Tagesarchiv für den 25. Februar 2010

Welch ein Krimi! Der Traum geht weiter

25. Februar 2010

Die schönste Niederlage seit Jahren! Was für ein Spiel, was für ein Kampf, was für ein tolles, nervenaufreibendes Auf und Ab! Der HSV war draußen, der HSV war weiter, der HSV musste zittern bis zum Schlusspfiff, aber dann war es geschafft: Der HSV verlor zwar sein Europa-League-Spiel beim niederländischen Tabellenführer PSV Eindhoven mit 2:3, steht aber dennoch in der nächsten Runde. Die Auswärtstore haben für die Hamburger entschieden, es darf in der Hansestadt weiter vom 12. Mai geträumt werden, vom Tag des Finals in der eigenen Arena.

Das war ganz sicher nichts für schwache Nerven, aber wenn es ein so gutes Ende nimmt, dann leidet jeder HSV-Fan gerne – oder? Das war Fußball pur, das waren 90 Minuten, die alles boten, was diesen Sport so sehenswert macht. Bravo, HSV!

Trainer Bruno Labbadia hatte überraschend aufgestellt: Mit Mladen Petric nur eine Spitze, dahinter mit Piotr Trochowski und Eljero Elia, der wie kai aus der Kiste kam, zwei offensive Mittelfeldspieler, und dahinter drei etwas defensiver eingestellte „Arbeiter“ im Mittelfeld, Robert Tesche, Tomas Rincon und Ze Roberto. Dahinter die Viererkette, in der rechts erneut Guy Demel den Vorzug gegenüber Jerome Boateng erhalten hatte. Boateng ist für mich das größte HSV-Rätsel. Für mich ist er im vergangenen Jahr der beste Abwehrspieler Deutschlands gewesen, nun ist er draußen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: Boateng spielt, wenn er denn rechts draußen zum Einsatz kommt, was er will. Für mich heißt es aber: Boateng spielt was er will, Demel spielt nicht was er kann.

Was sich bereits nach 80 Sekunden negativ bemerkbar machte. Eindhovens Ungar Dszudzsak wurde über die Demel-Seite geschickt, flache Eingabe, Lazovic schießt, trifft aber nicht richtig, doch der Ball kommt noch zu Toivonen. Abseits? Ich hätte im ersten Moment darauf gewettet, weil ich Demel nicht mehr im Bild hatte. Der Ivorer kam nicht schnell genug von der Torauslinie zurück, so dass er die Abseitsstellung des schwedischen Raunbeines aufhob – 1:0 nach Sekunden. Welch ein verkorkster Start!

Das frühe Ende des HSV? Es sah nicht gut aus. Und gelegentlich fehlte auch die Ordnung. Einzig Frank Rost behielt die Übersicht. Und er „donnerte“ seine Vorderleute einmal ganz gehörig zusammen, besonders Rincon (15.). Und irgendwie schien es sogar zu helfen. Nach 20 Minuten kam der HSV, fand endlich ins Spiel, rückte auf, spielte gefällig. Sogar Joris Mathijsen und David Rozehnal, die sonst immer wie angenagelt am eigenen Strafraum stehen, gingen abwechselnd mit nach vorne, was ich in dieser Saison noch gar nicht gesehen habe. Alle Achtung, HSV! Allerdings fehlte doch noch der letzte Druck. Nur zwei relativ harmlose Schüsse von Trochowski (35.) und Elia (39.) flogen auf das PSV-Tor, die Keeper Isaksson mühelos hielt.

Brisanter war es zuvor auf der Gegenseite zugegangen, als Dennis Aogo bei einer Rettungstat fast ein Eigentor erzielt hätte, doch ein Reflex von Rost verhinderte das 0:2.

Und so richtig gefährlich wurde es in der 43. Minute – für den HSV. Freistoß für Eindhoven, Entfernung zum Hamburger Tor 30 Meter. Dzsudzsak nahm Maß, drosch die Kugel in Richtung HSV-Mauer und traf Mladen Petric. Abgefälscht fand der Ball den Weg ins Netz, unhaltbar für Frank Rost, der bei Flanken gelegentlich mit dem schlechten Flutlicht des Stadions haderte. Ein frühes Tor, ein spätes Tor, nach einer Halbzeit schien das Schicksal des HSV bereits entschieden.

