Monatsarchiv für März 2010

Zwei offene Personalfragen

31. März 2010

Tomas Rincon war wirklich nicht zu beneiden. Im Abschlusstraining in der Nordbank-Arena war der Defensivallrounder offenbar nicht wohl gelitten. Erst wurde er per „Blattschuss“ zwischen die Beine ausgeknockt, eine Viertelstunde später von Joris Mathijsen mit einer Fünf-Meter-Grätsche unsanft zu Boden gebracht. Doch der Mann aus Venezuela ist hart im Nehmen und stand schnell wieder. Weitermachen – das soll ja auch das Motto für den morgigen Abend sein.

Die Wogen in Sachen Trainerdiskussion haben sich ein wenig geglättet. Stand jetzt. Labbadia wurde auf der Pressekonferenz gefragt, was er zum Gerede um seine Person und Position sagt. Seine Antwort: „Ich kann es nicht ändern. Meine Aufgabe ist es, Analysen vorzunehmen und Lösungen zu finden, was den Sportlichen Bereich betrifft. Darauf konzentriere ich mich. Wir glauben, dass wir uns von anderen Dingen nicht von unserem Weg abbringen lassen.“

Durchhalteparole oder Aufbruchappell? Die Antwort fällt mir diesmal leichter als je zuvor: Im Falle eines guten Ergebnisses im Hinspiel gegen Lüttich war es ein verbaler Startschuss zur Besserung, vor allem im Hinblick auf die mögliche Runde der letzten vier in Europa (Champions League ausgeschlossen), im Falle einer Enttäuschung, an die ich gar nicht denken möchte, wird es in der Stadt hoch hergehen. Und dann sind die Aussagen vom heutigen Mittwoch eh Schnee von vorgestern.

Ehe ich es vergesse: Einige der treuesten Fans des HSV sind vor dem Anpfiff nicht nur wegen der heiklen Lage in Aufregung, sondern auch wegen ihrer Tickets. Ich habe von zwei Dauerkarteninhabern gehört, deren Plätze trotz Reservierung an andere Zuschauer verkauft wurden. Und mehrere Nutzer des Vorkaufsrechts für Tickets warteten auch heute vergeblich auf die Zusendung ihrer Karten. Ein Anruf, eine Frage: Was ist zu tun? Antwort: „Können Sie nicht morgen noch einmal kurz checken, ob die Karten in der Post liegen? Falls nicht, werden sie Ihnen am Stadion ausgedruckt!“ Da mancher Fan den Stadionbesuch an einen längeren Arbeitstag anschließen wollte, fragt er sich nun, ob ihn im Falle eines Ausdrucks am Stadion das blanke Chaos erwartet. Nach geordneten Abläufen klingt das Ganze jedenfalls nicht.

Also lieber zurück zum sportlichen Treiben. Ich habe Bruno Labbadia heute während der Trainingseinheit genau beobachtet. Es wirkte für mich fast so, als habe der Trainer die Scheuklappen angelegt. Und das ist gut so, denn jede Beschäftigung mit Wenns und Abers und Eventualitäten wäre pure Ablenkung von DEM einen Hauptziel dieser Woche: dem Erreichen einer optimalen Ausgangslage für das Rückspiel in Lüttich. „Zu null spielen ist das Wichtigste“, sagt Guy Demel. Noch Fragen? Wer die Hamburger Hintermannschaft zuletzt häufiger gesehen hat, der weiß, wie schwer das werden wird.

Aber, und das ist eben auch eine Folge der vergangenen Wochen, es wird ja einige personelle Veränderungen geben. Nun können sich auch die ärgsten Nörgler und Experten unter den Spielern und Fans nicht mehr beschweren, was die Formationswahl in der Defensive betrifft. Joris Mathijsen wird neben Jerome Boateng die Innenverteidigung bilden, rechts ackert Guy Demel (hatte im Abschlusstraining mit einem Flankenverhältnis von 1:3 – eine starke, drei erschütternde – immerhin eine erkennbare Aufwärtstendenz), links Dennis Aogo. Das steht. Und Bruno Labbadia, von vielen der französisch sprechenden Kollegen aus Belgien übrigens „Brüno“ ausgesprochen, legt zudem extrem viel Wert darauf, dass im defensiven Mittelfeld stets eine zentrale Figur in „Staubsaugerstellung“ verharrt, um ja keinen der gefährlichen Standard-Konter zuzulassen. Wenn „Jaro“ und Zé diese Vorgabe morgen Abend über die gesamte Spielzeit beherzigen, ist mir beim Gedanken an Drucksituationen des Gegners viel wohler als zuletzt.

