Tagesarchiv für den 2. Februar 2010

Van Nistelrooy braucht noch Zeit

2. Februar 2010

Schneegestöber, Schneegestöber, Schneegestöber – und mittendrin das erste Mannschaftstraining des neuen HSV-Stars Ruud van Nistelrooy. Schwarz auf weiß sozusagen, denn der Niederländer war heute Morgen bei der locker-flockigen Einheit mit Torschussübungen dunkel gekleidet und hatte offensichtlich großen Gefallen an der Einheit auf – ich sage es mal so – unwegsamem Geläuf.

Nach den Schlagzeilen der vergangenen Tage und van Nistelrooys Selbsteinschätzung, er sei schon bei 80 Prozent, mag es vielleicht etwas anmaßend klingen, aber der Stürmer ist mit Sicherheit noch nicht so weit, dass er in Köln von Anfang an spielen könnte. Ich muss gestehen, dass ich innerlich ein wenig erleichtert durchgeatmet habe, als Trainer Bruno Labbadia nach der Einheit von 60 Prozent bei van Nistelrooy sprach und eine Nominierung des Torjägers für die Partie in Köln in den Eventualitätenbereich verwies. Warum ich so denke? Ganz einfach: Weil doch nichts schlimmer wäre als ein halbfitter van Nistelrooy, der sich nach fast einem ganzen Jahr Pause bei einem Kurzeinsatz in Köln erneut eine Verletzung zu ziehen würde. Ruud, der natürlich vor Tatendrang strotzt, soll sich erst einmal vernünftig aufbauen lassen. Und wenn er dann bei 80 Prozent ist (in ein, zwei Wochen), kann er doch als „Joker“ reinschnuppern. Das macht meines Erachtens viel mehr Sinn, als sich dem aktuellen Hype um seine Person zu beugen und unnötige Risiken einzugehen.

Mein Eindruck bei den Schussübungen war trotzdem gut. Man konnte sehen, dass van Nistelrooy nicht vergessen hat, wo das Tor steht. Er ist ein absoluter Mann des Strafraums. Sobald er dort einen Ball bekommt, will er ihn einnetzen. Und dabei nimmt er jede noch so unspektakuläre Art des Abschlusses in Kauf. Nach seinem fünften Treffer deutete der ehrgeizige Niederländer sogar schon an, wie er seine Torfreude zelebriert – wie ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln „flog“ er mit ausgebreiteten Armen breit grinsend auf seine Kollegen zu. Und nach einem angedeuteten Zweikampf mit Techniktrainer Ricardo Moniz, der ihm in letzter Sekunden den Ball vom Fuß spitzelte, lieferte sich „Van the man“ eine kleine Ringeinlage mit dem Coach. Von Starallüren keine Spur, und auch der arg ramponierte Platz rang dem ehemaligen Real-Madrid-Profi keinerlei abwertende Bemerkung ab. Van Nistelrooy hat Lust auf diese neue Herausforderung. Jetzt hoffe ich nur noch, dass er auch die notwendige Geduld mitbringt.

Labbadia hat es zwar noch nicht explizit gesagt, aber nach seiner Beratung mit der Reha-Abteilung deutet alles darauf hin, dass van Nistelrooy frühestens in anderthalb Wochen erstmals im Kader auftauchen wird. Der Trainer will seine Oldies van Nistelrooy und Ze Roberto möglichst so belastbar machen, dass sie ab dem Tag X ihrer Rückkehr dann auch vollwertige Verstärkungen sind. Bei van Nistelrooy dürfte das ein bisschen schneller gehen, Ze Roberto absolviert derzeit nur ein spezielles Reha-Programm. Heute tauchte er in kurzer Hose und ohne Mütze (!) am Rande des Trainingsplatzes auf und absolvierte einige Läufe.

Über den Zustand des Platzes mache ich mir seit heute auch verstärkte Sorgen. Das Nachmittagstraining, eine Krafteinheit, wurde schon in den Innenraum des Trainingszentrums im Stadion verlegt, weil der Zustand des Rasens (verschneiten Erdreichs wäre treffender) keine reguläre Einheit zulässt. Fraglich nur, was Labbadia bis Köln machen will, um wenigstens Spielformen (für morgen vorgesehen) und aussagekräftige Abschluss-Spiele abhalten zu können. Ich habe gehört, dass sich die Verantwortlichen schon in Köln und Umgebung umhören, um im Falle einer besseren Trainingsalternative dort eine verfrühte Abfahrt zum Auswärtsspiel vorzunehmen. Sinnvoll wäre es allemal. Für die kommenden Wochen kann man nur hoffen, dass der Schnee schnell wegtaut – ansonsten sind Matsch- und Schlammeinheiten angesagt – oder vielleicht eine vorübergehende Rückkehr nach Ochsenzoll?

Labbadia wirkte heute ein bisschen genervt, was die Medienhysterie um van Nistelrooy betrifft. Ich kann ihn verstehen. Natürlich will jeder den Sensationstransfer möglichst schnell und möglichst erfolgreich im HSV-Trikot spielen sehen – er auch -, aber dabei muss man auch immer die Kirche im Dorf lassen. „Ruud ist kein Heilsbringer, und ich betrachte ihn auch nicht so“, sagt Labbadia, der natürlich das große Ganze, seine Mannschaft, seine Spieler im Auge hat.

Mit diesem Team hat der Coach auch unabhängig von van Nistelrooy genug zu tun, das weiß er auch. Gedanklich bastelt er an der Taktik für das Duell mit den wieder erstarkten Kölnern, er passt Trainingsprogramme und –Schwerpunkte gezwungenermaßen den Witterungsbedingungen an und achtet außerdem auf die Form und Stimmung des Einzelnen. Für Köln stellen sich schon ein paar interessante Detailfragen: Bekommt Piotr Trochowski eine Chance von Beginn an? Was wird aus Guy Demel? Startet das Duo Marcus Berg/Mladen Petric?

Diesen und weiteren Themen werde ich mich morgen widmen. Ach ja, eine Kleinigkeit noch: Habt Ihr die Galavorstellung von Sidney Sam im Trikot des 1. FC Kaiserslautern gesehen? Ich bin mal gespannt, was aus der Hamburger Leihgabe wird. Vielleicht kann der HSV in der nächsten Saison ja mal von so einem gezielt aufgesetzten Verleihprogramm zur Stärkung einer hoffnungsvollen Nachwuchskraft profitieren. Ich kann mich kaum erinnern, wann das hier in Hamburg schon mal der Fall war. Oder fallen Euch Beispiele ein?

14:42 Uhr