Tagesarchiv für den 8. Februar 2010

Es gibt viele Baustellen

8. Februar 2010

Entscheidend is auff’m Platz. Weiß inzwischen jeder Fußballer. Wir wissen zwar auch, dass ein Trainer am Rande (und vom Rande aus) durchaus helfend eingreifen könnte, aber „auff’m Platz“ haben (und tragen) die Spieler die Verantwortung. Daran haperte es zuletzt aber auch. Mehr oder minder deutlich, denn ganz offensichtlich ist es ja so, dass einige Stammspieler zurzeit nicht bei 100 Prozent sind. Paradebeispiele sind dafür beide Innenverteidiger. Beide! David Rozehnal spielt mitunter nicht schlecht, auf keinen Fall schlechter als sein Nebenmann Joris Mathijsen, aber der Tscheche leistet sich eben pro Spiel einige „Klopse“, die einem Profi und Nationalspieler seiner Güte ganz einfach nicht passieren dürften.

Wie in Köln: Erste Halbzeit ein katastrophaler Fehlpass, der fast zu einem Gegentor geführt hätte. Und im zweiten Durchgang wollte er einen Ball nach vorne befördern, traf ihn aber so unglücklich, dass der (fast) über das Tribünendach hinaus stieg, um dort mal frische Luft zu holen. Dass Rozehnal dann den Ball beim späten 3:3 unglücklich abfälschte, war Schicksal, aber für ihn eben auch nicht untypisch. Wenn einer den Ball abfälscht, dann ist es er.

Aber: Sein „Nachbar“ Joris Mathijsen ist ebenfalls nicht in bester Verfassung. Oder anders herum: Er ist in eher schlechter Verfassung. Der „Dauerbrenner“ wirkt etwas überspielt, oder sogar etwas mehr. Er wirkte schon immer etwas langsamer als einige seiner Kollegen, aber nun zeigt er auch von ihm bislang kaum gekannte Konzentrationsschwächen. Gegen Wolfsburg (1:1) ließ er sich beim 0:1 von Dzeko austanzen, in Köln waren seine Klammerversuche beim 1:1 gegen Mohamad untauglich, und auch schon vor diesem Tor hatte er – hinter dem Mann stehend – wie in Ringer geklammert, als ein Ball der Kölner nur hauchdünn am HSV-Tor vorbeirollte. Souverän ist etwas anderes, aber in Hamburg wird Mathijsen immer noch – auch nicht zu Unrecht, gebe ich zu – in Schutz genommen. Rozehnal ist eben der böse Bube in der Innenverteidigung, Mathijsen der Fels in der Brandung.

Wobei sich die Stimmen mehren, die eine Erklärung für Mathijsens augenblickliche Schwäche haben: Der niederländische Nationalspieler spielt immer dann besser, quasi wie die Bank von England, wenn Jerome Boateng neben ihm spielt – und nicht Rozehnal. Mit anderen Worten: Der Tscheche steckt Mathijsen mit seinen Unsicherheiten an, und auch im Stellungsspiel ist Boateng der klar Bessere. Was zur Folge hätte, dass Bruno Labbadia im nächsten Spiel, beim wieder erstarkten VfB Stuttgart, auf die Innenverteidigung Boateng/Mathijsen setzen sollte, damit es einen erfolgreichen HSV-Betriebsausflug ins Ländle gibt.

Ein weiterer Schwachpunkt beim HSV ist die rechte Seite in der Viererkette. Guy Demel war schon in der Hinrunde weit von seiner Bestform entfernt, und nun wirkt er so, als hätte er beim Afrika Cup zuviel Kraft gelassen. Auf jeden Fall ist der Ivorer in der Verfassung von Köln keine Hilfe für den HSV. Trotz aller Sympathiebekundungen der HSV-Fans: „Giiiiiiiiiiiiiiiieeeee.“ Auf welche gute, oder auch sehr gute Vorstellung Demels diese Rufe zurückgehen, ist mir zwar rätselhaft (vielleicht, weil dort mal Meeeeeeeeeddiiiiiiiiiiee-Rufe Mode waren?), auf jeden Fall aber beflügeln sie den Abwehrmann nicht besonders. Andere werden von solchen „Fan-Liebkosungen“ getragen, Guy Demel aber kommt ganz einfach nicht in Schwung. Ich behaupte sogar, dass Tomas Rincon, der ganz sicher kein Rechtsverteidiger ist, dort seine Arbeit wesentlich besser verrichten würde, als jetzt Demel.

Kommen wir zu den „Sechsern“. Auf mich wirkte Rincon in Köln nicht so souverän und gut, wie er es zum Ende und auch zu Beginn des Jahres war. Um es genauer zu sagen: Er wirkte auf mich ein wenig verunsichert. Weil auch die Nebenleute alles andere als souverän spielen? Könnte ein Grund sein. Im Zerstören war er im Rheinland zwar ganz okay, aber fußballerisch hatte er schon mehr zu bieten. Dennoch will ich an ihm nicht herummäkeln, er war und ist in den letzten Wochen und Monaten die erfreulichste Entwicklung beim HSV.

