Tagesarchiv für den 29. Januar 2010

Der letzte Schuss

29. Januar 2010

Der letzte Schuss. Es war ein echter Flatterball, ganz unangenehm für jeden Keeper. Aber dieser Ball ließ die Herzen der HSV-Fans noch einmal höher schlagen. Es lief die Nachspielzeit, die 92. Minute. Der eingewechselte Piotr Trochowski, der zuvor zwei Freistöße bereits an den Rand der Arena befördert hatte, schnappte sich noch ein drittes Mal den Ball. Das war mutig, sehr mutig sogar. Aus 22 Metern drosch der Nationalspieler auf das VfL-Tor, die Kugel flatterte, erst nach links, dann nach rechts, und der gute Schlussmann Lenz war doch noch bezwungen. Ein versöhnliches Ende nach einem durchwachsenen Spiel. In der ersten Halbzeit suchte der HSV seine Form, fand sie aber nicht. Im zweiten Durchgang wurde Druck entfacht, große Chancen herausgespielt, aber das Tor wollte nicht fallen. Bis zur 92. Minute. Der Ball lag im Netz, als der Schlusspfiff erfolgte. Aber reicht dieser Punkt, reicht dieses 1:1, um noch einmal ganz oben angreifen zu können? Ich habe da ganz, ganz große Zweifel.

Ohne Trochowski hatte diese Partie vor 51 845 Zuschauern begonnen. Die Geduld des Trainers hat ganz offenbar ihre Grenzen. Immerhin war vor dem Anpfiff das Lieblingslied des Dribbelkünstlers zu hören: „Sexy Bitch“ von David Guetta feat. Akon. Der HSV-Profi hat Geschmack, das ist eine starke Scheibe. Und auch das Spiel ließ sich relativ gut an. Der Schnee hinterließ auf dem grünen Teppich keinerlei Spuren, und Wolfsburg begann so, wie von vielen Experten erwartet: Massive Deckung, die Räume zustellend, und dann kontern. Nach 20 Minuten gab es ein Chancenverhältnis von 1:3. Für den HSV hatte Marcus Berg die Chance auf das 1:0, doch der Schwede zögerte zu lange, plötzlich lag ihm der Lenz zu Füßen – Chance vertan (17.). Spätestens zu diesem Zeitpunkt war jedem klar, dass das ein ganz schweres Stück Arbeit werden würde für den HSV.

Mladen Petric schoss einen Freistoß aus 30 Metern schon mit einem Anflug von Verzweiflung, der Ball flog an den Außenpfosten (23.). Einen Kopfball von Marcell Jansen hielt VfL-Keeper Lenz großartig (24.), ebenso Sekunden danach einen Kopfball von Marcus Berg. Nach einem Rückpass von Petric schoss Berg aus 17 Metern nur Zentimeter am VfL-Tor vorbei (32.), das war es aber auch schon an HSV-Möglichkeiten in der ersten Halbzeit.

In der der HSV für mich leider nur mit zehn Mann spielte. Eljero Elia wirkte nicht nur wie ein Fremdkörper, er war für mich auch ein Totalausfall. Was war seine Rolle. Ich bin nicht klar daraus geworden. Das war keine Rakete, das war ein Schlafwandler, der Schlafwagenfußball spielte. Weil er auf der ungeliebten rechten Seite nicht zurecht kam, zurecht kommen wollte? Und weil rechts so schlecht wie nichts lief, war das Spiel des HSV wieder sehr linkslastig.

Und vorne liefen sich Berg und Petric einen Wolf, aber Elia ließ es dazu reichlich gemächlich angehen. Petric war für mich der beste Hamburger der ersten Halbzeit, ihm am nächsten kam Berg, der nur im Abschluss unglücklich war. Immerhin, beide waren unglaublich aktiv.

Aber das erste Tor fiel auf der anderen Seite. Wolfsburgs Madlung drosch den Ball per Hoch-und-Weit-Freistoß über 50 Meter in Richtung HSV-Strafraum, die Kugel kam zu Dzeko, und der setzte sich viel zu mühelos durch gegen Joris Mathijsen durch – es war Mathijsens erster Klops in diesem Spiel, aber der war leider sehr gewichtig. Der 14-Meter-Schuss des Wolfsburgers prallte vom Innenpfosten ins Netz, unhaltbar für den guten Frank Rost (34.). Der HSV war danach zwar bemüht, eine Wende herbei zu führen, doch die Mittel waren eher untauglich. Mladen Petric kam bei einer Spielunterbrechung extra an die Mittellinie zurück, um bei Standardschütze Dennis Aogo Aufklärungsarbeit zu leisten: Alle Freistöße waren eine lässige Beute der langen Kerle in den Wolfsburger Reihen. Hoch rein war also ein höchst untaugliches Mittel, da wäre Raffinesse gefragt gewesen.

