Tagesarchiv für den 4. März 2010

Kampf, Herz und Leidenschaft

4. März 2010

Die Freude war fast allen HSV-Fans, die als Kiebitze dem Training am Donnerstag folgten, an der Nase anzusehen. Und das lag nicht daran, dass der Schnee im Volkspark fast weg ist, dass die Temperaturen nicht mehr im Minusbereich angesiedelt sind, sondern vielmehr daran, dass Ruud van Nistelrooy wieder dabei war. Noch nicht wieder voll“ dabei, aber immerhin dabei. Beim Laufen allerdings nicht mittendrin, sondern eher immer hinten dran, wie „Devildino“ richtig erkannt hatte, aber die Hoffnung auf einen Kurz-Einsatz am Sonnabend gegen Hertha BSC besteht. Immerhin. „Ich habe keine Schmerzen mehr, ich trainiere ohne Einschränkung, alles ist gut“, sagte van Nistelrooy nach der Einheit. Er will das Training am Freitag (15 Uhr) abwarten, wie er das übersteht, dann will er entweder Grünes Licht geben – oder doch passen. Ich denke aber doch daran, dass er Grünes Licht geben wird.

Trainer Bruno Labbadia über van Nistelrooy: „Für uns ist wichtig, dass Ruud in diesem halben Jahr in einen Rhythmus rein kommt, es ist wichtig, dass er über Teileinsätze seine Form bekommt. Er hat die Qualität, uns in diesen Teileinsätzen zu helfen, die hat er aber auch nur dann, wenn er gesund ist, und wenn er Schritt für Schritt fit wird – aber das dauert sicher noch eine längere Zeit. Wir haben aber auch immer gesagt, dass er kein kurzfristiger Einkauf für uns war, sondern auch – trotz seines Alters – im Hinblick auf die nächste Saison. Wir wissen sehr wohl, dass wir noch ein Stückchen Arbeit mit ihm haben werden, aber das werden wir machen, keine Frage.“

Im Volkspark wurde an diesem Donnerstag die „Hohe Ballschule“ trainiert, Pässe, immer wieder Pässe. Und dann auch wieder Torschüsse. Bei dieser Übung brillierte dann auch wieder Ruud van Nistelrooy. Gelegentlich wirkt es bei der Ballannahme etwas hölzern oder auch umständlich, aber wenn er dann die Kugel ins Tor drischt, dann zeigt allen, was für ein Ausnahmefußballer er ist. Motto: „Was mache ich nun mit dem Ball? Wenn ich das nicht weiß, dann schießen ich ihn am besten ins Tor.“

Allerdings waren nicht alle Spieler mit von der Partie: Eljero Elia und Jerome Boateng trainierten im Kraftraum, Marcus Berg verabschiedete sich mit einer Grippe nach Hause, Mladen Petric („Ich kann gegen Hertha spielen“) ebenfalls, noch gar nicht in Hamburg war Tomas Rincon, der von seiner Länderspielreise erst heute wieder in der Elbe eintreffen wird. Die Frage, ob er gegen die Berliner im Kader sein wird, dürfte sich von selbst beantworten. „Popeye“, die Kraftmaschine, ist allzeit bereit, er könnte, so sehe ich das, nur vom Trainer gebremst werden, aber welcher Trainer macht das schon?

Auf dem Rasen waren wieder Frank Rost und auch Marcell Jansen anzutreffen. Schön zu sehen. Der Torwart machte das volle Programm mit, ging erst unmittelbar vor dem abschließenden Spiel in die Kabine – so war es abgesprochen, alles in Ordnung. Der Trainer geht davon aus, dass beide Spieler gegen die Berliner zur Verfügung stehen werden.

Bis zum Ende blieb Ze Roberto. Der Brasilianer nähert sich allmählich seiner besten körperlichen Konstitution, e ist wirklich schön zu sehen, wie gepflegt er mit der Kugel umgeht. Und: Bezüglich des Gerüchts, er können (demnächst) für Red Bull New York spielen, gab er eine eher ausweichende Antwort. Oder wie würdet Ihr die folgenden Sätze interpretieren? Ze Roberto: „Ich sehe das für mein Alter sehr positiv, es gibt nicht viele Spieler, die in meinem Alter noch Angebote bekommen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich im Moment nur an den HSV denke, wir haben noch Ziele, wir wollen noch in die Champions League – ich bin zu 100 Prozent mit dem Kopf beim HSV. Ich hatte auch keinen Kontakt zu Red Bull, und außerdem ist ein Vereinswechsel jetzt kein Thema für mich.“ Und dass er im Jahr 2011 endgültig aufhören wird, aufhören will, eventuell dann in Brasilien seine Karriere ausklingen lassen möchte? Ze Roberto verriet: „Wenn ich mich 2011 körperlich noch gut, noch bestens fühle, dann könnte es auch sein, dass ich noch weiterhin spielen werde.“ Die Fragen aber, wo und für wen, die ließ Ze Roberto offen.

