Tagesarchiv für den 2. März 2010

Gedankenspiel um Boateng

2. März 2010

Wenig los im Volkspark. Die Nationalspieler sind bei ihren Nationalmannschaften, dazu fehlen die Verletzten, deswegen trainiert der HSV im Moment nur mit reduziertem Kader. Immerhin aber ließ sich Mladen Petric noch am Dienstag in der Arena sehen, der verletzte Torjäger fuhr Fahrrad. Morgens hatte er die kroatische Nationalmannschaft verlassen, so hatte er es auch geplant, denn ein Einsatz beim Länderspiel in Belgien war von vornherein kein Thema. Mit im Kreis der letzten „HSV-Aufrechten“ war an diesem Dienstag – endlich wieder – Collin Benjamin. Der 31-jährige Allrounder soll von nun an langsam an die Mannschaft heran geführt werden. Ein Lichtblick.

Ruud van Nistelrooy, so ist es geplant, soll am Mittwoch wieder ins Training einsteigen und auf jeden Fall schon einige Teile der Einheit (10 Uhr) mitmachen. Frank Rost war heute nicht auf dem Rasen anzutreffen, der am Ellenbogen verletzte Torwart fuhr ebenfalls auf dem Fahrrad. Seinen Einsatz am Sonnabend, im Heimspiel gegen Hertha BSC, sage ich einmal voraus, bis dahin sollte er seine gesundheitlichen Probleme auskuriert haben. Gefehlt hat an diesem Dienstag auch Ze Roberto, der sich eine leichte (?) Grippe eingefangen hat. Bruno Labbadia über den Brasilianer: „Wir alle wissen, dass Ze noch nicht bei 100 Prozent ist, aber er wird kommen, und er braucht weiterhin Spiele, um wieder in seine beste Verfassung zu kommen.

Apropos kommen: In der nächsten Woche soll auch Bastian Reinhardt wieder ins Mannschaftstraining einsteigen können. Es wäre dem Vorbild-Profi zu wünschen und zu gönnen. Marcell Jansen dagegen ist nach seiner Magen-und-Darm-Erkrankung schon wieder auf dem Wege der Besserung, der Nationalspieler lief am Rande des Trainingsplatzes einige Runden. Am Mittwoch steigt Jansen dann wieder bei der Mannschaft mit ein.

Es geht personell also (langsam) bergauf, sicher ein gutes Zeichen für alle HSV-Fans. Und offensichtlich auch für Trainer Labbadia, der sich von höheren Zielen noch immer nicht verabschieden möchte, wie er sagt: „Ich schaue weiter nach oben, ich gebe die Hoffnung nicht auf, so lange rechnerisch noch immer etwas möglich ist. Es fehlt ja nicht viel, und was uns fehlt, das ist durchaus nachvollziehbar.“

Kommen wir zum „Thema des Tages“. Das wurde in diesem Blog heute am Vormittag „geboren“: Jerome Boateng zu den Bayern? So soll es – schon wieder einmal – die Mopo herausgefunden haben. Offiziell ist das natürlich nicht, aber unmöglich ist auch in diesem Fall nichts. Trotz aller Beteuerungen des Nationalspielers, der ja kürzlich im „Aktuellen Sportstudio“ seine „Liebe“ zum HSV öffentlich gemacht hatte. Aber, wie sagte es einst unser ehrwürdiger Alt-Kanzler Adenauer? Genau. Profi-Geschäft ist Profi-Geschäft, da wird mit harten Bandagen gekämpft, um jeden Monat, um jeden Euro, um jeden Cent. Liebeserklärung hin, Liebeserklärung her.

