Monatsarchiv für Februar 2010

Die Nörgler sind unter uns

26. Februar 2010

Der HSV hat das Achtelfinale der Europa League erreicht. Das ist schon mal erfreulich. Es bringt dem HSV Geld und Renommee, und es sollte der Mannschaft Selbstvertrauen geben – trotz der 2:3-Niederlage beim PSV Eindhoven. Der HSV steht also unter den letzten 16 Klubs der Europa League, und er nimmt immer noch Rang vier in der Bundesliga ein. Das bleibt festzuhalten. Das sind die Tatsachen. Und trotz allem wird hier gegen den Trainer und verschiedene Spieler geschossen, dass es einem ganz schummrig wird. Natürlich: Der HSV, der in der Bundesliga den zweithöchsten Etat aller Klubs hat, steht nicht dort, wo er stehen müsste, er hat auch in dieser Saison Platz eins verfehlt, auch Platz zwei, aber er spielt noch immer in Europa mit, und er spielt in der Bundesliga auch noch eine „gewisse“ Rolle. Trotzdem gibt es HSV-Fans, denen das alles nicht gefällt. Die Frage ist, die ich mir seit Wochen stelle, ist die: Was machen diese HSV-Fans eigentlich, wenn „ihr Klub“ am Ende das Europa-League-Finale am 12. Mai in Hamburg verfehlt hat, und zudem in der Bundesliga nur Platz sechs erreicht worden ist? Dann geht es wohl so richtig rund, oder? Vielleicht hören sie aber auch auf, HSV-Fans zu sein?

Natürlich läuft es in diesem Jahr noch nicht so rund, wie von vielen erwartet, von vielen erhofft, von manchen gewünscht. Über die Gründe aber ist auch hier schon unzählige Male philosophiert worden. Die meisten von Euch haben diese Gründe begriffen und akzeptiert, einige nicht – sie wollen es offenbar auch nicht. Ihnen ist keine Ausrede (jawohl, Ausrede!) gut genug. Für sie gibt es keine Erklärung, warum zum Beispiel Ze Roberto noch nicht in Bestform ist? Oder warum Eljero Elia nicht auf die Füße kommt? Oder weshalb Guy Demel nicht erst seit dem Afrika Cup seiner Form meilenweit hinterher läuft? Oder warum Paolo Guerrero nach seinem doppelten (!) Kreuzbandriss nicht fit wird? Das alles hat ganz offenbar keine Rolle zu spielen, der HSV hat einfach zu funktionieren, sonst ist er nicht der HSV.

Mich, das gebe ich ehrlich zu, mich macht ein solches „Schwarz-weiß-Denken“ fertig. Total fertig sogar. Der HSV ist immer noch in der Europa League, steht in der Bundesliga auf Platz vier – das alles wird mit einem Handstreich weggewischt, als wenn es nichts wäre. Unfassbar! Ganz sicher nicht nur für mich, aber eben auch für mich. Dass das Spiel in Eindhoven absolut nach Fußball aussah, dass der HSV nach einem 0:2-Rückstand eine großartige Moral bewiesen hat, dass in diesen 95 Minuten alles geboten wurde, was ein Klasse-Fußballspiel benötigt, dass vor den Bildschirmen massenweise Leute von ihren Sitzen hochsprangen, weil sie es vor Spannung und Dramatik nicht mehr aushielten – das alles zählt ganz offenbar nicht. Auch die Tatsache nicht, dass der PSV Eindhoven ja durchaus keine „Laufkundschaft“ in Europa ist, dass die Niederländer sonst eigentlich immer in der Champions League ihren Platz habe, dass sie – bis auf ein einziges Pokalspiel – immer noch ungeschlagen sind in dieser Saison, dass sie in der Europa League bislang daheim kein einziges Gegentor kassiert hatten – das alles juckt anscheinend nicht. Es wird – zum Glück ja nur von einer kleinen Minderheit – genörgelt.

