Tagesarchiv für den 3. Februar 2010

Für mich ist Jarolim unverzichtbar

3. Februar 2010

Nun sind schon ein paar Tage vergangen seit dem 1:1 gegen den VfL Wolfsburg, und ich muss gestehen, dass ich selbst überrascht bin, wie unkommentiert die Auswechslung des Kapitäns David Jarolim geblieben ist. Keine Sorge, ich will an dieser Stelle kein neues „Fass“ aufmachen“, ganz bestimmt nicht. Ich wollte mich in einem meiner Blog-Beiträge aber ohnehin mit „Jaro“ befassen, über den ja schon länger nichts Größeres geschrieben wurde. Eigentlich wollte ich mich heute nach dem Training mal mit ihm unterhalten, aber das hat sich erledigt, weil die Übungseinheit neben der Nordbank-Arena dem Wetter weichen musste. Trainer Bruno Labbadia bat seine Profis auf die Kartbahn nach Bönningstedt – hoffentlich befördert sie das auf die Überholspur.

Zurück zu Jarolim: Mir ist in den vergangenen Wochen aufgefallen, dass immer mehr kritische Stimmen laut werden, was den Tschechen betrifft. Hier mal ein Kommentar zu seiner „eklatanten Schussschwäche“, da einer zum „verschleppenden Tempo“ (kam sogar von mir selbst) und dann wieder einer zu „seiner fehlenden Genialität“. So beginnen manchmal Denkmäler zu bröckeln, und das möchte ich im Fall Jarolim unbedingt verhindern. „Jaro“ ist für mich nach wie vor das absolute Herzstück dieser Mannschaft, so etwas wie die gute und vollprofessionelle Seele. Ich behaupte sogar: Dieses Team des HSV ist ohne Jarolim nicht annähernd so stark. Auf einen wie ihn kann man nicht verzichten.

Bitte jetzt nicht missverstehen. Was klingt wie eine Liebeserklärung, ist auch eine. Aber eine fußballerische. Ich habe den Kapitän für schwächere Auftritte kritisiert und werde das auch in Zukunft tun. Ich betrachte seine Abschlussprobleme aus 16 bis 20 Metern auch oft mit einem verzerrten Gesicht und fluche („Da kann man ja ein Brötchen hinterher schmeißen…“), aber ungeachtet dieser Momentaufnahmen in einem Spiel verkörpert der Mann mit der Rückennummer 14 einen echten Kapitän. Er fordert Bälle, er behauptet sie, er hat eine über die gesamte Saison betrachtet außergewöhnlich niedrige Fehlerquote. Er hat seine Sturzquote, die von so vielen Kollegen und vor allen Gegenspielern hart bis heftig kritisiert wurde, erheblich reduziert. Er vermittelt zwischen Jung und Alt, brennt vor Ehrgeiz und lässt sich auch durch Misserfolge nicht aus der Bahn werfen.

Das Einzige, was Jarolim ganz sicher nicht ist, und das macht ihn in der heutigen Zeit zu einem für viele Medien eher uninteressanten Spieler: ein Star. Allüren sind dem Mittelfeldmann nämlich fremd. Und wenn jemand von Euch ihn mal während eines Trainings oder danach erlebt hat, dann wird der- oder diejenige bestätigen können, wie zugänglich und bodenständig Jarolim ist.

So, jetzt ist aber auch Schluss mit den Lobeshymnen, sonst wird Frau M. noch eifersüchtig, und das muss ja nun auch nicht sein.

Ein paar Freunde haben mich gefragt, warum Jarolim aus 20 Metern keinen „Gewaltschuss“ gen gegnerisches Tor abfeuern kann. Ich habe lange überlegt und ihnen dann geantwortet: Weil er sonst fast immer auf engstem Raum den Ball abschirmen muss und sein Körper auf diese Ballbehauptung konditioniert ist.

Ich glaube fast, dass „Jaro“ selbst derjenige ist, den dieses Manko am meisten nervt. So oft habe ich ihn schon kopfschüttelnd nach Torschussübungen wegtrotten sehen, nachdem seine Versuche wie verstärkte Rückpässe in Richtung Trainingstor hoppelten. Und als seine Kollegen einen respektablen Versuch gestern beim Schneegestöber-Schuss-Event mit einem kollektiven „Uuuuuuuhhhhhh“ begleiteten, weil der Ball auf die Querlatte tropfte, lächelte der Schütze zwar verzerrt mit – aber insgeheim wurmte ihn die Reaktion bestimmt trotzdem. Denn Jarolim ist so ehrgeizig, dass er das Image eines „Schusswürmchens“ nicht ertragen mag.

Dabei sollte er sich trösten und zur Erkenntnis gelangen, dass die Abschlüsse aus der Distanz allein auch kein Heilmittel und keine Lobesgarantie sind. Ein Blick auf Piotr Trochowski dürfte da schon reichen. „Troche“ hat eine begnadete Schusstechnik und bekommt trotzdem regelmäßig und aus fast allen Richtungen Breitseite. Jarolim muss bei dem bleiben, was ihn stark gemacht hat. Wenn er mit ein bis zwei Fehlpässen in 90 Minuten Spielzeit auskommt, wird er weiterhin zu den besten Mittelfeldspielern der Bundesliga zählen. Trainer Bruno Labbadia weiß ganz genau, was er an seinem Kapitän hat. Und er weiß auch, dass Jarolim im Gegensatz zu vielen anderen Spielern enorm pflegeleicht ist. „Jaro“ braucht weder Zuckerbrot, noch Peitsche – der Tscheche motiviert sich stets selbst mit einem maximalen Leistungsanspruch.

Einige Fans (nicht alle!) und auch einige Experten sollten sich aber mal hinterfragen, ob ihre Pauschalverurteilungen für Spieler wie Jarolim (und viele andere), der in den vergangenen Wochen bestimmt nicht seine Bestform präsentiert hat, nicht zu extrem zur Schwarzmalerei werden. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Geschwindigkeit der Bewertungen und vermeintlichen Erkenntnisse alle sachlichen Inhalte überflügelt. Da reicht eine gute Halbzeit, um aus einem Talent einen Star zu machen. Da reicht ein Fehler oder eine schwächere Hälfte, um Deppen, Schwachpunkte und Versager hervorzubringen.

Ein bisschen mehr Zurückhaltung im Positiven und im Negativen ist angebracht. Ich wünsche mir auch mal ein „gut“ statt „super“ und ein „mittelmäßig“ statt „grausam“. Um diesen Beitrag mit Jarolim abzuschließen, möchte ich Euch sagen, dass ich ihn für unverzichtbar halte, gerade weil er – ähnlich übrigens wie Joris Mathijsen – über so lange Strecken konstant gut und zuverlässig spielt.

16:55 Uhr