Tagesarchiv für den 7. Februar 2010

Zeichen setzen – Impulse geben

7. Februar 2010

Der HSV hat von vier Spielen 2010 nur eines verloren. Der HSV hat von vier Spielen 2010 auch nur eines gewonnen. Der HSV hat aus zuletzt drei Spielen, wo neun Punkte möglich waren, nur zwei geholt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen also wieder einmal stark auseinander. Das ist Fakt. Von Euch ist dazu viel, sehr viel geschrieben worden. Der Kopf des Trainers wurde oft gefordert, was in meinen Augen völlig daneben ist. Nur ein Grund, warum ich das für Blödsinn halte: Hätte Marcell Jansen in Köln seine beiden „Hundertprozentigen“ genutzt, dann hätten alle gejubelt und Karneval gefeiert, dann hätte niemand über den Trainer gesprochen. Geschweige denn, seine Entlassung gefordert. Aber zu diesem Thema komme ich in wenigen Augenblicken.

Einen Aspekt haben alle „Matz-abber“ nach diesem 3:3-Theater in ihren Beiträgen noch total außer Acht gelassen: Hoffmann. Ich meine Bernd Hoffmann, den Vorstandsvorsitzenden des HSV. Ihr glaubt doch nicht, dass dieser Mann, der für mich schon so etwas wie überehrgeizig ist, es sich (noch) lange ansehen wird, dass es mit dem Klub eher nach unten statt noch oben geht! Bernd Hoffmann wird, so schätze ich ihn ein, ohne Ansehen der Personen handeln, wenn es nicht so läuft, wie er sich das wünscht und vorgestellt hat. Da bin ich mir absolut sicher. Und wenn Bernd Hoffmann der Meinung ist, dass ein Mann oder eine Person dem Erfolg des HSV im Wege stünde, dann wird geopfert. Hundertprozentig! Hoffmann will den HSV nach oben bringen, er hat es vor Jahren angekündigt (und versprochen), er wird dieses Ziel beharrlich verfolgen, er wird handeln, klar, kompromisslos, unmissverständlich und auch mit der nötigen Härte.

Nun zu jenem Thema, das Euch am meisten unter den Nägeln zu brennen scheint: Bruno Labbadia. Ich habe, das einmal vorweg, keine Angst, dass ich kein Interview mehr von ihm bekomme, ich habe in dieser Saison auch noch kein exklusives von ihm erhalten (im Gegensatz zu anderen Kollegen) – also daran wird es nicht liegen, wenn ich ihn Eurer Meinung nach „nicht hart genug“ anfasse. Es muss sachlich bleiben, und, das fordern alle Trainer, es muss konstruktive Kritik sein, immer oberhalb der Gürtellinie. Danach wollte ich in meinem Berufsleben immer gehandelt haben, ich hoffe auch, dass es mir in den meisten Fällen gelungen ist.

Damit möchte ich nun beginnen. Ohne etwas zu verschleiern oder zu verharmlosen.

Fest steht für mich, dass der HSV-Trainer (Labbadia) eine Wechsel-Phobie hat. Ich glaube, dass er in diesem Punkt seine größte Schwäche hat. Und es bringt nicht nur Euch damit auf die Palme, sondern auch mich, das gebe ich ehrlich zu. Man kann nicht eine Mannschaft aufstellen und dann zusehen, bis sie sich zur 88. Minute, vielleicht sogar bis zu 89. Minute „durchwurstelt“. Als Trainer hat man die Chance, frühzeitig auf gewisse Schwächen oder Defizite zu reagieren. Auswechseln bedeutet dann für mich: Zeichen setzen, Impulse geben, Schwachstellen ausmerzen. Jede Auswechslung zur rechten Zeit ist für mich auch immer so etwas wie eine kleine Auszeit gewesen. Und so ist es für mich auch bis heute geblieben, denn: Der Trainer stellt den einzuwechselnden Spieler auf seine Rolle ein, er macht ihn heiß, und er will damit das Team stärken, denn sonst würde er ihn wohl kaum bringen.

