Monatsarchiv für März 2010

Zwei offene Personalfragen

31. März 2010

Tomas Rincon war wirklich nicht zu beneiden. Im Abschlusstraining in der Nordbank-Arena war der Defensivallrounder offenbar nicht wohl gelitten. Erst wurde er per „Blattschuss“ zwischen die Beine ausgeknockt, eine Viertelstunde später von Joris Mathijsen mit einer Fünf-Meter-Grätsche unsanft zu Boden gebracht. Doch der Mann aus Venezuela ist hart im Nehmen und stand schnell wieder. Weitermachen – das soll ja auch das Motto für den morgigen Abend sein.

Die Wogen in Sachen Trainerdiskussion haben sich ein wenig geglättet. Stand jetzt. Labbadia wurde auf der Pressekonferenz gefragt, was er zum Gerede um seine Person und Position sagt. Seine Antwort: „Ich kann es nicht ändern. Meine Aufgabe ist es, Analysen vorzunehmen und Lösungen zu finden, was den Sportlichen Bereich betrifft. Darauf konzentriere ich mich. Wir glauben, dass wir uns von anderen Dingen nicht von unserem Weg abbringen lassen.“

Durchhalteparole oder Aufbruchappell? Die Antwort fällt mir diesmal leichter als je zuvor: Im Falle eines guten Ergebnisses im Hinspiel gegen Lüttich war es ein verbaler Startschuss zur Besserung, vor allem im Hinblick auf die mögliche Runde der letzten vier in Europa (Champions League ausgeschlossen), im Falle einer Enttäuschung, an die ich gar nicht denken möchte, wird es in der Stadt hoch hergehen. Und dann sind die Aussagen vom heutigen Mittwoch eh Schnee von vorgestern.

Ehe ich es vergesse: Einige der treuesten Fans des HSV sind vor dem Anpfiff nicht nur wegen der heiklen Lage in Aufregung, sondern auch wegen ihrer Tickets. Ich habe von zwei Dauerkarteninhabern gehört, deren Plätze trotz Reservierung an andere Zuschauer verkauft wurden. Und mehrere Nutzer des Vorkaufsrechts für Tickets warteten auch heute vergeblich auf die Zusendung ihrer Karten. Ein Anruf, eine Frage: Was ist zu tun? Antwort: „Können Sie nicht morgen noch einmal kurz checken, ob die Karten in der Post liegen? Falls nicht, werden sie Ihnen am Stadion ausgedruckt!“ Da mancher Fan den Stadionbesuch an einen längeren Arbeitstag anschließen wollte, fragt er sich nun, ob ihn im Falle eines Ausdrucks am Stadion das blanke Chaos erwartet. Nach geordneten Abläufen klingt das Ganze jedenfalls nicht.

Also lieber zurück zum sportlichen Treiben. Ich habe Bruno Labbadia heute während der Trainingseinheit genau beobachtet. Es wirkte für mich fast so, als habe der Trainer die Scheuklappen angelegt. Und das ist gut so, denn jede Beschäftigung mit Wenns und Abers und Eventualitäten wäre pure Ablenkung von DEM einen Hauptziel dieser Woche: dem Erreichen einer optimalen Ausgangslage für das Rückspiel in Lüttich. „Zu null spielen ist das Wichtigste“, sagt Guy Demel. Noch Fragen? Wer die Hamburger Hintermannschaft zuletzt häufiger gesehen hat, der weiß, wie schwer das werden wird.

Aber, und das ist eben auch eine Folge der vergangenen Wochen, es wird ja einige personelle Veränderungen geben. Nun können sich auch die ärgsten Nörgler und Experten unter den Spielern und Fans nicht mehr beschweren, was die Formationswahl in der Defensive betrifft. Joris Mathijsen wird neben Jerome Boateng die Innenverteidigung bilden, rechts ackert Guy Demel (hatte im Abschlusstraining mit einem Flankenverhältnis von 1:3 – eine starke, drei erschütternde – immerhin eine erkennbare Aufwärtstendenz), links Dennis Aogo. Das steht. Und Bruno Labbadia, von vielen der französisch sprechenden Kollegen aus Belgien übrigens „Brüno“ ausgesprochen, legt zudem extrem viel Wert darauf, dass im defensiven Mittelfeld stets eine zentrale Figur in „Staubsaugerstellung“ verharrt, um ja keinen der gefährlichen Standard-Konter zuzulassen. Wenn „Jaro“ und Zé diese Vorgabe morgen Abend über die gesamte Spielzeit beherzigen, ist mir beim Gedanken an Drucksituationen des Gegners viel wohler als zuletzt.

Was die offenen Positionen im Spiel angeht, herrscht auch nach dem Abschlussspiel auf dem wirklich meisterlichen neuen Rollrasen weiterhin Rätselraten. Vieles spricht für ein Mittelfeld mit Jonathan Pitroipa (links) und Tunay Torun (rechts), aber Labbadia probierte auch das Duo Piotr Trochowski (links) und Robert Tesche (rechts) aus. Nimmt man die letzten Eindrücke der Einheit heute als Maßstab, dürfte es eine Mischung aus Torun und Trochowski werden. Pitropia brachte es in weniger als 20 Minuten auf mindestens drei verstolperte Bälle und ebenso viele Abseitspositionen, Torun allerdings erlaubte sich einen gravierenden Fehler in der Defensivbewegung. Mal sehen, vielleicht entscheidet sich der Trainer bei diesen zwei Fragen auch intuitiv.

Vorne probte der Coach auch zwei Sturmpärchen: Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy (der Niederländer wirkt seit Montag wirklich etwas befreiter) sowie Paolo Guerrero und Marcus Berg. Letztere beide werden als Notfallalternativen parat stehen. Und mein Gefühl sagt mir, dass einer der beiden Joker diesmal auch zuschlagen wird.

Labbadias Redeanteil bei der heutigen Einheit war übrigens sehr hoch, was einige von Euch und ja auch einige Spieler intern schon hier und da mal angemerkt haben. Heute allerdings hatte alles Hand und Fuß, was der Trainer seinen Spielern erzählte. Er zeigte ihnen Lösungen auf, um Standard unter Druck zu setzen (wie, wird hier natürlich nicht verraten), er sprach Fehlverhalten und Variantenreichtum direkt und unverblümt an. Und nachdem Ricardo Moniz im B-Team einen Treffer Tesches mustergültig vorbereitet hatte, musste sich Torun für sein lasches Defensivverhalten eine Standpauke anhören, die fast sogar die neun anwesenden Matz-Abber im Restaurant Raute hätten mithören können.

Meinen heutigen Beitrag möchte ich mit den Worten abschließen, die HSV-Pressesprecher Jörn Wolf zur Eröffnung der Pressekonferenz wählte. Es ist Europa-League-Zeit, es kribbelt wieder. Ist dem etwas hinzuzufügen?

18.40 Uhr

“Das Schweigen der Lämmer”

30. März 2010

Lothar Matthäus? Horst Hrubesch? Oder ab sofort schon mit Joachim Löw? Vielleicht aber doch besser Norbert Meier? Herrlich. Da gibt der HSV-Boss Bern Hoffmann ganz klar bekannt, dass es keine Trainer-Diskussion im HSV und somit auch keinen neuen Trainer geben wird („Stand jetzt“), aber es werden Namen gehandelt wie an der Panini-Sammelbörse. Noch jemand ohne gültigen Trainer-Vorschlag? Allen denjenigen, die jetzt schon schlaflose Nächte haben, weil sie diesen und jenen Trainer unbedingt NICHT in Hamburg haben möchten, denen lege ich ans Herz: abwarten. Seht Euch in aller Ruhe die Spiele bis zum13. Mai 2010 an, und solltet Ihr dann schlaflose Nächte haben – dann wird Euch Bernd Hoffmann erlösen. Oder aber der alte und neue HSV-Trainer heißt am 13. Mai 2010 Bruno Labbadia.

Ganz mutig sind ja jene HSV-Fans, die solche Trainer-Größen wie Mourinho, Wenger, Hiddink, Ferguson, Benitez und Ancelotti auch nur ansatzweise in den Mund nehmen. Meine Bewunderung, die Herren! Ich würde da schon eher auf einen Außenseiter tippen: Louis van Gaal. Der kennt die Bundesliga nun ganz genau, und in Hamburg hätte er ohnehin viel, viel mehr Geld als in München zur Verfügung . . . Das Trainer-Gehalt dürfte Bernd Hoffmann ganz locker aus der Portokasse nehmen. Oder er nimmt das Geld aus der eigenen Haushaltskasse, egal, er wird das wuppen. Aber falls der eine oder andere Trainer dann doch etwas zu teuer sein dürfte (was ich eigentlich total ausschließe!), dann hätte ich, wenn ich darf, noch einen zweiten Tipp: Hans Meyer. Der ist zurzeit sogar ganz frei. Okay, okay, nicht gleich explodieren, das ist Realsatire, es ist überspitzt formuliert, es ist Ironie und nur mein ganz normaler Irrsinn, mit dem ich heute schon „Trainerglück“ beim Training im Volkspark etwas verwirrt habe – also, ganz klar gesagt: Hans Meyer ist frei erfunden. Ehrlich.

Auch aus einem ganz anderen Grund, als nur die Finanzlage des HSV. Wie sagte mir am Dienstag ein HSV-Spieler, den ich auf die Unruhe mit dem Trainer und einem angeblichen vorzeitigen Trainer-Wechsel ansprach? „Wir haben doch noch ganz andere Baustellen als den Trainer . . .“ Aha! Interessant.

Es gärt (auch) in der Mannschaft. Das ist ganz offensichtlich, das ist nicht neu. Da ist von einer Super-Stimmung, von Harmonie und von einer Einheit nichts, aber auch weit und breit nichts zu erkennen. Auch beim Training am Dienstag nicht. Alles ziemlich brav, bieder und lautlos. Spaß, Freundlichkeiten, Scherze? Fehlanzeige. Jeder spult sein Pensum so gut es geht ab. Und wenn es dann doch nicht ganz so gut geht – macht nichts. Es ist eben so. Für mich steht das Training bis zum Donnerstag ohnehin unter dem Motto: Kräfte sammeln, Kräfte schonen, Kräfte bündeln. Da wurde im Kreis gespielt, dann wurden Spielzüge einstudiert, zum Schluss Spielzüge mit Flanken und Torabschluss geübt. Alles ganz harmlos und völlig normal. Bei den Flanken gab es erneut viele, viele Rohrkrepierer, soll heißen, die Bälle zogen tiefe Furchen in den Rasen. Bester Flankengeber war, ich mag es gar nicht schreiben (aber “Trainerglück” sah es ebenfalls so), wieder einmal Piotr Trochowski.

