Tagesarchiv für den 26. Februar 2010

Die Nörgler sind unter uns

26. Februar 2010

Der HSV hat das Achtelfinale der Europa League erreicht. Das ist schon mal erfreulich. Es bringt dem HSV Geld und Renommee, und es sollte der Mannschaft Selbstvertrauen geben – trotz der 2:3-Niederlage beim PSV Eindhoven. Der HSV steht also unter den letzten 16 Klubs der Europa League, und er nimmt immer noch Rang vier in der Bundesliga ein. Das bleibt festzuhalten. Das sind die Tatsachen. Und trotz allem wird hier gegen den Trainer und verschiedene Spieler geschossen, dass es einem ganz schummrig wird. Natürlich: Der HSV, der in der Bundesliga den zweithöchsten Etat aller Klubs hat, steht nicht dort, wo er stehen müsste, er hat auch in dieser Saison Platz eins verfehlt, auch Platz zwei, aber er spielt noch immer in Europa mit, und er spielt in der Bundesliga auch noch eine „gewisse“ Rolle. Trotzdem gibt es HSV-Fans, denen das alles nicht gefällt. Die Frage ist, die ich mir seit Wochen stelle, ist die: Was machen diese HSV-Fans eigentlich, wenn „ihr Klub“ am Ende das Europa-League-Finale am 12. Mai in Hamburg verfehlt hat, und zudem in der Bundesliga nur Platz sechs erreicht worden ist? Dann geht es wohl so richtig rund, oder? Vielleicht hören sie aber auch auf, HSV-Fans zu sein?

Natürlich läuft es in diesem Jahr noch nicht so rund, wie von vielen erwartet, von vielen erhofft, von manchen gewünscht. Über die Gründe aber ist auch hier schon unzählige Male philosophiert worden. Die meisten von Euch haben diese Gründe begriffen und akzeptiert, einige nicht – sie wollen es offenbar auch nicht. Ihnen ist keine Ausrede (jawohl, Ausrede!) gut genug. Für sie gibt es keine Erklärung, warum zum Beispiel Ze Roberto noch nicht in Bestform ist? Oder warum Eljero Elia nicht auf die Füße kommt? Oder weshalb Guy Demel nicht erst seit dem Afrika Cup seiner Form meilenweit hinterher läuft? Oder warum Paolo Guerrero nach seinem doppelten (!) Kreuzbandriss nicht fit wird? Das alles hat ganz offenbar keine Rolle zu spielen, der HSV hat einfach zu funktionieren, sonst ist er nicht der HSV.

Mich, das gebe ich ehrlich zu, mich macht ein solches „Schwarz-weiß-Denken“ fertig. Total fertig sogar. Der HSV ist immer noch in der Europa League, steht in der Bundesliga auf Platz vier – das alles wird mit einem Handstreich weggewischt, als wenn es nichts wäre. Unfassbar! Ganz sicher nicht nur für mich, aber eben auch für mich. Dass das Spiel in Eindhoven absolut nach Fußball aussah, dass der HSV nach einem 0:2-Rückstand eine großartige Moral bewiesen hat, dass in diesen 95 Minuten alles geboten wurde, was ein Klasse-Fußballspiel benötigt, dass vor den Bildschirmen massenweise Leute von ihren Sitzen hochsprangen, weil sie es vor Spannung und Dramatik nicht mehr aushielten – das alles zählt ganz offenbar nicht. Auch die Tatsache nicht, dass der PSV Eindhoven ja durchaus keine „Laufkundschaft“ in Europa ist, dass die Niederländer sonst eigentlich immer in der Champions League ihren Platz habe, dass sie – bis auf ein einziges Pokalspiel – immer noch ungeschlagen sind in dieser Saison, dass sie in der Europa League bislang daheim kein einziges Gegentor kassiert hatten – das alles juckt anscheinend nicht. Es wird – zum Glück ja nur von einer kleinen Minderheit – genörgelt.