Diesen Nörglern möchte ich hiermit aber auch sehr wohl zugeben und es auch schreiben: Mir ist nicht entgangen, dass Guy Demel zurzeit ein Schwachpunkt der HSV-Mannschaft ist. Mir ist auch nicht entgangen, dass mit Jerome Boateng ein aktueller deutscher Nationalspieler nur auf der Bank sitzt. Mir ist nicht entgangen, dass Ze Roberto immer noch nicht bei 100 Prozent ist. Mir ist auch nicht entgangen, dass Elia nur bei ungefähr 45 Prozent ist. Mir ist ebenfalls nicht entgangen, dass der junge (und talentierte) Tomas Rincon (22) immer mehr beißen muss, und dass bei ihm kaum noch etwas Vernünftiges nach vorne läuft. Mir ist auch nicht entgangen, dass Trainer Bruno Labbadia in Eindhoven, vor einem ganz, ganz wichtigen Spiel, seiner Mannschaft eine andere Taktik als sonst vorgegeben hat. Mir ist sehr wohl nicht entgangen, dass Frank Rost einmal mehr seine Mannschaft im Spiel (und damit im Wettbewerb) gehalten hat – aber ein Torwart gehört zu einem Team und darf auch über einige Spiele mal Weltklasse sein. Mir ist auch ferner nicht entgangen, dass Demel eventuell vor einer Gelb-Roten Karte hätte bewahrt werden können, indem er nach dem ersten Gelb vorsichtshalber ausgewechselt worden wäre. Mir ist darüber hinaus nicht entgangen, dass Jonathan Pitroipa in den Schlussminuten einen wunderbare Konterchance, als links und rechts drei Hamburger mitgelaufen waren und auf ein Anspiel warteten, fahrlässig vergeben hat, weil er sich wieder einmal verdribbelt hatte.

Aber mir ist auch nicht entgangen, dass der HSV im Achtelfinale der Europa Legaue steht. Und dass Millionen Fernsehzuschauer ein großartiges Fußballspiel gesehen haben müssen. Mit einem großartigen PSV Eindhoven. Und mit einem HSV.

Ich kann darüber hinaus auch nichts dafür, dass Bruno Labbadia Demel aufgestellt hat, und nicht Boateng. Das ist allein, so hieß es einst im Volksmund, allein Sache des „Bundestrainers“. Labbadia ist der Mann, der so etwas zu bestimmen hat, er allein muss auch damit leben, wenn seine Saat nicht aufgeht. Dann muss er, nicht ich, nicht Ihr, dann muss er ganz allein mit den Konsequenzen leben. So geht es jedem Trainer, egal in welchem Land, egal in welcher Spielkasse. In Hamburg aber scheint es HSV-Fans zu geben, die es überhaupt nicht interessiert, dass „ihr“ Klub auf Platz vier in der Bundesliga steht, dass „Ihr“ Klub noch in der Europa League vertreten ist: „Der Trainer gehört weg, und damit basta.“ Vielleicht sollten jene Zeitgenossen, die das fordern, einmal bei Bernd Hoffmann vorstellig werden,. Es ist jener Herr, der dem Trainer im Sommer 2009 einen Drei-Jahres-Vertrag gegeben hat, und es ist auch jener Herr Hoffmann, der das Sagen hat in diesem Hamburger Sport-Verein. Und er allein kann bestimmen: Daumen hoch, Daumen runter. Also, auf an alle diejenigen, die Bruno Labbadia nun, weil der HSV nur auf Platz vier steht und nebenbei auch noch in der Europa League spielt, vor die Tür setzen wollen. Packt es an! Bei Bernd Hoffmann. Nicht bei mir. Nur bei ihm. Bitte.