Beim HSV ist, so mein Empfinden, die Frische der Hinrunde total auf der Strecke geblieben. Es ist für niemanden (auf der Tribüne) mehr erkennbar, dass diese Mannschaft mit Freude und mit Spaß ihrem Beruf nachgeht, da ist nichts mehr von Herz, Leidenschaft und Emotionen erkennbar. Alles vorbei. Da laufen elf Künstler über den Rasen, die rein zufällig dieselbe Trikotfarbe auf der Brust tragen. Da gibt es kein Miteinander, da gibt es keine Motivationen, da gibt es keine Aufmunterungen – da gibt es nur das „Schweigen der Lämmer.“ Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, keiner verschwendet auch nur den kleinsten Gedanken an den Nebenmann.

Sicher, das ist oder wäre  auch eine Sache des Trainers. Oder besser: Eine Sache für den Trainer. Der muss das erkennen und es beheben. Aber: Es ist eben auch eine verdammt ernste Sache der Herren Profis. Und vor allen ein Ding für die Führungsspieler. Letztere Sorte von HSV-Profis wurde vom Trainer nach der 0:1-Niederlage in Mönchengladbach kritisiert. Sie seien nicht in der Verfassung, in der sie Verantwortung übernehmen könnten. Die Frage sei erlaubt: Wieso das denn nicht? Aber die Antwort darauf müsste sich Bruno Labbadia selbst geben.

Kapitän David Jarolim sagt zu diesem Thema: „Es ist eine Sache, die alle Spieler angeht, wir sind eine Mannschaft, alle müssen mitziehen. Wenn wir verlieren sind es alle, wenn wir gewinnen sind es alle – und nicht der und nicht der. Und wir müssen selbstkritisch sein. In Gladbach waren ganz sicher nicht alle bei 100 Prozent.“ Und die Sache mit dem Spaß, mit der Freude am Fußball? Jarolim: „Wenn man die Ergebnisse nicht hat, dann ist das so. Ein Sieg wäre auch ein Befreiungsschlag für den Kopf.“ „Jaros“ Erfolgsrezept für die nächsten Spiele: „Wir müssen nicht aus der Kabine kommen, um schön zu spielen – wir müssen erfolgreich spielen. Und mal wieder zu null. Und vielleicht auch mal einen dreckigen Sieg einfahren.“ Schon gegen Standard Lüttich am Donnerstag?

Zwei, die bei einem solchen „dreckigen Sieg“ gerne mithelfen würden, standen nicht immer in der ersten Reihe des HSV: Marcus Berg und Jonathan Pitroipa. Der Schwede musste zuletzt in Mönchengladbach eine kleine „Ohrfeige“ verdauen, als Trainer Labbadia den erst seine eineinhalb Wochen im Mannschaftstraining stehenden Paolo Guerrero (für Ruud van Nistelrooy) einwechselte. Berg dagegen schmorte bis zum Ende auf der Bank. Und sagt zu seiner Situation: „Ich muss positiv denken, sonst spiele ich auch noch schlecht. Ich muss einfach weiter gut trainieren, ich glaube nämlich nicht, dass es etwas bringen würde, wenn ich nun zum Trainer laufe um mit ihm zu sprechen. Wenn er einen Spieler besser findet als mich, dann ist das eben so, dann wird dieser Spieler auch immer spielen. Außerdem: Ich kann nach der Saison immer noch mit dem Trainer sprechen . . .“

Marcus Berg – ein Missverständnis? Oder vor allem DAS Missverständnis? Er gibt zu: „Ich habe mich in Mönchengladbach geärgert, ich war sehr enttäuscht – aber ich muss es so akzeptieren. Ich bin zwar nicht einverstanden damit, aber wenn ich mich jetzt groß darüber aufregen und viel Gesabbel darum veranstalten würde, dann wird das alles zu negativ hier. Es ist auf jeden Fall aber nicht so, dass ich mich nicht ärgere – auch wenn ich nichts dazu sage.“ Zur Erinnerung: Marcus Berg wurde von Bruno Labbadia verpflichtet. HSV-Kenner wollten am Sonntag aber mit der Einwechslung von Guerrero auch erkannt haben, dass sich der HSV-Coach damit an einen (kleinen) Strohhalm klammerte: In der Hinrunde, ganz am Anfang, funktionierte das Sturm-Duo Malden Petric/Paolo Guerrero ganz ausgezeichnet, es hätte ja auch in Mönchengladbach wieder klappen können. Hätte.

Schon zur Pause hatte der Trainer den Flügelflitzer Jonathan Pitroipa (für Tomas Rincon) gebracht. Mit Erfolg, wie ich meine, auch wenn der HSV das 0:1 nicht mehr drehen konnte. „Piet“ sorgte aber für Schwung. Für ihn war es eine Art „Schaulaufen“, denn er will weg. Weg aus Hamburg, weg vom HSV. Am liebsten sofort, aber das geht natürlich nicht – dann eben im Sommer. Auch wenn er jetzt ein wenig besser zur Geltung kommt, als vor einigen Monaten noch. Pitroipa sagt: „Ich konnte von Anfang bis jetzt noch nicht sehr viel zeigen, ich hoffe auf meine Chance. Wenn ich die bekomme, dann werde ich sie auch nutzen – mit meinen letzten Auftritten war ich ganz zufrieden, ich habe Selbstvertrauen bekommen.“

Er will spielen, will mehr Einsätze, möchte Stammspieler werden und sein. Schon vor einigen Tagen sagte er, dass er sich nach der Saison unbedingt mit dem Trainer und dem Vorstand unterhalten möchte, denn er will geklärt haben, wie seine sportliche Zukunft aussieht, aussehen kann. Er sagt: „So wenig zu spielen, wie ich in den letzten Monaten, das kann nicht gut für mich sein.“

Wobei ich anmerken darf und muss: Fußball ist nicht nur Laufen, nicht nur Haken schlagen, dribbeln und sprinten. Fußball ist auch, den Ball einmal hart und platziert auf des Gegners Tor zu schießen. Und genau in diesem Punkt hapert es, da hat der „gute Piet“ seit seiner Ankunft in Hamburg starke Defizite. Könnte er die beheben, wäre er sicher ein Kandidat für die Stamm-Elf, aber er kann sie eben nicht beheben. Fliegt beim Torschuss-Training des HSV mal ein Ball über den großen Fangzaun (und das kommt gewiss nicht selten vor!), dann war es sehr oft Jonathan Pitroipa, dem wieder einmal das Zielwasser abhanden gekommen ist. Deshalb ist mein Empfinden: Für die Rolle als Joker ist Pitropia eigentlich prädestiniert – wenn er sie so ausfüllt, wie zuletzt. Und vielleicht am Donnerstag gegen Standard Lüttich?

Noch etwas in eigener Sache:
In den letzten Tagen sind einige Beiträge von Usern nicht (sofort) veröffentlicht worden. Das ist keine Zensur, das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme des Verlags Axel Springer. Es gibt eine Instanz, die die Texte nun auf Verunglimpfungen, Pöbeleien, Beleidigungen etc. überprüft, denn davon hatte es in jüngster Vergangenheit zu viele gegeben. Es waren Fälle darunter, die für den Verlag vor Gericht hätten enden können, und das muss nun wirklich nicht sein. Wir wollen mit diesem Blog Spaß und Freude am Fußball und am HSV vermitteln, und wir wollen auch faire Kritik üben, wenn sie angebracht ist. Faire Kritik, das möchte ich betonen. Zu gegebener Zeit wird sich auch die Rechtsabteilung des Verlags zu diesen Dingen äußern. Es wird auch darüber nachgedacht, eine Registrierung für „Matz-ab“-User einzuführen. Noch ist es nicht soweit, aber es wird in Erwägung gezogen.

Allen denen, die zuletzt mich bepöbelten und beleidigten, sei gesagt, dass ich erstens mit dieser Art des Umgangs, wie er hier zuletzt von einigen „gepflegt“ wurde, ganz und gar nicht einverstanden war (und bin), dass aber nicht ich die Artikel auf Beleidigungen, Pöbeleien und Beschimpfungen überprüfe. Es ist, wie gesagt, eine Instanz zwischengeschaltet worden – und das ist auch gut so. In erster Linie, das gebe ich gerne zu, für mich. Entweder wir alle befleißigen uns wieder eines freundlicheren und fairen Miteinanders, oder es geht auf einem etwas anderen Wege weiter. Eines steht fest: Das Hamburger Abendblatt will und wird sich „Matz ab“ nicht kaputt machen lassen. Und ich bedanke mich bei allen, die den nun eingeschlagenen Weg mitgehen wollen und werden – es ist deutlich die Mehrheit.

Danke.

18.48 Uhr

Hoffmanns Erklärungen

29. März 2010

„Herr Hoffmann, sind Sie sicher, dass Sie mit Trainer Bruno Labbadia auch in die nächste Saison gehen werden?“ Diese Frage stellte ein Kollege, als wir mit Bernd Hoffmann sprachen. Der Kollege stellte in diesem Pulk nur diese eine Frage, aber die hatte es in sich, denn der HSV-Boss kam leicht ins Trudeln: „Ja, äh, äh, selbstverständlich bin ich mir, bin ich mir sicher.“ Und dann, nach fünf Sekunden des Schweigens, fügte Hoffmann hinzu: „. . . Stand jetzt.“ Auf das leise aufkommende Gelächter der Umstehenden fragte der HSV-Chef in die Runde: „Ja, nun, über was reden wir denn hier?“ Diese Frage war die letzte für dieses spontane Treffen, und sie blieb unbeantwortet. Aber es war schon allen klar: Wir hatten mit dem Boss über Bruno Labbadia geplaudert . . .

Ohnehin war beim HSV am Montag der Tag der Unterhaltungen. Morgens, vor dem Training, gab es die einstündige Aussprache, an der Mannschaft, Trainer-Team und der Vorstand in Person von Bernd Hoffmann und Katja Kraus teilnahmen. Tacheles wurde gesprochen. Und es wurde sich gegenseitig versprochen und versichert, für den Rest der Saison an einem Strang zu ziehen, alles dafür zu geben, dass der HSV wieder zurück in die Erfolgsspur kehrt.

