Tagesarchiv für den 23. Januar 2010

Aogos Fehler entschied

23. Januar 2010

Gerissen. Die gute Auswärtsbilanz des HSV hat beim Gastspiel in Dortmund ihre erste negative Kerbe erhalten. Bei der 0:1-Niederlage gegen die lange Zeit deutlich besseren Borussen wachte der HSV viel zu spät auf, um noch etwas holen zu können. Erst als Bruno Labbadia gegen Schluss alles auf eine Karte setzte und die gesamte Offensive einwechselte, kam der HSV noch ein wenig besser ins Spiel, aber zuvor waren die Hamburger über eine Stunde lang hoffnungslos unterlegen gewesen. Schade, der HSV hätte durch das 2:2 der Schalker in Bochum Boden in Richtung Spitze gut machen können, doch an diesem Abend fand er in einem besseren Gegner seinen Meister. Dortmund zog mit diesem Sieg am HSV vorbei.

Es ging in Halbzeit eins gegen die gefürchtete schwarz-gelbe Wand, aber war das der Grund dafür, dass Dortmund so überlegen war? Und dass der HSV kein Bein an die Erde bekam? Der Rasen glich dem in Hamburg, von daher hätte es sogar ein Heimspiel werden können, aber sah es in den ersten Minuten noch so aus, als könne der HSV mithalten, so geriet er mit zunehmender Spieldauer immer mehr unter Druck. Die Borussen liefen nach einer Viertelstunde wie die Hasen, die Hamburger wie die Angsthasen immer nur hinterher. Da war nichts von Selbstvertrauen zu erkennen, obwohl der HSV doch auswärts noch ungeschlagen war.

Bruno Labbadia hat Mut bewiesen, indem er Tunay Torun, der in dieser Woche nicht so gut trainiert hatte, in der Mannschaft ließ. Auf der Bank saß Eljero Elia, der nur unregelmäßig trainiert hatte, weil er in der Woche zuvor umgeknickt war.

Woran das Spiel des HSV krankte? Das begann schon mit dem Aufbau. Da gab es meistens nur lange Dinger, die immer bei Schwarz-Gelb landeten. Grausam. Auffällig dabei: Joris Mathijsen, der einen schwachen Tag erwischt hatte, war offensichtlich bemüht, keinen weiten Ball nach vorne zu befördern, das überließ er meistens seinem Nebenmann David Rozehnal, dem er den Ball immer von links nach rechts in die Füße schob. Und der Tscheche war es dann, der die Dortmunder bediente. Der Wahnsinn hatte Methode. Anfangs hatte Jerome Boateng noch den einen oder anderen Ball gehabt, der bei einem Hamburger Fuß landete, aber mit dieser Herrlichkeit war auch spätestens nach einer halben Stunde Schluss.

Und links? Da war Dennis Aogo offensichtlich total überrascht davon, wie aggressiv die Dortmunder gegen ihn Forechecking spielten. Aogo wollte diese Attacken mit Lässigkeit abwehren, wurde dabei aber nur nachlässig. Der junge Mann ist 23 Jahre alt, hat gerade erfahren, dass er eine Chance hat, mit zur WM nach Südafrika zu fliegen, das könnte sich natürlich mental auf sein Spiel ausgewirkt haben. Statt auch aggressiv und konzentriert zu Werke zu gehen, versuchte er es spielerisch – und lag damit total daneben.

Es passte zu dieser total misslungenen Vorstellung, dass Dennis Aogo das Führungstor der Dortmunder mit einem katastrophalen Fehler begünstigte. Er legte den Ball mit dem rechten Fuß genau auf Valdez, der aus 16 Metern abzog – unhaltbar schlug die Kugel im Hamburger Tor ein (36.). Was für ein Fehler!

Der HSV ging in dieser Phase des Spiels total unter. Das war stellenweise eine Vorführung. Die Zweikampfwerte der Hamburger müssen am Boden gewesen sein, so schlecht lief es. Zudem waren die Borussen läuferisch wesentlich besser, ausdauernder und schneller. Und die vor einer Woche (gegen Freiburg) noch so gelobte linke HSV-Seite mit Aogo und Marcell Jansen fand diesmal über weite Strecken überhaupt nicht statt. So setzte sich das an diesem Tage lange Zeit überhaupt nicht passende HSV-Puzzle negativ fort: Jeder nach vorn gespielte Ball kam postwendend zurück, in der Offensive fand der HSV einfach nicht statt.

Was natürlich auch daran lag, dass der HSV im Mittelfeld hoffnungslos unterlegen war. Dort hielt niemand die Bälle (anfangs noch Piotr Trochowski, aber er ging dann schnell mit unter), alle liefen sie wie die aufgescheuchten Hühner über den nicht vorhandenen Rasen. Jeder war nur mit sich selbst beschäftigt, war darum bemüht, sein Spiel zu ordnen oder zu finden – vergeblich. Es fehlte ein Mann, der die Fäden in die Hand nimmt, der Tacheles redet, der mitreißen könnte, an dem sich die Kollegen hätten aufrichten können. Aber an diesem Tag gab es den nicht. Und, das muss festgehalten werden: So miserabel lief es in diesem Mannschaftsteil in dieser Saison noch nie – eventuell im ersten Spiel in Freiburg.

