Tagesarchiv für den 26. Januar 2010

Van Nistelrooy als Joker

26. Januar 2010

Ruud van Nistelrooy ließ sich nicht sehen. Viele Fans warteten vor der Arena auf den neuen HSV-Star, auch etliche Medienvertreter standen sich die Beine in den Bauch, aber „Van the man“ blieb in den Katakomben. Er fuhr Fahrrad, ging im Kraftraum an die Maschinen, er lief auf dem Laufbahn und er ließ sich von den Physiotherapeuten behandeln. Draußen, auf dem halbgefrorenen Rasen, ackerten derweil seine neuen Kollegen. Für das Wolfsburg-Spiel am Freitag, das nun schwer genug werden wird, nach dem Rausschmiss von Armin Veh. Und besonders nach der schlimmen HSV-Vorstellung von Dortmund. Die Mannschaft kann sich ja glücklich schätzen, dass van Nistelrooy in dieser Woche „dazwischen gekommen ist“, denn sonst hätte es bis zum Freitag ja bitterböse Kritik gehagelt. So aber spricht alle Welt nur von Ruud van Nistelrooy – und der HSV kann sich bis Freitag um 20.30 Uhr überlegen, wie er die katastrophale Vorstellung gegen den BVB wieder vergessen machen kann. Was heißt kann? Muss!

Ob sich dabei das Thema „van Nistelrooy“ negativ bemerkbar machen wird, bleibt abzuwarten. Zu hoffen ist es nicht, da der „Neue“ zunächst einmal ja auch nicht zur Disposition steht. Der Niederländer wird in dieser Woche überwiegend in der Arena arbeiten, er wird seine Läufe auch aus Gründen der Vorsicht nicht im vereisten Volkspark absolvieren, sondern weiter auf dem Laufband. Und ob er dann eine Woche nach dem Wolfsburg-Spiel schon im Kader für die Auswärtspartie beim 1. FC Köln (6. Februar) stehen wird, stehen kann, das steht in den Sternen.

Für mich ist das ja bei diesem Sensations-Transfer die ganz entscheidende Frage. Und die habe ich Bruno Labbadia gestellt: „Was macht den HSV eigentlich so optimistisch, dass Ruud van Nistelrooy, der seit über einem Jahr kaum noch Spiele für Real Madrid absolviert, absolvieren konnte, beim HSV nun plötzlich gesundet und wieder voll da ist? Gibt es hier ein besonderes Heil-Klima? Gibt es beim HSV einen Mann, der durchs Handauflegen heilen kann?“ Um es schnell einmal einzufügen: Niemand in Hamburg wird etwas dagegen haben, dass van Nistelrooy so plötzlich gesund und fit wird, niemand. Auch ich natürlich nicht. Im Gegenteil, ich würde mich für ihn, für den HSV, für die Fans und für meine Kollegen riesig freuen, wenn er plötzlich wie Phönix aus der Asche käme. Riesig würde ich mich freuen.

Aber zurück zu meiner Kardinalfrage. Die Bruno Labbadia auch beantwortete: „Ich kann nicht sagen, was und wie das bei Real lief mit ihm, er stand da ja oft auf dem Sprung, und dann kamen verschiedene Sachen dazwischen – wie zum Beispiel auch eine Mandelentzündung. Das will ich gar nicht beurteilen, da muss man auch ganz vorsichtig sein.“ Der HSV-Trainer weiter: „Wir haben Ruud nicht für ein halbes Jahr geholt, sondern für eineinhalb Jahre, wir wissen, dass es auch eine gewisse Zeit dauern kann, aber wir werden nicht in Hektik verfallen. Wenn wir eine Woche länger brauchen, dann brauchen wir die eben. Drängen werden wir ihn nicht, verheizen werden wir ihn auch nicht.“ Dann wiederholt Labbadia noch einmal, was er schon vor einigen Tagen gesagt hat: „Es hätte auch passieren können, dass wir keinen Spieler mehr geholt hätten, nun haben wir ihn, und ich nenne ihn, es mag ein wenig blöde klingen, aber ich nenne ihn unseren Joker.“

Klingt aber auch, Bruno Labbadia möge mir verzeihen, wie eine Art Wundertüte. Entweder „funktioniert“ van Nistelrooy in den nächsten Wochen, oder er „funktioniert“ erst in der nächsten Saison. Labbadia: „Wir hatten schon vor seiner Verpflichtung eine gute Mannschaft, und dieser guten Mannschaft vertrauen wir auch weiterhin, sie hat uns bis zur Winterpause auf Platz vier geführt.“ Dann sagt der HSV-Coach auch noch: „Wir gehen sehr klar mit dieser Sache um, und ich gehe damit doch am sachlichsten mit um. Natürlich gibt es da ein Risiko, aber die Chance ist auch groß, dass es funktioniert, dass uns van Nistelrooy weiterhilft – und verlieren tun wir dadurch nichts. Das muss man ganz klar sagen, denn wir hätten ohne ihn wohl nichts gemacht.“ Dann fügt Labbadia noch einen entscheidenden Satz hinzu: „Wenn uns van Nistelrooy ab Mitte der Rückrunde weiterhelfen könnte, wären wir zufrieden.“