Ich habe Bernd Hoffmann an diesem Montag auch Fragen gestellt. Ganz besonders eine, die Euch, so war zuletzt häufig zu hören und zu lesen, am HSV-Herzen lag: „Herr Hoffmann, einige User bezweifeln, dass Sie sich von Bruno Labbadia trennen würden, weil Sie damit ja Ihren eigenen Fehler eingestehen müssten, denn Sie haben ihn schließlich selbst zum HSV geholt?“ Die Antwort von Bernd Hoffmann war erneut eine Gegenfrage: „Hätten Sie diese Sorge auch?“ Meine Antwort war dann keine Gegenfrage: „Ich habe diese Sorge nicht, und das habe ich bei Matz ab auch schon gelegentlich geschrieben, denn Sie, Herr Hoffmann, dulden keine Stagnation, erst recht keinen Rückschritt. Sie würden reagieren.“

Natürlich würde er es. Aber Bernd Hoffmann entgegnete mir auf meine Entgegnung: „Wissen Sie, was ich für ein Votum der Fans empfange? Dass wir 45 000 Leute haben, die unbedingt am Donnerstag bei dem Europa-League-Spiel gegen Standard Lüttich dabei sein wollen. Und zudem gibt es jede Menge Aufmunterung für unsere Mannschaft. Die Leute sagen mir, dass sie mit dieser Mannschaft hier noch eine Menge erreichen wollen.“ Auf den Einwand eines Kollegen, dass die 45 000 Fans auch im Stadion wären, wenn der HSV-Trainer Willi Schulz heißen würde, sagte Hoffmann: „Das ist jetzt nicht das Thema. Das haben wir auch schon klipp und klar gesagt. Sondern wir werden am Donnerstag eine Reaktion der Mannschaft sehen. Mehr ist zu diesem Thema auch nicht zu sagen.“

Auf meine Frage, dass Bernd Hoffmann ja keine Stagnation, erst recht keinen Rückschritt dulde, antwortete der HSV-Chef: „Aktuell haben wir den 29. März, und wir haben immer noch alle Chancen. Wir hätten natürlich schon eine bessere Ausgangsposition haben können, darüber müssen wir nicht reden, denn wir haben in der Bundesliga jede Menge Chancen liegen lassen. Da hilft uns jetzt aber kein Lamentieren, sondern wir haben noch sechs Spiele in der Bundesliga, haben die Möglichkeit, uns für die Europa League zu qualifizieren noch in den eigenen Händen – und wir haben ein Europapokal-Finale im eigenen Stadion, für das wir uns in vier Spielen qualifizieren können. Ich kann mir durchaus größere Probleme im Verein vorstellen.“

Natürlich, Herr Hoffmann, Abstiegsgefahr für den HSV wäre sehr, sehr schlimm. Oder auch eine Ebbe in der Vereinskasse. Da gäbe es sicher noch viele Dinge. Im Moment aber zwickt es eben nur sportlich, und da wollen die Fans gerne etwas hören, was für Optimismus sorgen würde. Auf die Hoffmannschen Ausführungen entgegnete ich dem Boss: „Der HSV war in der vergangenen Saison im Uefa-Pokal-Halbfinale, und der Klub belegte am Saisonende auch nicht Platz sechs, sondern Platz fünf . . .“ Weiter kam ich nicht, denn Bernd Hoffmann sagte: „Ich bin gerne bereit, mit Ihnen am 13. Mai ein Saison-Resümee zu ziehen. Ich möchte nicht den 29. März mit dem 13. Mai vergleichen, und bis zum 13. Mai sind wir nicht bereit, Diskussionen zuzulassen. Wir arbeiten daran, den Trend in der Bundesliga zu drehen, und den guten Trend in der Europa Legaue, wo wir von 120 Mannschaften bis unter die letzten acht gekommen sind, zu forcieren. Ab jetzt gilt unsere volle Konzentration dem kommenden Donnerstag.“

Also wird am 13. Mai abgerechnet. Das bekräftigte Bernd Hoffmann auch noch einmal: „Wir sind permanent im Gespräch und in einer Gesamt-Schau der Saison, das ist ja völlig logisch. Am Saisonende wird die Öffentlichkeit, werden die Medien und die Fans, unsere Arbeit bewerten, werden wir alle bewerten, was am Ende für Ergebnisse erzielt werden. Alles andere ist kalter Kaffee.“

Und über den Trainer will er ohnehin keine Diskussion aufkommen lassen. Hoffmann: „Wir führen eine solche Diskussion nicht, denn wir haben einen exzellenten Kader, und wir haben ein Trainer-Team, das die Mannschaft in der ersten Phase der Saison zu exzellenten Leistungen gebracht hat. Und wir gehen davon aus, dass wir diese Saison nicht nur ordentlich zu Ende spielen werden, sondern dass wir auch noch einiges erreichen können.“ Das ist mal ein Wort. Auch dieses wird am 13. Mai natürlich zur Diskussion stehen.

Statt Hoffmanns Erzählungen standen an diesem Montag Hoffmanns Erklärungen auf dem Programm. Der Boss sagte auch: „Wir standen in dieser Saison sechs Mal auf Platz eins, und wir haben von den letzten 20 Bundesliga-Spielen nur fünf gewonnen – das weiß ich auch, ich kann auch Tabellen lesen. Aber das hindert uns nicht daran, an den richtigen Ansätzen für die letzten sechs Wochen zu arbeiten. Und da hilft es uns nichts, übereinander zu reden, sondern nur miteinander zu reden, miteinander zu arbeiten, denn wir haben noch alle Chancen. Wir haben am Donnerstag die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, und wir haben die Chance, den Eindruck, den wir am Sonntag in Mönchengladbach hinterlassen haben, zu korrigieren.“

Dass sich Bernd Hoffmann so ausführlich gestellt hat, war super und sicher auch mutig. Es war aber auch mal Zeit. Und trotz allem: Die Tatsache, dass dem HSV ein Sportchef fehlt, die ist nicht von der Hand zu weisen. Es fehlt ein Regulativ zwischen der Klub-Führung und der sportlichen Leitung. Und zwar eindeutig. Hoffmann als (ehrgeiziger, manchmal auch ungeduldiger) Boss kann einem jungen Trainer wie Bruno Labbadia nicht wirklich eine große Hilfe sein. Dieses Dilemma hatte am Sonntag bei der Sky-Diskussion auch schon die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, aus der Ferne erkannt. Genau so ist es.

Ein Sportchef könnte zwischen Mannschaft und Trainer vermitteln – das kann Bernd Hoffmann nicht. Selbst wenn er es wollte. Ein Sportchef könnte auch dem Trainer einige Tipps geben, wie er eine nicht aus der Spur geratene Mannschaft wieder in die Erfolgsspur bekommen könnte. Ein Sportchef könnte sich mit Spielern unter vier Augen unterhalten, woran es derzeit krankt. Das kann der Trainer deshalb nur begrenzt, weil er ja durchaus ein Kritikpunkt (der Mannschaft) sein könnte – niemand würde sich ihm offenbaren. Und auch dem Vorstandsvorsitzenden würde wohl kaum ein Spieler die reine Wahrheit erzählen – mal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es ein solches Gespräch (oder gar Gespräche) mal geben könnte. Auch das ist ein Punkt, weshalb es beim HSV derzeit so läuft, dass kaum noch etwas läuft.

„Es muss etwas passieren, es muss sich etwas ändern. Das haben wir uns gesagt, deshalb gab es diese Aussprache am Montag“, sagte HSV-Kapitän David Jarolim und befand weiter: „Jeder muss sich Gedanken machen, und jeder muss wissen, dass er nicht nur davon reden darf, dass wir uns bessern müssen, sondern jeder muss mit sich anfangen. Diese Aussprache muss helfen, muss uns etwas bringen, wir müssen uns ganz anders präsentieren. In Gladbach habe wir viel zu naiv gespielt.“ Auf die Frage, ob der Trainer die Mannschaft noch erreicht sagte David Jarolim: „Ich denke, mit Sicherheit.“ Dann sagte er weiter: „Mir wurde schon in Mönchengladbach die Frage gestellt, wie das Verhältnis Trainer/Mannschaft sei. Wie soll das Verhältnis sein? Das Verhältnis ist gut. Aber klar, wir brauchen Siege. Alle brauchen Siege, die Spieler, auch der Trainer. Wir sind alle verantwortlich, aber wir müssen jetzt nicht nur reden, wir müssen nun endlich tun.“

Dabei will auch Ze Roberto mithelfen. Trotz der Tatsache, dass es bei ihm zurzeit nicht gerade gut läuft. Der Brasilianer stellt sich aber vor den Trainer, wenn er über die sportliche Krise des HSV spricht: „Der Trainer erreicht die Mannschaft sehr wohl und sehr gut. Die Mannschaft ist gefordert. Am Anfang, als der HSV auf Platz eins stand, wurde der Trainer gefeiert, der HSV war die Sensation der Bundesliga – und nun soll alles anders sein? Das kann es nicht sein. Am Anfang hat der Trainer die Spieler erreicht, und jetzt erreicht er sie nicht mehr? Es liegt allein an den Spielern, die müssen sich wieder aufraffen und dafür sorgen, dass es wieder besser wird.“

Lippenbekenntnisse? Am Donnerstag wird man es sehen.

Ich wurde zuletzt oft gefragt, warum ich nach dem Spiel in Mönchengladbach nicht härter mit dem Trainer ins Gericht gegangen bin. Ich erkläre es allen: In Hamburg und um Hamburg herum, auch bei „Matz ab“, herrscht eine unglaublich aufgeladene, hitzige, teilweise auch höchst aggressive Stimmung. Auch gegen Bruno Labbadia. Mitunter auch vor allem gegen ihn. Das geht mir entschieden zu weit. Ich habe mit Spielern unter vier Augen gesprochen, die haben mir erklärt, dass es bei dieser Krise auch um Bruno Labbadia geht, aber nicht nur. Es gibt noch einige andere Ungereimtheiten innerhalb dieser HSV-Mannschaft, die in meinen Augen seit Monaten schon keine Einheit mehr ist. Da wird, natürlich nicht offen, mitunter sehr massiv gegen Mitspieler abgeledert – wie soll da einer für den anderen kämpfen? Der Zwischenfall beim Spiel in Anderlecht, als sich Ruud van Nistelrooy und Tunay Torun „an die Wäsche gingen“, ist symptomatisch für den Zustand der HSV-Mannschaft 2010.

