Tagesarchiv für den 17. Januar 2010

Labbadias großer Auftritt

17. Januar 2010

Das hat es wohl noch nie gegeben, dass ein HSV-Trainer „in die Bütt geht“ und die Veranstaltung rettet. Geschehen am Sonntag im CCH. Weil der Aufsichtsrat bei der Mitgliederversammlung unter Dauerbeschuss stand, betrat Bruno Labbadia die Bühne und sprach sich für AR-Boss, die Räte und die bislang geleistete Arbeit aus. „Wenn von zehn Punkten acht gut sind, dann sollte man sich nicht die Dinge rauspicken, die nicht so gut gelaufen sind“, sagte der Trainer. Ein mutiger Auftritt, ein starker Auftritt, und ein Auftritt, der dem HSV an diesem Sonntag half und auch für die Zukunft helfen könnte. Kehrt nun wieder Ruhe ein?

Bruno Labbadia sagte bei seinem Auftritt: „Ich kann die HSV-Mitglieder nur auffordern, den handelnden Personen Vertrauen zu schenken.“ Und der Trainer aufklärend weiter: „Der HSV ist nicht führungslos, es wird hier immer strategisch gedacht, es gibt kein Vakuum. Wir sollten dem Aufsichtsrat Zeit geben, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Viel Beifall erhielt der Coach, als er zu seiner Person befand: „Ich möchte noch sehr lange für den HSV tätig sein, mein Ziel ist es, den Klub dauerhaft unter die ersten drei Vereine der Bundesliga zu führen.“

Zuvor gab es allerdings schon herbe Kritik von einigen HSV-Mitgliedern, die Stimmung im Saal war nicht gerade gut zu nennen. „Herr Becker, Sie haben versagt.“ So und so ähnlich wurde der Aufsichtsrat-Chef Horst Becker kritisiert. Es ging hoch her, vor allen Dingen beim Thema „Sportchef-Suche“, das den Klub nun bereits über ein halbes Jahr beschäftigt. „Wir sind uns im Aufsichtsrat einig, dass wir zusätzliche sportliche Kompetenz benötigen, wollen aber nicht einfach einen bekannten Namen verpflichten – wir wollen nicht die zweitbeste Lösung“, sagte Becker. Immerhin: Der Rat möchte, dass auch der zukünftige Sportchef wieder dem Vorstand angehören sollte. Becker: „Aber das hängt auch von der Persönlichkeit des neuen Managers ab.“

Es gab an diesem Sonntag aber auch viel Positives beim HSV. Wirtschaftlich kann der Klub auf sein erfolgreichstes Jahr der Vereinsgeschichte zurück blicken. Im Geschäftsjahr 2008/2009 wurde bei einem Rekordumsatz von 188,621 Millionen Euro ein Rekordgewinn von 13,4 Millionen Euro erzielt. „Der HSV ist wirtschaftlich hervorragend aufgestellt“, erklärte Klub-Chef Bernd Hoffmann mit Stolz in der Stimme.

Zumal es auch sportlich sehr gut läuft. Der Auftaktsieg im Jahr 2010 unterstreicht die Ambitionen des HSV, in Sachen Meisterschaft ein entscheidendes Wörtchen mitsprechen zu wollen. Der 2:0-Erfolg gegen den harmlosen SC Freiburg (für mich nach diesen 90 Minuten ein Abstiegskandidat) war unter den gegebenen Umständen ein Start nach Maß. Immerhin musste Labbadia auf zehn Spieler verzichten. Und dazu dann noch dieser katastrophale Rasen in der Arena. „Nach dem schnellen 0:1 war es uns klar, dass es bei diesen Verhältnissen schwer werden würde, diesem Spiel noch einmal eine Wende zu geben“, sagte Freiburgs Trainer Robin Dutt. Und Bruno Labbadia befand: „Wir haben uns trotz der Platzverhältnisse einige sehr gute Tormöglichkeiten herausspielen können.“

