Tagesarchiv für den 1. Februar 2010

Der Fall Guerrero nervt

1. Februar 2010

Ich kann es nicht mehr lesen. Nein, diesmal rede ich nicht vom ruuden Umgangston einiger Matz-abber, der mir in dieser Form gar nicht gefällt, aber sich wohl leider kaum ändern lässt (daher appelliere ich weiterhin an Fairness und etwas mehr Sachlichkeit). Ich meine die tägliche Berichterstattung in Sachen Paolo Guerrero. Wenn ich mir morgens die Zeitungen anschaue und die neuesten Entwicklungen im Fall des Peruaners anschaue (vorbeigucken geht ja gar nicht – bei der prominenten Darstellung!), könnte man fast meinen, Guerrero sei Opfer einer Tragödie geworden. Und ich erwische immer mehr Leute, die sich für dieses Thema interessieren. Im Radio habe ich einen Beitrag gehört, der nach dem Motto lief: Der arme Paolo, und keiner holt ihn da raus…

Ganz ehrlich: Das ist wirklich etwas zu viel des Guten. Richtig ist: Guerrero sitzt noch immer in Peru, weil er wegen seiner Panikattacken keinen Flieger nach Europa besteigen mag. Richtig ist auch, dass der HSV zwei Physiotherapeuten nach Lima geschickt hat. Warum eigentlich nicht die ganze Mannschaft? Könnte doch hilfreich sein. Nein, entschuldigt bitte, ich möchte nicht überdrehen. Richtig ist, dass sich die Physios vom körperlichen Zustand des „kleinen Kriegers“ überzeugen wollen, um anschließend eine Empfehlung an den HSV und an Guerrero auszusprechen. Es geht um zwei entscheidende Fragen: Stagniert Guerreros Gesundung nach dem hinteren Kreuzbandriss? Oder hat er Fortschritte gemacht, so dass er eventuell noch in dieser Saison ins Bundesligageschehen zurückkehren könnte?

Diese Pseudo-Hysterie um den Nationalspieler, der aus seiner Landesauswahl demnächst zurücktreten müsste, denn in Südamerika sind Flüge zu Länderspielen nun mal an der Tagesordnung, ist wirklich unangebracht. „Mit seinem Problem ist nicht zu spaßen. Das sollte man ernst nehmen“, sagte Jerome Boateng im ZDF-Sportstudio. Und nicht, dass mich jemand missversteht: Ich will die Flugangst auch nicht ins Lächerliche ziehen. Trotzdem sollte man sie richtig einordnen. „Man muss sich um Paolo Guerrero keine Sorgen machen. Er hat ein Dach über dem Kopf und ausreichend Nahrung“, sagte Pressesprecher Jörn Wolf am vergangenen Donnerstag und schlug damit in die gleiche Kerbe.

Sportlich, das steht meines Erachtens außer Frage, ist Guerreros Fehlen ein Verlust. Stellt Euch mal vor: Petric, Guerrero, Berg, Elia, Torun und van Nistelrooy stünden für die ein bis drei Stürmerpositionen komplett fit zur Auswahl – das wäre so etwas wie HSV-Weihnachten, -Ostern und –Nikolaus an einem Tag. Ich hege allerdings ernsthafte Zweifel, dass der Peruaner jemals wieder in seiner zugegebenermaßen herausragenden Form seiner Wochen vor der Verletzung im HSV-Trikot auflaufen wird. Der Riss des hinteren Kreuzbandes mit all den verletzungsbedingten Randerscheinungen könnte Paolos Ende für die Bundesligalaufbahn bedeuten. Ich kenne keinen Spieler, der nach einer solchen Verletzung je wieder so zurückgekehrt ist, als wäre nichts gewesen. Insgeheim hoffe ich natürlich inständig, dass Guerrero mich eines Besseren belehrt. Denn irgendeiner ist immer der Erste.

Was die Diskussionen um den primären Guerrero-Ersatz betrifft, also Marcus Berg, so bin ich ähnlich hin- und hergerissen wie viele von Euch. Lasst es mich mal so formulieren: Von einem Zehn-Millionen-Euro-Stürmer (ja, so viel hat der Schwede nun einmal gekostet) hätte ich eigentlich mehr erwartet, aber man darf einen jungen Angreifer wie ihn eben nicht nur an der Ablöse messen, sondern muss seine Entwicklung, seine Probleme (die verletzungsbedingten habe ich ja schon erwähnt) und auch seine Schwankungen versuchen objektiv zu betrachten. Es gab ja einige von Euch, die nach seinen Trainingseindrücken gefragt haben. Da kann ich als aufmerksamer Kiebitz nur eines sagen: Berg ist in den Übungseinheiten schwer zu beurteilen. Er ist fast immer dabei, nutzt einen Großteil seiner Torchancen, ist fleißig, fällt selten ab – aber auch nicht herausragend auf.

Er lebt von seinem guten Abschluss und zielgerichteten Laufwegen. Bekommt er einen Pass in den Lauf mit einer Abschlussmöglichkeit aus 20 bis 14 Metern, dann vollendet er den Ball anders als gegen Wolfsburg fast immer flach am Torwart vorbei ins Netz. Das ist eine Qualität, die unbestritten ist. Aber Berg ist eben noch nicht so routiniert und abgezockt wie ein van Nistelrooy. Er hat auch mal längere Schwächephasen, die sich nicht verheimlichen lassen. Und dann kann seine hohe Transfersumme zur echten Belastung werden, weil jeder – wie ich auch – dann fragt: Hätte man für zehn Millionen nicht doch einen reiferen Angreifer holen können? Lasst uns doch noch ein paar Monate warten und am Ende der Saison mal eine schonungslose Bilanz ziehen. Wenn Berg bis dahin acht bis zehn Ligatore auf dem Konto haben sollte, wäre ich zufrieden. Aktuell rangiert er bei drei Treffern – und das ist noch etwas mau. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ihn van Nistelrooys Verpflichtung beflügeln wird. Und als Joker hat sich schon mancher Stürmer reingefuchst.

13:30 Uhr