Natürlich liegt das auch am Trainer – aber nicht nur. Und zum Trainer kann ich nur sagen: Der Vorstand ist gefordert. Nur er. Und ich habe schon mehrfach betont: Bernd Hoffmann wird reagieren. Das ist in meinen Augen ein Selbstgänger. Er duldet keine Stagnation, keinen Rückschritt, kein Mittelmaß. Damit ist alles gesagt. Deshalb habe ich nach dem Gladbach-Spiel kein Silbertablett hervor gekramt, um darauf den aggressiven Fans unter uns den Kopf des Trainers zu präsentieren. Nein, nein, ein solches Spiel halte ich für unwürdig. Und: Alles, wirklich alles, regelt sich von ganz allein. Spätestens am 13. Mai. Oder um den 13. Mai herum. Dafür braucht die HSV-Führung keine Ratschläge, weder von uns, noch von anderen „Hosenscheißern“, um es salopp mit Bruno Labbadia zu sagen. Ich bin mir da vollkommen sicher. Abgerechnet wird zum Schluss.

Übrigens, pikante Note am Rande: Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw gilt bei deutschen Buchmachern als Favorit auf den HSV-Trainerposten zur neuen Saison. Zur Spielzeit 2010/2011.

18.37 Uhr

Ohne Mut, aber mit viel Bewegungsarmut!

28. März 2010

Gute Nacht, Hamburg! 0:1 in Mönchengladbach verloren, die niederschmetternde Bilanz 2010 noch ein weiteres Mal verschlechtert, von der Meisterschaft, von der Champions League ist seit Monaten keine Rede mehr – und jetzt droht sogar Platz sechs noch verlustig zu gehen – ein Trauma! Dieser HSV spielt, das ist eindeutig, zurzeit seinen schlechtesten Fußball dieser Saison, und dieser HSV wird in den restlichen sieben Spielen mächtig ins Zittern geraten. Es geht nur noch bergab, aber vielleicht klappt es ja doch noch mit dem Gewinn der Europa League – die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch beim HSV. Fazit von HSV-Kapitän David Jarolim nach der 0:1-Niederlage: „Wir wollten hier gewinnen, wir hatten uns sehr viel vorgenommen – aber so ist Fußball“, sagte der Tscheche und fügte hinzu: „Wir brauchen Siege, das hat nichts mit dem Verhältnis Trainer/Mannschaft zu tun.“

Schon die ersten fünf Minuten waren für jeden HSV-Fan entsetzlich, die Gladbacher wollten den Gast aus Hamburg offensichtlich mit Tempo-Fußball überrennen. Die HSV-Mannschaft schien noch im Tiefschlaf, nur einer war zum Glück hellwach: Frank Rost. Sonst hätte es schon früh das böse Erwachen geben können. Nach diesem furiosen MG-Start fing sich der HSV, stand auch mit der neuen Viererkette mit Guy Demel, Jerome Boateng, David Rozehnal und Dennis Aogo sicherer. Die Gladbacher lauerten in der eigenen Hälfte auf ihre Konterchancen, der HSV musste wie eine Heimmannschaft das Spiel machen. Und das sah kümmerlich aus.

Nach vorne ging so schlecht wie gar nichts. Die Räume waren den Hamburgern zugestellt, oft mussten sich die aufbauenden Spieler in nutzlosen Eins-gegen-eins-Duellen versuchen, nicht selten gingen die Bälle dabei für den Hamburger verloren. Die Kreativ-Spieler Ze Roberto und Piotr Trochowski fielen lange Zeit überhaupt nicht auf, erst als sie die Seiten wechselten, war ein Hauch von Leben erkennbar. Wobei Ze Roberto kaum einen Ball, den er nach vorne spielte, an den eigenen Mann bringen konnte. Und Trochowski hatte seine besten Szenen (die rar waren, zugegeben), wenn er mit dem Ball am Fuß über links kam. Aber: Das war von Ze Roberto, Trochowski und von allen anderen, die den Ball nach vorne bringen sollten (vornehmlich David Jarolim, Tomas Rincon, Demel und Aogo), natürlich viel, viel zu wenig. Oder besser gesagt: absolut gar nichts! Wie gesagt: Gladbach tief hinten drin, der HSV mit dieser Art des Defensiv-Fußballs überfordert, aber da stand eine total leblose Hamburger Truppe auf dem Rasen.

HSV-Offensiv-Aktionen? Fast Fehlanzeige. Ein Van-Nistelrooy-Schuss in die Wolken (15.), ein Trochowski-Freistoß ebenfalls in die zweite Etage – Ende. Auffällig für mich: In den ersten 45 Minuten gab es keinen Versuch von Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric, sich gegenseitig in Szene zu setzen. Da wird sich nicht gesucht, da versucht es jeder auf eigenen Faust – wenn überhaupt. Kümmerlich.

Aber damit will ich nicht allein gegen die beiden Stürmer wettern, es stimmte in dieser HSV-Truppe in Halbzeit eins kaum etwas.
Symptomatisch dafür das 1:0 der Borussia. Ein Freistoß, natürlich. Ein Freistoß aus dem Halbfeld (halbrechts) in den HSV-Strafraum hinein, dort köpft Rozehnal Aogo an, der Ball prallt zu Brouwers, der kann gegen den vergeblich grätschenden van Nistelrooy einschießen (43.). Ein Billard-Tor, aber eines das so typisch ist in diesen Wochen. Was ich mich frage: Warum gelingt es immer dem Gegner, solche gefährlichen Freistöße in den HSV-Strafraum zu schießen. Jedes Mal herrscht da Alarmstimmung, aber auf der Gegenseite? Pustekuchen!

Zur Pause ließ dann auch Bernd Hoffmann ganz gewaltig Dampf ab. Der HSV-Boss, total blass um die Nase, sagte auf Sky einige bemerkenswerte Sätze: „Die erste Halbzeit war absolut enttäuschend, wir zeichneten uns durch Mutlosigkeit und Bewegungsarmut aus. Jetzt hoffe ich auf eine energische Korrektur zur zweiten Halbzeit.“ Zu den Zielen, die der HSV nun so langsam aus den Augen verliert, befragt, sagte Hoffmann: „Ich mache mir keine Sorgen, aber wir beobachten das natürlich, denn wir betreiben ja einen hohen Aufwand.“ Und auf Bruno Labbadia angesprochen, ob auf den HSV-Coach nun eventuell harte Zeiten zukommen werden, sagte Hoffmann: „Das hat nichts mit dem Trainer zu tun. Da standen in der ersten Halbzeit zehn Nationalspieler für uns auf dem Rasen, die sind gefordert.“

Vielen Dank, Herr Hoffmann, für diese klaren Worte. Das dürfen Sie ruhig beibehalten! Nur so geht es nämlich.

Und ich bin mir sicher, dass auch Frank Rost solche klaren Sätze gesprochen hätte, aber der Torwart ging mit verkniffenen Lippen in die Kabine. Wie es in ihm aussah, das konnte man erahnen – er bekommt seit Wochen die Bälle nur so um die Ohren, aber Besserung stellt sich nicht ein.
Wobei die zweite Halbzeit natürlich engagierte angegangen wurde – vom HSV. Natürlich deshalb, weil es schlechter ja nicht mehr sein konnte. Jonathan Pitroipa kam für den begnadeten Kämpfer Rincon, der sich oftmals als Retter in höchster Not hervor tun konnte. Aber der Südamerikaner tat so gut wie nichts für den Spielaufbau (okay, okay, ich gebe zu: wer schon?), deswegen kam „Piet“. Und der brachte Schwung. Wie schon zuletzt. Der Wirbelwind ist zurzeit gut drauf, sehr gut möchte ich sogar sagen, aber über seine Schussqualitäten muss ich selbstverständlich kein Wort mehr verlieren. Aber er soll ja auch in erster Linie wirbeln, über die Flügel kommen, vorarbeiten. Und das machte er. Besser als alle anderen.
Übrigens: In der 59. Minute gab es den ersten Versuch eines Zusammenspiels zwischen den Stürmern: Van Nistelrooy suchte Petric, aber der Ball landete bei einem Borussen. Immerhin, es war ein Versuch . . . Der letzte für den Niederländer, der in der 63. Minute vom Platz genommen wurde, für ihn kam Paolo Guerrero (!) zu seinem ersten Einsatz seit dem 30. August 2009. Und van Nistelrooy ging ganz sicher nicht überglücklich in die Kabine, ganz im Gegenteil. Er muss total sauer gewesen sein. Aber: Ich hätte an Labbadias Stelle auch so entschieden, auch wenn ich mir damit, das ist mir bewusst, sehr, sehr viele Feinde machen werde. Petric hatte bis zu dieser 63. Minute zwar, auch das ist Tatsache, keine einzige offensive Aktion, aber im Gegensatz zu van Nistelrooy ist er körperlich besser drauf, kann sich behaupten oder auch mal durchsetzen – was van Nistelrooy, der oftmals wie ein Jogger wirkt, in meinen Augen (noch) abgeht. Und: In meinen Augen taute Petric auch in der Schlussphase etwas auf, auch wenn er natürlich nichts mehr „riss“. Aber wer riss da auf Hamburger Seite überhaupt etwas?
Das war doch, trotz des Aufbäumens (was die Pflicht eines jeden Profis ist!), eine absolut enttäuschende Kiste. Ich habe außer Frank Rost und Jonathan Pitroipa keinen HSV-Spieler gesehen, der hervorgehoben werden müsste. Demel, der durchaus gute 15 Minuten hatte, sah die fünfte Gelbe Karte und fällt für das Spiel am Sonntag gegen Hannover 96 aus.
Abschließend sei gesagt: Ich bewundere Bruno Labbadias Mut. Ganz ehrlich! Er nahm van Nistelrooy raus und musste wissen, dass er deswegen um die Ohren bekommen wird. Ich habe Euch meine Einstellung dazu geschrieben, viele, viele Experten (also auch Ihr) werden anderer Meinung sein, und genau diese Meinungen wird der HSV-Trainer in dieser Woche zu hören bekommen. Der HSV steht am Donnerstag vor einem schweren Europa-League-Spiel gegen Lüttich – und vor einer ganz, ganz unruhigen Woche. Das ist sicher. Denn jetzt muss auch – oder sogar – um das Minimal-Ziel gebangt werden. Es ist schon armselig, verdammt armselig sogar! Weil diese leblose HSV-Truppe sogar nicht den Anschein vermittelt, dass man auf Besserung hoffen darf. Gute Nacht, Hamburg!

19.20 Uhr

Rätsel um die Viererkette

27. März 2010

Ich bin gerade mit Frau M. unterwegs und habe daher meinen Kollegen Christian Pletz zum Training geschickt. Was er mir vom Trainingsgeschehen übermittelt hat, war alles andere als erfreulich. Ich formuliere es mal so: Das Beste am Abschlusstraining war das Treffen mehrerer Matz-abber, die fleißig über Probleme, Chancen und Stärken ihres, unseres HSV sprachen und sich zudem ärgerten, dass der HSV es (mal wieder) nicht für nötig hielt, trotz etwa 200-300 anwesender Fans das Eingangstor zum Zuschauerbereich aufzuschließen. So blieben die Trainingsgäste also alle hinter Gittern.