Bruno Labbadia aber hat es offenbar schon in Leverkusen nicht gekonnt, und er knüpft in diesem Punkt nahtlos auch beim HSV an. Zur Erinnerung: Bei der 0:1-Niederlage in Dortmund fiel Tunay Torun in der ersten Halbzeit schon krass ab. Das kann und darf einem jungen Mann durchaus passieren, keinerlei Vorwurf. Aber der Trainer muss es erkennen, und er sollte, weil er dreimal wechseln darf, frühzeitig, also bei Halbzeit, reagieren. In Dortmund geschah aber nichts. Im Pausengespräch wurde Co-Trainer Eddy Sözer vom Sky-Reporter gefragt, ob es Wechsel beim HSV geben würde, aber der Assistent antwortete: „Nein, diese Mannschaft hat unser Vertrauen . . .“

Vertrauen? Das kann in meinen Augen aber nur bis zum Anpfiff gelten. Wenn es einen oder mehrere Spieler gibt, die ihre Leistung nicht bringen, dann galt diese Vertrauen eben nur bis zu dem Zeitpunkt des Auswechselns. Das hat ja nichts mit einer endgültigen Verbannung aus dem Team zu tun, es ist eben nur eine Momentaufnahme, weil es jetzt und an diesem Tag und in diesem Spiel eben nicht gepasst hat. Nächste Woche kann das schon wieder ganz anders sein. Das weiß doch auch jeder Spieler (aus Erfahrung). Also, mit Vertrauen kann, darf und sollte es nichts zu tun haben, wenn ein Trainer eine Mannschaft auch zum zweiten Durchgang unverändert auf dem Platz lässt, obwohl er erkennen müsste, dass es deutliche Schwächen in seinem Team gibt.

Er muss reagieren. Er muss es ganz einfach. Labbadia aber tut sich da unheimlich schwer. Und Eddy Sözer offenbar auch, denn sonst würde er seinem „Chef“ wohl schon längst einmal auf die Füße getreten sein, um diesen Umstand zu ändern – zu beenden. Loyalität ist zwar alles schön und gut, aber hier geht es um ganz andere Dinge. Es geht um den HSV, um Erfolg, um das Image eines Traditionsklubs, um Ziele, um Titel, um Millionen. Und da müssen einmal auch klare, wenn nötig auch deftige oder rustikale Worte fallen dürfen.

Es ist ja nicht so, dass nur ich allein im Stadion erkenne, dass die Wechsel meistens zu spät (und auch falsch) erfolgen. Ihr schreibt es seit Wochen, vielleicht sogar seit Monaten, meine Kollegen sehen es, selbst diejenigen, die dem Gegner zugetan sind, die sehen es. Es ist also keine Erfindung von mir, es ist Tatsache. Und damit einmal konstruktive Kritik geäußert wird, schreibe ich das auf. Wissend, dass Bruno Labbadia hier mitlesen könnte, mitlesen wird. Er sollte im stillen Kämmerlein seine Lehren daraus ziehen.

Womit ich, das sei deutlich gesagt, keine Entlassung des Trainers – der ja einen Drei-Jahres-Vertrag mit dem HSV unterzeichnet hat – forcieren will, ich will auch nichts fordern. Labbadia ist klug genug, noch zu lernen. Ich habe es hier schon einmal geschrieben: Als Benno Möhlmann einst HSV-Trainer war und in einer Mini-Krise gefragt wurde, warum er nicht dies und jenes mache, antwortete er entwaffnend ehrlich: „Mensch, ich bin noch ein junger Trainer, ich lerne doch noch jeden Tag das eine oder andere . . .“ Wenn ein Trainer dann lernfähig ist, oder sich lernfähig zeigt, dann ist es ja noch nicht zu spät. Ich setze da ganz einfach auch auf Labbadias Ehrgeiz, denn den hat er, und zwar ohne Ende. Der Mann kniet sich hier rein, der ist in jeder Lage akribisch, der gibt alles. Und der will, das sei auch noch einmal festgehalten, vielleicht sogar manchmal etwas zuviel des Guten.