Was die offenen Positionen im Spiel angeht, herrscht auch nach dem Abschlussspiel auf dem wirklich meisterlichen neuen Rollrasen weiterhin Rätselraten. Vieles spricht für ein Mittelfeld mit Jonathan Pitroipa (links) und Tunay Torun (rechts), aber Labbadia probierte auch das Duo Piotr Trochowski (links) und Robert Tesche (rechts) aus. Nimmt man die letzten Eindrücke der Einheit heute als Maßstab, dürfte es eine Mischung aus Torun und Trochowski werden. Pitropia brachte es in weniger als 20 Minuten auf mindestens drei verstolperte Bälle und ebenso viele Abseitspositionen, Torun allerdings erlaubte sich einen gravierenden Fehler in der Defensivbewegung. Mal sehen, vielleicht entscheidet sich der Trainer bei diesen zwei Fragen auch intuitiv.

Vorne probte der Coach auch zwei Sturmpärchen: Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy (der Niederländer wirkt seit Montag wirklich etwas befreiter) sowie Paolo Guerrero und Marcus Berg. Letztere beide werden als Notfallalternativen parat stehen. Und mein Gefühl sagt mir, dass einer der beiden Joker diesmal auch zuschlagen wird.

Labbadias Redeanteil bei der heutigen Einheit war übrigens sehr hoch, was einige von Euch und ja auch einige Spieler intern schon hier und da mal angemerkt haben. Heute allerdings hatte alles Hand und Fuß, was der Trainer seinen Spielern erzählte. Er zeigte ihnen Lösungen auf, um Standard unter Druck zu setzen (wie, wird hier natürlich nicht verraten), er sprach Fehlverhalten und Variantenreichtum direkt und unverblümt an. Und nachdem Ricardo Moniz im B-Team einen Treffer Tesches mustergültig vorbereitet hatte, musste sich Torun für sein lasches Defensivverhalten eine Standpauke anhören, die fast sogar die neun anwesenden Matz-Abber im Restaurant Raute hätten mithören können.

Meinen heutigen Beitrag möchte ich mit den Worten abschließen, die HSV-Pressesprecher Jörn Wolf zur Eröffnung der Pressekonferenz wählte. Es ist Europa-League-Zeit, es kribbelt wieder. Ist dem etwas hinzuzufügen?

18.40 Uhr

“Das Schweigen der Lämmer”

30. März 2010

Lothar Matthäus? Horst Hrubesch? Oder ab sofort schon mit Joachim Löw? Vielleicht aber doch besser Norbert Meier? Herrlich. Da gibt der HSV-Boss Bern Hoffmann ganz klar bekannt, dass es keine Trainer-Diskussion im HSV und somit auch keinen neuen Trainer geben wird („Stand jetzt“), aber es werden Namen gehandelt wie an der Panini-Sammelbörse. Noch jemand ohne gültigen Trainer-Vorschlag? Allen denjenigen, die jetzt schon schlaflose Nächte haben, weil sie diesen und jenen Trainer unbedingt NICHT in Hamburg haben möchten, denen lege ich ans Herz: abwarten. Seht Euch in aller Ruhe die Spiele bis zum13. Mai 2010 an, und solltet Ihr dann schlaflose Nächte haben – dann wird Euch Bernd Hoffmann erlösen. Oder aber der alte und neue HSV-Trainer heißt am 13. Mai 2010 Bruno Labbadia.