Nun gut, das sind Nebensächlichkeiten, wenn man die Misere im Personalbereich vor dem morgigen Duell in Mönchengladbach betrachtet. Marcell Jansens Bänderriss hat ja schon für ziemlich verkaterte Stimmung gesorgt. Und heute kommt es noch dicker. Joris Mathijsen trat die Reise gen Borussen-Park wegen seines Magen-Darm-Infekts auch nicht an. Das heißt, dass die Innenverteidigung gegen die „Fohlen“ ein neues Gesicht bekommen wird. David Rozehnal plus – ja, plus wen eigentlich. Das Abschlusstraining gab da keinen eindeutigen Aufschluss. Im Gegenteil. Da Jerome Boateng die Einheit auch noch frühzeitig abbrach (er führte ein längeres Gespräch mit Trainer Bruno Labbadia und zeigte auf seinen Oberschenkel, zuvor wirkte er bei den Sprintübungen auch etwas eingeschränkt), stehen mit Guy Demel, Bastian Reinhardt (ja, Basti steht nach einer problemfreien Trainingswoche wirklich im Kader!) und eventuell Boateng zwar drei potenzielle Partner für den Tschechen bereit, aber dann wäre ja immer noch nicht die Besetzung der Außenverteidigerposten geklärt. Und da steht mit Tomas Rincon auch nur eine „Notlösung“ sicher parat. Dennis Aogo flog zwar mit, soll morgen nach einer trainingsfreien Woche aber erst noch einen Belastungstest machen. Und zur Sicherheit nahm Labbadia auch noch Sören Bertram mit.

Was soll man dazu sagen? Frau M. konnte ich das Dilemma jedenfalls nur unzureichend erklären. Als mir mein Kollege dann auch noch sagte, dass Zé Roberto mit einem dick bandagierten Knöchel vom Platz ging, zudem David Jarolim wegen seiner Wadenprobleme nicht komplett fit ist, habe ich spontan zu ihm gesagt: „Das reicht jetzt aber!“ Er stimmte mir zu. Es reicht wirklich. Ich kann diese unheimliche Serie von Hiobsbotschaften nicht mehr ertragen. Wie wäre es denn mal, wenn die Bundesliga aus Hamburg eine positive Schlagzeile bekäme? Und wie könnte diese lauten?

Für das Spiel in Gladbach habe ich jedenfalls nur eine echte Hoffnung, nein zwei: Erstens könnten die Rothosen offensiv überraschen, wo es dank Ruud van Nistelrooy, Marcus Berg, Mladen Petric, Jonathan Pitroipa und Paolo Guerrero erstaunlich viele Alternativen gibt; zweitens könnte es mit der Restformation eine bockige Trotzreaktion geben. Ja, das hätte etwas.

Ich mag zwar noch keine Euphoriewelle in Sachen Guerrero auslösen, aber auch beim heutigen Training soll der Peruaner wieder einen guten Eindruck hinterlassen haben. Im Abschlussspiel traf er doppelt (er war übrigens in einer Mannschaft mit Petric und van Nistelrooy – bastelt Labbadia vielleicht an einer neuen Überraschungstaktik?), ließ spielerische Finessen einfließen und strotzte vor Spielwitz.

Ganz im Gegenteil übrigens zu Mladen Petric. Ich habe in den vergangenen Wochen ja mehrfach in Beiträgen von Euch gelesen, dass Ihr den Kroaten in einem Formtief seht. Und daran ist bestimmt etwas Wahres dran. Irgendwie ist ihm sein Vollstreckerinstinkt abhanden gekommen. Das ist auch in den Übungseinheiten zu sehen. Petric hadert mit sich, seinen Abschlüssen fehlen oft nur ein paar Millimeter, um im Netz zu zappeln.

Aber, und das gibt Anlass zur Hoffnung auf eine Wende: Petric dramatisiert seine Lage nicht. Er weiß, dass er üben, üben und noch mehr üben muss, um endlich mal wieder eine Trefferserie hinzulegen. Und wie macht man das? Mit Extraschichten. Heute übte er nach dem normalen Trainingsprogramm mit einigen Kollegen Torschüsse. Co-Trainer Ricardo Moniz legte auf, fungierte mal als Passgeber, dann als Verteidiger und schließlich am Ende ganz alleine mit Petric als Flankengeber. Und siehe da: Einige Male versenkte der Torjäger die Kugel wieder in berühmt-berüchtigter Manier. Nun fehlt nur noch der Jubel-„Liebespfeil“, den er auf die Strecke bringen muss – das wäre doch was für den Borussen-Park.

Ich melde mich morgen wieder bei Euch. Vielleicht lichtet sich das Lazarett bis dahin ja noch etwas.

17:35 Uhr

Optimistische Ansätze trotz Jansens Aus

26. März 2010

Schöne Bescherung. Da hatte ich Euch gerade gestern einen voller Optimismus strotzenden Beitrag geschrieben, der mir im Hinblick auf Sonntag eine gehörige Portion Optimismus verschafft hat, und nun müsste ich heute schon wieder wild zurückrudern. Die Personallage des HSV liest sich mal wieder grausam: Zwar stehen Jerome Boateng und Paolo Guerrero wieder im Kader (letzteres hatte ich ja schon geschrieben), aber dafür drohen mit David Jarolim (Wadenprobleme), Dennis Aogo (Zerrung) und Joris Mathijsen (Magen-Darm-Infekt) wichtige andere Stützen wegzubrechen. Ganz ehrlich: Ich finde es zum Aus-der-Haut-Fahren, wenn ich jedes Mal solche schlechten Nachrichten überbringen soll und muss. Dass Frank Rost die heutige Einheit vorsichtshalber auch etwas früher abbrach, ignoriere ich lieber absichtlich. Denn wenn ich mir diese Mannschaft jetzt auch noch ohne „Fäustel“ vorstellen soll, dann dreht sich bei mir alles um…

Schlimm genug, dass es in Sachen Marcell Jansen eine Hiobsbotschaft gibt. Gestern beim Training war der Linksallrounder noch mehr oder weniger harmlos umgeknickt. Und was höre ich heute: Ausfall bis zum Saisonende, Syndesmosebandriss! Das gibt es doch nicht. Ausgerechnet Jansen, der als einer der wenigen Hamburger Profis auch in 2010 eine hervorragende Rolle gespielt hat, der sich aus dem Niemandsland zurück auf Joachim Löws WM-Zettel gespielt hat, der sich mit Toren und seinem eigenartigen Skorpion-Jubel in die Herzen der Fans manövriert hat. Nun droht ihm auch das Aus im Rennen um die letzten WM-Plätze. Oder seien wir mal realistisch: Diese Verletzung müsste eigentlich ganz sicher sein WM-Aus sein. Jansen tut mir leid. Der Junge muss sich angesichts seines Pechs mit Verletzungen und Erkrankungen echt mal in die Hände eines Teufelsaustreibers begeben – so einen Negativlauf kann es nämlich gar nicht geben. Geht es Euch eigentlich auch so wie mir, dass Ihr diese Misere nicht mehr sehen, hören und lesen mögt? Wie soll es da wieder bergauf gehen?

Ich möchte mich trotz all dieser deprimierenden Meldungen – wobei ich fest davon ausgehe, dass Jarolim („Die Chancen stehen 50:50!“) und Mathijsen dabei sein werden – mit einigen positiven Ansätzen versuchen, um den Auftakt der sechs fußballerischen Superwochen bis zum Saisonende erträglich zu gestalten. Fangen wir also beim heutigen Training an. Erst gab es verschiedene Passübungen, bei denen die beteiligten zwei Gruppen mit zunehmender Zeit immer besser in Fahrt kamen und sich offensichtlich steigerten, was die betreuenden Co-Trainer Eddy Sözer und Ricardo Moniz („Mehr Präzision, bitte! Härtere Pässe!“) mit Wohlwollen registrierten. Vor allem der Rückkehrer Guerrero zeigte erstaunliche Ball- und Annahmefähigkeit. Mein Kollege Christian Pletz hat Sözer genau beobachtet und festgestellt, dass er den Peruaner besonders intensiv unter die Lupe genommen hat. Wahrscheinlich kam das Grüne Licht in Sachen Kadernominierung daher auch von Sözer – er hält den Stürmer für einsetzbar, wenn auch vorerst nur für kurze Zeit.

Weiter mit den positiven Aspekten. Nach den Passübungen ohne Abschluss folgten welche mit verschiedenen Schussmöglichkeiten. Dabei zeigten sich zwei Dinge ganz besonders: Erstens waren Guerreros Versuche mit links an Harmlosigkeit nicht zu überbieten, aber das tut in diesem positiv getränkten Beitrag ja nichts zur Sache, und zweitens zeigte Piotr Trochowski mehrere grandiose Schüsse aus 15 bis 20 Metern, die Rost einige Male passierten und im Netz landeten. Na, es geht doch! Solche Schüsse sind im Borussen-Park dringend em(p)fohlen!

Mein letzter Zuversicht-schürender Punkt spielte sich erst nach dem offiziellen Trainingsende ab. Ruud van Nistelrooy war längst in der Kabine (Was ist eigentlich mit ihm los? Er wirkte gestern und heute ziemlich zerknirscht.), als ein paar Spieler noch eine intensive Pass-Flanken-und-Abschluss-Einheit dranhängten: Rincon, Trochowski, Reinhardt, Guerrero und Torun waren unter anderem dabei – als Verteidiger fungierte Technik-Trainer Moniz. Ich denke, dass solche Zusatzgeschichten der Mannschaft gerade in dieser Phase der Saison nur gut tun können. Übung macht den Meister – naja, wenigstens den Europa-League-Qualifikanten.

Was erwartet Ihr in Gladbach? Ich behaupte: Wenn sich die Mannschaft mental „hochfahren“ kann, wenn die Spieler die Personalmisere verdrängen, sich auf ihr Spiel konzentrieren, fußballerisch endlich wieder zulegen und dank eines frühen Gegentreffers nicht gleich wieder in Rückstand geraten, können sie was holen. Trainer Bruno Labbadia muss nur eine Frage beantworten, die entscheidend sein kann: Wie gestaltet er die Abwehrreihe, falls Aogo und Mathijsen ausfallen. Die Innenverteidigung wäre dann mit David Rozehnal und Jerome Boateng besetzt, für rechts und links stünden mit Guy Demel und Rincon eigentlich nur „Notbesetzungen“ parat. Oder gibt es diesbezüglich eine Überraschung?

