Tagesarchiv für den 14. Februar 2010

Die Rätsel Demel und Trochowski

14. Februar 2010

Kompliment, die Damen und die Herren, und zwar ein ehrliches Kompliment. Das, was hier an diesem Sonntag abläuft, ist größtenteils erste Sahne. Fußballerisch sind die meisten Berichte von Euch großartig, erstklassig – hier sind echte Experten am Werk. So macht es, einige von Euch haben es bereits angemerkt, sehr viel Spaß. Und: Dann sind auch jene Beiträge zu verschmerzen, die nichts mit dem HSV und Fußball zu tun haben.

Eigentlich gibt es nichts, was nicht schon angesprochen und analysiert wurde. Ich werde trotz allem noch einige Dinge zum für mich überragenden 3.1-Sieg in Stuttgart schreiben. Überragend sage ich deshalb, weil es doch keine Selbstverständlichkeit ist, beim wieder erstarkten VfB, der zuletzt fünf Siege in Folge eingefahren hatte (!), zu gewinnen. Natürlich kann man dort dann unter Druck geraten, natürlich hat der HSV auch über weite Strecken alles andere als souverän gespielt (bis Ruud van Nistelrooy ins Spiel trat), aber das ist doch alles völlig normal. Wenn es gegen eine vor Selbstbewusstsein nur so strotzende Elf geht, dann müsste jedem klar sein, dass das ganz harte 90 Minuten werden. Und wenn dann dort der HSV nach einem „durchwachsenen“ Spiel 3:1 gewinnt, dann ist das ohne Wenn und Aber einfach nur klasse!

Dass Frank Rost überragend gehalten und damit die Grundlage für den Sieg geliefert hat, ist zwar keine Selbstverständlichkeit, aber ein Torwart gehört dazu, er darf gut halten, er darf auch mal überragend halten, und das tat Rost dann auch. Und wenn ich lese (und höre), dass er beim 1:1 nicht ganz so gut ausgesehen hätte, dann kann ich das nicht ganz nachvollziehen, denn: Die Hintertor-Kamera hat gezeigt, dass es bei dieser Situation eine Vollversammlung im HSV-Strafraum gab. Rost konnte den Ball erst sehr spät sehen, ansonsten hätte er ganz sicher versucht, ein weiteres Mal an diesem Sonnabend einen „Unhaltbaren“ abzuwehren.

Rost war ganz sicher ein dicker Hamburger Pluspunkt im Ländle, Guy Demel war es ganz sicher nicht. Ich war schon einigermaßen fassungslos, wie sehr der Ivorer den Blick für die Defensive verloren hat. Was in seinen Rücken gespielt wurde, das war schon unglaublich, Stuttgart kam, und kam, und kam, und kam immer wieder über links. Und Demel schien es oftmals gar nicht zu bemerken, was da auf seiner Seite vor sich ging. Und, auch das war auffällig, er ärgerte sich nach solchen Aussetzern nicht, er machte nach einem seiner vielen Fehler nie den Versuch, mit Vehemenz, mit voller Konzentration und mit Engagement dagegen an zu kämpfen. Irgendwie ergab sich Demel in sein Schicksal – obwohl es auch das eigentlich nicht trifft. Mitunter hatte ich den Eindruck, als wisse er gar nicht, dass die Stuttgarter mit ihm Jo-jo spielten. Das war also keine Ignoranz, das war einfach nur Nicht-Wissen.

Vor Demel mühte sich Piotr Trochowski bis zur 65. Minute. Dann wurde er wieder einmal ausgewechselt. Zum 13. Mal bereits in dieser Saison. Welch eine Zahl! „Troche“ hat erst vier Bundesliga-Partien in dieser Spielzeit von der ersten bis zur letzten Minute absolviert. Sind aus solchem Holz tatsächlich deutsche WM-Fahrer geschnitzt? Seit diesem Sonnabend hege ich arge Zweifel. Und irgendwie, das gebe ich zu, beschleicht mich auch nach dieser 65. Minute in Stuttgart das Gefühl, dass die Ehe zwischen Trochowski und dem HSV am Ende dieser Saison geschieden wird. Es passt wohl doch nicht mehr zusammen, was sich einst ganz vielversprechend anließ. Ich bin nur gespannt, ob der Bundestrainer mehr Geduld mit Trochowski hat, als Bruno Labbadia, und ob Jogi Löw dem glücklosen Hamburger weiterhin jene Rückendeckung geben kann, die er ihm bislang gab. Aber wenn der Druck der Öffentlichkeit zu groß wird . .? Wobei Löw ja auch nur einen Blick in diesen Blog riskieren müsste, dann wüsste er genau, wie sehr sogar die HSV-Fans auf „ihren“ kleinen Dribbelkünstler stehen . . . Wie gesagt, ich bin sehr, sehr gespannt.

