bruno Labbadia sicher auch beim Thema Rückkehr von Marcell Jansen, der nach seiner Grippe zwar noch nicht wieder völlig fit wirkt, aber auf jeden Fall dabei sein wird (sein will).“Ich war nur eine Woche raus, da hat man den Rhythmus noch nicht verloren, ich habe jetzt ja auch die letzten zwei Tage wieder trainiert – es ist alles gut bei mir, die Kraft kommt zurück.“ Ob es aber schon wieder für 90 Minuten reichen wird? Das weiß auch Jansen nicht. Er wird so lange spielen, wie ihn die Füße tragen.

Dem Spiel gegen Hertha sieht er realistisch entgegen, er erwartet ganz schwere 90 Minuten für sein Team: „Die Berliner haben gezielt eingekauft, und die neuen Spieler sind auch nicht schlecht, haben der Mannschaft schon geholfen. Die Hertha hat in den letzten Spielen immer mit dem Gegner mithalten können, das waren immer ganz enge Spiele, und deswegen dürfen wir Hertha BSC auch auf keinen Fall unterschätzen.“ Im Gegenteil. Jansen weiß genau, wie der Tabellenletzte zu bezwingen sein müsste: „Wir müssen selbstbewusst ins Spiel gehen, wir müssen die Sachen wieder mehr erzwingen, wir müssen brennen, wir müssen heiß sein, wir müssen Dampf machen – und wenn uns das gelingt, dann gehe ich auch davon aus, dass es einen Dreier für uns geben wird.“ Marcell Jansen fügt dann auch noch an: „Wir dürfen die Berliner auf keinen Fall unterschätzen. Wir müssen uns bewusst sein, was da auf uns zukommt, dass das eine ganz andere Berliner Mannschaft ist, als die, gegen die wir in der Hinrunde gewonnen haben. Aber dennoch ist wichtig, was wir machen, was wir als Team auf die Beine stellen können. Obwohl ich auch weiß, dass der Fußball manchmal schon verrückt ist, man weiß nie, was passieren wird . . .“

Für die Berliner geht es ums nackte Überleben, die werden fighten, kratzen, beißen, grätschen – vielleicht auch gelegentlich die Grenzen überschreiten. Darauf wird sich die HSV-Mannschaft einstellen müssen, Und sie wird von Beginn an diesen Fight annehmen müssen, um nicht unliebsam überrascht zu werden. Eine nicht unwesentliche Rolle wird dabei der Schiedsrichter spielen. Dr. Helmut Fleischer (45) ist ein ganz erfahrener Mann, der wohl, so meine Informationen, seine Abschiedspartie in Hamburg leiten wird, denn wie es heißt, geht er demnächst beruflich nach Amerika.

Einer, der einst auch aus Hamburg fort ging, war an diesem Freitag Kiebitz beim Training: Manfred Kastl. Der frühere Stürmer, heute 44 Jahre alt, war mit seinem 16-jährigen Sohn Jonas (der als Innenverteidiger beim VfL Lohbrügge spielt) im Volkspark und befand: „Beim HSV hat sich enorm viel getan, und das Stadion ist eines der besten in Deutschland.“ Dennoch findet Kastl, der im Raum Stuttgart wohnt, auch kritische Worte gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber: „Für mich ist die Vereinspolitik nicht so richtig nachvollziehbar. Der Krach zwischen Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer und die daraus resultierende Trennung haben dem HSV geschadet. Für mich ist es auch egal, wer Recht hatte, die beiden Herren hätten sich ganz einfach arrangieren müssen, denn sie haben zuvor sehr erfolgreich für den HSV gearbeitet, das Duo Hoffmann/Beiersdorfer hat dafür gesorgt, dass es mit dem HSV seit dem Jahr 2000 wieder bergauf ging.“ Manfred Kastl weiter: „Es hätte bei diesem Streit nicht um einzelne Personen gehen dürfen, sondern nur um den HSV, das aber wurde wohl leider vergessen oder verdrängt.“

Beim Spiel gegen Hertha sitzt Manfred Kastl auf der Tribüne, und er drückt selbstverständlich „seinem“ HSV, für den er von 1986 bis 1988 in 37 Bundesliga-Spielen 17 Tore erzielen konnte, die Daumen. Sein Tipp: „2:0 für den HSV.”

19.56 Uhr