Tagesarchiv für den 14. Januar 2010

Uwe Seeler: “Champions-League-Platz”

14. Januar 2010

Er ist Hamburgs größter Fußballer aller Zeiten, er ist ein deutsches Fußball-Idol und ein Weltstar. Und es für mich immer wieder ein Freude, mit ihm ein Gespräch für Euch zu führen. Unmittelbar vor dem Rückrunden-Start sprach ich mit Uwe Seeler, der, daran erinnere ich immer sehr gerne, in 72 Länderspielen 43 Tore für Deutschland schoss, der in 270 Oberliga-Spielen 307 Treffer erzielte und der in der Bundesliga bei 239 Einsätzen 137 Treffer markieren konnte. „Uns Uwe“ hat noch viele weitere Höchstleistungen vollbracht, aber er ist vor allem stets ein Mann des Volkes geblieben, ein Star zum Anfassen, ein Mensch. Und er ist auch heute noch immer bei „seinem“ HSV, so oft er kann, auf jeden Fall bei jedem Heimspiel. Auch gegen Freiburg wird er wieder dabei sein.

Matz ab: Herr Seeler, wo wird der HSV Ihrer Meinung nach am Ende dieser Saison?

UWE SEELER: Er wird einen der ersten drei Plätze belegen, davon bin ich überzeugt. Ich hoffe auf die Champions Legaue, obwohl man noch vorsichtig sein muss, denn es kommt ja auch immer noch drauf an, ob man nun endlich mal vom Verletzungspech verschont bleibt. Spielt die Mannschaft mal mit Bestbesetzung durch, dann muss man mal so um die letzten vier, fünf Spiele sehen, ob es nicht doch eventuell noch für die Meisterschaft langen könnte. Aber daran sollte man wirklich noch nicht heute dran denken, sondern zunächst einmal von Spiel zu Spiel sehen und immer fein drei Punkte sammeln. Am besten gegen den SC Freiburg gleich damit beginnen.

Matz ab: Was muss beim HSV in der Rückrunde verbessert werden?

SEELER: Die Schwächen waren ja, dass man zu Hause gegen schwächere Gegner hat Punkte liegen lassen, gegen die man eigentlich in Hamburg hätte siegen müssen – wie Mönchengladbach und Bochum. Das sind sechs Punkte, wenn man die heute hätte, dann wissen wir alle, wo der HSV jetzt stehen könnte. Es muss Kontinuität rein. Und wenn man dann Erfolg hat, das ist ja stets mein Motto, dann muss man ganz fest mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben, so dass es bis zum Saisonende reicht.

Matz ab: Wer oder was war Ihre größte Überraschung der Hinrunde?

SEELER: Man muss schon ehrlich sagen, dass Ze Roberto schon eine enorm starke Saison gespielt hat, schade dass er sich so schwer verletzte und ausfiel. Dazu dann Eljero Elia, der eine große Verstärkung ist, er hat der Mannschaft schon sehr, sehr gut getan.

Matz ab: Und wie denken Sie über den Senkrechtstarter Tomas Rincon?

SEELER: Ich habe ihm schon eine gute Leistung zugetraut, aber nicht unbedingt eine so gute. Man konnte aber durchaus sehen, dass er einer ist, der immer wollte, dass er lauffreudig und kampfstark ist, und solche Leute kann jedes Team gut gebrauchen. Er hat sich wirklich prächtig entwickelt, und sicher war es auch gut für ihn, dass er aufgrund der Verletztenmisere dringend benötigt wurde, so dass er sich auch mal zeigen konnte.

Matz ab: Gab es auch ein Enttäuschung der Hinrunde für Sie?

SEELER: Nein, richtig enttäuscht hat keiner. Mich hat nur total enttäuscht, dass wir ein so großes Verletzungspech hatten, ich hätte gerne mal gesehen, was passiert wäre, wenn wir mit der besten Mannschaft hätten durchspielen können. Zum Glück haben wir ja einen so guten Kader, dass wir immer noch gut gespielt haben und noch den vierten Platz bis zur Winterpause halten konnten.

Matz ab: Im Moment ist der Stürmer Vagner Love beim HSV im Gespräch, denken Sie, dass sich der HSV noch verstärken sollte?

SEELER: Zu Vagner Love kann ich nicht viel sagen, ich kenne ihn zwar, habe aber nur wenig von ihm gesehen. Ob er zum HSV passt? Ich weiß es nicht. Im Winter ist es ja oft so, dass man für viel Geld nicht unbedingt absolute Spitzenklasse bekommt. Ich drücke dem HSV die Daumen, das es ein Volltreffer wird, dass der Klub nicht am Ende wieder eine lange Nase macht.

Matz ab: Der HSV wollte Vagner Love ja schon im Sommer, er soll wirklich gut sein . . .

SEELER: Das klingt ja auch ganz gut, aber ich weiß nicht, welche Leistungen er in der jetzigen Phase bringen kann. Wenn er jetzt noch Zeit benötigen sollte, um sich in der Bundesliga einzuspielen, wie es immer so schön heißt, dann bin ich skeptisch, aber wenn er gleich einschlägt wie eine Rakete, wäre das in Ordnung. Ich habe da aber immer meine Bedenken, doch das müssen letztlich nur die Verantwortlichen entscheiden.