Ganz mutig sind ja jene HSV-Fans, die solche Trainer-Größen wie Mourinho, Wenger, Hiddink, Ferguson, Benitez und Ancelotti auch nur ansatzweise in den Mund nehmen. Meine Bewunderung, die Herren! Ich würde da schon eher auf einen Außenseiter tippen: Louis van Gaal. Der kennt die Bundesliga nun ganz genau, und in Hamburg hätte er ohnehin viel, viel mehr Geld als in München zur Verfügung . . . Das Trainer-Gehalt dürfte Bernd Hoffmann ganz locker aus der Portokasse nehmen. Oder er nimmt das Geld aus der eigenen Haushaltskasse, egal, er wird das wuppen. Aber falls der eine oder andere Trainer dann doch etwas zu teuer sein dürfte (was ich eigentlich total ausschließe!), dann hätte ich, wenn ich darf, noch einen zweiten Tipp: Hans Meyer. Der ist zurzeit sogar ganz frei. Okay, okay, nicht gleich explodieren, das ist Realsatire, es ist überspitzt formuliert, es ist Ironie und nur mein ganz normaler Irrsinn, mit dem ich heute schon „Trainerglück“ beim Training im Volkspark etwas verwirrt habe – also, ganz klar gesagt: Hans Meyer ist frei erfunden. Ehrlich.

Auch aus einem ganz anderen Grund, als nur die Finanzlage des HSV. Wie sagte mir am Dienstag ein HSV-Spieler, den ich auf die Unruhe mit dem Trainer und einem angeblichen vorzeitigen Trainer-Wechsel ansprach? „Wir haben doch noch ganz andere Baustellen als den Trainer . . .“ Aha! Interessant.

Es gärt (auch) in der Mannschaft. Das ist ganz offensichtlich, das ist nicht neu. Da ist von einer Super-Stimmung, von Harmonie und von einer Einheit nichts, aber auch weit und breit nichts zu erkennen. Auch beim Training am Dienstag nicht. Alles ziemlich brav, bieder und lautlos. Spaß, Freundlichkeiten, Scherze? Fehlanzeige. Jeder spult sein Pensum so gut es geht ab. Und wenn es dann doch nicht ganz so gut geht – macht nichts. Es ist eben so. Für mich steht das Training bis zum Donnerstag ohnehin unter dem Motto: Kräfte sammeln, Kräfte schonen, Kräfte bündeln. Da wurde im Kreis gespielt, dann wurden Spielzüge einstudiert, zum Schluss Spielzüge mit Flanken und Torabschluss geübt. Alles ganz harmlos und völlig normal. Bei den Flanken gab es erneut viele, viele Rohrkrepierer, soll heißen, die Bälle zogen tiefe Furchen in den Rasen. Bester Flankengeber war, ich mag es gar nicht schreiben (aber “Trainerglück” sah es ebenfalls so), wieder einmal Piotr Trochowski.

Beim HSV ist, so mein Empfinden, die Frische der Hinrunde total auf der Strecke geblieben. Es ist für niemanden (auf der Tribüne) mehr erkennbar, dass diese Mannschaft mit Freude und mit Spaß ihrem Beruf nachgeht, da ist nichts mehr von Herz, Leidenschaft und Emotionen erkennbar. Alles vorbei. Da laufen elf Künstler über den Rasen, die rein zufällig dieselbe Trikotfarbe auf der Brust tragen. Da gibt es kein Miteinander, da gibt es keine Motivationen, da gibt es keine Aufmunterungen – da gibt es nur das „Schweigen der Lämmer.“ Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, keiner verschwendet auch nur den kleinsten Gedanken an den Nebenmann.

Sicher, das ist oder wäre  auch eine Sache des Trainers. Oder besser: Eine Sache für den Trainer. Der muss das erkennen und es beheben. Aber: Es ist eben auch eine verdammt ernste Sache der Herren Profis. Und vor allen ein Ding für die Führungsspieler. Letztere Sorte von HSV-Profis wurde vom Trainer nach der 0:1-Niederlage in Mönchengladbach kritisiert. Sie seien nicht in der Verfassung, in der sie Verantwortung übernehmen könnten. Die Frage sei erlaubt: Wieso das denn nicht? Aber die Antwort darauf müsste sich Bruno Labbadia selbst geben.