Das hat nun Marcell Jansen nach dem Köln-Spiel verraten. Der Nationalspieler, seit Wochen eine große Stütze des HSV, sagte nach dem Duschen: „Ich weiß nicht, was hier in Köln gefehlt hat, das müssen wir analysieren. Über die Standards der Kölner haben wir die ganze Woche über geredet, vielleicht zuviel darüber geredet, wo deren Stärken sind. So dass wir bei jeder Standardsituation gedacht haben, dass es jetzt wohl gefährlich wird. Manchmal muss man es nur einmal ansprechen, und dann ist es auch gut.“ Jansens Quintessenz: „Mannschaft und Trainer-Team sollten sich darüber unterhalten und beide Seiten anhören, woran es liegen könnte.“

Jansen sei Dank für diese mutigen und offenen Worte. Ich finde diesen Vorstoß sehr bemerkenswert, tue ihn auch nicht einfach mit einer lästigen Handbewegung ab. Alle, Mannschaft und Trainer-Team, sollten sich darüber so schnell wie möglich ihre Gedanken machen – und austauschen. Vielleicht sogar im Zusammenspiel mit Bernd Hoffmann.

Und eventuell auch über die (fehlenden) Wechsel diskutieren. Weshalb Robert Tesche und Ruud van Nistelrooy noch in der 89. Minute kamen, vermag ich nicht zu erklären. Ja, ich gebe zu, ich bin absolut ratlos. Im ersten Moment habe ich es als Scherz aufgefasst, habe von einer anderen Art des „Zeitschindens“ gesprochen. War es das eventuell sogar?

Und dass Eljero Elia, den ja nicht nur ich erneut schwach gesehen habe, noch einmal (wie Torun damals in Dortmund) zur zweiten Halbzeit auf den Rasen kam, erschloss sich mir auch nicht. Jeder konnte sehen, dass er sich auf der rechten Seite nicht wohl fühlt, aber es gab keine Konsequenzen. Selbst wenn Labbadia Elia nicht aus dem Team nehmen wollte, dann hätte er ihn nach vorne (neben Petric) stellen und dafür Marcus Berg (bei dem auch wenig lief) in die Kabine schicken können. Ja, können.

Bruno Labbadia hatte in seinem Resümee in Köln noch davon gesprochen, dass seine Mannschaft gleich zweimal das Fußball spielen eingestellt hatte: Nach dem 1:0 und nach dem 3.1. Es muss die Enttäuschung gewesen sein, die ihn zu einer solchen Aussage bewogen haben dürfte, denn das stimmte so ganz sicher nicht. Nach dem 1:0 gab es Chancen auf das 2:0 (Marcus Berg vergab eine fast hundertprozentige), und nach dem 3:1 war auch ein 5:1 oder 6:1 möglich. Ich schiebe diese Erkenntnis des Trainers auf seine große Verbitterung, dass es auch diesmal nicht zu einem „Dreier“ gelangt hatte.

Am Tag danach wurde Bruno Labbadia dann noch mit den kritischen Worten Jansens konfrontiert. Der Trainer lächelnd. „Was soll ich dem noch hinzufügen . . ?“ Vielleicht wird er es demnächst doch noch machen müssen, wer weiß? Immerhin gab Labbadia zu: „Die Punktzahl in der Rückrunde ist nicht gut, definitiv, aber bis auf die Partie in Dortmund haben wir alle Spiele bestimmt, aber zu wenig Ergebnisse heraus bekommen. Es stimmt mich aber zuversichtlich, wie wir den Gegner dominieren, wie wir spielen – es liegt also an uns selbst, Ergebnisse einzufahren.“ Am nächsten Sonnabend in Stuttgart!