Diesen Nörglern möchte ich hiermit aber auch sehr wohl zugeben und es auch schreiben: Mir ist nicht entgangen, dass Guy Demel zurzeit ein Schwachpunkt der HSV-Mannschaft ist. Mir ist auch nicht entgangen, dass mit Jerome Boateng ein aktueller deutscher Nationalspieler nur auf der Bank sitzt. Mir ist nicht entgangen, dass Ze Roberto immer noch nicht bei 100 Prozent ist. Mir ist auch nicht entgangen, dass Elia nur bei ungefähr 45 Prozent ist. Mir ist ebenfalls nicht entgangen, dass der junge (und talentierte) Tomas Rincon (22) immer mehr beißen muss, und dass bei ihm kaum noch etwas Vernünftiges nach vorne läuft. Mir ist auch nicht entgangen, dass Trainer Bruno Labbadia in Eindhoven, vor einem ganz, ganz wichtigen Spiel, seiner Mannschaft eine andere Taktik als sonst vorgegeben hat. Mir ist sehr wohl nicht entgangen, dass Frank Rost einmal mehr seine Mannschaft im Spiel (und damit im Wettbewerb) gehalten hat – aber ein Torwart gehört zu einem Team und darf auch über einige Spiele mal Weltklasse sein. Mir ist auch ferner nicht entgangen, dass Demel eventuell vor einer Gelb-Roten Karte hätte bewahrt werden können, indem er nach dem ersten Gelb vorsichtshalber ausgewechselt worden wäre. Mir ist darüber hinaus nicht entgangen, dass Jonathan Pitroipa in den Schlussminuten einen wunderbare Konterchance, als links und rechts drei Hamburger mitgelaufen waren und auf ein Anspiel warteten, fahrlässig vergeben hat, weil er sich wieder einmal verdribbelt hatte.

Aber mir ist auch nicht entgangen, dass der HSV im Achtelfinale der Europa Legaue steht. Und dass Millionen Fernsehzuschauer ein großartiges Fußballspiel gesehen haben müssen. Mit einem großartigen PSV Eindhoven. Und mit einem HSV.

Ich kann darüber hinaus auch nichts dafür, dass Bruno Labbadia Demel aufgestellt hat, und nicht Boateng. Das ist allein, so hieß es einst im Volksmund, allein Sache des „Bundestrainers“. Labbadia ist der Mann, der so etwas zu bestimmen hat, er allein muss auch damit leben, wenn seine Saat nicht aufgeht. Dann muss er, nicht ich, nicht Ihr, dann muss er ganz allein mit den Konsequenzen leben. So geht es jedem Trainer, egal in welchem Land, egal in welcher Spielkasse. In Hamburg aber scheint es HSV-Fans zu geben, die es überhaupt nicht interessiert, dass „ihr“ Klub auf Platz vier in der Bundesliga steht, dass „Ihr“ Klub noch in der Europa League vertreten ist: „Der Trainer gehört weg, und damit basta.“ Vielleicht sollten jene Zeitgenossen, die das fordern, einmal bei Bernd Hoffmann vorstellig werden,. Es ist jener Herr, der dem Trainer im Sommer 2009 einen Drei-Jahres-Vertrag gegeben hat, und es ist auch jener Herr Hoffmann, der das Sagen hat in diesem Hamburger Sport-Verein. Und er allein kann bestimmen: Daumen hoch, Daumen runter. Also, auf an alle diejenigen, die Bruno Labbadia nun, weil der HSV nur auf Platz vier steht und nebenbei auch noch in der Europa League spielt, vor die Tür setzen wollen. Packt es an! Bei Bernd Hoffmann. Nicht bei mir. Nur bei ihm. Bitte.