Eine Position daneben spielt der Kapitän. David Jarolim ist ein für mich ganz besonderes Thema. In Dortmund wurde er in der 84. Minuten ausgewechselt, in Hamburg gegen den VfL Wolfsburg musste er in der 78. Minute auf Geheiß des Trainers vom Platz. Das verunsichert. Besonders einen Kapitän. Und einen David Jarolim, für mich der Vorbild-Profi Nummer eins des HSV, vielleicht noch mehr, denn er war es bis dato gewöhnt, immer alles bis zur 90. Minute für den HSV zu geben. In Köln spielte der Tscheche eine sehr gute erste Halbzeit, dann trat er kaum noch so auffällig in Erscheinung, als dass er gelobt werden müsste.

Die Frage ist nur, wieso? Akku leer? Oder Nebenleute zu schwach, und er kann es allein auch nicht ausrichten? Oder handelt es sich um eine kleine Formkrise? Letzteres würde ich ausschließen. Ich glaube ganz einfach, dass „Jaro“ verunsichert ist. Und weil das so ist, ist er auf dem rasen auch sehr oft mit sich beschäftigt, kann kaum Einfluss auf dass Spiel seiner Kollegen nehmen. Und weil dass denn auch so ist, fehlt ein Spieler auf dem Platz, der dann das Kommando übernimmt, wenn das Schiff am Sinken ist. Frank Rost wäre einer, der das könnte, aber der steht zu weit hinten. Und auf dem Rasen ist sonst weit und breit keiner, der das Sagen hätte. Einer, der brüllt, der schreit, der meckert, der motiviert, der mitreißt. So wie einst Uwe Seeler, der diese Rolle einst perfektioniert hat. Oder wie Horst Hrubesch, der nur einmal seinen Mund aufmachen musste – und alle parierten und rissen sich wieder zusammen. Ich glaube sogar, dass das ein ganz großes Manko des HSV 2010 ist, vielleicht sogar das größte. In Belek, im türkischen Trainingslager, hatte Bruno Labbadia schon damit begonnen, mehr verbale Unterstützung voneinander einzufordern, aber es trug bislang wenige Früchte. Es herrscht weiter das Schweigen im Walde. Während der Spiele jedenfalls. Im Training geht es mitunter recht heftig zu – verbal.

Daran aber kann der Trainer auch kaum noch etwas ändern, höchstens zur nächsten Saison. Dann könnte der HSV einen Mann wie Mark van Bommel kaufen, der so etwas in allen Lebenslagen kann.

Über Piotr Trochowski ist an dieser Stelle schon oft geschrieben worden, ich werde ihn (diesmal) auslassen. Und Marcus Berg stand auch schon oft genug bei „Matz ab“ im Blickpunkt. Ein kurzer Schwenk zu ihm: Der junge Schwede (23) unterliegt weiterhin großen Schwankungen. In Köln, das behaupte ich, begann er gut, aber das hielt nur bis zu seiner großen Tormöglichkeit an. Als er den Ball in der Anfangsphase – frei vor Torwart Mondragon stehend – am Kölner Tor vorbei schoss, ging es auch mit ihm rapide „Berg ab“. Aber, ich wiederhole mich, das ist normal. Insgesamt macht Berg auf mich einen deutlich mehr engagierten Eindruck, als noch im Herbst 2009.

Insgesamt aber hat Bruno Labbadia noch viel, viel Arbeit vor sich, um im Sommer ein gutes und versöhnliches Ende zu erreichen. Er wird sicher alles daran setzen, das ist auch kein Thema für mich, denn Labbadia lebt Fußball. Für mich wäre es aber auch dann besonders schön, wenn der HSV-Trainer nicht nur seiner Mannschaft erzählen würde, wie toll der 1. FC Köln Standards vor das Hamburger Tor schlagen kann, sondern wenn er es seinen HSV-Profis eines Tages auch beibringen könnte, dass sie es schließlich genauso gut beherrschen, wie der so gelobte und gefährliche 1. FC Köln. Und wie schön wäre es doch, wenn zum Beispiel Bastian Schweinsteiger nach dem Bayern-Spiel sagen würde: „Das nervt. Die ganze Woche hat uns Trainer van Gaal davor gewarnt, dass der HSV so gefährliche Standards schießt – und trotzdem bekommen wir drei von diesen Dingern rein. Das geht ja gar nicht!“

Quintessenz: Es gibt viele Baustellen beim HSV. Pack’ es an, Bruno!

Übrigens: Zu den (zu späten) Wechseln des HSV – die vorherige Geschichte also – sei diese kurze Statistik noch einmal nachgeliefert.
Fünf Spieler sind da zu nennen:

Eljero Elia. Rein: 70. Min. Raus: 79., 90., 90., 86., 89., 76., 89. Min.

Piotr Trochowski: Raus: 70., 69., 68., 87., 81., 90., 68., 90., 76., 73., 83. Min.

Marcus Berg: Rein: 69., 78., 87., 71., 73., 76., 90., 77. Min.; Raus: 90., 78.

Jonathan Pitroipa: Rein: 79., 90., 90., 78., 85., 84. Min.; Raus: 78., 85..

Robert Tesche: Rein: 90., 87., 86., 90., 90., 79., 89. Min.

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