Tagesarchiv für den 18. Januar 2010

Was wird aus Boateng?

18. Januar 2010

Die Herren von der Polizei verpassten das Beste. Beim heutigen Training der Profis neben der Nordbank-Arena kam die Gaudi zuletzt. Trainer Bruno Labbadia bat seine Spieler zum Händchenhalten. Kein Witz: Auf einem etwa 40 Meter langen und 25 Meter breiten Feld spielte Alt gegen Jung. Im Pärchenstil. In Paaren mussten die Profis auf Torejagd gehen, Hand in Hand, ohne Torhüter (Frank Rost bildete mit Mladen Petric ein ziemlich offensiv ausgerichtetes Duo). Was in den Startsequenzen des Zehnminutenspiels noch ziemlich schwer anlief, entpuppte sich alsbald als amüsante und leidenschaftliche Zielarbeit der „jungen Wilden“. Je höher die mit vielen Nachwuchskräften gespickte Truppe in Führung ging, desto lauter johlten Tunay Torun und Tolgay Arslan nach ihren Treffern gegen das Abwehr-Paar Joris Mathijsen/Dennis Aogo (ja, der gehörte wirklich schon zu den Alten). Zu diesem Zeitpunkt waren die vier Polizisten, die den Beginn der Trainingseinheit aufmerksam verfolgt hatten, bereits wieder als „Freund und Helfer“ unterwegs. Pech gehabt.

So bekamen die Ordnungshüter auch nicht mit, dass das Fehlen von Marcell Jansen und Eljero Elia bei dieser montäglichen Einheit auch keine größeren Sorgenfalten verursachen muss. Jansen hat – genau wie ich – eine leichte Grippe oder zumindest die Symptome einer deftigen Erkältung und muss daher vorsichtshalber pausieren, Elia ist nach seiner Knöchelverletzung immer noch nicht soweit. Ich persönlich glaube ja auch nicht, dass das bis zum Dortmund-Spiel am Sonnabend etwas mit ihm wird.

Dafür, und das steht fest, wird Jerome Boateng nach seiner Sperre wieder dabei sein. Ob Trainer Bruno Labbadia wohl einen Kloß im Hals hatte, als der Nationalspieler beim Pärchen-Spiel nach knapp einer Minute und einem unglücklichen Zusammenprall mit Mathijsen zu Boden sank und sich an den Fuß fasste? Wenn Boateng jetzt auch noch verletzt gewesen wäre, hätte der Coach wohl jeglichen Glauben an Gerichtigkeit im Fußball endgültig verloren. Aber Boateng rappelte sich nach kurzer Pause wieder auf und übernahm bei den Jungen die Regie. „Rüüüücckwärts“, kommandierte er. „Tolgay, mach mal einen rein“, forderte er von Arslan nach zwei vergebenen Großchancen.

Labbadia merkt wie jeder aufmerksame Trainingsbeobachter, dass Boateng derzeit einen enormen Entwicklungsschritt innerhalb dieser Mannschaft macht. Er hat sich vom jungen, übereifrigen und oft beratungsresistenten Mitläufer zum angehenden Führungsspieler gemausert. Der „Ja-aber-Typ“ wird, so wirkt es jedenfalls auf mich, langsam reif.

Das ist natürlich auch der Konkurrenz nicht verborgen geblieben. Vom angeblichen Bayern-Interesse an dem Innenverteidiger, der meines Erachtens eine feste Größe bei der WM sein wird, haben ja mittlerweile alle gehört. Und daran ändert auch die festgeschriebene Ablöse von rund zwölf Millionen Euro nichts. Was mich aber viel mehr beunruhigt, ist der Umstand, dass ich am Wochenende von meinen zuverlässigsten Quellen erfahren habe, dass Boateng ganz, ganz oben auf dem Wunschzettel von Arsene Wenger stehen soll. Arsenal London – das ist noch einmal eine Fußballetage höher als der FCB.

Nun ist Bruno Labbadia ja kein Schnarchsack. Und da auch dem Trainer die Entwicklung seines Abwehrmannes und die gestiegene Nachfrage nicht entgangen sind, hat er sich kürzlich in einem persönlichen Gespräch mit Boateng über dessen Zukunft unterhalten. Labbadia hat dem Nationalspieler seine Vision des HSV erläutert und auch die Rolle umrissen, die er dabei für den Defensivmann vorgesehen hat. Nun erklärt Labbadia, er habe einen guten Eindruck auch von Boatengs Einschätzung gewonnen und habe ein recht gutes Gefühl, was eine Vertragsverlängerung betrifft.

Ihr könnt mir glauben, dass ich mir nichts sehnlicher wünschen würde als eine kurzfristige Vertragsverlängerung mit Boateng. Gegen eine entsprechende Gehaltserhöhung wäre Boateng mit Sicherheit auch bereit, die festgeschriebene Ablöse um einiges aufzustocken – wie wäre es mit einer Verdopplung? Und wenn Arsenal dann zugreift, bitteschön, dann müssen sich Fans und Verantwortliche eben mit der Suche nach einem Nachfolger abfinden. Nur die dürfte für mehr als 20 Millionen Euro entsprechend leichter fallen.

Nicht, dass Ihr mich missversteht. Geld ist nicht alles. Und ich persönlich hielte einen Wechsel Boatengs jetzt oder im Sommer unabhängig vom WM-Verlauf für verfrüht. „Boa“ muss erst einmal seine neue Position im Team (in Sachen Hierarchie) festigen und über einen längeren Zeitraum beweisen, dass er den damit verbundenen Anforderungen auch gewachsen ist. Und dazu reichen sechs Monate meiner Meinung nach nicht aus. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Jerome Boateng gut mit der Situation umgehen könnte, wenn er beispielsweise zu Arsenal gehen würde und dort erst einmal vier Monate lang auf der Bank säße, ohne eine einzige Spielminute. Beim HSV weiß er, was er hat. Und das ist auch in der heutigen, sehr schnelllebigen Zeit nicht unterzubewerten. Ich bin mal gespannt, was Ihr dazu sagt.

17:10 Uhr