Übrigens: Ich habe Bruno Labbadia heute bei der Pressekonferenz gefragt, ob er im Nachhinein nicht überlegt hätte, Guy Demel mit einer vorzeitigen Auswechslung vor Gelb-Rot zu schonen? Die Antwort des Trainers im Wortlaut: „Die Art des Schonens gab es zur Halbzeit ja schon mit Robert Tesche. Wir mussten da eine Entscheidung treffen: wie stellen wir um? Wir haben uns dann dafür entschieden, ein Stück weit offensiver aufzutreten, und dann auch ein Stück Risiko zu gehen, mit Piotr Trochowski zentral, wo Eindhoven sehr stark war. Und es war die richtige Wahl. Und man kann natürlich nicht jeden Spieler der Gelb hat vom Platz nehmen. Wir müssen damit sorgsamer umgehen. Und ich muss als Spieler wissen, dass ich da nicht so einfach grätschen darf. Aber das passiert, ich denke, das gehört dazu. Es gibt auch Spieler, die zu Beginn des Spiels eine Gelbe Karte kassieren, und die kann man auch nicht jedes Mal herausnehmen. Das sind Dinge, die sind so.“

Dennoch denke ich, und damit komme ich zum Sonntagsspiel beim FC Bayern, dass diesmal in München Jerome Boateng von Beginn an zum Einsatz kommen wird. Rechts. In der Viererkette. Obwohl mir ein HSV-Mitarbeiter auch einen andere, für mich durchaus interessante Variante andiente: Boateng für den etwas müde wirkenden Rincon im defensiven Mittelfeld. Aber dann hätten wir wieder jene Situation, die von Euch schon vielfach kritisiert wurde: Der HSV hat immer noch keine Stamm-Elf gefunden. Immer wieder gibt es Veränderungen im Team. Das aber, so behaupte ich, liegt in den meisten Fällen an den immer wieder neuen personellen Ausfällen. Wie zuletzt mit David Jarolim (gesperrt) und Marcell Jansen (erkrankt).

Apropos: Jansen lief auch gestern nur auf dem Laufband, erst am Sonnabend (13.30 Uhr Trainingsbeginn) entscheidet sich, ob der Nationalspieler in München eingesetzt werden kann. Dass Ruud van Nistelrooy, der am Freitag Steigerungsläufe absolvierte, weiterhin ausfällt, das habt Ihr bestimmt schon mitbekommen.

Beim Training am Freitag, das zum Abschluss, trainierten nur jene Spieler, die in Eindhoven nicht oder nur begrenzt zum Einsatz kamen. Es war also wenig los, auf dem kleinen Platz hinter der Arena. Nach Beendigung der Einheit schob Marcus Berg noch eine Sonderschicht, indem er Schüsse auf das von Tom Mickel gehütete Tor abgab. Und am Rande unterhielten sich der Trainer und sein Kapitän bestimmt noch sehr angeregte zehn Minuten unter vier Augen. Ob es im Gespräch zwischen Labbadia und David Jarolim um die Aufstellung gegen die Bayern ging?

Ein Satz noch in eigener Sache: Wenn hier etwas von Zensur geschrieben wird (oder sich beschwert wird!), dann ist das nur die halbe Wahrheit. Ich finde es nicht lustig, im Gegensatz zu dem einen oder anderen von Euch (sehr lustig!), wenn hier statt über Fußball, oder über den HSV, über homosexuelle Menschen geschrieben wird. Wer das lustig findet, muss in der Tat völlig falsch gepolt sein. Der Springer Verlag wird das jedenfalls nicht dulden, denn sollten sich die betreffenden Persönlichkeiten per Anwalt bei uns melden, könnte das dem Unternehmen viel Geld kosten. Und ich bitte jeden, der das normale Denken noch nicht ganz eingestellt hat, das zu akzeptieren. Es ist nicht unsere Aufgabe, (prominente) Mitmenschen zu outen oder in einen total falschen Verdacht zu bringen. Und wer das auch noch lustig findet, sollte sofort den Blog wechseln. Bitte!

PS: Für Dauerkarten-Inhaber läuft der Vorverkauf für das Europa-Legaue-Heimspiel gegen Anderlecht (am 11. März) ab sofort bis zum 2. März, am 3. März läuft er für die HSV-Mitglieder, am 4. März beginnt dann der offene Verkauf. Die Preise liegen zwischen 15 und 48 Euro.