Kapitän David Jarolim sagt zu diesem Thema: „Es ist eine Sache, die alle Spieler angeht, wir sind eine Mannschaft, alle müssen mitziehen. Wenn wir verlieren sind es alle, wenn wir gewinnen sind es alle – und nicht der und nicht der. Und wir müssen selbstkritisch sein. In Gladbach waren ganz sicher nicht alle bei 100 Prozent.“ Und die Sache mit dem Spaß, mit der Freude am Fußball? Jarolim: „Wenn man die Ergebnisse nicht hat, dann ist das so. Ein Sieg wäre auch ein Befreiungsschlag für den Kopf.“ „Jaros“ Erfolgsrezept für die nächsten Spiele: „Wir müssen nicht aus der Kabine kommen, um schön zu spielen – wir müssen erfolgreich spielen. Und mal wieder zu null. Und vielleicht auch mal einen dreckigen Sieg einfahren.“ Schon gegen Standard Lüttich am Donnerstag?

Zwei, die bei einem solchen „dreckigen Sieg“ gerne mithelfen würden, standen nicht immer in der ersten Reihe des HSV: Marcus Berg und Jonathan Pitroipa. Der Schwede musste zuletzt in Mönchengladbach eine kleine „Ohrfeige“ verdauen, als Trainer Labbadia den erst seine eineinhalb Wochen im Mannschaftstraining stehenden Paolo Guerrero (für Ruud van Nistelrooy) einwechselte. Berg dagegen schmorte bis zum Ende auf der Bank. Und sagt zu seiner Situation: „Ich muss positiv denken, sonst spiele ich auch noch schlecht. Ich muss einfach weiter gut trainieren, ich glaube nämlich nicht, dass es etwas bringen würde, wenn ich nun zum Trainer laufe um mit ihm zu sprechen. Wenn er einen Spieler besser findet als mich, dann ist das eben so, dann wird dieser Spieler auch immer spielen. Außerdem: Ich kann nach der Saison immer noch mit dem Trainer sprechen . . .“

Marcus Berg – ein Missverständnis? Oder vor allem DAS Missverständnis? Er gibt zu: „Ich habe mich in Mönchengladbach geärgert, ich war sehr enttäuscht – aber ich muss es so akzeptieren. Ich bin zwar nicht einverstanden damit, aber wenn ich mich jetzt groß darüber aufregen und viel Gesabbel darum veranstalten würde, dann wird das alles zu negativ hier. Es ist auf jeden Fall aber nicht so, dass ich mich nicht ärgere – auch wenn ich nichts dazu sage.“ Zur Erinnerung: Marcus Berg wurde von Bruno Labbadia verpflichtet. HSV-Kenner wollten am Sonntag aber mit der Einwechslung von Guerrero auch erkannt haben, dass sich der HSV-Coach damit an einen (kleinen) Strohhalm klammerte: In der Hinrunde, ganz am Anfang, funktionierte das Sturm-Duo Malden Petric/Paolo Guerrero ganz ausgezeichnet, es hätte ja auch in Mönchengladbach wieder klappen können. Hätte.

Schon zur Pause hatte der Trainer den Flügelflitzer Jonathan Pitroipa (für Tomas Rincon) gebracht. Mit Erfolg, wie ich meine, auch wenn der HSV das 0:1 nicht mehr drehen konnte. „Piet“ sorgte aber für Schwung. Für ihn war es eine Art „Schaulaufen“, denn er will weg. Weg aus Hamburg, weg vom HSV. Am liebsten sofort, aber das geht natürlich nicht – dann eben im Sommer. Auch wenn er jetzt ein wenig besser zur Geltung kommt, als vor einigen Monaten noch. Pitroipa sagt: „Ich konnte von Anfang bis jetzt noch nicht sehr viel zeigen, ich hoffe auf meine Chance. Wenn ich die bekomme, dann werde ich sie auch nutzen – mit meinen letzten Auftritten war ich ganz zufrieden, ich habe Selbstvertrauen bekommen.“

Er will spielen, will mehr Einsätze, möchte Stammspieler werden und sein. Schon vor einigen Tagen sagte er, dass er sich nach der Saison unbedingt mit dem Trainer und dem Vorstand unterhalten möchte, denn er will geklärt haben, wie seine sportliche Zukunft aussieht, aussehen kann. Er sagt: „So wenig zu spielen, wie ich in den letzten Monaten, das kann nicht gut für mich sein.“

