Tagesarchiv für den 1. März 2010

HSV: Nur Hiobsbotschaften verlässlich

1. März 2010

Irgendwie ist Ernüchterung eingekehrt. Geht es Euch auch so? Falls nicht, vermeidet einen Blick auf die Bundesligatabelle. Das 0:1 bei den Bayern ist ja eigentlich kein Beinbruch, aber wenn man es dann im Vergleich zur unmittelbaren Nachbarschaft in der Tabelle betrachtet, ist es ein, wenn nicht sogar der entscheidende Schritt zurück. Acht Punkte zum Tabellendritten Schalke sind trotz Drei-Punkte-Regelung , trotz des noch ausstehenden Heimspiels gegen die Königsblauen eine aus meiner Sicht unüberwindbare Hürde. Und das heißt im Umkehrschluss, dass heute ein neuer Saisonabschnitt beginnt: der Kampf um die gesicherte Europa-League-Teilnahme.

Die kühnsten Optimisten unter Euch werden mich jetzt womöglich für einen Schwarzseher oder Berufspessimisten halten. Acht Punkte Rückstand haben schließlich schon ganz andere Mannschaften aufgeholt. Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, trennen diesen HSV eben auch gerechterweise so viele Punkte von der Königsklasse. Hamburg ist im Gegensatz zu Leverkusen, den Bayern oder auch Schalke noch nicht in der Lage, konstant über 15-20 Spieltage auch mal schwächere Partien knapp zu gewinnen – oder eben nach so einem Rückschlag wie dem überraschenden Gegentor gestern noch einmal eine gehörige Schippe draufzulegen und den eigentlich verdienten Ausgleich zu erzwingen.

Das alles hat natürlich Gründe. Es gibt viele von Euch, die halten den HSV ab der 75. Minute für dauerhaft gefährdet. Die vermissen in dieser Phase die „zweite Luft“, die zweifeln den konditionellen Zustand an. Diesen Leuten möchte ich nicht widersprechen, jedenfalls nicht gänzlich. Sicherlich gibt es fittere Mannschaften (Schalke zum Beispiel), aber angesichts der vielen Verletzten des HSV in den vergangenen Wochen und Monaten ist leichter Nachholbedarf bei dem einen oder anderen (z.B. Boateng, Zé Roberto, Petric) doch logisch – und das lässt sich natürlich auch nicht aus einem gesamten Team streichen. Trotzdem denke ich nicht, dass der körperliche Zustand der Hauptgrund für die klaffende Lücke zu Rang drei und den Topteams ist.

Mein Ansatz für diesen Missstand liegt eher in der Qualität des Einzelnen. Ich sage es mal so krass: Franck Ribery war gestern in München einer der schwächsten Spieler auf dem Platz. Aber, und da setzt eben die Fußball-Logik ein, Louis van Gaal hat ihn trotzdem auf dem Rasen gelassen, weil er genau weiß, dass dieser Franzose selbst an seinen schlechtesten Tagen den Unterschied ausmachen kann. Und genau den hat er gestern ausgemacht. Ein einziges Mal konnte er mehr oder weniger problemlos den Haken nach innen schlagen und in Schussposition kommen – kläglich verteidigt von Guy Demel und David Rozehnal: Siegtor. Dass der Fehler vorweg, der mindestens genauso schwer war, im Mittelfeld des HSV lag, darf man nicht verschweigen. Aber letztlich war es trotzdem die individuelle Qualität, die den Bayern diesen goldenen Treffer beschert hat.

Ich habe mir heute Morgen mal die Mühe gemacht und habe mir Schalkes erfolgreichen Derby-Kader angeschaut. Ich möchte mir nicht anmaßen, alle Schalker Spieler und ihre Qualitäten bestens zu kennen, aber der Unterschied zwischen den einzelnen Profis ist bestimmt nicht so groß, dass man ihn in der Tabelle mit acht Punkten Differenz belegen müsste. Also haben die Schalker einen anderen Vorteil, den der HSV derzeit oder schon seit einigen Wochen nicht einbringen kann. Vielleicht ist es dieser unbedingte Glaube an die eigene Stärke. Das Selbstvertrauen zu wissen, dass selbst Spiele, in denen man unterlegen ist (und so ging es Schalke gegen den BVB eine ganze Zeit…), positiv enden können.

Beim HSV registriere ich momentan eine andere Psyche. So platt es klingen mag, aber gestern nach dem 0:1 hatte ich den Eindruck, fast das gesamte Team falle in sich zusammen. Bruno Labbadias Kicker wirken mental etwas müde, was nach dem Krimi in Eindhoven möglicherweise auch nicht überraschend ist. Das einzig Verlässliche, so scheint es, sind keine eigenen Treffer in schweren Zeiten, sondern stetig neue Rückschläge in Form von Verletzungen. Mal ist es Petric, nun ist es Frank Rost. In Sachen personelle Hiobsbotschaften ist der HSV längst meisterlich. Und dass Ruud van Nistelrooy die längste Muskelverhärtung aller Profis überhaupt hat, passt da leider bestens ins Bild.

Ich habe heute mit vielen Experten, HSV-Zuschauern und Fans gesprochen. Sie alle haben die Titelträume schon seit längerem zu den Akten gelegt, sie haben die gestrige Pleite frustriert zur Kenntnis genommen und wirkten auf mich, als hingen sie jetzt gerade in einem Loch. Ich hoffe nur, dass es den HSV-Profis nicht ähnlich geht. Das Heimspiel gegen Hertha BSC am Sonnabend wird zehnmal schwerer als das Match in München. Der Frustpegel vieler Fans und Spieler ist am Anschlag, nun gilt es für Trainer Labbadia, behutsame Aufbauarbeit zu leisten. Und so blöd es auch klingen mag. Zum Startschuss des neuen Saisonabschnitts, dem Kampf um die sichere Europa-League-Teilnahme, liegt der HSV an der Spitze. Und die gilt es zu verteidigen.

Bevor ich es vergesse: Zur Personalie Frank Rost gibt es wie versprochen an dieser Stelle Neuigkeiten. Er hat sich “nur” eine Ellbogenprellung zugezogen. Was das für die kommenden Spiele und Trainingseinheiten bedeutet, werden die kommenden Tage zeigen. Gebrochen ist glücklicherweise nichts.

PS: Bitte missversteht meinen Eintrag nicht als Nörgelei. Ist eher ein kurzer Einbruch des grenzenlosen Optimismus in Sachen “Angriff auf Platz drei”. Aber gen Ende hatte ich mich wieder erholt – schließlich sind Labbadias Mannen Tabellenführer der Top-3-Jäger! Und dabei soll es bleiben.

13:45/15:00 Uhr