Das gilt übrigens auch für die Frage, wohin der Weg des Tunay Torun in den nächsten Wochen führen wird? Der kleine Deutsch-Türke, das ist offensichtlich, hängt in einem Formtief. Nach seiner Einwechslung spielte er den Ball mehr zurück und quer, als dass er mit der Kugel etwas nach vorne versuchte. Sein Selbstvertrauen, das gegen Ende des Jahres fast auf dem Höchststand war, ist weg. Fast völlig sogar. Was, das möchte ich auch gleich anfügen, ein normaler Prozess bei einem 19-jährigen Spieler ist. Da gibt es Höhen und Tiefen, Torun muss da durch, so einfach ist das. Schafft er es, und ich gehe verstärkt davon aus, dann wird er auch wieder ein wertvolles Mitglied dieser Mannschaft. Vielleicht profitiert er ja auch davon, dass er Ruud van Nistelrooy aus nächster Nähe erleben kann – um sich die richtigen Dinge von einem Weltstar abzugucken.

Eventuell ist das auch ein Aspekt, der nun für Robert Tesche gelten könnte. Der Einwechselspieler des HSV zeigte bei seinem Kurzauftritt in Stuttgart seine vielleicht beste Leistung im Hamburg-Trikot, der ehemalige Bielefelder wirkte selbstbewusster als bei seinen sonstigen Joker-Auftritten. Nicht von ungefähr bereitete er beide Van-Nistelrooy-Tore vor, und er schirmte auch die rechte Seite äußerst effektvoll ab. Dieser Tesche-Auftritt lässt jedenfalls (für mich) Hoffnung aufkommen, dass es doch bergauf gehen könnte mit ihm.

Bergauf ging es in den ersten Wochen des Jahres ja auch schon mit David Rozehnal. Niemand kann ernsthaft darauf pochen wollen, dass der Tscheche jetzt wieder aus dem Team heraus genommen werden müsste. Es kann nun doch nur so gehen: Jerome Boateng nach rechts in die Viererkette, Rozehnal und Joris Mathijsen innen, Marcell Jansen links. Denn dass Aogo bis zum Donnerstag, dem Europa-League-Spiel gegen den PSV Eindhoven, wieder fit wird, ist eher kein Thema (so vermute ich). Die Gefahr, dass die Oberschenkel-Verletzung wieder aufbricht, ist einfach zu groß. Wäre schon schön, wenn Aogo zum Sonnabend, dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, wieder fit wäre.

Übrigens: Gegner Eindhoven bleibt in den Niederlanden unbesiegter Tabellenführer, am Sonntag gab es einen dünnen 1:0-Erfolg beim Hoogma-Klub Heracles Almelo.

Für Donnerstag finde ich interessant, welche Rolle Ruud van Nistelrooy spielen wird? Kommt er von Anfang an, weil ja auch Mladen Petric angeschlagen ist (Knie). Für mich käme eine solche Maßnahme aber entschieden zu früh, auch wenn es der Niederländer eventuell ganz gern hätte, schon jetzt einmal von Beginn an auf dem Rasen zu stehen. Mit großen Sorgen blicke ich da übrigens auch dem Frankfurt-Spiel entgegen, wenn ich da so an den Chef-Abräumer Franz denke . . . Hoffen wir mal auf einen aufmerksamen Schiedsrichter.

Eine Anmerkung noch zu den Hamburger Standards. Wenn ich mich beim Stuttgart-Spiel nicht verzählt habe, dann gab es sechs Eckstöße für den HSV – alle vor dem Seitenwechsel. Und danach keine Ecke mehr. Von diesen sechs Ecken schoss Dennis Aogo eine, und zwar im perfekten Mehdi-Mahdavikia-Stil, soll heißen, flach, ungefährlich und fast auf Augenhöhe der im Stadion buddelnden Maulwürfe. Die fünf anderen Eckstöße brachte Piotr Trochowski von links und rechts zur Mitte, er brachte sie hoch und auch gut zur Mitte, Tore oder auch nur große Torgefahr aber gab es danach nicht. Und: Wenn ich mir diese Schalker eben gerade im Fernsehen (beim 2:0 gegen Köln) angesehen habe, dann bin ich schon neidisch geworden, denn: Nicht die Kölner, vor denen ja kürzlich beim HSV so gewarnt worden war, sondern die (jungen) Schalker schossen brandgefährliche Standards vor das Kölner Tor. Die Frage, die ich mir stellte: Warum können die das? Es wird mir wohl ewig ein Geheimnis bleiben . . .

So, weil es da ja noch einige (kleine) Unstimmigkeiten gegeben hatte: David Jarolim holte sich in Stuttgart tatsächlich die fünfte Gelbe Karte ab und wird gegen Frankfurt fehlen. Dafür ist er dann aber eine Woche später, wenn es beim FC Bayern um alles geht, wieder mit von der Partie.

18.05 Uhr