Was mich an diesem Fall ein wenig irritiert: Boateng saß in der vergangenen Saison, als Martin Jol noch Trainer des HSV war, oftmals auf der Bank. Auf jeden Fall hatte der ehemalige Berliner keinen Stammplatz. Und genau deswegen hatte er am Ende der Saison, als Jol den HSV verließ, auch erklärt. „Wäre Jol nicht gegangen, dann wäre ich gegangen!“ Und: Hat Boateng jetzt einen, hat er nun seinen Stammplatz? Für mich war er im vergangenen Herbst der beste deutsche Abwehrspieler, für mich ist er heute noch immer einer der besten deutschen Abwehrspieler, obwohl er gelegentlich zu lässig spielt, im Spiel teilweise überheblich wirkt, gelegentlich auch unkonzentriert. Oder ist es vielleicht auch ein wenig Resignation?

Der junge Mann spielt am Mittwoch eventuell gegen Argentinien. Und er will unbedingt mit zur Weltmeisterschaft nach Südafrika. Und natürlich muss er darum fürchten, wenn er beim HSV nicht spielt, wenn er nur gelegentlich zum Einsatz kommt. Dass ihm dann ganz andere Gedanken durch den Kopf schießen (wenn es denn so ist!), wäre für mich absolut nachvollziehbar. Und wenn Jerome Boateng selbst nicht daran denkt, dann denkt eben sein Berater so etwas für ihn. Ganz klar. Der Herr Neubauer, der hat diese Aufgabe, sich für seinen Schützling Gedanken zu machen. Auch schon voraus zu denken. Und spätestens der Berater denkt daran und malt sich im schlimmsten Fall aus, wenn es mit einer WM-Teilnahme nicht klappen sollte.

Jerome Boateng sieht sich mehr als Innenverteidiger denn als Außenverteidiger. Er kommt aber zurzeit nicht an Joris Mathijsen (selbstverständlich, möchte ich meinen) vorbei, und er schafft es derzeit auch nicht, David Rozehnal zu verdrängen. Also bleibt nur die Position rechts – oder die Bank. Obwohl ich auch sage, dass Boateng durchaus auf der Sechs spielen könnte. Aber das ist ein anderes Thema. Und weil diese Fakten Bestand haben, wäre es für mich kein Wunder, wenn sich Boateng auch tatsächlich mit Abwanderungsgedanken tragen würde. Würde deshalb, weil wir ja nichts Wirkliches wissen – und es sicher auch noch dauern wird, bevor wir alle in diesem Fall klarer sehen werden.

Noch ein Thema möchte ich aufgreifen, weil es hier hohe Wellen schlägt: Schalke 04. Ich habe mich des Themas bemächtigt, weil ich erstens mit Felix Magath (immer noch) befreundet bin, zweitens ein großer Fan des Trainers Magath bin, und drittens weil ich bewundere, was dort in Gelsenkirchen seit dem Sommer 2009 passiert ist.

Zur Erinnerung: Schalke hatte 2008 viele Millionen investiert, wollte mit Fred Rutten ganz oben angreifen – und belegte 19 Punkte hinter Meister Wolfsburg einen „guten“ achten Platz. Dann kam Magath. Und seit er dort das Ruder übernommen hat, spielen Jungs wie Moritz (20), Schmitz (21), Matip (18), Moravek (20), Zambrano (20), Gavranovic (20), Loheider (19) und Ibraimi (23). Sie spielen nicht immer, aber sie spielen für die Bundesliga-Mannschaft von Schalke 04. Und Schalke spielt zwar mitunter schlecht, rangiert derzeit aber auf Rang drei in der Ersten Liga, acht Punkte vor dem HSV. Dieser HSV hat, ganz nebenbei, von den letzten 16 Spielen vier gewonnen. Und das ist nun auch wieder keine Nörgelei von mir, sondern Tatsache – leider. Schalke steht mit seiner etwas besseren A-Jugend immerhin so gut, dass man noch auf den Meistertitel schielen kann, und der HSV kann für sich in Anspruch nehmen, in den bisher gespielten 24 Begegnungen bis auf die 90 Minuten in Dortmund meistens besser, immer aber auf jeden Fall gleichwertig gewesen zu sein.