Erstaunlich: Wie schon in Dortmund, als Tunay Torun nach einer ganz schwachen ersten Halbzeit noch einmal zur zweiten Halbzeit wiederkommen durfte, so kam diesmal auch Elia mit aus der Kabine. In Dortmund hatte Co-Trainer Eddy Sözer noch geäußert: „Wir haben Vertrauen zu unserer Mannschaft.“ So auch diesmal? Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Und noch besser wäre wohl, einen Spieler, der so tief durchhängt, frühzeitig zu erlösen. Schade, diese Chance wurde wieder nicht genutzt.

Immerhin: Nach dem Seitenwechsel kam der HSV, er drückte, er zeigte Biss, er wollte das Spiel drehen. Und fast wäre es in der 53. Minute auch gelungen: Eckstoß Elia, Kopfball David Rozehnal (über 90 Minuten gesehen eine ganz, ganz starke Vorstellung von ihm) aus sechs Metern an die Querlatte. Das war Pech. Und drei Minuten später? Jansen frei vor Lenz, doch der Schuss des Nationalspielers wird gehalten, weil er genau auf Mann geht. Und beim Nachschuss schießt Elia, der nun etwas aktiver unterwegs war, den vor ihm stehenden Jansen an – Abstoß statt 1:1. Bitter.

Es spielte nur noch eine Mannschaft: der HSV. Doch das Tor wollte und wollte nicht fallen. In der 66. Minute lag die Kugel zwar im Netz der Wolfsburger, aber Jansen hatte bei der Flanke von Jerome Boateng einen kleinen Hauch im Abseits gestanden. Wieder nichts. Am Rande verzweifelte und haderte Bruno Labbadia, der immer wieder mit den Armen durch die Luft ruderte.

Dann der Griff nach dem Strohhalm, Labbadias Dreifach-Wechsel: Kapitän David Jarolim, Berg und Boateng raus, Trochowski, Jonathan Pitroipa und Guy Demel rein. Boateng musste raus, weil er ganz offensichtlich unter Krämpfen litt. Unter Krämpfen! Die Aufholjagd hatte Kraft gekostet.

Aber sie ging auch weiter. Wenn auch mit wenig probaten Mitteln. Die nördlichen Fans hinter dem Wolfsburg-Tor gaben alles, aber es half nichts. Und das gegen eine VfL-Mannschaft, die in der zweiten Halbzeit kein Bein mehr an die Erde brachte, die nur noch darauf bedacht war, das Ergebnis über die Runden zu bringen. Auch deshalb, weil Josue einen Kopfball von Demel von der Torlinie kratzte. Es gibt solche Tage . . .

Immerhin hatte der Fußball-Gott noch in der 92. Minute ein Einsehen. Und mir fiel danach das Plakat ein, das im Norden ganz unten rechts hing. Neben den HSV-Fans aus Undeloh standen da nur zwei Worte: „Jesus heilt.“ Vielleicht ja auch alle Wunden, die es nach diesem verpassten Sieg wieder bei so manchem HSV-Fan gegeben hat.

22.37 Uhr

Vor dem Wolfsburg-Spiel

29. Januar 2010

Das Spiel gegen Wolfsburg ist nicht gefährdet. Sagt der HSV. Und auch Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, mit dem ich deswegen eben gerade telefoniert habe. Allerdings könnte es wohl große Probleme bei der Anfahrt geben. Öffentliche Verkehrsmittel? Wäre wohl ratsam. Obwohl Shuttle-Busse diesmal nur ab Stellingen fahren. Trotzdem wohl die etwas angenehmere Variante. Am Vormittag kam der HSV noch mühelos zum Anschwitzen. So wird das leichte Training am Spieltag genannt. Mit von der Partie war auch Guy Demel, aber mein Eindruck bleibt bestehen: Ich glaube nicht, dass der Ivorer von Beginn an spielen wird.