Übrigens: Ich habe Bruno Labbadia heute bei der Pressekonferenz gefragt, ob er im Nachhinein nicht überlegt hätte, Guy Demel mit einer vorzeitigen Auswechslung vor Gelb-Rot zu schonen? Die Antwort des Trainers im Wortlaut: „Die Art des Schonens gab es zur Halbzeit ja schon mit Robert Tesche. Wir mussten da eine Entscheidung treffen: wie stellen wir um? Wir haben uns dann dafür entschieden, ein Stück weit offensiver aufzutreten, und dann auch ein Stück Risiko zu gehen, mit Piotr Trochowski zentral, wo Eindhoven sehr stark war. Und es war die richtige Wahl. Und man kann natürlich nicht jeden Spieler der Gelb hat vom Platz nehmen. Wir müssen damit sorgsamer umgehen. Und ich muss als Spieler wissen, dass ich da nicht so einfach grätschen darf. Aber das passiert, ich denke, das gehört dazu. Es gibt auch Spieler, die zu Beginn des Spiels eine Gelbe Karte kassieren, und die kann man auch nicht jedes Mal herausnehmen. Das sind Dinge, die sind so.“

Dennoch denke ich, und damit komme ich zum Sonntagsspiel beim FC Bayern, dass diesmal in München Jerome Boateng von Beginn an zum Einsatz kommen wird. Rechts. In der Viererkette. Obwohl mir ein HSV-Mitarbeiter auch einen andere, für mich durchaus interessante Variante andiente: Boateng für den etwas müde wirkenden Rincon im defensiven Mittelfeld. Aber dann hätten wir wieder jene Situation, die von Euch schon vielfach kritisiert wurde: Der HSV hat immer noch keine Stamm-Elf gefunden. Immer wieder gibt es Veränderungen im Team. Das aber, so behaupte ich, liegt in den meisten Fällen an den immer wieder neuen personellen Ausfällen. Wie zuletzt mit David Jarolim (gesperrt) und Marcell Jansen (erkrankt).

Apropos: Jansen lief auch gestern nur auf dem Laufband, erst am Sonnabend (13.30 Uhr Trainingsbeginn) entscheidet sich, ob der Nationalspieler in München eingesetzt werden kann. Dass Ruud van Nistelrooy, der am Freitag Steigerungsläufe absolvierte, weiterhin ausfällt, das habt Ihr bestimmt schon mitbekommen.

Beim Training am Freitag, das zum Abschluss, trainierten nur jene Spieler, die in Eindhoven nicht oder nur begrenzt zum Einsatz kamen. Es war also wenig los, auf dem kleinen Platz hinter der Arena. Nach Beendigung der Einheit schob Marcus Berg noch eine Sonderschicht, indem er Schüsse auf das von Tom Mickel gehütete Tor abgab. Und am Rande unterhielten sich der Trainer und sein Kapitän bestimmt noch sehr angeregte zehn Minuten unter vier Augen. Ob es im Gespräch zwischen Labbadia und David Jarolim um die Aufstellung gegen die Bayern ging?

Ein Satz noch in eigener Sache: Wenn hier etwas von Zensur geschrieben wird (oder sich beschwert wird!), dann ist das nur die halbe Wahrheit. Ich finde es nicht lustig, im Gegensatz zu dem einen oder anderen von Euch (sehr lustig!), wenn hier statt über Fußball, oder über den HSV, über homosexuelle Menschen geschrieben wird. Wer das lustig findet, muss in der Tat völlig falsch gepolt sein. Der Springer Verlag wird das jedenfalls nicht dulden, denn sollten sich die betreffenden Persönlichkeiten per Anwalt bei uns melden, könnte das dem Unternehmen viel Geld kosten. Und ich bitte jeden, der das normale Denken noch nicht ganz eingestellt hat, das zu akzeptieren. Es ist nicht unsere Aufgabe, (prominente) Mitmenschen zu outen oder in einen total falschen Verdacht zu bringen. Und wer das auch noch lustig findet, sollte sofort den Blog wechseln. Bitte!

PS: Für Dauerkarten-Inhaber läuft der Vorverkauf für das Europa-Legaue-Heimspiel gegen Anderlecht (am 11. März) ab sofort bis zum 2. März, am 3. März läuft er für die HSV-Mitglieder, am 4. März beginnt dann der offene Verkauf. Die Preise liegen zwischen 15 und 48 Euro.

17.24 Uhr