Wobei ich anmerken darf und muss: Fußball ist nicht nur Laufen, nicht nur Haken schlagen, dribbeln und sprinten. Fußball ist auch, den Ball einmal hart und platziert auf des Gegners Tor zu schießen. Und genau in diesem Punkt hapert es, da hat der „gute Piet“ seit seiner Ankunft in Hamburg starke Defizite. Könnte er die beheben, wäre er sicher ein Kandidat für die Stamm-Elf, aber er kann sie eben nicht beheben. Fliegt beim Torschuss-Training des HSV mal ein Ball über den großen Fangzaun (und das kommt gewiss nicht selten vor!), dann war es sehr oft Jonathan Pitroipa, dem wieder einmal das Zielwasser abhanden gekommen ist. Deshalb ist mein Empfinden: Für die Rolle als Joker ist Pitropia eigentlich prädestiniert – wenn er sie so ausfüllt, wie zuletzt. Und vielleicht am Donnerstag gegen Standard Lüttich?

Noch etwas in eigener Sache:
In den letzten Tagen sind einige Beiträge von Usern nicht (sofort) veröffentlicht worden. Das ist keine Zensur, das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme des Verlags Axel Springer. Es gibt eine Instanz, die die Texte nun auf Verunglimpfungen, Pöbeleien, Beleidigungen etc. überprüft, denn davon hatte es in jüngster Vergangenheit zu viele gegeben. Es waren Fälle darunter, die für den Verlag vor Gericht hätten enden können, und das muss nun wirklich nicht sein. Wir wollen mit diesem Blog Spaß und Freude am Fußball und am HSV vermitteln, und wir wollen auch faire Kritik üben, wenn sie angebracht ist. Faire Kritik, das möchte ich betonen. Zu gegebener Zeit wird sich auch die Rechtsabteilung des Verlags zu diesen Dingen äußern. Es wird auch darüber nachgedacht, eine Registrierung für „Matz-ab“-User einzuführen. Noch ist es nicht soweit, aber es wird in Erwägung gezogen.

Allen denen, die zuletzt mich bepöbelten und beleidigten, sei gesagt, dass ich erstens mit dieser Art des Umgangs, wie er hier zuletzt von einigen „gepflegt“ wurde, ganz und gar nicht einverstanden war (und bin), dass aber nicht ich die Artikel auf Beleidigungen, Pöbeleien und Beschimpfungen überprüfe. Es ist, wie gesagt, eine Instanz zwischengeschaltet worden – und das ist auch gut so. In erster Linie, das gebe ich gerne zu, für mich. Entweder wir alle befleißigen uns wieder eines freundlicheren und fairen Miteinanders, oder es geht auf einem etwas anderen Wege weiter. Eines steht fest: Das Hamburger Abendblatt will und wird sich „Matz ab“ nicht kaputt machen lassen. Und ich bedanke mich bei allen, die den nun eingeschlagenen Weg mitgehen wollen und werden – es ist deutlich die Mehrheit.

Danke.

18.48 Uhr

Hoffmanns Erklärungen

29. März 2010

„Herr Hoffmann, sind Sie sicher, dass Sie mit Trainer Bruno Labbadia auch in die nächste Saison gehen werden?“ Diese Frage stellte ein Kollege, als wir mit Bernd Hoffmann sprachen. Der Kollege stellte in diesem Pulk nur diese eine Frage, aber die hatte es in sich, denn der HSV-Boss kam leicht ins Trudeln: „Ja, äh, äh, selbstverständlich bin ich mir, bin ich mir sicher.“ Und dann, nach fünf Sekunden des Schweigens, fügte Hoffmann hinzu: „. . . Stand jetzt.“ Auf das leise aufkommende Gelächter der Umstehenden fragte der HSV-Chef in die Runde: „Ja, nun, über was reden wir denn hier?“ Diese Frage war die letzte für dieses spontane Treffen, und sie blieb unbeantwortet. Aber es war schon allen klar: Wir hatten mit dem Boss über Bruno Labbadia geplaudert . . .