Anderes Thema: Wenn ich hier immer wieder als Trochowski-Freund auffalle und angeprangert werde (ich sitze auch jetzt nicht mit ihm an einem Tisch, im Gegenteil): Ich hätte den Nationalspieler in der Tat viel lieber viel früher auf dem Platz gesehen, als erst von der 80. Minute an. Warum? Bitte lasst es Euch nur noch einmal gesagt sein: Er kann einen Ball halten, er könnte Ruhe in ein Spiel bringen, das dem HSV gerade zu entgleiten droht, er kann mit einem Dribbling auch mal eine Lücke reißen, er könnte zur Not auch einmal schießen – wie gegen Wolfsburg. Da alles kann er aber kaum noch auf die letzten zehn Minuten, schon gar nicht in der jetzigen Phase: Der Mann will zur WM 2010 (!), er will sich mit guten Spielen empfehlen, findet sich aber auf der Bank wieder. Ob er vielleicht denkt, dass ihm die Zeit davonlaufen könnte? Kann ich mir durchaus vorstellen. Und dann verkrampft man. Ja, selbst ein so selbstbewusster Spieler wie Trochowski! Zumal der noch von dem einen oder anderen Trainer-Lob erfahren haben dürfte (aus den Medien), denn Labbadia sagte sowohl am Donnerstag als auch am Freitag, dass ihm die Antwort, die ihm Trochowski auf dem Platz gegeben habe, durchaus gefalle.

Und noch eines sage ich deutlich: Ich bin nicht der einzige „Schreiberling“ (von den Kollegen gab es für dieses Wort schon Schelte, ist aber nicht böse gemeint), der sowohl am Donnerstag als auch am Freitag festgestellt hat, dass von Elia in den beiden Trainingseinheiten nichts zu sehen gewesen war. Auch hier muss ich deutlich sagen: im Gegenteil. Zu Elia sei noch bemerkt: Er ist nach eigenem Bekunden noch immer nicht ohne Schmerzen (seit dem Mainz-Tritt), vielleicht ist das zurzeit sein großes Handicap.

So, es gibt, das ist mir durchaus bewusst, noch einige offene Fragen ob dieser Kölner Vorstellung des HSV, aber ich will hier kein Buch verfassen. Ich werde auf weitere Defizite demnächst noch näher eingehen. Nur eines möchte ich nochmals ausdrücklich festhalten: Ich wollte hiermit konstruktive Kritik üben, ich bin definitiv gegen eine Trainer-Entlassung. Mich stört sogar schon eine solche Diskussion. Labbadia ist absolut kein Thema für mich, diese Frage stellt sich mir auch nicht, denn: Der HSV steht immer noch in der Bundesliga-Spitze. Und weil das so ist, gibt es in der Liga auch nur einen Klub, der sich eine Trainer-Entlassung bei Platz fünf erlauben darf: Bayern München (geschehen im Fall Felix Magath). Außerdem: Solche Spiele, wie dieses nun in Köln, hat es auch schon unter Könnern wie Martin Jol, Huub Stevens und Thomas Doll gegeben, und auch bei allen anderen Labbadia-Vorgängern.

Zwei kleine Anmerkungen am Rande: Ihr habt es richtig gesehen, ich „nur“ einmal live im Stadion (und diesmal nicht am Monitor, denn es gab in Köln keine): Das Foul, das zum Freistoß für den 1. FC Köln und damit zum 2:3 führte, war natürlich keines. Doch ich will hier nicht schon wieder Schiedsrichter-Schelte betreiben, denn diese Herren (in diesem Fall Michael Weiner) machen natürlich auch den einen oder anderen Fehler – wie zum Beispiel Marcell Jansen, der seine beiden Hundertprozentigen nicht nutzte.

Und: Jerome Boateng hat sich bei dem Jansen-Foul beim Training am Freitag „nur“ ein Hämatom am rechten Knöchel zugezogen, aber es ist nichts gebrochen oder nichts gerissen. Damit besteht die Hoffnung, dass er am Sonnabend in Stuttgart wieder (dann in der Innenverteidigung?) spielen kann.

17.41 Uhr