Tagesarchiv für den 17. Februar 2010

Labbadias Luxus-Probleme

17. Februar 2010

So richtig interessant war es beim HSV-Training am Mittwoch erst nach dem HSV-Training. Kein Scherz. Vorher war alles wie immer in diesem Winter. Aber danach, als viele Spieler schon auf dem Rückweg in die Kabine waren und die Zuschauer ihre Heimwege angetreten hatten, da waren doch noch wirkliche Feinheiten zu erkennen. Vor einem Tor hatten sich Keeper Tom Mickel, Stürmer Marcus Berg und Co-Trainer Eddy Sözer versammelt. Und dann immer rauf auf den Kasten. Sözer schickte Berg, und der Schwede drosch den Ball – vorzugsweise – ins Tor. Wenn er das tat, dann sah das oft eindrucksvoll aus, und oftmals gab es dafür dann auch Beifall des Trainers. Auf der Gegenseite wurde ebenfalls auf das Tor geballert, sah aber nicht wirklich spektakulär aus. Dafür war es schön zu sehen, was sich neben diesem Tor tat. Ganz für sich allein trainierte Ze Roberto. Der Brasilianer, der während des Trainings oft den Eindruck erweckte, ein wenig oder ein wenig mehr zu frieren, weil es bei der Kälte doch so manche Pause zu überbrücken gab, sprintete still vor sich hin. Immer so über acht, neun oder zehn Meter. Bis er genug hatte.

Während Ze Roberto sich also allein mit sich beschäftigte, waren auf der anderen Seite Chef-Coach Bruno Labbadia und Ruud van Nistelrooy in Sachen Sonderschicht aktiv. Und das sah dann wirklich super aus: Labbadia hatte in beiden Händen jeweils einen Ball. Vor dem Trainer lauerte der Niederländer, der in zwei Metern Entfernung darauf wartete, von welchem Ball sich Labbadia denn nun trennen würde. Es war jedes Mal eine Überraschung. Mal warf der Coach die Kugel zwei, drei Meter in die Luft, mal ließ er ihn nur fallen – und van Nistelrooy musste blitzschnell mit einem Volleyschuss reagieren, mal mit links, mal mit rechts. Und das sah in jedem Fall großartig aus. Zwischen den Pfosten stand Torwarttrainer Claus Reitmaier, der sich kurzfristig „erbarmt“ hatte, und ihm blieb oftmals nur die Rolle des Ballholers. Die Kugeln flogen dem früheren Bundesliga-Torwart nur so um die Ohren, fast jeder Ball schoss wie ein Strich ins Netz. Sehenswert.

„Ich fühle mich gut, habe physisch kein Problem, ich kann gut trainieren – ich könnte spielen, ich könnte auch von Anfang an spielen, ich hoffe, dass ich wieder so viele Minuten wie möglich spielen kann“, sagt van Nistelrooy. Er ist heiß, die beiden Tore von Stuttgart haben ihm Appetit auf mehr gemacht. Er weiß aber auch, dass es für 90 Minuten noch nicht reicht. Und wagt eine Prognose: „Für 60 Minuten, so denke ich, wird es gehen.“ Noch aber wird er es nicht beweisen müssen, wie lange er es tatsächlich kann, denn von beginn an spielen wird „Van the man“ nicht. Er wird vielmehr gemeinsam mit Ze Roberto auf der Ersatzbank Platz nehmen – und sich dann wieder mit der Rolle des Jokers zufrieden geben müssen.

„Ich gehe davon aus, dass Ruud gegen den PSV spielen wird“, sagt Bruno Labbadia, ergänzt aber: „Es ist allerdings schwer zu sagen, wann er spielt. Er hat ja sehr lange kein Spiel mehr über 90 Minuten absolviert, und wir haben mit ihm ausgemacht, dass seine Verletzungen, eine schwere und zwei kleinere, nicht wieder aufbrechen sollen, und dazu gehört eine gesunde Basis in Sachen Fitness. Aber er arbeitet sehr gut, und jetzt werden wir beobachten, was für ihn ideal ist.“

Erfreulich ist ebenfalls, dass Ze Roberto erstmalig wieder im Kader steht. Labbadia über den Fitnesszustand des Brasilianers: „Er hat erst einige Tage mit der Mannschaft trainiert, hat aber in den Wochen zuvor sehr viel für seine Fitness getan, hat intensiv gearbeitet – und nun werden wir sehen, ob wir ihn im Verlauf des Spiels noch bringen. Er hat genug Erfahrung, hat mir aber auch gesagt, dass er so lange wie zuletzt noch nie gefehlt hat. Aber er hat, wie gesagt, gut gearbeitet, wir hoffen jetzt, dass er uns helfen kann.“