Ohnehin war beim HSV am Montag der Tag der Unterhaltungen. Morgens, vor dem Training, gab es die einstündige Aussprache, an der Mannschaft, Trainer-Team und der Vorstand in Person von Bernd Hoffmann und Katja Kraus teilnahmen. Tacheles wurde gesprochen. Und es wurde sich gegenseitig versprochen und versichert, für den Rest der Saison an einem Strang zu ziehen, alles dafür zu geben, dass der HSV wieder zurück in die Erfolgsspur kehrt.

Ich habe Bernd Hoffmann an diesem Montag auch Fragen gestellt. Ganz besonders eine, die Euch, so war zuletzt häufig zu hören und zu lesen, am HSV-Herzen lag: „Herr Hoffmann, einige User bezweifeln, dass Sie sich von Bruno Labbadia trennen würden, weil Sie damit ja Ihren eigenen Fehler eingestehen müssten, denn Sie haben ihn schließlich selbst zum HSV geholt?“ Die Antwort von Bernd Hoffmann war erneut eine Gegenfrage: „Hätten Sie diese Sorge auch?“ Meine Antwort war dann keine Gegenfrage: „Ich habe diese Sorge nicht, und das habe ich bei Matz ab auch schon gelegentlich geschrieben, denn Sie, Herr Hoffmann, dulden keine Stagnation, erst recht keinen Rückschritt. Sie würden reagieren.“

Natürlich würde er es. Aber Bernd Hoffmann entgegnete mir auf meine Entgegnung: „Wissen Sie, was ich für ein Votum der Fans empfange? Dass wir 45 000 Leute haben, die unbedingt am Donnerstag bei dem Europa-League-Spiel gegen Standard Lüttich dabei sein wollen. Und zudem gibt es jede Menge Aufmunterung für unsere Mannschaft. Die Leute sagen mir, dass sie mit dieser Mannschaft hier noch eine Menge erreichen wollen.“ Auf den Einwand eines Kollegen, dass die 45 000 Fans auch im Stadion wären, wenn der HSV-Trainer Willi Schulz heißen würde, sagte Hoffmann: „Das ist jetzt nicht das Thema. Das haben wir auch schon klipp und klar gesagt. Sondern wir werden am Donnerstag eine Reaktion der Mannschaft sehen. Mehr ist zu diesem Thema auch nicht zu sagen.“

Auf meine Frage, dass Bernd Hoffmann ja keine Stagnation, erst recht keinen Rückschritt dulde, antwortete der HSV-Chef: „Aktuell haben wir den 29. März, und wir haben immer noch alle Chancen. Wir hätten natürlich schon eine bessere Ausgangsposition haben können, darüber müssen wir nicht reden, denn wir haben in der Bundesliga jede Menge Chancen liegen lassen. Da hilft uns jetzt aber kein Lamentieren, sondern wir haben noch sechs Spiele in der Bundesliga, haben die Möglichkeit, uns für die Europa League zu qualifizieren noch in den eigenen Händen – und wir haben ein Europapokal-Finale im eigenen Stadion, für das wir uns in vier Spielen qualifizieren können. Ich kann mir durchaus größere Probleme im Verein vorstellen.“

Natürlich, Herr Hoffmann, Abstiegsgefahr für den HSV wäre sehr, sehr schlimm. Oder auch eine Ebbe in der Vereinskasse. Da gäbe es sicher noch viele Dinge. Im Moment aber zwickt es eben nur sportlich, und da wollen die Fans gerne etwas hören, was für Optimismus sorgen würde. Auf die Hoffmannschen Ausführungen entgegnete ich dem Boss: „Der HSV war in der vergangenen Saison im Uefa-Pokal-Halbfinale, und der Klub belegte am Saisonende auch nicht Platz sechs, sondern Platz fünf . . .“ Weiter kam ich nicht, denn Bernd Hoffmann sagte: „Ich bin gerne bereit, mit Ihnen am 13. Mai ein Saison-Resümee zu ziehen. Ich möchte nicht den 29. März mit dem 13. Mai vergleichen, und bis zum 13. Mai sind wir nicht bereit, Diskussionen zuzulassen. Wir arbeiten daran, den Trend in der Bundesliga zu drehen, und den guten Trend in der Europa Legaue, wo wir von 120 Mannschaften bis unter die letzten acht gekommen sind, zu forcieren. Ab jetzt gilt unsere volle Konzentration dem kommenden Donnerstag.“

