Monatsarchiv für Januar 2010

Positive und negative Auffälligkeiten

30. Januar 2010

Auch mit einer verschneiten Nacht Abstand und der Lektüre Eurer vielen sachlichen sowie emotionalen Beiträge bin ich noch unschlüssig, wie ich dieses 1:1 bewerten soll. Klar, wenn man nach 92 Minuten mit dem allerletzten Schuss (nach einem diskutablen Freistoß) einen Punkt holt, dann löst das Freude und Erleichterung aus. Andererseits waren die vorherige Chancenverwertung und die Spielweise in Hälfte eins mangelhaft. Und wenn man Ambitionen in Richtung Top 3 der Bundesliga hegt, dann ist auch ein am Ende so glückliches 1:1 doch eher eine Enttäuschung. Marcell Jansen sagte es nach der Partie treffend: „Der VfL kann froh sein, dass wir ihn nach dieser zweiten Hälfte nicht mit einem deutlichen Sieg nach Hause geschickt haben. Für uns ist dieses Remis trotz des Zustandekommens zu wenig.“

Je mehr und länger ich nach dem Abpfiff mit Freunden und Bekannten über dieses Spiel und die daraus abzuleitenden Erkenntnisse diskutiert habe, desto stärker wird mein Eindruck, dass sich der HSV momentan in einer sehr schwierigen Phase befindet. Auf der einen Seite gestiegene Ansprüche, auf der anderen Seite individuelle Schwächephasen, auf der einen Seite spielerisch eindrucksvolle Momente (wie gestern in Hälfte zwei), auf der anderen Seite individuelle Zielsetzungen einzelner Profis, die möglicherweise gelegentlich das oberste Ziel des HSV beeinträchtigen.

Ich möchte Euch mal vorab in Kurzform erzählen, mit welchen Erkenntnissen von Fans und Experten ich gestern am häufigsten konfrontiert wurde (viele davon finden sich ja auch in Euren Kommentaren) und würde mich freuen, Eure Meinung dazu zu lesen:

Positive Auffälligkeiten:
- David Rozehnal ist zentral kein Sicherheitsrisiko mehr, er wirkt deutlich stabiler
- Tomas Rincon ist als „Sechser“ nicht nur wegen seiner Bissigkeit wertvoll, sondern bringt bis zum letzten Moment vor allem seine ungeheure Willenskraft und Leidenschaft mit ein
- Mladen Petric ist bereiter denn je, auch weite Wege zu gehen (in Hälfte eins hatte er vermutlich mehr Laufstrecken absolviert als Eljero Elia)
- mit Piotr Trochowskis Einwechslung stieg die spielerische Klasse im Nu, der Spielfluss war wesentlich besser und die Angriffe wurden unberechenbarer
- Marcus Berg zeigte trotz einiger Abschlussschwächen steigende Tendenz, wagte sich auch in Eins-gegen-Eins-Duelle und bot sich stets als Anspielstation an

Negative Auffälligkeiten:
- Dennis Aogo wirkt seit seiner DFB-Berufung fahrig und leistet sich zum Teil haarsträubende Fehler, die nicht nur mit seiner hohen Aktivität zu begründen sind
- Eljero Elia ist in der Form des Wolfsburg-Spiels als rechter Mittelfeldmann verschenkt (zudem hatte ich den Eindruck, als hätte sich seine Position in der Mannschaft negativ verändert. Ist das etwas vorgefallen? Bislang habe ich nichts herausgefunden.)
- ruhende Bälle, von denen es gegen Wolfsburg massenhaft gab, werden trotz des Treffers und eines Lattenkopfballs noch zu selten in Torgefahr verwandelt
- im zentralen Mittelfeld fehlt ein Taktgeber mit Torgefahr: David Jarolim ist zwar ballsicher und umsichtig, aber kein torgefährlicher Dirigent, er verschleppt zu oft das Tempo
- der eingewechselte Guy Demel tendiert seit Monaten zum Sicherheitsspieler, wenn es nach vorne geht; er geht jedem Eins-gegen-Eins aus dem Weg (mangels Tempo?), meidet riskante Flankenversuche
- das gesamte Spiel des HSV ist zu linkslastig

So, das war es erst einmal. Ich habe bestimmt noch ein paar polarisierende Aspekte vergessen (z.B. die Taktik-Diskussion: Passt Labbadias 4-4-2 mit den zwei „Sechsern“ und ohne zentral offensiven Mittelfeldmann überhaupt zum aktuellen Personal?), aber ich wurde seit gestern Abend wirklich mit so vielen PROs und KONTRAs konfrontiert, dass Ihr mir das hoffentlich nachseht. Ich möchte Euch aber noch vom „Nachspiel“ des Freitagabends erzählen.

Die Szene war schon skurril: Als ich mit gepackten Sachen durch die Cafeteria im fünften Stock der Nordbank-Arena ging, wurde im Fernsehen gerade ein Interview mit Trochowski gezeigt. Mehr als 100 HSV-Fans sahen auf mehreren Bildschirmen zu. Auf die Frage des Reporters, ob das ein Glücksschuss war, oder ob das Tor so gewollt war, weil er die Technik dazu hat, antwortete Trochowski treu und brav: „Das ist meine Schusstechnik, so war mein Schuss auch gewollt.“ Und in der Cafeteria lachten die meisten laut auf. Typisch. Minuten zuvor lagen sich noch alle Hamburger in den Armen, weil ihnen Trochowski einen Punkt gerettet hatte, aber schon kurz darauf gibt es dieses Lachen, das in den meisten Fällen verächtlich klang. Der kleine Mann hat es nicht leicht in seiner Heimatstadt, schade, schade.

Bruno Labbadia rechtfertigte seine Entscheidung, Elia statt Trochowski von Beginn an zu bringen, so: „Wir haben beide Spieler genau im Training beobachtet. Wir brauchten ein wenig mehr Durchschlagskraft. Und wir hatten auch das Gefühl, das kommt noch hinzu, dass uns Eljero von der Bank kommend nicht so richtig helfen könnte, weil er seinen Rhythmus noch nicht gefunden hat. Und wir hatten das Gefühl, dass Elia mit seiner Dynamik auch eine ganz gute Kombination zu Marcus Berg wäre.“

Trochowski war nach dem Spiel sehr geknickt, er wirkte total enttäuscht, von Jubel oder gar Euphorie keine Spur. Labbadia dazu: „Das ist völlig normal, das ist verständlich, jeder Spieler soll dann auch enttäuscht sein. Entscheidend ist, dass er eine Antwort darauf gibt, und diese Antwort war gut.“

Den über weite Strecken der Partie enttäuschenden Elia nahm Labbadia in Schutz: „Diese Schwankungen sind normal bei einem jungen Spieler. Zweitens kommt hinzu, dass er aufgrund seiner Verletzung keine gute Vorbereitung machen konnte, denn er hatte permanent mit Problemen zu kämpfen. Das kennt er ja nicht, denn wenn man seine Karriere verfolgt hat, dann weiß man, dass er kaum verletzt war. Entscheidend war für uns, dass von ihm in der zweiten Halbzeit eine Reaktion kam. In der Pause haben wir noch mit ihm gesprochen, was er machen muss, was er tun soll, was er versuchen muss. Und er hat sich dann ja auch auf alle Fälle gesteigert.“

So, jetzt reicht es aber auch. Genießt den Sonnabend. Ich melde mich morgen wieder.

11:20 Uhr

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