Tagesarchiv für den 9. Februar 2010

Zum Wesentlichen

9. Februar 2010

Es sollte keine Schelte in Richtung des Trainers sein. Das, was Marcell Jansen unmittelbar nach dem 3:3 in Köln gesagt hat, wurde missverstanden, und das wurde nun klargestellt. Der eloquente Nationalspieler erklärte nun, drei Tage danach: „Wir haben bei den Standards der Kölner von der Körpersprache her zu viel gegrübelt, anstatt zu kommunizieren und richtig hin zu gehen. Es ging mir nicht um die Analyse, es ging auch nicht um die Vorbereitung in der Woche. Es ging einfach darum, wie wir damit umgegangen sind, dass wir wussten, wo die Stärken der Kölner bei Standards liegen. Wir haben viel zu viel gegrübelt, anstatt richtig hin zu gehen. Deshalb habe ich uns als Mannschaft – und auch mich – in die Kritik genommen, und deswegen war das intern auch kein Problem.“

So, dass musste wohl gesagt werden. Abschließender Kommentar von Bruno Labbadia zu diesem Thema: „Das ist kein Thema mehr für uns, wir haben am Sonntag darüber gesprochen, jetzt konzentrieren wir uns auf das Spiel in Stuttgart.“

Und das geschah am Dienstag in zwei Trainingseinheiten, die in der Arena stattfanden. Morgens war Ruud van Nistelrooy noch nicht dabei, er fuhr im Kraftraum Fahrrad. Am Nachmittag war der Niederländer dann dabei, und er schoss sogar – wenn ich mich richtig erinnere – sein erstes Trainingstor in einem Spiel. „Van the man“ traf zum 2:0-Endergebnis, für das 1:0 hatte Marcell Jansen gesorgt. Wer aber hat da gegeneinander gespielt? Ein Team hatte folgende elf Spieler an Bord: Mickel, Dettmann, Behrens, Stepanek, Pressel, Rincon, Tesche, Trochowski, Jansen, Berg, van Nistelrooy. Die andere Mannschaft, die verlor, spielte mit Rost, Demel, Rozehnal, Mathijsen, Aogo, Jarolim, Groß, Elia, Beister, Torun, Arslan. Dieses Team hätte durchaus auch ein Unentschieden oder sogar mehr schaffen können, doch Eljero Elia vergab nach einem sensationelle Alleingang mit einem Heber (a la Nürnberg) über das Tor, Maximilian Beister und Tolgay Arslan ließen ebenfalls sehr gute Möglichkeiten aus.

Auffällig bei beiden Trainingseinheiten: Elia wirkte ein wenig „angriffslustiger“, auch „unternehmungslustiger“, schien wieder mit mehr Spaß bei der Sache zu sein. Tunay Torun lief wieder „rund“ und war ein wenig dynamischer als zuletzt. Piotr Trochowski spielte – wie fast immer im Training – sehr gut auf, er scheint auf dem Weg zum Trainings-Weltmeister zu sein, dazu gefiel mir, wie engagiert Joris Mathijsen (endlich) wieder bei der Sache war. Er wirkte aggressiver und konzentrierter als zuletzt auf mich, er war in jener Form, wie ihn seine Fans in Hamburg kennen und schätzen. Wer Wolfgang Hesl vermisst, dem sei gesagt: Der Torwart hatte eine Zahn-Operation und musste deshalb mit dem Training aussetzen.

Kleine Bemerkung am Rande: Technik-Trainer Ricardo Moniz schnappte sich Trochowski nach dem Training, um mit dem WM-Aspiranten eine Sonderschicht zu schieben. Eins gegen eins hieß das Spiel auf einem Quadrat von cirka 15 mal 15 Metern, dabei wurde sowohl das Offensivspiel als auch das Defensivverhalten geschult. Letzteres ist ja mitunter auch ein Problem des kleinen Dribbelkünstlers, und vielleicht helfen solche Sonderschichten, dieses Manko abzustellen.

Auch van Nistelrooy wirkte auf mich schon wieder ein wenig besser in das Team integriert. Einen Einsatz in Stuttgart von Beginn an schließe ich weiter aus, aber er deutet im Training an, dass schon bald mit ihm zu rechnen sein könnte. Labbadia lobt dann auch den Torjäger: „Wollen wir mal sehen, wie es am Ende der Woche aussieht? Es ist aber einfach schön anzusehen, wie er immer wieder alles versucht, wie er auch an freien Tagen arbeitet.“ Der Trainer weiter: „Warten wir mal ab, wie wir weiter mit ihm arbeiten können, wie wir ihn auch einsetzen können, damit er mehr Einsatzzeiten bekommt. Das müssen wir aber von Spiel zu Spiel abwarten.“

In einem „Abendblatt“-Interview hatte Ze Roberto kürzlich ja den Wunsch geäußert, schon im Spiel beim VfB Stuttgart wieder dabei sein zu wollen, aber das wird, so meine Einschätzung (und nach meinen Beobachtungen) noch ein frommer Wunsch bleiben. Zwischen den beiden Trainingseinheiten hatte sich der Brasilianer in die Arena gewagt und ganz allein einige Runde gedreht, aber das sah noch lange nicht gut aus, da scheint noch enorm viel Kraft zu fehlen. Ob Bruno Labbadia trotz allem noch auf den Brasilianer hofft? Der Trainer: „Auch bei Ze müssen wir abwarten, und zwar die nächsten ein, zwei Tage. Er hat natürlich noch nicht wieder mit der Mannschaft trainieren können . . .“