Matz ab: Der Abgang von Guy Demel droht schon jetzt im Winter, der von Jerome Boateng im Sommer. Könnten Sie damit leben?

SEELER: Wieso müssen wir denn immer wieder Spieler abgeben? Wenn wir mal Meister werden wollen, dann sollten wir versuchen, die Leistungsträger zu halten. Meister wird man nur mit einer eingespielten Mannschaft, und dazu sollten wir die besten Leute schon an den HSV binden. Wenn wir immer wieder mit einer neuen Mannschaft starten müssen, dann wird es nicht einfach sein, sich auch immer dort oben zu halten.

Matz ab: Sehen Sie die Entwicklung des HSV in den letzten Jahren als positiv an?

SEELER: Ja, die ist positiv, aber sie ist noch immer nicht entscheidend. In der vergangenen Saison waren wir auch oft ganz nah dran, haben dann aber am Ende doch alles und sehr viel verspielt. Es geht nur über die Kontinuität, dazu muss die Mannschaft auf einem ganz starken Level gehalten werden. Das ist Voraussetzung für einen Titel.

Matz ab: Bis jetzt war der HSV ein Ausbildungsverein für die ganz Großen, kann er sich denn schon leisten, die besten Spieler hier in Hamburg zu halten, denn das kostet ja?

SEELER: Das ist eine Sache der Verantwortlichen. Und wenn es doch alles so positiv ist, dann sollte es in einer Weltstadt wie Hamburg auch irgendwann einmal möglich sein, dass man den ganz großen Klubs Paroli bietet. Klar, es gibt immer mal Grenzen, dass man nicht jeden Spieler halten kann – aber versuchen sollte man das schon immer.

Matz ab: Aber zum Beispiel zu Bayern München fehlt dem HSV in Sachen Finanzen doch schon einiges, das wird auch nicht leicht aufzuholen sein, oder?

SEELER: Das stimmt. Da muss der HSV noch viele Teilnahmen an der Champions League schaffen, um da mitreden zu können. Das alles ist sicher kein leichtes Unterfangen für den HSV, denn wenn man die Gehälter der Spieler von den Spitzenklubs in Europa hört, dann sind die doch noch ein gutes Stück entfernt von dem, was in Hamburg gezahlt werden kann. Und wenn man solche Gehälter dann zahlt, dann gibt es auch schnell mal Neid und Missgunst im Team, und so etwas führt dann zu Unruhe und Misserfolgen – es ist ein schmaler Grad, auf dem man sich dann als Verein bewegt.

Matz ab: Einer Ihrer Nachfolger ist ja Marcus Berg, an ihm scheiden sich noch die Geister. Trauen Sie dem Schweden noch zu, dass er den Durchbruch in Hamburg schafft?

SEELER: Das sollte man einem jungen Mann immer zutrauen, und ich bin da noch voller Hoffnung. Ich wünsche ihm viel Erfolg, er kann sich sicher noch entwickeln, allerdings wird sein Weg noch dornenreich sein, keine Frage.

Matz ab: Piotr Trochowski ist ein deutscher Nationalspieler, erwarten Sie von ihm mehr als von anderen Spielern?

SEELER: Von einem Nationalspieler erwartet man automatisch, dass er eine Führungsrolle in der Mannschaft übernimmt, das ist ganz klar. Von ihm erwarte ich schon, dass er konstant gute Leistungen bringt, und dass er auch mal Spiele entscheidet.

Matz ab: Wie sehr erhoffen Sie sich eigentlich endlich einmal einen Titel für den HSV?

SEELER: Sehr, wirklich sehr. Ich finde auch, dass das die hervorragenden Fans verdient hätten, sie geben immer alles, sie unterstützen ihre Mannschaft stets super, das ist begeisternd. Wir haben doch alle schon viel zu lange auf eine Meisterschaft gewartet, aber ich kann einen Titel auch nicht herbeizaubern, das muss die Mannschaft schon machen. Ich hoffe auf jeden Fall, dass der HSV in diesem Jahr in die Champions League kommt, das wäre schon mal ein Anfang.

Matz ab: Wer wird denn Ihrer Meinung nach Meister 2010?

SEELER: Von der Routine her spielen die Bayern natürlich wieder mit um den Titel. Als die Münchner in der Hinrunde schwächelten, konnten die anderen Klubs ja nicht so davonziehen, als dass es entscheidend gewesen wäre. Aber mit den Bayern kämpfen auch noch Werder, Schalke, Leverkusen und der HSV um die Meisterschaft. Und vielleicht kommt ja auch noch einer von hinten, obwohl ich glaube, dass die von mir genannten Klubs wohl doch das Rennen unter sich machen werden.

Matz ab: Was trauen Sie denn der deutschen Nationalmannschaft in Südafrika zu?

SEELER: Wir müssen uns hinter keiner Nation verstecken, das ist ganz klar, wir sind eine Turniermannschaft, deswegen ist auch diesmal alles möglich – dazu gehört aber ganz sicher auch ein wenig Glück.

23.50 Uhr

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