Der Rasen im Volkspark sorgte schon vor dem Anpfiff für Entsetzen bei allen Beteiligten – auch bei den Fans. Labbadia erklärte: „Auch wenn es jetzt ein wenig blöd klingt, aber ich muss meinen Platzwarten ein Kompliment machen. Was sie in dieser Woche geschafft haben, das war schon klasse. Der Rasen glich nach dem Bremen-Spiel im Dezember einer Kraterlandschaft, dass er jetzt so eben war, das ist schon stark gewesen – dass kein Rasen drauf war, das wussten wir vorher.“

Der Rasen sollte eigentlich schon vor dem Bremen-Spiel gewechselt werden, doch damals stand alles unter Wasser. Labbadia: „Und in der Winterpause gab es jeden Tag Bodenfrost, so dass wir dann nicht wechseln konnten. Wir hätten zwar Rasen aus Portugal holen können, das wäre aber ein sehr großes Risiko gewesen, weil: Der kostet erstens sehr viel, und zweitens ist die Strecke bis nach Hamburg zu weit, wir hätten Stücke im Rasen gehabt, die nicht angewachsen wären, die man merken würde – das war ein zu großes Risiko.“

Sobald der Frost aus dem Boden ist, soll der Rasen, oder das, was ein Rasen sein sollte, ausgewechselt werden. Der Trainer wusste bereits im Trainingslager in der Türkei um die Platzverhältnisse, hat seine Spieler – nach eigenem Bekunden – bereits in Belek darauf eingestellt (wie auch immer das gehen mag, ich wüsste es nicht!?) und lobte noch einmal: „Meine Mannschaft hatte auf diesem Boden eine richtig gute Einstellung gezeigt und hat auch richtig tollen Fußball geboten.“ Zumal es unter Fußballern ja allgemein heißt, dass es die Mannschaft, die angreifen und das Spiel machen muss, wesentlich schlechter hat als das Team, dass nur verteidigen und nicht um Schönheit bemüht sein muss.

Neben einem schlechten Spielfeld war beim HSV auch noch auffällig, wie gut sich die linke Seite entwickelt hat. Dennis Aogo, der mit 84 die meisten Ballkontakte aller Profis des Freiburg-Spiels hatte, und Marcell Jansen sind ein hervorragendes Paar geworden. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass beide so auch eines Tages in der Nationalmannschaft ein Tandem bildeten. Labbadia lobte dann auch: „Wenn mal einer gerade ausgepowert ist, dann kann der andere mal hinten aushelfen, da ergänzen sie sich schon sehr, sehr gut.“ Und Jansen schoss nun auch in seinem erst zehnten Einsatz der Saison schon sein viertes Tor – erneut ein sehr wichtiges. Jeder Jansen-Treffer ist auch ein Treffer für Joachim Löw und die WM in Südafrika.

Übrigens, ein kleiner Abstecher noch in Sachen Vereinswechsel: Bernd Hoffmann erklärte im CCH, dass dem HSV für Abwehrspieler Guy Demel kein Angebot eines englischen Klubs vorliegen würde: „Guy Demel ist also weiterhin ein Mitglied unserer Mannschaft.“ Da der FC Sunderland am Sonnabend gegen Chelsea mit 2:7 unterging, wissen die Engländer sicherlich, wo sie den Hebel anzusetzen haben. Und dementsprechend müssten sie nun in die Hufe kommen, also ein wenig mehr Geld in die Hand nehmen, um die Abwehr verstärken zu können. Aber, das muss ich auch einmal ganz deutlich sagen, die einst genannten zwei Millionen (und etwas), die mal im Raume standen, die sind einfach zu lächerlich. Wer hat diese Summer erfunden? Unfassbar! Für so dumm sind vielleicht andere Vereine zu halten, nicht aber der HSV. In meinen Augen geht da unter sechs Millionen gar nichts, eher würde ich diese Summe schon auf neun Millionen beziffern. Denkt bitte einmal an Nigel de Jong, was der dem HSV für Geld einbrachte. . . Nein, zwei Millionen sollten nie mehr erwähnt werden, die sind absolut indiskutabel.

17.04 Uhr