17.24 Uhr

Welch ein Krimi! Der Traum geht weiter

25. Februar 2010

Die schönste Niederlage seit Jahren! Was für ein Spiel, was für ein Kampf, was für ein tolles, nervenaufreibendes Auf und Ab! Der HSV war draußen, der HSV war weiter, der HSV musste zittern bis zum Schlusspfiff, aber dann war es geschafft: Der HSV verlor zwar sein Europa-League-Spiel beim niederländischen Tabellenführer PSV Eindhoven mit 2:3, steht aber dennoch in der nächsten Runde. Die Auswärtstore haben für die Hamburger entschieden, es darf in der Hansestadt weiter vom 12. Mai geträumt werden, vom Tag des Finals in der eigenen Arena.

Das war ganz sicher nichts für schwache Nerven, aber wenn es ein so gutes Ende nimmt, dann leidet jeder HSV-Fan gerne – oder? Das war Fußball pur, das waren 90 Minuten, die alles boten, was diesen Sport so sehenswert macht. Bravo, HSV!

Trainer Bruno Labbadia hatte überraschend aufgestellt: Mit Mladen Petric nur eine Spitze, dahinter mit Piotr Trochowski und Eljero Elia, der wie kai aus der Kiste kam, zwei offensive Mittelfeldspieler, und dahinter drei etwas defensiver eingestellte „Arbeiter“ im Mittelfeld, Robert Tesche, Tomas Rincon und Ze Roberto. Dahinter die Viererkette, in der rechts erneut Guy Demel den Vorzug gegenüber Jerome Boateng erhalten hatte. Boateng ist für mich das größte HSV-Rätsel. Für mich ist er im vergangenen Jahr der beste Abwehrspieler Deutschlands gewesen, nun ist er draußen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: Boateng spielt, wenn er denn rechts draußen zum Einsatz kommt, was er will. Für mich heißt es aber: Boateng spielt was er will, Demel spielt nicht was er kann.

Was sich bereits nach 80 Sekunden negativ bemerkbar machte. Eindhovens Ungar Dszudzsak wurde über die Demel-Seite geschickt, flache Eingabe, Lazovic schießt, trifft aber nicht richtig, doch der Ball kommt noch zu Toivonen. Abseits? Ich hätte im ersten Moment darauf gewettet, weil ich Demel nicht mehr im Bild hatte. Der Ivorer kam nicht schnell genug von der Torauslinie zurück, so dass er die Abseitsstellung des schwedischen Raunbeines aufhob – 1:0 nach Sekunden. Welch ein verkorkster Start!

Das frühe Ende des HSV? Es sah nicht gut aus. Und gelegentlich fehlte auch die Ordnung. Einzig Frank Rost behielt die Übersicht. Und er „donnerte“ seine Vorderleute einmal ganz gehörig zusammen, besonders Rincon (15.). Und irgendwie schien es sogar zu helfen. Nach 20 Minuten kam der HSV, fand endlich ins Spiel, rückte auf, spielte gefällig. Sogar Joris Mathijsen und David Rozehnal, die sonst immer wie angenagelt am eigenen Strafraum stehen, gingen abwechselnd mit nach vorne, was ich in dieser Saison noch gar nicht gesehen habe. Alle Achtung, HSV! Allerdings fehlte doch noch der letzte Druck. Nur zwei relativ harmlose Schüsse von Trochowski (35.) und Elia (39.) flogen auf das PSV-Tor, die Keeper Isaksson mühelos hielt.

Brisanter war es zuvor auf der Gegenseite zugegangen, als Dennis Aogo bei einer Rettungstat fast ein Eigentor erzielt hätte, doch ein Reflex von Rost verhinderte das 0:2.

Und so richtig gefährlich wurde es in der 43. Minute – für den HSV. Freistoß für Eindhoven, Entfernung zum Hamburger Tor 30 Meter. Dzsudzsak nahm Maß, drosch die Kugel in Richtung HSV-Mauer und traf Mladen Petric. Abgefälscht fand der Ball den Weg ins Netz, unhaltbar für Frank Rost, der bei Flanken gelegentlich mit dem schlechten Flutlicht des Stadions haderte. Ein frühes Tor, ein spätes Tor, nach einer Halbzeit schien das Schicksal des HSV bereits entschieden.