Ob Dennis Aogo der Mannschaft schon helfen kann, das wird sich erst am Vormittag des Spiels in einem Härtetest entscheiden. Der Verteidiger hielt auf jeden Fall an diesem Mittwoch bis zum Ende durch, ihm war auch eine Verletzung (Rücken und Oberschenkel) nicht anzumerken. Im Abschlussspiel stand Aogo auch – wie immer – links in der Viererkette. Ausfallen wird definitiv Eljero Elia, über den Labbadia verriet: „Es ist nichts Gravierendes, was ihn plagt, aber es ist so, dass er immer noch Schmerzen im Fuß verspürt, wenn er einen Ball falsch trifft. Und so macht es keinen Sinn, deswegen haben wir ihn aus dem Training genommen. Wir arbeiten mit ihm intensiv, aber ohne dass er in den Schmerzbereich kommt.“

Zwei kleine Fragezeichen, die für mich allerdings doch ein wenig größer sind (weil ich mit den Betroffenen, gebe ich zu, leide), gibt es noch. Was ist mit Jerome Boateng? Was wird aus Piotr Trochowski? Beide deutschen Nationalspieler standen am Mittwoch im Reserve-Team. Beide sind für mich echte Härtefälle. Auf Boateng warten wir wohl alle – und auf Trochowski warte ich. Aber wir werden uns wohl alle gemeinsam in Geduld üben müssen, denn sie werden (wahrscheinlich) auf der Bank sitzen. Was neben Könnern wie Ruud van Nistelrooy und Ze Roberto ja auch ein großes Vergnügen sein kann, keine Frage. Und im Fernsehen wird eine solche Ersatzbank sicher auch einige Male zu sehen sein. Zudem freue ich mich für den HSV, der nach der langen Verletzungsmisere solche tollen Luxusprobleme schon wieder haben darf, kann oder will.

Übrigens: Ich erwarte folgende HSV-Elf gegen den PSV Eindhoven (21.05 Uhr Anstoß, live auf SAT. 1 und bei Sky): Rost – Demel, Rozehnal, Mathijsen, Aogo – Jarolim, Rincon – Tesche, Jansen – Petric, Berg.

„Wenn wir hinten zu Null spielen würden, dazu vorne ein, zwei Tore machen könnten, dann wäre das eine tolle Ausgangslage“, sagt Bruno Labbadia und fügt an: „Wichtig ist, dass wir keinen Gegentreffer kassieren, denn wir sind immer in der Lage, auch auswärts, ein Tor zu machen.“

Neben dem Europa-League-Spiel gegen Eindhoven war beim HSV natürlich auch die Personalie Urs Siegenthaler immer noch ein großes Thema. Labbadia befand zum Thema neuer Sportchef: „Wir freuen uns, dass er sich für uns entschieden hat, und ich denke auch, dass es sich für uns gelohnt hat, solange zu warten. Es hat sich in den letzten Monaten ja auch das Anforderungsprofil für den neuen Sportdirektor auch ein Stück geändert. Wir haben einen Mann gesucht, der die Dinge machen soll, die wir nicht machen können.“ Dann wurde der Trainer konkret, was er meint: „Dazu gehört, dass er im Jugendbereich eine Spielphilosophie durchsetzt, die wir mit der ersten Mannschaft vorgeben. Die Niederländer machen es uns seit Jahrzehnten vor, wie das geht. Von der kleinsten Jugend bis ganz nach oben eine einheitliche Spielart, das wollen wir erreichen. Zudem soll Urs Siegenthaler talentierte und auch fertige Spieler für uns suchen, und dann mit mir zusammen – und auch mit anderen Kollegen – den Kader entwickeln. Das werden seine Kernpunkte sein.“

So, zum Schluss noch ein kurzer Abstecher nach Vancouver. Einige „Matz-abber“ hatte beim Olympia-Blog des Kollegen Rainer Grünberg mitgemacht – super! Der HA-Redakteur war sehr gerührt und richtete mir per Telefon aus, wie sehr er sich gefreut hat. Wörtlich sagte Grünberg: „Matz-abber sind, ich wusste es schon immer, einfach nur klasse und feine Menschen, vielen Dank, ich bin begeistert. Weiter so.“

18.23 Uhr

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