Schien aber nur, denn: Nach 45 Sekunden im zweiten Durchgang hieß es nur noch 1:2. Trochowski hatte Petric in den PSV-Strafraum geschickt, dort spitzelte der Kroate den Ball über den hinauslaufenden Isaksson ins Tor. Hoffnung für den HSV, da keimte neue Hoffnung auf. Zumal die Labbadia-Mannschaft nun offensiver ausgerichtet war, denn für Tesche kam zum zweiten Durchgang Jonathan Pitroipa. Und der PSV spielte von der 56. Minute an nur noch zu zehnt. Nach einem vermeintlichen Handspiel Aogos im HSV-Strafraum, das aber von gleich drei (!) Unparteiischen als regulär angesehen wurde, meckerten fast alle Niederländer minutenlang. Besonders schlimm Torschütze Dzsudzsak. Der erhielt gelb, worüber er noch mehr meckerte – und Schiedsrichter Dean mit beiden Händen schubste – Rot. Die Vorentscheidung für den HSV?

Nicht ganz. In der 65. Minute flog auch Demel mit Gelb-Rot vom Platz. Der Ivorer hatte Pieters gefoult. Ja, und so werden die Gegner eigentlich wieder ins Spiel geholt. In dieser Phase mussten die überragenden HSV-Fans, die in Eindhoven mächtig „Musik“ gemacht haben, um ihr Team bangen. Bis der eingewechselte Boateng das spielte, was er will. Der Nationalspieler dribbelte im PSV-Strafraum auf und wurde von Salcido gefoult – Elfmeter. Und den verwandelte Piotr Trochowski nervenstark zum 2:2. Apropos Trochowski: Er übernahm nicht nur in dieser Szene Verantwortung, und er gehörte diesmal ganz sicher zu den besten Hamburgern – oder? Gibt es auch diesmal gegenteilige Meinungen im Blog?

Spannend wurde es in den Schlusssekunden. Koevermans köpfte nach einem Rost-Fehler das 3:2, dem PSV fehlte plötzlich doch wieder nur noch ein Tor. Und dann fünf Minuten Nachspielzeit! Die berechtigt waren, das muss gesagt werden. Was für ein Krimi! Und: Der englische Schiedsrichter war hervorragend, der beste 23. Mann, den der HSV in dieser Saison hatte, da lege ich mich fest.

Die besten Spieler beim HSV? Frank Rost, trotz seines Fehlers beim 2:3, David Rozehnal als gnadenloser Zerstörer (mit etlichen Abspielfehlern – egal), Joris Mathijsen, der mit Auge abräumte, Dennis Aogo, der trickreich seine linke Seite beherrschte, dazu im Mittelfeld Ze Roberto, der einige Male klug die Bälle hielt, und dann Piotr Trochowski. Er kann es also doch noch! War das die Wende für ihn?

PS: Im Internet gibt es nun Video-Aufnahmen vom ersten „Matz-ab“-Treffen in der Raute vor einer Woche. Prädikat vom Blog-Chef: Besonders sehenswert! Und feiert schön! Und träumt vom 12. Mai!

 Nur der HSV!

Niederländische Erlebnisse

25. Februar 2010

„Wünsch mir kein Glück, wünsch lieber Können.“ Das hat mir Felix Magath immer zur Antwort gegeben, wenn ich ihm – schon als Spieler – vor einem Spiel viel glück gewünscht habe. Daran habe ich mich sofort erinnert, als ich eben noch bei Jörn Wolf, dem Medien-Chef des HSV, in Eindhoven angerufen habe. Auch ihm habe ich viel Glück gewünscht, aber er hat es abgelehnt: „Können ist gefragt, unser Können.“ Und dann, nach einer kurzen Pause, fügte er hinzu: „ Es wird eine Schlacht, davon kann man wohl ausgehen, aber wir werden beißen und uns dann das nötige Glück erarbeiten.“ Denn Glück hat bekanntlich immer (oder vor allem) der Tüchtige. Beim HSV wird übrigens, falls nichts mehr daziwschen kommt, Dennis Aogo spielen können, er hat ganz normal mit der Mannschaft trainiert.