Nicht offen ist dagegen für Dennis Aogo die Frage, für welches Land er (demnächst) Länderspiele bestreiten wird. Trotz der Nicht-Berücksichtung für das Argentinien-Länderspiel sagt der 23-jährige Hamburger, der unzweifellos vor einer großen Zukunft steht: „Ich gehe diesen Weg zu 100 Prozent nur über Deutschland.“ Super. Großartig. Ich finde das echt klasse. Und er sagt das in einem Moment, wo er nicht besonders gut gelaunt sein dürfte. Weil er ja zuletzt auch beim HSV keine Berücksichtigung gefunden hatte. In München. Als Jerome Boateng für ihn links verteidigte. Eine taktische Maßnahme, denke ich. Als Aogo danach befragt wurde, gab er eine für mich überraschende Erklärung ab: „Ich weiß von nichts.“ Wie? Gab es vorab kein klärendes Gespräch mit dem Trainer? „Nein.“ Und? Ist das gut? Aogo: „Es ist uninteressant, was ich gut oder nicht gut finde, ich habe nicht gespielt, und das finde ich nicht gut.“

Was ja letztlich wohl jedem Spieler so geht, sonst wäre etwas ja auch nicht in Ordnung.
Wobei ich auch gleich bei David Jarolim bin. Der Kapitän wurde in München zum bereits vierten Mal vorzeitig vom Platz geholt. Meine Frage deshalb an Bruno Labbadia: „Wird das später, nach dem Spiel, besprochen und in irgendeiner Form aufbereitet?“ Der HSV-Coach: „Jaro ist sehr emotional, aber genau das ist seine Stärke, das ist seine Art und das ist gewiss nicht negativ. Und die Auswechslung war eine rein taktische Sache, wir mussten Risiko gehen, wir mussten offensiver spielen. Ich rede sehr viel mit ihm, aber ich muss nicht explizit über die Auswechslung mit ihm reden. Jaro ist für uns sehr, sehr wertvoll.“

Das wird er am Sonnabend wieder zeigen, ganz sicher. Er wird es auch zeigen müssen. Da kommt nämlich ein Tabellenschlusslicht, das mit Kampf, Herz und Leidenschaft gegen den drohenden Abstieg zur Sache gehen wird. Kann der HSV diese Attribute nicht ebenfalls in die Waagschale werfen, so dürfte er vor einem fast aussichtslosen Duell stehen. Bruno Labbadias Worte jedenfalls sollten jedem seiner Spieler eine Warnung sein: „Es kommt ein Gegner, der besser ist als sein Tabellenstand. Hertha hat sich im Winter sehr, sehr gut verstärkt, das sieht man an den Spielen in diesem Jahr.“ Der HSV-Coach befindet weiter: „Wir freuen uns auf dieses Heimspiel, es wird hier wieder eine gute Stimmung herrschen – Bundesliga ist immer etwa Schönes. Und wir sind überzeugt davon, dass wir gewinnen werden.“

Wenn das kein Versprechen ist.

Übrigens: Tagsüber gab es heute einige Irritationen bezüglich des Matz-ab-Blogs. Motto: Kein Anschluss unter dieser Nummer . . . Dazu gibt es folgende Erklärung unserer Internet-Abteilung: „Der Ausfall der Kommentarfunktion war auf einen Fehler zurückzuführen, der in der Blog-Software, die wir verwenden, aufgetreten ist. Dadurch wurde unbeabsichtigt verhindert, dass die Seiten, die die Userkommentare enthalten, ausgeliefert werden. Das Problem ist behoben, und es sind auch keine Daten verloren gegangen.“ Alles klar?

19.54 Uhr

Ein Sonntag im Volkspark . . .

4. März 2010

Tief durchatmen. Und dabei möglichst nicht an Fußball denken. So ging es mir schon während (!) des Länderspiels gegen Argentinien. Deutschland hätte noch Tage spielen können, ein Tor hätten die Cracks von Jogi Löw wohl nie geschossen. Das spielte die DFB-Elite, und die steht in der Weltrangliste auf Platz fünf. Gefühlt war das aber eher Platz 15. Oder noch schlimmer. In der 76. Minute musste der Pferdeschwanzträger im argentinischen Tor erstmalig zu Boden – in der 76. Minute schon. Ein Armutszeugnis. Nun gut, es gibt solche Spiele, wir Hamburger kennen das ja. Immerhin: HSV-Profi Jerome Boateng gehörte für mich zu jenen Spielern, die ihre Normalform brachten – und davon gab es nur herzlich wenige.

Passend dazu hatte mich gestern vor (!) dem Länderspiel eine Mail erreicht, die ein wenig Besorgnis um den HSV beinhaltete. Mein Kollege Sven, Mitarbeiter im Johannes-B.-Kerner-Team, schrieb mir, dass er sich bezüglich des Spiels am Sonnabend gegen Hertha BSC mit gar nicht so guten Gedanken trägt. Er fragte mich, wie oft der HSV nicht schon Aufbauhilfe für stark abstiegsgefährdete Vereine geleistet hätte, wie oft Mannschaften, die wochenlang nicht mehr gewonnen hatten, dann gegen den HSV die Wende geschafft hätten, und wie oft Stürmer, die seit Jahren keinen Treffer mehr erzielt hatten, ausgerechnet gegen den HSV eine Art der „Wiederauferstehung“ gefeiert hätten?