Eventuell auch eine ganz, ganz kleine erzieherische Maßnahme? Kann ich nur vermuten, möchte ich aber dem Trainer nicht unterstellen, aber: Eigentlich sollte Demel ja schon einen Tag vorher, nämlich am Mittwoch, vom Afrika-Cup in Hamburg eingeschwebt sein, aber wie das Leben mit den Fliegern so spielt, der gute Guy blieb in der Heimat hängen. Warum auch immer? Als ich von diesem „Hängenbleiben“ hörte, dachte ich sofort an Tomas Rincon. Der Kämpfer vor dem Herrn flog im Januar aus Südamerika ins Trainingslager nach Belek, war über einen Tag lang unterwegs, enterte nachts gegen ein Uhr sein Hotelzimmer – und stand am Morgen darauf pünktlich um 7.45 Uhr auf der Matte, als es die erste Einheit gab. Und bei den beiden folgenden Einheiten auf dem Rasen marschierte Rincon immer vorne weg. Vorbildlich nenne ich das.

Wenn also Demel nur auf der Bank sitzt, dann bleibt es auch bei der Abwehr, die sich gegen Dortmund versuchen durfte. Was mich nicht stören würde. Störend finde ich es eher, wie sehr der gute David Rozehnal hier bei „Matz ab“ immer von „seinen“ HSV-Fans runter geputzt wird. Das ist echt schade, denn ich sah den Tschechen gegen den BVB nicht so schlecht, wie hier einige nun schreiben. Und wenn Ihr einmal darauf achtet (auch heue gegen Wolfsburg): An Rozehnal bleibt es meistens hängen, den Ball nach vorne zu befördern (ins Niemandsland), denn Joris Mathijsen hat es sich ein wenig angewöhnt, die Pille schnell noch einmal nach rechts zu befördern, damit Rozehnal die Kugel nach vorne schlagen darf, kann oder muss. Und dass die Pille in Dortmund niemals einen vorne postierten HSV-Profi fand, das lag nicht unbedingt (nur) an Rozehnal, denn allgemein kam doch jeder Ball postwendend in die Hamburger Hälfte zurück, egal wer ihn auch nach vorne beförderte.

Wobei ich zum zweiten Sorgenkind komme: Piotr Trochowski. Ich habe es unmittelbar nach der 0:1-Niederlage schon geschrieben, ich stehe nach wie vor dazu: „Troche“ begann gut, hielt als einer der wenigen Hamburger die Kugel in den eigenen Reihen, bevor er restlos unterging. Das ging ihm aber nicht alleine so, mit ihm tauchten auch (fast) alle anderen Kollegen ab. Zwei Ausnahmen möchte ich schnell noch einmal nennen: Rincon, dem fußballerisch auch nicht viel gelang, war der einzige Hamburger, der „kloppte“ und richtig schön dagegen hielt. Und der eingewechselte Marcus Berg bot ebenfalls eine sehr engagierte Leistung.

Auf eine solche Benotung, das weiß ich, hoffen viele von Euch, wenn es um Trochowski geht. Er schafft es im Moment nicht, noch nicht, über seinen Schatten zu springen. Obwohl ich ihm bescheinigen muss, dass er mir im türkischen Trainingslager den Eindruck vermittelt hatte, dass er begriffen hat, was alle (Fans, Kollegen, Trainer) von ihm erwarten. Aber es ist wohl im Moment noch so, dass er ebenfalls untergeht, wenn alle um ihn herum ums Überleben kämpfen. Übrigens: In Belek machte auch Rozehnal auf mich den Eindruck, als ginge es mit ihm steil bergauf. Und zu ihm und zum Dortmund-Spiel noch einmal ganz, ganz kurz zurück: Er hatte gewiss nicht die schlechtesten Zweikampfwerte der Hamburger Defensive . . .

Auf die hier gestellte Frage, wie sich Piotr Trochowski im Training bewegt, kann ich nur antworten: Nicht schlechter als seine Kollegen. „Troche“ fällt auf jeden Fall nie ab – wie zum Beispiel Mickael Tavares zuletzt. Und im Gegenteil: Liegt Trochowski in einer Pause (oder zum Beispiel beim Warmlaufen) ein Ball im Wege, so beginnt er sofort, Kunststücke damit zu machen, oder auch nur einen Torschuss zu wagen. Das zeugt von seiner Spiellust, die er zweifellos immer noch hat. Ginge es nur nach meinen Trainingseindrücken, müsste Piotr Trochowski eigentlich immer spiele. Ob er aber gegen Wolfsburg von Beginn an auflaufen wird? Ich würde ihn bringen, aber ich kann noch nicht in Bruno Labbadia hinein blicken. Auf einem schneebedeckten Boden wie heute allerdings würde ich ihn schon tanzen lassen, keine Frage.