Zur zweiten Halbzeit erschien der HSV erneut mit Torun. Ich hatte, um ehrlich zu sein, schon zu diesem Zeitpunkt auf Elia gehofft. Aber immerhin: Torun hatte die erste HSV-Möglichkeit, nachdem Jansen im BVB-Strafraum einen Ball gegen Owomoyela erobert hatte. Tunay Torun aber kam nur mit der Stiefelspitze an die Kugel, Ziegler hielt mühelos.

In der 60. Minute gab es dann den längst fälligen Wechsel. Doppelt sogar. Marcus Berg und Elia kamen für Trochowski und Torun. Es wurde besser, der HSV witterte Morgenluft, merkte, dass auch diese vor Selbstbewusstsein strotzenden Dortmunder durchaus verwundbar sind. Berg hätte das 1:1 erzielen können, doch Ziegler zeigte sich in der 67. Minute von seiner besten Seite, er lenkte den aus fünf Metern geschossenen Ball mit einem Super-Reflex zur Ecke.

Zum Schluss lief dem HSV die Zeit davon. Er drückte, er war bemüht, aber dieser Spurt kam zu spät. Auch deshalb, weil der letzte Pass oft nicht genau genug gespielt wurde.

Ein Blick noch auf die Standards. Ich war beeindruckt, dass bei den Borussen jeder, wirklich jeder Freistoß in irgendeiner Form gefährlich für den HSV wurde. So müssen die Bälle geschlagen werden. Und ich kann nur hoffen, dass der HSV dazu auch eines Tages in der Lage sein wird.

Ein Wort noch zu Manuel Gräfe. Der Schiedsrichter war sichtlich darum bemüht, dem HSV keine Wiedergutmachung widerfahren zu lassen. Ihr erinnert Euch? Am 28. November hatte der Berliner Unparteiische das Spiel in Mainz gepfiffen, bei dem der 05-Abwehrspieler Noveski die HSV-Rakete Elia ganz böse umgetreten hatte. Ist ja auch okay, wenn ein Schiedsrichter die alten Geschichten ruhen lässt, aber dann das: Boateng begeht sein erstes Foul – und Gräfe zieht sofort Gelb (60.). Als Boateng nur vier Minuten von Breitkreutz von den Beinen geholt wird, schweigt die Pfeife. Aber wieso? Ungerechter kann ein 23. Mann nicht sein, das sage ich bewusst. Und das hat auch nichts mit der rosaroten HSV-Brille zu tun, diese beiden Szenen waren Tatsache. Und so etwas ärgert mich ganz einfach, und zwar gewaltig. Hat vielleicht auch etwas mit der Art eines Heim-Schiedsrichters zu tun . . . Obwohl ich auch gleich anmerken muss: An Gräfe hat es ganz sicher nicht gelegen, dass der HSV so schlecht auftrat.

Was mir gefiel: Die Hamburger Fans waren natürlich hoffnungslos in der Minderheit, sie sahen zudem ein schlechtes Spiel ihrer Lieblinge – aber sie mühten sich nach Kräften. Sie feuerten den HSV immer wieder an, zeitweise waren sie sogar lauter als die BVB-Fans, das war wirklich prima.

PS: Vielleicht hattet Ihr erwartet, dass es vor dem Spiel in Dortmund noch einen kleinen Bericht geben würde. Ich habe lange mit mir gekämpft, aber ich wollte diese ganze Van-Nistelrooy-Geschichte noch einmal so richtig sacken lassen. Für ich wie für Euch immer noch Wahnsinn, das gebe ich zu, vor allem, wie das alles gelaufen ist. Ich hoffe, dass ich – ganz in Eurem Sinne – „Eiche Nogly“ und „Jacek Dembinski“ genügend gewürdigt habe, es erschien ja auch ein kleiner Artikel in der HA-Print-Ausgabe. Sie haben es sich verdient. Die Häme und die vielen schlimmen Kommentare, die es dann gegeben hätte, wenn die Sache doch noch gescheitert wäre, hätte ich nicht lesen mögen.

So dicht liegen Vernichtung und Jubel beieinander. Denkt bitte noch einmal an Vagner Love zurück (mit dem Geplänkel von Guy Demel und dem FC Sunderland). Auch da waren User von „Matz ab“ ganz, ganz weit vorn, warum es letztlich dann doch nicht klappte, das wissen wir hier in Hamburg ja gar nicht mal ganz genau – aber Häme gab es auch nach diesem geplatzten Transfer schon genügend.

Und wie die Lage in unserem Berufsstand ist, habt Ihr daran erkennen können, wer sich an dieser Geschichte alles mit Ruhm bekleckert hat. Sie hatten alle – selbstverständlich – seit Tagen recherchiert, sie wussten alle schon seit Tagen ganz genau, was da läuft, sie hatten es nur nicht geschrieben. . .

Ihr könnt an diesem Musterbeispiel sehen, mit welchen Haien in diesem Job zu kämpfen ist. Mir taten vor allem „Jacek“ und „Eiche“ leid, denn die wussten doch schon eineinhalb Tage eher (!), was da hinter den Kulissen läuft, aber im Interesse des HSV haben sie es nicht veröffentlicht, weil der Deal sonst vielleicht doch noch geplatzt wäre. Vielen Dank auch für diese Geduld, ihr beiden „Vorbild-Matz-abber“, vielleicht wird es ja auch noch eines Tages vom HSV honoriert. Mit einem Van-Nistelrooy-Trikot? Das hätte doch was!

20.30 Uhr