Anders scheint es bei Jerome Boateng zu sein. Auch der Abwehrspieler fehlte zwar beim Mannschafts-Training, auch er wagte sich mittags in die Arena, er lieferte einige Steigerungsläufe ab – und das sah durchaus schon wieder gut aus. Labbadia über den Nationalspieler: „Er ist viel auf dem Laufband gelaufen, ich werde mit ihm sprechen, wann er wieder ins Mannschafts-Training einsteigen kann.“

Gar nicht auf dem Platz zu sehen war an diesem Dienstag Mladen Petric, der wegen eines Kapselanrisses im rechten Knie geschont wurde und nur im Kraftraum anzutreffen war. Für Sonnabend aber dürfte keine Gefahr bestehen, Petric wird, falls es keine Komplikationen mehr gibt, dabei sein. Bruno Labbadia: „Mladen hat immer noch kleine Probleme, deswegen müssen wir noch ein wenig aufpassen. Und zu Beginn einer Woche kann man ihn ja auch noch draußen lassen. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, um nicht noch mehr Reiz ins Knie zu bekommen.“ Das Spiel in Köln war für Mladen Petric ungefährlich, die Verletzung konnte sich nicht verschlimmern, es ging lediglich um die Schmerzen, die der Stürmer bei einem Spiel hat. In Köln konnte er sie ertragen, in Stuttgart wird er sie wohl erneut ertragen können – oder auch müssen. Was tut „Mann“ nicht alles für Tore?

Übrigens: Dass die Mannschaft in der Arena trainierte und nicht auf dem Trainingsplatz nebenan, das lag an der Spielfläche. Der Rasen wurde und wird ausgetauscht, doch einige Rollen waren eingefroren und konnten deswegen noch nicht verlegt werden.

Zwei Dinge, die mir zudem noch am Herzen liegen:

Mein Internet-Interview mit Fußball-Experte Günter Netzer warf für viele von Euch eine Frage auf: Worüber wird am Ende, nach dem Interview, so herzhaft gelacht? Ich will Licht in die Sache bringen. Netzer war kürzlich bei Jörg Pilawa (sorry – und vielen Dank für Eure kollektive Hilfe)  und dessen Star-Quiz. Da gab es zwei Pärchen, die gegeneinander spielten: Netzer und Dr. Günter Struve (ARD-Programmdirektor), Delling und Tagesschau-Moderatorin Judith Rakers. Besonders Netzer und Delling, sonst ein unschlagbares und mehrfach preisgekröntes Paar in Sachen Fußball-Berichterstattung, duellierten sich verbal nach allen Regeln der Kunst, sie neckten und sie reizten sich. Als es, so glaube ich, um die 100-000-Euro-Frage für Delling/Rakers ging, war die Frage nach einem exotischen Tier. Neben anderen Begriffen wurde dabei auch das Wort „Skischühchen“ als Lösung angeboten. Günter Netzer sagte wiederholt, dass Delling doch einmal das Wort „Skischühchen“ sagen sollte, und dabei verzog der Alt-Internationale so herrlich und auch gleich mehrfach sein Gesicht und erntete ein riesiges Gelächter im Studio, die Stimmung war einfach herrlich. Auch vor den Bildschirmen, der Auftritt Netzers war legendär und dürfte sicher auch noch manche Wiederholung nach sich ziehen. Weil Netzers Gesicht bei dem Wort „Skischühchen“ so urkomisch aussah. Der Mann kann eben auch über sich selbst lachen – und deshalb hätte ich die Frage nach dem „Skischühchen“ auch gerne noch bei diesem Interview gestellt – aber Günter Netzer verzichtete dankend und lachend. Alles zu seiner Zeit, und dafür war eben keine Zeit mehr gegeben. Aber Netzer ist genial.

Und noch eines: Wiederholt wurde gefragt (und auch schon angemahnt), ob es denn keine Nähkästchen und auch keine Sprechstunde mehr geben würde? Diese Fragen waren und sind natürlich berechtigt, ich verspreche auch hiermit hoch und heilig, dass es bald wieder los damit geht, aber: So ganz nebenbei entsteht beim Abendblatt wieder einmal ein neues Fußballbuch. Diesmal geht es um den HSV-Nachbarn St. Pauli, der FC feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Und da ich einst auch über einige Jahre St.-Pauli-Reporter für das Abendblatt war, habe ich auch einiges für dieses Buch zu schreiben und zu liefern. Es geht nun aber dem Ende zu, so dass ich demnächst wieder alle meine Kräfte für „Matz ab“ einsetzen kann.

PS: Wer sich über die vergangene Nacht geärgert hat und jetzt noch eine Erklärung von mir zu diesen Ereignissen vermisst, der sollte sich bitte meinen vorletzten Bericht ansehen.

Nur der HSV!

20.25 Uhr

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