Schien aber nur, denn: Nach 45 Sekunden im zweiten Durchgang hieß es nur noch 1:2. Trochowski hatte Petric in den PSV-Strafraum geschickt, dort spitzelte der Kroate den Ball über den hinauslaufenden Isaksson ins Tor. Hoffnung für den HSV, da keimte neue Hoffnung auf. Zumal die Labbadia-Mannschaft nun offensiver ausgerichtet war, denn für Tesche kam zum zweiten Durchgang Jonathan Pitroipa. Und der PSV spielte von der 56. Minute an nur noch zu zehnt. Nach einem vermeintlichen Handspiel Aogos im HSV-Strafraum, das aber von gleich drei (!) Unparteiischen als regulär angesehen wurde, meckerten fast alle Niederländer minutenlang. Besonders schlimm Torschütze Dzsudzsak. Der erhielt gelb, worüber er noch mehr meckerte – und Schiedsrichter Dean mit beiden Händen schubste – Rot. Die Vorentscheidung für den HSV?

Nicht ganz. In der 65. Minute flog auch Demel mit Gelb-Rot vom Platz. Der Ivorer hatte Pieters gefoult. Ja, und so werden die Gegner eigentlich wieder ins Spiel geholt. In dieser Phase mussten die überragenden HSV-Fans, die in Eindhoven mächtig „Musik“ gemacht haben, um ihr Team bangen. Bis der eingewechselte Boateng das spielte, was er will. Der Nationalspieler dribbelte im PSV-Strafraum auf und wurde von Salcido gefoult – Elfmeter. Und den verwandelte Piotr Trochowski nervenstark zum 2:2. Apropos Trochowski: Er übernahm nicht nur in dieser Szene Verantwortung, und er gehörte diesmal ganz sicher zu den besten Hamburgern – oder? Gibt es auch diesmal gegenteilige Meinungen im Blog?

Spannend wurde es in den Schlusssekunden. Koevermans köpfte nach einem Rost-Fehler das 3:2, dem PSV fehlte plötzlich doch wieder nur noch ein Tor. Und dann fünf Minuten Nachspielzeit! Die berechtigt waren, das muss gesagt werden. Was für ein Krimi! Und: Der englische Schiedsrichter war hervorragend, der beste 23. Mann, den der HSV in dieser Saison hatte, da lege ich mich fest.

Die besten Spieler beim HSV? Frank Rost, trotz seines Fehlers beim 2:3, David Rozehnal als gnadenloser Zerstörer (mit etlichen Abspielfehlern – egal), Joris Mathijsen, der mit Auge abräumte, Dennis Aogo, der trickreich seine linke Seite beherrschte, dazu im Mittelfeld Ze Roberto, der einige Male klug die Bälle hielt, und dann Piotr Trochowski. Er kann es also doch noch! War das die Wende für ihn?

PS: Im Internet gibt es nun Video-Aufnahmen vom ersten „Matz-ab“-Treffen in der Raute vor einer Woche. Prädikat vom Blog-Chef: Besonders sehenswert! Und feiert schön! Und träumt vom 12. Mai!

 Nur der HSV!

Niederländische Erlebnisse

25. Februar 2010

„Wünsch mir kein Glück, wünsch lieber Können.“ Das hat mir Felix Magath immer zur Antwort gegeben, wenn ich ihm – schon als Spieler – vor einem Spiel viel glück gewünscht habe. Daran habe ich mich sofort erinnert, als ich eben noch bei Jörn Wolf, dem Medien-Chef des HSV, in Eindhoven angerufen habe. Auch ihm habe ich viel Glück gewünscht, aber er hat es abgelehnt: „Können ist gefragt, unser Können.“ Und dann, nach einer kurzen Pause, fügte er hinzu: „ Es wird eine Schlacht, davon kann man wohl ausgehen, aber wir werden beißen und uns dann das nötige Glück erarbeiten.“ Denn Glück hat bekanntlich immer (oder vor allem) der Tüchtige. Beim HSV wird übrigens, falls nichts mehr daziwschen kommt, Dennis Aogo spielen können, er hat ganz normal mit der Mannschaft trainiert.