Also wird am 13. Mai abgerechnet. Das bekräftigte Bernd Hoffmann auch noch einmal: „Wir sind permanent im Gespräch und in einer Gesamt-Schau der Saison, das ist ja völlig logisch. Am Saisonende wird die Öffentlichkeit, werden die Medien und die Fans, unsere Arbeit bewerten, werden wir alle bewerten, was am Ende für Ergebnisse erzielt werden. Alles andere ist kalter Kaffee.“

Und über den Trainer will er ohnehin keine Diskussion aufkommen lassen. Hoffmann: „Wir führen eine solche Diskussion nicht, denn wir haben einen exzellenten Kader, und wir haben ein Trainer-Team, das die Mannschaft in der ersten Phase der Saison zu exzellenten Leistungen gebracht hat. Und wir gehen davon aus, dass wir diese Saison nicht nur ordentlich zu Ende spielen werden, sondern dass wir auch noch einiges erreichen können.“ Das ist mal ein Wort. Auch dieses wird am 13. Mai natürlich zur Diskussion stehen.

Statt Hoffmanns Erzählungen standen an diesem Montag Hoffmanns Erklärungen auf dem Programm. Der Boss sagte auch: „Wir standen in dieser Saison sechs Mal auf Platz eins, und wir haben von den letzten 20 Bundesliga-Spielen nur fünf gewonnen – das weiß ich auch, ich kann auch Tabellen lesen. Aber das hindert uns nicht daran, an den richtigen Ansätzen für die letzten sechs Wochen zu arbeiten. Und da hilft es uns nichts, übereinander zu reden, sondern nur miteinander zu reden, miteinander zu arbeiten, denn wir haben noch alle Chancen. Wir haben am Donnerstag die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, und wir haben die Chance, den Eindruck, den wir am Sonntag in Mönchengladbach hinterlassen haben, zu korrigieren.“

Dass sich Bernd Hoffmann so ausführlich gestellt hat, war super und sicher auch mutig. Es war aber auch mal Zeit. Und trotz allem: Die Tatsache, dass dem HSV ein Sportchef fehlt, die ist nicht von der Hand zu weisen. Es fehlt ein Regulativ zwischen der Klub-Führung und der sportlichen Leitung. Und zwar eindeutig. Hoffmann als (ehrgeiziger, manchmal auch ungeduldiger) Boss kann einem jungen Trainer wie Bruno Labbadia nicht wirklich eine große Hilfe sein. Dieses Dilemma hatte am Sonntag bei der Sky-Diskussion auch schon die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, aus der Ferne erkannt. Genau so ist es.

Ein Sportchef könnte zwischen Mannschaft und Trainer vermitteln – das kann Bernd Hoffmann nicht. Selbst wenn er es wollte. Ein Sportchef könnte auch dem Trainer einige Tipps geben, wie er eine nicht aus der Spur geratene Mannschaft wieder in die Erfolgsspur bekommen könnte. Ein Sportchef könnte sich mit Spielern unter vier Augen unterhalten, woran es derzeit krankt. Das kann der Trainer deshalb nur begrenzt, weil er ja durchaus ein Kritikpunkt (der Mannschaft) sein könnte – niemand würde sich ihm offenbaren. Und auch dem Vorstandsvorsitzenden würde wohl kaum ein Spieler die reine Wahrheit erzählen – mal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es ein solches Gespräch (oder gar Gespräche) mal geben könnte. Auch das ist ein Punkt, weshalb es beim HSV derzeit so läuft, dass kaum noch etwas läuft.