18:25 Uhr

Guerrero löst Jubel aus – auch intern!

25. März 2010

Der HSV zieht. Und wie. Jedenfalls gilt das für Kinder und Familien aus Norddeutschland. Ich war auch heute wieder überrascht, wie viele „Lütte“ die Einheiten neben der Nordbank-Arena besuchten und genau beobachteten, wer welche Tricks vollbringt, wer tolle Abschlüsse aufs Tor macht und wer mit wem besonders gut kann. Eljero Elia (OP), Dennis Aogo, Collin Benjamin (beide Zerrung) fehlten ebenso wie David Jarolim, der wegen muskulärer Probleme in der Wade erst morgen wieder voll mitmischen soll. Marcell Jansen bekam während der Einheit auch eines auf die Wade, sank zu Boden und löste bei vielen Trainingskiebitzen sorgenvolle Mienen aus. Doch nach der Einheit gab es weitgehend Entwarnung: Er und „Jaro“ werden am Wochenende in Gladbach auf jeden Fall dabei sein. Bei Aogo und Jerome Boateng (Pferdekuss, trainierte aber beschwerdefrei mit) heißt es noch: Abwarten.

Ein Hamburger Spieler löste unter den Zuschauern mitunter Verzückung aus. Und das war nicht etwa Frank Rost, auch wenn dieser dank einiger „Kamikaze“-Rettungstaten Tore verhinderte und mit einem gekonnten Hackenpass mehrere spektakuläre Aktionen hatte. Nein, die Rede ist von Paolo Guerrero. Nach dem Aufwärmprogramm sollten die Profis Drei-gegen-Zwei- und Vier-gegen-Drei-Überzahlsituationen mit gezielten Torabschlüssen üben. Guerrero fasste sich gleich bei der ersten Runde ein Herz, setzte dank enger Ballführung zum überraschenden Sprint zwischen den beiden Verteidigern an und versenkte den Ball an Wolfgang Hesl vorbei ins Tor. Dafür gab es nicht nur von den Kollegen ein anerkennendes Lob, auch Trainer Bruno Labbadia, der ansonsten eher schweigend beobachtete und sich einen Eindruck vom Gesamtzustand seines Teams verschaffte, nickte zufrieden.

Guerrero gehörte heute eindeutig zu den Aktivposten. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, dass der Peruaner mit jedem Plusgrad in Sachen Außentemperatur körperlich und fußballerisch zulegt. „Ich weiß, dass ich noch nicht bei 100 Prozent bin, aber ich fühle mich schon fit und empfinde jede Ballberührung als Fortschritt“, sagte er nach der Einheit. Während beim HSV nach den diversen Veröffentlichungen der vergangenen Tage (von Trainerkritik über Elias Verstimmung bis hin zu Gerüchten um potenzielle Abgänge – dazu später mehr) die Gesamtstimmung eher durchwachsen bis brodelnd ist, kann man Guerrero als wohltuende Ausnahme betrachten. Man merkt dem Offensivmann einfach an, dass er vor Tatendrang nur so strotzt. Und nach den merklich zurückhaltenden Einheiten der vergangenen Tage (nach dem Motto: Ganz geht es eben doch noch nicht) drängt er nun in den Kader. Mein Gefühl müsste mich schon sehr täuschen, wenn er am Sonntag in Mönchengladbach nicht auf der Ersatzbank sitzen sollte. Natürlich nur, wenn er sich in den verbleibenden drei Trainingseinheiten bis dahin ebenso tadellos verhalten sollte wie heute.

Der hörbare Jubel der Teamkollegen treibt den „kleinen Krieger“ übrigens auch an, das konnte man beim Training auch merken. Anschließend gab Guerrero zu: „Das ist wirklich toll, dass sich die Jungs mit mir freuen. Für mich ist dieses spürbare Vertrauen sehr wichtig!“

Um die eine oder andere Portion Mannschaftsflachs kommt Guerrero natürlich nicht herum. Dass er sich wie einst Dennis Bergkamp schon mal auf den Weg zu einem Auswärtsspiel machen müsse, damit er auch ohne Flugzeug pünktlich ankommt, musste sich der Flugangst-besessene Kicker dann doch schon ein paarmal anhören. „Dabei sind nur längere Strecken ein echtes Problem“, sagt Guerrero, der die Reisen stets mit seinen Kollegen und im Flieger antreten möchte. Ob und wie der Stürmer, dessen Vertrag im Sommer ausläuft und bislang nicht verlängert wurde, nach dem Riss seines hinteren Kreuzbandes noch einmal absolute Topform auf internationalem Niveau abrufen können wird, weiß noch keiner der Beteiligten. Guerrero glaubt natürlich fest daran, seine Berater und Freunde auch, aber eine definitive Antwort wird es erst nach seinen ersten Spielen geben können. Immerhin machen Guerreros Trainingsleistungen Hoffnung. „Meine Motivation in der ganzen Zeit meiner Verletzungspause war der Ball“, sagt er. Kein Widerspruch, denn diese Motivation war und ist auch auf dem Platz erkennbar. Und der Peruaner, der die letzten Wochen seiner Rehazeit in seiner Heimat mit der peruanischen U-17-Auswahl verbrachte, mit den Junioren trainierte und Übungsspiele absolvierte, genießt in Hamburg derzeit nicht nur das Wetter und die Zustimmung seiner Weggefährten, sondern auch den Zuspruch der Fans. In Scharen stürmten sie heute nach der Vormittagseinheit auf ihn zu und baten um Autogramme und Fotos. Guerrero strahlte und kam den Wünschen geduldig nach.

Auch wenn ich das Verhalten Guerreros zuletzt nicht immer positiv bewerten konnte (vor allem in Bezug auf seine lange Abwesenheit während der Genesungsphase), so betrachte ich ihn jetzt noch einmal als kleinen Lichtblick und auch als Chance. Viele Mitspieler wünschen sich den Peruaner bestimmt auch deshalb zurück in ihre Mitte, weil sie dann eine spielerisch starke Komponente zurück wissen, die ihnen als eine DER fußballerischen Stützen der Hinserie, vor allem der starken Anfangsphase, in Erinnerung ist. Dass sich der Peruaner für einen neuen Vertrag empfehlen will und empfehlen muss (auch international wird seine Entwicklung wegen des Kreuzbandrisses skeptisch beäugt), kann dabei nur von Vorteil sein. Guerrero wird 100 Prozent geben, sobald er die Chance zur Präsentation bekommt – denn mit jedem Spiel ohne Einsatz und damit „ohne Bewerbungschance“ sinken seine Möglichkeiten, einen hoch dotierten Kontrakt zu ergattern – wo auch immer!

Nun noch einmal kurz zum abgesprochenen Thema „potenzielle Abgänge“. Nun wird also Elia als möglicher Ribery-Nachfolger gehandelt, und auch aus England habe ich bereits diverse Interessenten forschen hören, was eine Verpflichtung des Niederländers betrifft. Ich hätte da einen Tipp für den HSV: Stellt einfach mal 90-Minuten-Videobilder der Elia-Einsätze in den vergangenen Matches zum kostenlosen Download auf hsv.de und schickt gezielt entsprechende Mitteilungen an die vermeintlichen Interessenten heraus. Die werden es sich dreimal überlegen, ob sie Elia als Kandidaten auf ihre Wunschliste setzen. Die Bilder könnten abschreckende Wirkung haben.

So, nun reicht es erst einmal wieder. Ich melde mich morgen nach dem Training.

15:55 Uhr

Geldstrafe für Elia

24. März 2010

Kein Buch heute – versprochen. Ich fasse mich kurz, was nicht etwa daran liegt, dass der Trainer heute nicht in Hamburg ist. Bruno Labbadia weilte aus privatem und traurigem Anlass in Darmstadt, wird aber am Donnerstag wieder bei der Mannschaft sein. Co-Trainer Eddy Sözer leitete die Einheit am Mittwoch. An der nahmen erstmals wieder Jerome Boateng und auch der lange verletzt fehlende Bastian Reinhardt erstmalig wieder teil. „Boa“ allerdings mit dick verbundenem linken Knöchel, der Nationalspieler lief überhaupt noch nicht rund – das sah noch gar nicht gut aus. Dennis Aogo fehlte dagegen erneut, der Abwehrspieler, der an einer Zerrung im Adduktorenansatz leidet, war im Kraftraum nur mit dem Fahrrad unterwegs. Ebenfalls nur auf dem Drahtesel fuhr David Jarolim, der Kapitän hat eine Verhärtung der rechten Wade.

Für einen Tag in Hamburg war Eljero Elia. Der am Knöchel operierte Niederländer holte sich im Volkspark einen „Einlauf“ ab, denn seine Aussagen, die er gegenüber meinem Abendblatt-Kollegen Kai Schiller getätigt hatte, die sorgten beim HSV nicht gerade für ein Freudengfest. „Eljero geht es vom Fuß her soweit ganz gut, er wird am späten Mittwoch nach Amsterdam zurückfahren, weil er dort im Krankenhaus noch weiter behandelt werden muss – dort werden auch die Fäden der Operationsnarbe gezogen“, sagt Eddy Sözer. Am Mittwoch wird Elja dann wieder in Hamburg sein, um mit der Reha zu beginnen. Sözer: „Wir hoffen, dass er so schnell wie möglich wieder einsatzbereit sein wird, denn wir haben noch eine sehr, sehr wichtige Phase der Saison vor Augen. Das heißt: Die nächsten fünf, sechs Wochen werden für uns sehr intensiv, deswegen benötigen wir jeden Spieler. Einen Zeitraum zu benennen, wann er wieder fit ist, das kann ich nicht, wir hoffen so schnell wie möglich.“

Wie groß das Donnerwetter gewesen ist, das sich Elia anhören musste, wollte Eddy Sözer nicht verraten. Der Assistent verriet nur so viel: „Wir haben einen jungen Spieler, er hat die Entscheidung so getroffen, etwas zu sagen – wir sehen das natürlich anders. Wir haben ihm das auch klar gemacht. Und Donnerwetter hin oder her, wichtig ist, dass man sich in die Augen schaut und diese Sachen klarstellt. Das haben wir gemacht, das war positiv, und ich denke auch, dass Eljero da auch aufnahmebereit ist.“ Sözer ergänzt dann auch noch: „Dass ein gewisser Unmut da war, bei beiden Seiten, das ist doch normal, wichtig ist, dass man wieder zusammenkommt, und das ist geschehen.“

Mit Elia sprach nicht nur Eddy Sözer, sondern auch der Vorstand. Und fest steht auch: Der Elia-Artikel im Abendblatt wird teuer, der Niederländer wird tief in die Tasche greifen müssen, um die Geldstrafe, die ihm aufgebrummt wurde, zu bezahlen. Und damit Ende. Oder doch nicht? Mal abwarten.