Ansonsten war in Eindhoven bisher alles ganz ruhig vor dem Spiel, es gab keine besonderen Vorkommnisse. Das war einst anders, als ich vor jahren noch Richtung Niederlande und in Sachen Fußball unterwegs war. Ich erinnere an ein Länderspiel in Rotterdam, zu dem ich von der Redaktion geschickt worden war. Da ging es Stunden vor dem Spiel schon hoch her. In der Stadt herrschte Ausnahmezustand. Ich Wahnsinniger wollte Straßenschlachten fotografieren – und war mit einem Male fast mittendrin. Nur ein vorbeifahrender Bus, hinter dem ich mich verstecken konnte, rettete mich damals, sonst wäre dieser Ausflug wohl ganz übel für mich ausgegangen. Ich düste mit höchsten Tempo zurück in unser Hotel, einige vermummte Gestalten hinter mir her.  Zum Glück war ich schneller. Das Hotel war vom DFB für die Prominenz und die Presse angemietet worden, ein reiner Glaskasten inmitten der City. Draußen tobte eine unglaubliche Schlacht, alle deutschen Autos rund um das Hotel wurden zertreten, zerschlagen, zerkratzt. Zudem flogen die Fäuste, gab es auch irre Tritte. Und unser Glaskasten, also unser Hotel, wurde mit Steinen unter Beschuss genommen – es war der reine Irrsinn. Ich sehe ihn noch heute vor mir, unseren ehemaligen Nationaltorwart Hans Tilkowski, der plötzlich abtauchte wie eine Flunder, als dicke Bocken gegen die Scheiben prallten und unheimlich laute Knallgeräusche zur Folge hatten. Zum Glück gab es da noch keine Verletzten.

Vom Spiel habe ich später nichts gesehen, denn vor dem Stadion in Rotterdam tobten die Fans beider Nationen mit unglaublicher Härte aufeinander los. Man konnte die Nasenbeine knacken hören. Überall Polizei, Blaulicht, Unfallwagen, Hubschrauber. Mein damaliger Chef befahl: “Du machst das Länderspiel nicht, sondern versuchst, in einen Einsatzwagen der Rotterdamer Polizei zu gelangen, um zu sehen, was vor dem Stadion passiert.” Das klappte sogar. Ich klopfte an einen solchen Wagen, ein älterer Polizist begrüßte mich – und bat mich, als ich ihm mein Anliegen schilderte, freundlich zu sich rein. Dort sah ich an cirka 15 Monitoren, was draußen los war. Die Hölle.

So hatte ich es vorher übrigens schon im inneren Stadionring erlebt. Wir gingen mit fünf deutschen Journalisten Richtung Treppenaufgang, um zu unseren Sitzplätzen zu gelangen (hatte also schon sämtliche Kontrollen passiert!), als plötzlich ein älterer Polizist (mit einem Rundschnitt in Augenbrauenhöhe) auf einem Pferd angeritten kam und unserem ältesten Kollegen, dem Frankfurter Hartmut Scherzer, zwei, drei Hiebe mit dem Gummiknüppel an Kopf und Schulter versetzte. Ohne den geringsten Anlass dafür zu haben, und auch die geringste Vorwarnung, einfach nur aus Jux und Dollerei. Wir alle waren total entsetzt. Ich habe von diesem Vorfall durch Zufall ein Foto geschossen – es wurde Jahre später in der „Sport Bild“ veröffentlich, als es darum ging, die „Feindschaft“ zwischen Niederländern und Deutschen aufzuarbeiten.

Es passte zu diesem Tag, dass wir auf der Rückfahrt auf der Autobahn in Holland noch stundenlang im Stau stehen mussten, denn – oh Wunder und oh Zufall – die Autobahn Richtung Deutschland musste just in dieser Nacht neu geteert werden. Es dauerte Stunden, ehe wir weiterfahren durften (oder konnten).