„Es muss etwas passieren, es muss sich etwas ändern. Das haben wir uns gesagt, deshalb gab es diese Aussprache am Montag“, sagte HSV-Kapitän David Jarolim und befand weiter: „Jeder muss sich Gedanken machen, und jeder muss wissen, dass er nicht nur davon reden darf, dass wir uns bessern müssen, sondern jeder muss mit sich anfangen. Diese Aussprache muss helfen, muss uns etwas bringen, wir müssen uns ganz anders präsentieren. In Gladbach habe wir viel zu naiv gespielt.“ Auf die Frage, ob der Trainer die Mannschaft noch erreicht sagte David Jarolim: „Ich denke, mit Sicherheit.“ Dann sagte er weiter: „Mir wurde schon in Mönchengladbach die Frage gestellt, wie das Verhältnis Trainer/Mannschaft sei. Wie soll das Verhältnis sein? Das Verhältnis ist gut. Aber klar, wir brauchen Siege. Alle brauchen Siege, die Spieler, auch der Trainer. Wir sind alle verantwortlich, aber wir müssen jetzt nicht nur reden, wir müssen nun endlich tun.“

Dabei will auch Ze Roberto mithelfen. Trotz der Tatsache, dass es bei ihm zurzeit nicht gerade gut läuft. Der Brasilianer stellt sich aber vor den Trainer, wenn er über die sportliche Krise des HSV spricht: „Der Trainer erreicht die Mannschaft sehr wohl und sehr gut. Die Mannschaft ist gefordert. Am Anfang, als der HSV auf Platz eins stand, wurde der Trainer gefeiert, der HSV war die Sensation der Bundesliga – und nun soll alles anders sein? Das kann es nicht sein. Am Anfang hat der Trainer die Spieler erreicht, und jetzt erreicht er sie nicht mehr? Es liegt allein an den Spielern, die müssen sich wieder aufraffen und dafür sorgen, dass es wieder besser wird.“

Lippenbekenntnisse? Am Donnerstag wird man es sehen.

Ich wurde zuletzt oft gefragt, warum ich nach dem Spiel in Mönchengladbach nicht härter mit dem Trainer ins Gericht gegangen bin. Ich erkläre es allen: In Hamburg und um Hamburg herum, auch bei „Matz ab“, herrscht eine unglaublich aufgeladene, hitzige, teilweise auch höchst aggressive Stimmung. Auch gegen Bruno Labbadia. Mitunter auch vor allem gegen ihn. Das geht mir entschieden zu weit. Ich habe mit Spielern unter vier Augen gesprochen, die haben mir erklärt, dass es bei dieser Krise auch um Bruno Labbadia geht, aber nicht nur. Es gibt noch einige andere Ungereimtheiten innerhalb dieser HSV-Mannschaft, die in meinen Augen seit Monaten schon keine Einheit mehr ist. Da wird, natürlich nicht offen, mitunter sehr massiv gegen Mitspieler abgeledert – wie soll da einer für den anderen kämpfen? Der Zwischenfall beim Spiel in Anderlecht, als sich Ruud van Nistelrooy und Tunay Torun „an die Wäsche gingen“, ist symptomatisch für den Zustand der HSV-Mannschaft 2010.

Natürlich liegt das auch am Trainer – aber nicht nur. Und zum Trainer kann ich nur sagen: Der Vorstand ist gefordert. Nur er. Und ich habe schon mehrfach betont: Bernd Hoffmann wird reagieren. Das ist in meinen Augen ein Selbstgänger. Er duldet keine Stagnation, keinen Rückschritt, kein Mittelmaß. Damit ist alles gesagt. Deshalb habe ich nach dem Gladbach-Spiel kein Silbertablett hervor gekramt, um darauf den aggressiven Fans unter uns den Kopf des Trainers zu präsentieren. Nein, nein, ein solches Spiel halte ich für unwürdig. Und: Alles, wirklich alles, regelt sich von ganz allein. Spätestens am 13. Mai. Oder um den 13. Mai herum. Dafür braucht die HSV-Führung keine Ratschläge, weder von uns, noch von anderen „Hosenscheißern“, um es salopp mit Bruno Labbadia zu sagen. Ich bin mir da vollkommen sicher. Abgerechnet wird zum Schluss.

Übrigens, pikante Note am Rande: Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw gilt bei deutschen Buchmachern als Favorit auf den HSV-Trainerposten zur neuen Saison. Zur Spielzeit 2010/2011.

18.37 Uhr

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