In der Mannschaft, so ist zu vermuten, kam das Vorpreschen Elias auch nicht so gut an. Der Kapitän jedenfalls kommentierte das wie folgt: „Es geht gar nicht, was Elia gemacht hat, darüber werden wir mit ihm sprechen. Er ist noch jung, er wird noch daraus lernen.“ Also haben auch die Kollegen wenig Verständnis für Elias Anklage. Aber für David Jarolim steht dennoch fest, dass die Unruhe, die es zurzeit im und um den HSV herum gibt, von außen herein getragen wird: „Es ist doch alles okay, wie stehen in der Europa League im Viertelfinale, und wir stehen in der Bundesliga auf einem Platz, der uns wieder international spielen lässt.“ Und dennoch: So ganz normal scheint im Moment nichts zu sein. Oder auf jeden Fall nicht sehr viel. Dazu passt auch, dass sich Piotr Trochowski wieder einmal mit einem Interview in der Sport Bild Luft verschafft hat. Ihm wird nicht die richtige Wertschätzung (durch den Trainer) entgegen gebracht. Sözer wollte das nicht kommentieren, Jarolim auch nicht, Er sagte nur: „Wir kennen ja die Medien, da wird aus einer Fliege schnell mal ein Elefant gemacht, ich glaube das nicht, dass das so gesagt wurde.“

Gesagt wurde aber immerhin, dass es in der Kabine zur Pause des Anderlecht-Rückspiels gekracht hat. Ruud van Nistelrooy soll Tunay Torun gepackt haben, es sollen Tränen geflossen sein, und es sollen wohl auch der eine oder andere Spieler dazwischen gegangen sein. Jarolim befand zu dieser ganzen Aktion: „Wir spielen Fußball, da ist es ganz normal, dass es mal zwischen dem einen und dem anderen Spieler kracht. Ich bin entsetzt, dass so etwas an die Öffentlichkeit gelangt, denn da waren nur ein paar Spieler dabei. Diese Indiskretion darf nicht passieren, denn noch einmal, es ist völlig normal, dass so etwas mal passiert.“ Schlusswort von David Jarolim: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Und: Wir brauchen jetzt auch kein Theater – wir können unsere Ziele noch erreichen.“

Dabei könnte auch schon sehr bald Paolo Guerrero wieder mithelfen. Der Peruaner macht im Training alles mit, obwohl er natürlich noch lange nicht bei 100 Prozent ist, aber das waren Elia, Ze Roberto und Ruud van Nistelrooy vor einigen Wochen auch nicht, und trotzdem spielen sie und kommen allmählich wieder auf Touren. Sözer über Guerrero: „Paolo hat uns sehr positiv überrascht, mit ihm sind wir mehr als zufrieden. Ich denke, mit ihm haben wir eine weitere Option im Offensivbereich, aber wir müssen diese Woche einmal abwarten, ob er das Training weiter so durchziehen kann. Wenn er gut durchhält, dann werden wir uns Gedanken darüber machen, ob Paolo schon am Sonntag in Mönchengladbach dazu gehören kann.“ Schön wäre es ja. Auch weil mit ihm dann der eine oder andere Spieler mal entlastet werden könnte – Mladen Petric zum Beispiel.

Zum Abschluss sei gesagt: Ein Sieg am Sonntag bei der Borussia könnte für viel Entspannung sorgen. Im Moment scheint es beim HSV zu brodeln, davon berichtet nun (am Mittwoch) ja auch schon die Bild. Es herrscht eine unheimliche Unruhe im Volkspark, und tatsächlich hat es den Anschein, dass nur ein Funken noch an einer Explosion fehlt. Siege sind das beste Mittel dagegen – Siege wären das beste Mittel dagegen. Aber von diesen Siegen hat es zuletzt relativ wenige gegeben. Und wenn ich so an den letzten Ausflug des HSV nach Mönchengladbach denke . . . Damals ging es eigentlich nur um die Höhe des Hamburger Sieges, und am Ende hieß es 1:4 (für BMG). Es gibt also aus HSV-Sicht noch etwas gut zu machen.

Vielen Dank übrigens wieder für die tolle Unterstützung beim Training, es waren acht „Matz-abber“ dabei – und entgeht nichts. Dank der großartigen Führung des „Masters of Elite“ (so wurde „Benno Hafas“ heute von den „Matz-ab“-Kollegen getauft). Letzteren Absatz aber bitte nicht (alle) auf die Goldwaage legen, es soll nur ein kleiner Scherz (mit ernstem Hintergrund) sein. Grundsätzlich möchte ich aber sagen: Ihr seid schon klasse!

16.14 Uhr

Viele Fragen zu Elia

23. März 2010

Elia, die Ärzte und der Frust. Die Wellen schlagen hoch. Die Verletzung (Knochenabsplitterung) soll der Niederländer, so Trainer Bruno Labbadia, schon im Sommer gehabt haben. Das sagte der Coach vor dem Schalke-Spiel. Ich sage nun: Wenn Elia diese Verletzung schon gehabt hat, dann ist es aller Ehren wert, dass er damit noch Spieler der Hinrunde werden konnte. Jetzt muss ich auch lesen, dass sich die vorhandene Verletzung durch den Tritt des Mainzers Noveski verschlimmert hat. Das Mainz-Spiel war am 28. November, und wir erinnern uns doch alle: Elia war am 20. Dezember, im Heimspiel gegen Werder Bremen, wieder einmal einer der besten HSV-Profis. Trotz dieser Verletzung. Und dann der Hammer: Beim Weihnachtsurlaub in der Heimat hatte Elia wieder Schmerzen, begab sich in die Obhut eines Arztes – ich glaube, es war der Arzt der Nationalmannschaft. Und dieser legte den Knöchel für einige Tage in Gips. Beim türkischen Trainingslager in Belek, Anfang Januar, joggte Elia zuerst nur, bevor er später ins Mannschaftstraining einstieg. Die Verletzung schien kein Thema mehr zu sein. Zumal Bruno Labbadia immer sagte: „Eljero hat zwar noch Schmerzen, aber es kann nichts passieren.“

Elia spielte stets nur schlecht, aber keiner machte sich so richtig Gedanken über die Frage warum? Was ich mich aber auch frage: Wenn der HSV-Stürmer um die Weihnachtszeit in der Heimat erneut untersucht wurde (und es wurden ja Maßnahmen ergriffen), warum merkte es denn spätestens in den Niederlanden keiner, was wirklich ist? Auch in den Niederlanden alles nur schlechte Ärzte? Wie die in Hamburg? Ganz sicher nicht. Zuerst will ich einmal sagen: Ich möchte eines auf keinen Fall sein: Mannschaftsarzt. Schon gar nicht beim HSV. Ich habe hier schon einige Ärzte erlebt, die hatten es immer verdammt schwer. Schrieben sie zu schnell krank, bekamen sie Ärger mit den Trainern. Übersahen sie etwas (Schlimmes), bekamen sie Ärger mit dem Spieler, mit dem Trainer und der Klub-Führung. Und: Wer auch immer danach gefragt hat, HSV-Spieler (und andere auch) haben freie Arzt-Wahl und fliegen schon seit Jahrzehnten immer durch die Welt, um sich vom Arzt ihres Vertrauens untersuchen, behandeln oder operieren zu lassen. Alles völlig normal, alles völlig legal. Felix Magath flog als Spieler immer zu Professor Klümper in den Süden, und als Felix Magath später Trainer des HSV war, schickte er auch viele seiner Spieler zu Professor Klümper in den Süden – obwohl der HSV natürlich in Hamburg einen Mannschaftsarzt hatte. Alles ganz normal.

Wenn Elia mit der Verletzung schon immer Sommer nach Hamburg kam, wenn der Tritt von Noveski die Sache noch verschlimmert haben soll – warum wurde es bei der Kernspintomographie in Hamburg übersehen? Und warum fanden die niederländischen Ärzte Weihnachten nichts? Ich kann es Euch nicht erklären, ich bin kein Arzt, ich habe auch keine Aufnahmen des lädierten Knöchels gesehen. Ich weiß nur, dass die HSV-Verantwortlichen zu Weihnachten bass erstaunt darüber waren, dass Elia seinen Knöchel in den Niederlanden hatte still legen lassen. Und alle, auch viele HSV-Fans, fragten sich: Wie kann es angehen, dass Elia gegen Werder Bremen ein so gutes Spiel hinlegt, und nun mit einem Male einen ganz kaputten Knöchel hat? Auf jeden Fall ein äußerst mysteriöse Geschichte. Die vielleicht ihr Ende noch lange nicht gefunden hat.

Mein Bauchgefühl sagt mir übrigens, dass Eljero Elia – trotz seines Vertrages bis 2014 (nicht 2012, dankele Ollile) – nur einen Sommer in Hamburg getanzt hat. Ich sehe ihn Mitte 2010 zu einem anderen Klub dribbeln – Knöchel hin, Knöchel her. Wie gesagt, nur mein Bauchgefühl, also noch keine Panik, dass schon wieder ein Star weg ist.

Apropos Star. Ruud van Nistelrooy soll in der Kabine mit Tunay Torun gerangelt haben. Was heißt soll, er hat. Diese Tatsache allein würde rechtfertigen, dass Bruno Labbadia den Weltstar ab sofort zum Kapitän beruft. Alle Achtung! Da kommt doch Freude bei jedem Vollblut-Fußballer auf wenn er sieht, dass auch Wrestler nun prädestiniert sind, nach ihrem ersten Kampf schon Spielführer des HSV zu werden. Aber nun gut, es darf ja ruhig diskutiert werden, denn auf eine solche Idee würde Labbadia ohnehin nie kommen – völlig zu Recht, ganz nebenbei bemerkt. Und noch eines: Hat eigentlich mal einer danach gefragt, wie eine solche Geschichte zu meinen Kollegen der Bild-Zeitung kommt? Meines Wissens war gerade zu diesem Zeitpunkt keiner von ihnen in der Kabine, als dort gerangelt wurde . . .