Ich würde auch Eljero Elia neben Mladen Petric im Angriff bringen. Obwohl der Niederländer nach seiner Einwechslung in Dortmund schon einigen „Mist“ produziert hatte. Zu viele Dribblings, zuviel mit dem Kopf durch die Wand, zuviel Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Da war viel Brotloses im Spiel der Rakete, der es aber zum Beispiel gegen Werder Bremen (auf Schnee) gezeigt hat, wie wertvoll er sein kann, wenn er zu seinem Spiel findet. Sein Spiel: Ein, zwei Raum schaffende Dribblings, abspielen und abgehen wie Schmitz Katze, den Ball wieder fordern – so ist er mir am wertvollsten.

Ich bin gespannt, zu welcher Aufstellung sich Bruno Labbadia durchringen wird. Und ich wünsche allen, ob in der Arena oder vor dem Fernseher, viel Spaß. Und natürlich auch jenen HSV-Fans, die vor dem Radio sitzen werden. Wobei ich schnell noch eine Frage beantworten möchte, nämlich die, nach dem Werbepartner NDR 2. Ob der nicht ein wenig zu wenig machen würde? Ich habe mit HSV-Vorstand Katja Kraus gesprochen, die ehemalige Nationaltorhüterin sagt ganz klar: „Es ist alles bestens: Wir haben eine gute Präsenz im Programm, die Zusammenarbeit ist bestens.“ Sehe ich auch so. Dass in der Woche nicht viel läuft, ist logisch, der NDR hat ja nicht nur „seinen HSV“, sondern viele andere Dinge zu berücksichtigen. Ich liebe zum Beispiel die Bundesliga-Konferenz am Sonnabend, auch die Sendung am Sonntag – es gibt nichts Besseres. Und, so ganz nebenbei, auf NDR 90,3 sind ebenfalls ganz emsige Menschen am Werk (meine Nummer eins: Lars Pegelow), das wird doch praktisch jeden Tag über den HSV berichtet oder gesprochen – und 90,3 Ist ja auch ein „bisschen“ NDR. Oder täusche ich mich da, Ihr Damen und Herren in der Rothenbaumchaussee?

Und wo wir gerade beim Thema sind. Der NDR berichtet heute aus dem Volkspark wie folgt: NDR 2 wird ausführlich live vom Spiel HSV gegen Wolfsburg berichten. Reporter ist Rolf Rainer Gecks. Eine komplette Reportage der zweiten Halbzeit gibt es bei NDR Info Spezial im Webradio (http://www.ndrinfo.de/livestream152.html) und auf der Mittelwelle. Reporter sind Jan Didjurgeit und Alexander Bleick. Ja, das ist doch ein Service, oder?

Schnell noch zum Gewinnspiel. Ja, die Geister, die dort gerufen wurden . . . Es sollte ja schwerer werden, dieses Gewinnspiel, aber es ist offenbar zu schwer, denn es gab keine zwei richtigen Antworten. Die Spiele von Andre Breitenreiter haben sie alle gewusst, aber nicht, wer der ominöse Stürmer ist, der einst für Wolfsburg, den HSV und den 1. SC Norderstedt gespielt hat. Der Mann heißt Jens Fischer, gelegentlich auch Jens-Peter Fischer gerufen, stammt aus Tangstedt bei Hamburg und hat sogar im Europapokal für den HSV gespielt. Trotzdem wurde das Trikot und wurden die Karten an die Männer gebracht: Das Trikot erhielt Manfred Mahneke aus Uelzen, die Karten Philipp Reuß aus Hamburg. Herzliche Glückwünsche. Und das nächste Gewinnspiel, es steht schon bei “Matz ab”, wird leichter, versprochen.

17.13 Uhr

Kleine Ergänzung: Der frühere HSV-Kapitän Thomas von Heesen ist soeben als Trainer von Apollon Limassol (Zypern) entlassen worden.

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