Oft. War meine Antwort. Und: zu oft. Deswegen wird es am Sonnabend ganz, ganz schwer. Wenn ich an das letzte Auswärtsspiel der Berliner denke, den 3:0-Sieg in Freiburg – das hätte eher auch ein 6:0 oder 7:0 sein können.

Ich denke aber, wenn ich mich an Spiele zwischen dem HSV und Hertha BSC erinnere, nicht an die hohen Pleiten in Berlin, auch nicht an jene Begegnungen, in denen der HSV auch so etwas wie „Aufbauhilfe“ geleistet hat, ich denke an den 28. Januar 2001. Ein Sonntag im Volkspark. Es war der 19. Spieltag, der HSV rangierte damals auf Platz elf. Und führte im Spiel gegen die Hertha vor 40 100 Zuschauern in der 28. Minute 1:0, weil Jörg Butt einen Handelfmeter verwandelt hatte.

Aber: Nicht deswegen habe ich dieses Spiel bis heute in ganz besonderer Erinnerung, sondern aus fußball-taktischen Gründen. Vor dem Butt’schen Strafstoß-Tor hatte der Berliner Rob Maaß noch die Rote Karte von Schiedsrichter Herbert Fandel (Kyllburg) gesehen. Dann das 1:0, zehn Berliner – die Frage nach dem Sieger schien an diesem Nachmittag bereits früh geklärt. Halbzeit 1:0, alle Hamburger liefen voller Vorfreude auf drei Punkte durch die Arena.

Und dann das: Hertha-Trainer Jürgen Röber, der damals bei meinen Berliner Kollegen nicht den besten Ruf genoss („Glücksritter“ und „Ahnungsloser“) hatte eine, hatte seine Sternstunde. Er wechselte zur Pause aus: Stürmer Alves blieb in der Kabine, dafür kam Mittelfeldspieler Tretschok. Fortan bestand das Berliner Mittelfeld aus fünf Spielern, vorne nur eine Spitze, hinten wurde Mann gegen Mann (gegen Präger und Yeboah) gespielt. Wie wirkungsvoll, diese Umstellungen. Die Hertha hatte danach ein deutliches Übergewicht und bestimmte mit zehn Spielern das Geschehen.

Und was machte HSV-Trainer Frank Pagelsdorf dagegen? Nichts. Oder sogar noch weniger, denn er wechselte in der 56. Minute für Abwehrspieler Tomas Ujfalusi Abwehrspieler Milan Fukal ein. Der HSV-Coach brachte also keinen weiteren offensiven Spieler, um damit die ja Mann gegen Mann spielende Berliner Defensive mehr unter Druck zu setzen, sondern er wollte ganz offenbar dieses 1:0 verteidigen. Was schief ging – natürlich. Preetz traf zweimal für die Berliner (63., 81.). Zwischendurch sah Rodolfo Cardoso noch die Rote Karte (77.), und erst in der 83. Minute (!) kam der offensive Marek Heinz für Fukal ins HSV-Team. Zu spät, er rettete nichts mehr, es blieb beim die Hamburger total enttäuschenden 1:2.

Und es blieb (bis heute) bei meiner Erkenntnis, dass auch meine Kollegen (die aus Berlin) gelegentlich gründlich mit ihren Einschätzungen daneben liegen können – nämlich mit jener Einschätzung, dass es Jürgen Röber einfach nicht drauf hätte. An diesem Sonntag jedenfalls stimmte es ganz sicher nicht, Röber ganz allein hatte seine Mannschaft noch zum Sieg geführt. Und für mich ist dieses Spiel HSV gegen Hertha BSC noch heute der Beweis, dass ein jeder Trainer schon gute und auch sehr gute Möglichkeiten hat, starken Einfluss auf das Geschehen zu nehmen, auch wenn es zuvor 45 Minuten lang noch ganz anders ausgesehen hatte. Noch heute ziehe ich innerlich den Hut für Jürgen Röber ob dieser Top-Leistung. Und irgendwie habe ich auch diesbezüglich ein wenig Angst vor Friedhelm Funkel, gebe ich zu . . .

Übrigens: Der HSV spielte damals mit Butt, Ujfalusi, Hoogma, Panadic, Hollerbach, Groth, Töfting, Cardoso, Meijer, Präger (66. Mahdavikia), Yeboah.

Und wenn man mal einen genaueren Blick auf diese HSV-Mannschaft wirft, so muss eigentlich jeder erkennen, dass in Sachen Personal seit dieser Zeit schon ein gewaltig großer Schritt nach vorne gemacht worden ist – oder?

So, Training ist heute erst um 15 Uhr, mein nächster Bericht folgt also erst am Abend danach.

10.35 Uhr