Ansonsten war in Eindhoven bisher alles ganz ruhig vor dem Spiel, es gab keine besonderen Vorkommnisse. Das war einst anders, als ich vor jahren noch Richtung Niederlande und in Sachen Fußball unterwegs war. Ich erinnere an ein Länderspiel in Rotterdam, zu dem ich von der Redaktion geschickt worden war. Da ging es Stunden vor dem Spiel schon hoch her. In der Stadt herrschte Ausnahmezustand. Ich Wahnsinniger wollte Straßenschlachten fotografieren – und war mit einem Male fast mittendrin. Nur ein vorbeifahrender Bus, hinter dem ich mich verstecken konnte, rettete mich damals, sonst wäre dieser Ausflug wohl ganz übel für mich ausgegangen. Ich düste mit höchsten Tempo zurück in unser Hotel, einige vermummte Gestalten hinter mir her.  Zum Glück war ich schneller. Das Hotel war vom DFB für die Prominenz und die Presse angemietet worden, ein reiner Glaskasten inmitten der City. Draußen tobte eine unglaubliche Schlacht, alle deutschen Autos rund um das Hotel wurden zertreten, zerschlagen, zerkratzt. Zudem flogen die Fäuste, gab es auch irre Tritte. Und unser Glaskasten, also unser Hotel, wurde mit Steinen unter Beschuss genommen – es war der reine Irrsinn. Ich sehe ihn noch heute vor mir, unseren ehemaligen Nationaltorwart Hans Tilkowski, der plötzlich abtauchte wie eine Flunder, als dicke Bocken gegen die Scheiben prallten und unheimlich laute Knallgeräusche zur Folge hatten. Zum Glück gab es da noch keine Verletzten.

Vom Spiel habe ich später nichts gesehen, denn vor dem Stadion in Rotterdam tobten die Fans beider Nationen mit unglaublicher Härte aufeinander los. Man konnte die Nasenbeine knacken hören. Überall Polizei, Blaulicht, Unfallwagen, Hubschrauber. Mein damaliger Chef befahl: “Du machst das Länderspiel nicht, sondern versuchst, in einen Einsatzwagen der Rotterdamer Polizei zu gelangen, um zu sehen, was vor dem Stadion passiert.” Das klappte sogar. Ich klopfte an einen solchen Wagen, ein älterer Polizist begrüßte mich – und bat mich, als ich ihm mein Anliegen schilderte, freundlich zu sich rein. Dort sah ich an cirka 15 Monitoren, was draußen los war. Die Hölle.

So hatte ich es vorher übrigens schon im inneren Stadionring erlebt. Wir gingen mit fünf deutschen Journalisten Richtung Treppenaufgang, um zu unseren Sitzplätzen zu gelangen (hatte also schon sämtliche Kontrollen passiert!), als plötzlich ein älterer Polizist (mit einem Rundschnitt in Augenbrauenhöhe) auf einem Pferd angeritten kam und unserem ältesten Kollegen, dem Frankfurter Hartmut Scherzer, zwei, drei Hiebe mit dem Gummiknüppel an Kopf und Schulter versetzte. Ohne den geringsten Anlass dafür zu haben, und auch die geringste Vorwarnung, einfach nur aus Jux und Dollerei. Wir alle waren total entsetzt. Ich habe von diesem Vorfall durch Zufall ein Foto geschossen – es wurde Jahre später in der „Sport Bild“ veröffentlich, als es darum ging, die „Feindschaft“ zwischen Niederländern und Deutschen aufzuarbeiten.

Es passte zu diesem Tag, dass wir auf der Rückfahrt auf der Autobahn in Holland noch stundenlang im Stau stehen mussten, denn – oh Wunder und oh Zufall – die Autobahn Richtung Deutschland musste just in dieser Nacht neu geteert werden. Es dauerte Stunden, ehe wir weiterfahren durften (oder konnten).