Die Fans wären also klug beraten, nicht auf Soforthilfe des Star-Einkaufs zu hoffen. Geduld ist nun die erste Bürgerpflicht, jedenfalls der HSV-Anhänger. Und gleichzeitig sollten alle die Daumen drücken. Nie zuvor habe ich beim Training – unter den Kiebitzen – so oft den Namen Juan Pablo Sorin gehört. Noch nie. Aber vielleicht kommen ja auch überwiegend die Skeptiker zum Training an der Arena?

Wobei es nicht wenige unter ihnen gibt, die voraussagen, dass van Nistelrooy in der Rückrunde mehr Spiele machen wird, als Paolo Guerrero. Dem trauen die meisten Fans nämlich kein einziges Spiel mehr zu. Was nicht damit in Zusammenhang gebracht wird, dass der Peruaner nun unter großer, nein größter Flugangst leidet, sondern eher immer noch mit der Schwere seines doppelten Kreuzbandrisses. Dass die Flugangst nun so plötzlich ein Thema wurde, mag für die Fans überraschend sein, für die Hamburger Medienvertreter ist es das nicht. Im Interesse des Spielers wurde dort seit Wochen geschwiegen. Nur weil es in Peru ein öffentliches Thema wurde, gab es nun auch in Hamburg diese Berichterstattung.

Labbadia ist nicht erfreut über diese Entwicklung und sagt: „Ich hätte mir gewünscht, dass wir dieses Thema aus der Öffentlichkeit hätten heraushalten können, leider ist es nun aber anders gelaufen – was nicht an den Hamburgern lag, ganz klar.“ Dann schildert der Coach die Situation aus seiner Sicht: „Wir haben alles erdenkliche versucht, ihm zu helfen, haben sogar Marinus Bester nach Peru geschickt, und jetzt werden wir abwarten. Wenn Paolo es nicht schafft, zu fliegen, dann werden wir die nächsten Schritte tun. Dann werden wir ihm professionelle Hilfe schicken, Leute, die sich auskennen, die ihm die Flugangst nehmen können.“

Auch in diesem Fall will der Trainer nichts von einem gewissen Druck wissen, unter dem Guerrero zu leiden hätte: „Wir haben bewusst versucht, den Druck herauszunehmen, wir haben nicht gesagt, dass er nun unbedingt kommen muss. Weil wir auch durch das Ereignis im vergangenen Jahr gewarnt sein müssen, dass wir damit vorsichtig umgehen müssen. Wir werden Kontakt zu ihm halten.“ Mit dem Ereignis im vergangenen Jahr meinte Labbadia den Freitod Robert Enkes. Leidet Paolo Guerrero auch unter Depressionen? Der HSV-Coach vehement: „Nein, nein, nein, nein, überhaupt nicht, um Gottes Willen, das wollte ich damit nicht gesagt haben. Wir können nur auf der einen Seite so tun, als würde die Welt still stehen, und auf der anderen Seite so tun, als sei alles in bester Ordnung. Wir müssen uns Gedanken machen, dass es Dinge gibt, die wir nicht einschätzen können – aber da gibt es nichts von Depressionen. Paolo geht es gut, das berichtete auch Marinus Bester, der mit ihm ja einige Zeit in der Familie Guerrero gelebt hat.“

Dass der HSV jetzt schon eine gewisse Zeit verloren hat, in der Paolo Guerrero nicht so trainiert hat, wie es in der Reha in Hamburg der Fall gewesen wäre, ist eindeutig, aber auch das nimmt der Klub hin. Die Flugängste zu beheben, das geht eindeutig vor. Auch die vertraglichen Dinge spielen im Moment keine Rolle. Labbadia: „Jetzt ist primär nur ein Thema wichtig, und dann kommen die anderen. Wenn er wieder in Hamburg ist, werden wir uns mit ihm an einen Tisch setzen und alles bereden.“

Kurz noch zum Training. Am Rande liefen Bastian Reinhardt, Maximilian Beister und Hanno Behrens, die leicht verletzt sind. Und die gesunden Profis absolvierten erst einen Zirkel, danach mussten sie Pässe in jeder Form (über sechs, sieben Meter) üben. Die Einheit wurde von Co-Trainer Eddy Sözer geleitet.

15.04 Uhr