Wo ich denn gerade bei „Van the man“ bin. Er ist natürlich ein sehr netter, umgänglicher und liebenswerter Mensch. Der Typ „Schwiegermutters Liebling“. Aber er kann eben auch anders (wer nicht?). Auf dem Platz kennt er keinen Verwandten, da geht es, da geht er zur Sache, immer den direkten Weg zum Tor. Geht es da aber einmal nicht nach seiner Fasson, flippt er auch schon mal aus. Piotr Trochowski hat es beim Spiel gegen Hertha BSC erlebt: In der 70. Minute eingewechselt, so bekam er Minuten danach einen Pass von Ruud van Nistelrooy auf die halbrechte Position. „RvN“ ging danach steil, wollte den Ball am oder im Hertha-Strafraum wieder in den Fuß serviert bekommen, doch Trochowski schoss selbst – weit vorbei. Und dann ging die Pöbelei los. Aber wie! Van Nistelrooy brüllte Trochowski an, so lange und so laut, bis der deutsche Nationalspieler eine abwertende Handbewegung machte – frei nach dem Motto: „Du kannst mich mal . . .“

Natürlich wäre es besser gewesen, wenn Trochowski in dieser Szene den Ball gepasst hätte. Aber er gab sich in dieser Szene eben auch einmal egoistisch, denn ein Tor hätte ihm in seiner verfahrenen Situation sehr gut getan (da hat er mein vollstes Verständnis). Und so ganz nebenbei bemerkt: Van Nistelrooy wäre nicht van Nistelrooy, wenn er nicht in über 1000 Spielen ebenso egoistisch gehandelt hätte – auf dem Acker. Wenn er eine Möglichkeit zum Schießen sieht, dann schießt er. Dann, wenn er ein eigenes Tor wittert, dann ballert er auch los. Ohne Rücksicht auf Verluste. Oder auf umstehende Schmollende. Oder gar Wütende. In der Mitte wartet dann vielleicht auch mal der eine oder andere Mitspieler vergeblich auf die Kugel, aber das ist dann eben so. Ich weiß nicht, warum ich jetzt gerade an Mladen Petric denke . . . Ich schrieb es hier bereits: Die Harmonie zwischen Petric und van Nistelrooy könnte besser sein. Zurzeit ist sie für mich in etwas so, wie die Harmonie zwischen Joris Mathijsen und David Rozehnal. Es gibt also im Zwischenmenschlichen innerhalb des HSV-Teams noch einige Luft nach oben.

Schnell zu „Isa“, der danach fragte, wie ich heute dazu stehen würde, dass Ruud van Nistelrooy – entgegen meiner Empfehlung an den Trainer – doch von Anfang an gegen Schalke spielte. Du lieber Vater, Isa, Du wirst sicher Verständnis haben, dass ich nichts mehr dagegen sagen werde. Labbadia hat alles richtig gemacht (ich schrieb es schon aus anderen Gründen). Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich mich erschießen werde, sollte „RvN“ von Beginn an spielen, ich habe nur gesagt, dass ich, wenn ich HSV-Trainer wäre, es nicht machen würde. Der Grund: Der Niederländer hatte zuvor schon dreimal von Beginn an gespielt – und war zum Schluss immer mächtig abgetaucht, stand kurz vor dem Heldentod. So ist er aber, der HSV-Trainer Labbadia, und so ist er, der B-Lizenz-Trainer Matz, der beim HSV nichts sagen hat (zum Glück!) – es gibt eben doch unterschiedliche Sichtweisen. Und im Scherz: Ich bin Bruno Labbadia deswegen kein bisschen böse . . .

Wobei ich auch durchaus, um das Thema zu wechseln, nicht überlesen habe, dass Ihr Petric im Moment nicht so ganz bei 100 Prozent seht. Ich kann dem nicht widersprechen, aber: Eine solche Phase hatte der Kroate schon einige Male. Und just zu dem Zeitpunkt, als er am meisten Prügel (von den Fans) bezog, feierte er eine glanzvolle „Wiederauferstehung“ – indem er Tore schoss. Deswegen würde ich ihn auch in der jetzigen Phase ganz und gar nicht abschreiben, denn schon im nächsten Spiel könnte er wieder explodieren. Und dann haben ihn wieder alle ganz furchtbar lieb – und überhaupt. Um Petric mache ich mir deswegen keine Sorgen, nur um die gewisse Disharmonie, die im HSV-Sturm herrscht. Aber auch die wird der Trainer sicher in den Griff bekommen . . . Wenn es denn überhaupt eine (diese) Disharmonie geben sollte.

So, ich merke schon wieder, dass ich auch heute viel zu lang werde. Das muss ich aber schnell noch loswerden: Jonathan Pitroipa tat mir nach seinem 2:2-Tor gegen Schalke sehr leid, denn er konnte sich nicht freuen. Da war nichts von Jubel zu sehen. Er schoss den Ball ins Tor, alle feierten ihn, aber er schlich mehr oder weniger „bedröppelt“ zur Mitte. Schade. Aber Fans sind eben manchmal gnadenlos. Ich finde es trotz allem bedauerlich, dass sich ein Hamburger Spieler nach seinem (so wichtigen) Tor nicht freuen kann. Und ich würde mich schon sehr freuen, wenn das die HSV-Fans einmal (bald?) ändern könnten. Das hätte was!

Weil ich immer gefragt wurde (und nichts geschrieben hatte): Ich fand die Rettungsaktion von Tomas Rincon gegen Schalke, als er auf dem Rasen liegend den Ball von der Torlinie köpfte, einfach nur großartig und spektakulär. Unglaublich, diese Szene wird noch in Jahrzehnten in jedem Bundesliga-Rückblick zu sehen sei – ein Novum. Und ich behaupte auch: das kann nur er. Ich glaube es war Lotto King Karl, mit dem ich darüber sprach. Er sagte: „Rincon war da die Reinkarnation eines Maulwurfs.“ Hallo? Sollten die Maulwürfe tatsächlich wieder Einzug in den Volkspark gehalten haben? Die waren doch einst unter Protest gegen die Mehdi-Mahdavikia-Eckstöße alle ausgezogen. Und sie, die stets von den Ecken rasiert wurden, ließen sich auch nach dem Weggang des Iraners nicht überreden, wieder Einzug in den Arena-Rasen zu halten, denn die Eckstöße blieben ja (in der Mehrzahl jedenfalls) so katastrophal flach und schlecht . . .

Und nun lande ich noch ein zweites Mal bei Piotr Trochowski. Weil ich gerade daran denke, dass die Profis am Montag und am Dienstag frei hatten. Ihnen sei es gegönnt. Am Mittwoch geht es dann um 15 Uhr im Volkspark weiter. Der B-Lizenz-Trainer Matz aber befürwortet ja schon seit Jahr und Tag, wirklich seit vielen, vielen Jahren, dass sich jene Spieler, die sich verbessern wollen (und müssen), doch verstärkt um ein Individual-Training bemühen sollten. Es soll ja nicht, um Gottes Willen nicht, Kondition gebolzt werden, es soll doch nur an den Schwächen gearbeitet werden. Dafür, dass sich das lohnen würde, gibt es für mich immer noch zwei Parade-Beispiele. Thomas von Heesen nahm sich einst, völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit, einen Privat-Coach namens Rainer Sonnenburg. An jenen Nachmittagen, an denen der HSV nicht trainierte, trainierten von Heesen und Sonnenburg in der Jahn-Kampfbahn in Winterhude. Erst als von Heesen besser und besser wurde, erkundigten sich die Journalisten nach dem Grund. Der hieß Sonnenburg. Und das zweite Beispiel heißt Patrick Owomoyela. Der spielte beim Lüneburger SK, wollte aber noch hoch hinaus – und verpflichtete gleich zwei Privat-Trainer: den ehemaligen Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange und den heutigen Torwart-Trainer des FC St. Pauli, KaPe Nemet. Und was kam dabei heraus? Owomoyela wurde deutscher Nationalspieler und spielt schon seit Jahren in der Ersten Liga.

Das sei jedem Profi, der auf der Stelle tritt, der merkt, dass noch mehr in ihm steckt, dringend zur Nachahmung empfohlen. Es gab in der Vergangenheit einige HSV-Spieler, die auf diesem (Um-)Weg eine große oder größere Karriere hätten machen können, aber sie machten es nicht. Und beim HSV sah parallel dazu auch niemand, dass an den speziellen Defiziten des Spielers zu arbeiten sei, um ihn zu verbessern – auch zum Wohle des Vereins. Paradebeispiel ist für mich immer noch Christian Rahn, Nationalspieler unter Rudi Völler, heute bei Greuther Fürth in der Zweiten Liga. Ich behaupte einmal: Hätte Christian Rahn, der nach vorne alles konnte (vergleichbar mit Marcell Jansen), seine defensiven Defizite dank eines Privat-Trainers behoben, wäre er noch heute in Liga eins. Und vielleicht auch in der Nationalmannschaft. Aber: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was auch auf die Vereine – und den HSV – zutrifft.

So, es ist wieder viel zu viel geworden. Kurz will ich noch auf meine Nachbarin eingehen. „Eva“ hatte gefragt, wie es um Wolfgang Hesl steht? Offenbar gut, denn der Vertrag wurde verlängert. Hätte das der HSV getan, wenn er nicht von den Künsten des zweiten Mannes überzeugt wäre? Für mich hat Hesl in dieser Saison einen Sprung nach vorne gemacht, er ist besser und selbstbewusster geworden. Ob es reichen würde, eines Tages Frank Rost abzulösen? Da bin ich, gebe ich ehrlich zu, überfragt. Hesl fliegt schön, hat super Reflexe, hat auch starke Momente im Spiel eins gegen eins – aber er ist mir (im Moment) noch nicht laut genug. Ich vermisse bei ihm, dass er seine Vorderleute mal so richtig zusammenstaucht, zusammendonnert. Okay, das kann er sich als Ersatzkeeper vielleicht noch nicht erlauben (so wie Frank Rost es natürlich macht), aber ab und an sollte er schon mal lautstark dazwischenfahren. Das fehlt ihm noch. Aber vielleicht kommt es ja auch noch, nämlich dann, wenn er mal ins kalte Wasser geschmissen wird. Ich erinnere mich noch an den Kölner Harald Schumacher, der seinen Trainer Hennes Weisweiler oft zur Weißglut getrieben hat – und plötzlich, quasi über Nacht, wurde der „Toni“ dann einer der besten Torhüter der Welt. Auch so kann es gehen. Noch ein Satz zur Nummer drei: Ich halte auch von Tom Mickel einiges, der Mann hat ebenfalls viel Talent.

Kurz noch ein Querverweis in redaktioneller Sache: In der Straubhaar-Kolumne im Abendblatt-Internet berichtet unser Korrespondent aus Washington auch über einen HSV-Spieler. Die Kolumne trägt den lustigen Titel: Wer macht für Piotr Trochowski den Schwarzenbeck?

18.06 Uhr

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