Seit diesen Vorkommnissen habe ich um den Fußball in den Niederlanden immer einen großen Bogen gemacht, das gebe ich zu. Das heißt, ich war nur noch dann dort, wenn es dienstlich nicht zu vermeiden war. Das war zum Beispiel 2000 bei der EM der Fall. Auch dort ging es in Rotterdam ganz böse zur Sache, als Deutschland dort gegen Portugal spielte und hoch verlor. Für die heutige Partie allerdings hoffe und wünsche ich, dass diese schlimmen Zeiten längst der Vergangenheit angehören, dass dieses Spiel in Eindhoven ohne größere Zwischenfälle über die Bühne geht.

Nun komme ich schnell noch zu zwei weiteren Meldungen: Der HSV und Karsten Bäron haben sich auf die einvernehmliche Beendigung ihrer Zusammenarbeit geeinigt. Damit konnte die nach der Beurlaubung Bärons vom Cheftrainerposten der Regionalliga-Mannschaft des HSV zwischen den Parteien zwischenzeitlich entstandene Uneinigkeit um die Laufzeit des miteinander vereinbarten Arbeitsvertrages zur vollen Zufriedenheit beider Seiten gelöst werden. „Leider sind Trennungen im Profifußball in bestimmten Situationen unvermeidlich. Gerade bei einem verdienten HSVer wie Karsten Bäron liegt uns jedoch viel daran, dies freundschaftlich und einvernehmlich zu tun, wie dies letztlich auch gelungen ist“, so HSV-Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann und sagt weiter: „Er geht als Freund und wird beim HSV immer ein gern gesehener Gast sein. Jetzt wünschen wir Karsten Bäron, dass es ihm gelingt, seine vielversprechende Karriere als Fußballtrainer bei einem neuen Klub erfolgreich fortzusetzen.“ Kommentar Karsten Bäron: „Ich hatte eine tolle Zeit beim HSV und werde auch immer ein HSVer bleiben und freue mich, dass wir nun in Freundschaft auseinander gehen. Jetzt freue ich mich auf eine neue Herausforderung.“ Bäron war nach dem vorzeitigen verletzungsbedingten Ende seiner Karriere als Bundesliga-Stürmer des HSV ab Juni 2002 zunächst Trainer im Nachwuchsbereich des HSV. Zum 1. Januar 2006 übernahm er die Leitung der zweiten Mannschaft des HSV.

Auch zum Thema Bäron noch schnell ein Griff in die Erinnerungskiste: Der frühere Star-Journalist Horst Frese (Bild), ein in der gesamten Republik anerkannter und geschätzter Fachmann, sagte mir einst im Vertrauen: „Der Bäron sollte besser Basketballer oder Volleyballer werden, Fußballer wird der ohnehin nie . . .“ Da irrte sich Frese aber ganz gewaltig, obwohl Bäron die ganz große Karriere ja versagt blieb – aufgrund seiner Knieprobleme.

Und die zweite Meldung: Der HSV wegen unsportlichen Verhaltens seiner Zuschauer vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu einer Geldstrafe von 10 000 Euro verurteilt worden. Das Urteil ist rechtskräftig, wie der DFB am Donnerstag mitteilte. In der Partie zwischen dem FSV Mainz 05 und dem HSV am 28. November 2009 wurde nach DFB-Angaben im Hamburger Zuschauerblock eine Rauchbombe gezündet. Auch im Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und dem HSV am 13. Februar 2010 seien HSV-Anhänger unmittelbar vor dem Beginn mit dem Entzünden einer Rauchbombe aufgefallen. Die Begegnung konnte erst mit zweiminütiger Verzögerung angepfiffen werden.

10 000 Euro, die wahrscheinlich nie ins Gewicht fallen werden, wenn demnächst ein neuer Spieler unter Vertrag genommen werden soll . . . Man gönnt sich ja sonst nichts.

Auf ein erfolgreiches Spiel in Eindhoven  – nur der HSV!

16.32 Uhr