Was ich damit zum Ausdruck bringen wollte und immer noch will: Magath hat einst in Frankfurt, Stuttgart und Nürnberg kleinere bis größere Fußball-Wunder vollbracht, indem er die Klubs noch vor dem fast sicheren Abstieg bewahrte. Nachzufragen in den jeweiligen Städten. Dann wurde er zweimal Double-Sieger in Deutschland, natürlich, mit dem FC Bayern, das hätte wahrscheinlich auch jeder andere Trainer geschafft – oder? Und dann passierte noch etwas Unglaublicheres: Magath wurde auch mit der Grauen Maus Wolfsburg Meister. Natürlich, ich höre jetzt schon wieder die Einwände: „Die haben doch Millionenden investiert.“ Ich aber sage: Meister werden nicht die Millionen, denn sonst wäre ja wohl der FC Bayern immer der deutsche Titelträger. Meister wird die Mannschaft, die vor allem eins für sich in Anspruch nehmen kann: super geführt zu sein.

Ein Gebot von Magath lautet ja: „Qualität kommt von Qual.“ Okay, ist vielleicht auch nur so blöd daher gesagt. Ein Satz für das Phrasen-Schwein. Aber bei Felix Magath ist das Programm. Was habe ich in den vergangenen Jahren nicht alles an Trainer kennen gelernt (nicht nur beim HSV, aber auch)? Die haben sich hinter vorgehaltener Hand lustig über Magaths Methoden gemacht. Die haben ihre Späße immer genau mit jenen Medizinbällen getrieben, mit denen die Schalker Spieler (oder damals die Bayern, die Frankfurter oder, oder) gerade die Traversen rauf und runter gelaufen sind. Später hatten diese Spieler dann aber meistens so kräftige Armmuskeln, dass sie irgendwelche Trophäen in die Höhe stemmen konnten . . .

Das wollte ich nur noch einmal als kurze Erklärung dafür nachtragen, dass ich hier das Beispiel Schalke 04 genannt habe. Und: Ich würde mir wünschen, dass es viele, viele Trainer mehr vom Schlage Magath in Deutschland geben würde, denn, davon bin ich restlos überzeugt, davon würde ganz sicher auch der internationale Ruf des deutschen Vereins-Fußballs profitieren können. Auf Schalke rennen sie 90 Minuten wie die Hasen, sogar Kevin Kuranyi ist wieder in Bestform und geht für seinen Trainer durchs Feuer. Magaths Erfolge sprechen doch für sich, sie müssten längst schon den meisten Trainerkollegen zur Nachahmung dienen, aber stattdessen blicken sie noch immer nur lächelnd (zurzeit) nach Gelsenkirchen.
Zwei Fragen dazu: Wie lange noch? Und: Wer ist der erste Trainer, der es so wie Felix Magath machen will? Ich kenne noch keinen, der das versucht hat. Ich kenne nur das Gegenteil davon. Obwohl die Beispiele Frankfurt, Stuttgart, Nürnberg, München, Wolfsburg und Gelsenkirchen für sich sprechen müssten.

So, zum Schluss noch ein Blick in die Vergangenheit: Thomas Doll hat seinen Vertrag mit dem türkischen Erstliga-Klub Genclerbirligi so gut wie verlängert. Doll heute am Nachmittag in einem Telefonat: “Wir sind uns einig, wir haben alles per Handschlag besiegelt, der Vertrag wird in den nächsten Tagen unterschrieben.” Thomas Doll also bis 2011 in der Türkei, mit ihm auch sein Assistent Ralf “Katze” Zumdick.

Dann möchte ich noch kurz darauf hinweisen, dass nun die Höhepunkte des ersten Matz-ab-Treffens (19. Februar in der Raute) hier auf Video zu bewundern sind. Sind tolle Ausschnitte, es lohnt sich sie anzusehen. 17.048 Uhr