Seit diesen Vorkommnissen habe ich um den Fußball in den Niederlanden immer einen großen Bogen gemacht, das gebe ich zu. Das heißt, ich war nur noch dann dort, wenn es dienstlich nicht zu vermeiden war. Das war zum Beispiel 2000 bei der EM der Fall. Auch dort ging es in Rotterdam ganz böse zur Sache, als Deutschland dort gegen Portugal spielte und hoch verlor. Für die heutige Partie allerdings hoffe und wünsche ich, dass diese schlimmen Zeiten längst der Vergangenheit angehören, dass dieses Spiel in Eindhoven ohne größere Zwischenfälle über die Bühne geht.

Nun komme ich schnell noch zu zwei weiteren Meldungen: Der HSV und Karsten Bäron haben sich auf die einvernehmliche Beendigung ihrer Zusammenarbeit geeinigt. Damit konnte die nach der Beurlaubung Bärons vom Cheftrainerposten der Regionalliga-Mannschaft des HSV zwischen den Parteien zwischenzeitlich entstandene Uneinigkeit um die Laufzeit des miteinander vereinbarten Arbeitsvertrages zur vollen Zufriedenheit beider Seiten gelöst werden. „Leider sind Trennungen im Profifußball in bestimmten Situationen unvermeidlich. Gerade bei einem verdienten HSVer wie Karsten Bäron liegt uns jedoch viel daran, dies freundschaftlich und einvernehmlich zu tun, wie dies letztlich auch gelungen ist“, so HSV-Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann und sagt weiter: „Er geht als Freund und wird beim HSV immer ein gern gesehener Gast sein. Jetzt wünschen wir Karsten Bäron, dass es ihm gelingt, seine vielversprechende Karriere als Fußballtrainer bei einem neuen Klub erfolgreich fortzusetzen.“ Kommentar Karsten Bäron: „Ich hatte eine tolle Zeit beim HSV und werde auch immer ein HSVer bleiben und freue mich, dass wir nun in Freundschaft auseinander gehen. Jetzt freue ich mich auf eine neue Herausforderung.“ Bäron war nach dem vorzeitigen verletzungsbedingten Ende seiner Karriere als Bundesliga-Stürmer des HSV ab Juni 2002 zunächst Trainer im Nachwuchsbereich des HSV. Zum 1. Januar 2006 übernahm er die Leitung der zweiten Mannschaft des HSV.

Auch zum Thema Bäron noch schnell ein Griff in die Erinnerungskiste: Der frühere Star-Journalist Horst Frese (Bild), ein in der gesamten Republik anerkannter und geschätzter Fachmann, sagte mir einst im Vertrauen: „Der Bäron sollte besser Basketballer oder Volleyballer werden, Fußballer wird der ohnehin nie . . .“ Da irrte sich Frese aber ganz gewaltig, obwohl Bäron die ganz große Karriere ja versagt blieb – aufgrund seiner Knieprobleme.

Und die zweite Meldung: Der HSV wegen unsportlichen Verhaltens seiner Zuschauer vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu einer Geldstrafe von 10 000 Euro verurteilt worden. Das Urteil ist rechtskräftig, wie der DFB am Donnerstag mitteilte. In der Partie zwischen dem FSV Mainz 05 und dem HSV am 28. November 2009 wurde nach DFB-Angaben im Hamburger Zuschauerblock eine Rauchbombe gezündet. Auch im Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und dem HSV am 13. Februar 2010 seien HSV-Anhänger unmittelbar vor dem Beginn mit dem Entzünden einer Rauchbombe aufgefallen. Die Begegnung konnte erst mit zweiminütiger Verzögerung angepfiffen werden.

10 000 Euro, die wahrscheinlich nie ins Gewicht fallen werden, wenn demnächst ein neuer Spieler unter Vertrag genommen werden soll . . . Man gönnt sich ja sonst nichts.

Auf ein erfolgreiches Spiel in Eindhoven  – nur der HSV!

16.32 Uhr

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