Tagesarchiv für den 12. Januar 2010

Ze Roberto mit Verspätung

12. Januar 2010

Das lange Warten auf Ze Roberto. Es hatte schon vergangene Woche eine ganze Stadt beschäftigt. Und heute ging es weiter. Im Ernst. Und genau deswegen bin ich total aus dem Tritt geraten. Uns war während des Trainings angekündigt worden, dass wir (Schreiberlinge und TV-Männer) den Spät-Heimkehrer zwischen 12.30 Uhr und 13 Uhr sprechen dürfen. Und dann kam er erst kurz von 15 Uhr. Eine Stunde später ging es bereits für mich in die Tonndorfer Studios, bei Schnee, Eis und einigen Fahranfängern – dann das langwierige Abschminken, ja, und jetzt haue ich in die Tasten. Der HSV-Tag heute, eiskalt und spannend, menschlich und unheimlich lang.

Das Training lief ein wenig wie in Belek. Nur diesmal wesentlich unterkühlter. Angesagt war ein Zirkel mit Koordinationsübungen und einigen Hanteln und Gewichten, dazu stets der Torabschluss. In der Türkei war da vor einer Woche Feuer drin, da herrschte eine bombige 1-A-Stimmung. Davon war heute leider nichts mehr erkennbar, was allerdings nicht an den Spielern und ihren eventuell schlechten Launen lag (hatten sie nämlich nicht!), sondern eher an den miesen Temperaturen. Das war eine Stimmung wie im Tiefkühlfach, fünf Sterne. Was mir auffiel: Vier Spieler wagten sich in kurzer Hose (also ohne Strumpfhose drunter) auf den Acker: Dennis Aogo, Joris Mathijsen und die beiden Jungs aus dem kalten Osten, David Jarolim und David Rozehnal. Dazu, wie immer (!), Torwart-Trainer Claus Reitmaier. Dieser Mann hat einfach ein sonniges Gemüt, deswegen muss er sich wohl grundsätzlich nicht wärmer anziehen. Schnell noch zum Acker: Der Rasen hinter der Arena wurde ganz schön umgegraben, da dürfte demnächst wohl ein neuer fällig werden – wie im Stadion selbst dann auch. Noch liegt dort nämlich dasselbe Grün, das schon gegen Werder nach allen Regeln der Gärtner-Kunst vertikutiert wurde.

Übrigens: Für mich das schönste Tor des Dienstages schoss Nachwuchsstürmer Maximilian Beister, der den Ball mit links in den linken Winkel drosch. Auch sehr gut anzusehen war, dass Collin Benjamin während der Aufwärmphase schon einmal wieder mit den Kollegen trainierte. Ebenso gut: Eljero Elia machte wieder mit, Alex Silva auch – man höre und staune. Und selbst Mladen Petric war nach seinen Knie-Problemen, die er sich in der Türkei eingefangen hatte, wieder mit von der Partie. Es wird doch, es wird doch, wenn auch langsam . . .

Elia allerdings räumte das Feld (Trainingsbeginn war um 10 Uhr) um genau 11.17 Uhr. Er humpelte leicht. Oder war es doch eher sein typischer „Ente-Lippens-Gang“? Letzteres würde ich jetzt, Stunden danach, doch bevorzugen, denn Bruno Labbadia berichtete nämlich später, dass es so abgesprochen war. Elia sollte dann aufhören und zum Duschen gehen.

Silva zog aber durch, Petric auch. Silva wird Sonnabend gegen Freiburg allerdings nicht spielen, Petric sehr wohl. Das sorgt doch für einige Erleichterung bei den HSV-Fans. Und bei Elia besteht große Hoffnung, dass auch er es noch gerade rechtzeitig schaffen wird. Meine Prognose: Elia, der bereits am freien Montag für sich allein trainiert hatte, wird mit von der Partie sein.

Und, wo ich gerade bei Sonnabend bin: Rund um das Stadion wurden die Aufgänge, Auffahrten und auch die Parkplätze eifrig mit Raupen und Baggern vom Schnee geräumt, es geht also auf jeden Fall los gegen Freiburg.

Zudem muss auch erwähnt werden, dass es gegen die Breisgauer ganz sicher keinen leichten Gang geben wird. Das weiß auch Labbadia, der nun schon warnte: „Die Freiburger haben auswärts mehr Punkte geholt als daheim.“

Der HSV wird zum Rückrunden-Start wohl mit dem jetzigen Kader starten. Ich gehe zwar davon aus, dass bis zum Sonnabend noch der eine oder andere Spieler nach Hamburg geholt werden kann (oder könnte), allerdings halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass ein „Neuling“ bereits gegen Freiburg mitspielen wird. Meiner Meinung nach aber wird es noch die eine oder andere Verstärkung bis Ende Januar geben, der HSV ist hinter den Kulissen eifrig um Verstärkungen bemüht, da wird wirklich und wahrhaftig auf Hochtouren gearbeitet. Das war schon in Belek dadurch erkennbar, dass außer Oliver Scheel, der für die Fans zuständig ist, kein anderes Vorstandsmitglied seine Aufwartung machte. Es wir eben heftig am „neuen HSV“ gewerkelt.

Bei der Gelegenheit zolle ich dem Vorstandsvorsitzenden schon einmal vorab ein Lob. Bernd Hoffmann, der Ersatz-Sportchef, tut und macht, er gibt alles, er versucht auch alles. Ich habe es kürzlich schon einmal gesagt, der Mann steckt voller Ehrgeiz, der will nach oben, der will den HSV wieder ganz nach oben bringen, und dafür geht er eisern seinen Weg, stets geradeaus, nicht nach links und rechts blickend – für Hoffmann zählt nur eines: Erfolg. Er will endlich Erfolg haben. Zumal er ja auch vor einigen Jahren angekündigt hat, dass er den HSV wieder zurück in die europäische Spitze führen will und wird (sagte er nicht einst, dass das 2010 soweit sein sollte?).

Dabei soll dann auch Ze Roberto wieder mithelfen. Der Brasilianer trat, wie bereits gesagt, am Dienstag vor die Presse, aber das war für mich dann doch nicht der Ze Roberto, den wir alle vor Monaten in Hamburg kennen gelernt haben. Er wirkte in sich gekehrt, ruhig, sorgenvoll. Seine eigentlich stets lachenden Augen waren diesmal nicht zu erkennen, als hätte er sie zu Hause gelassen. Es heißt ja, dass Ze Roberto private Probleme hätte, er selbst hat es auch gesagt, und nach diesem Auftritt nehme ich ihm dies auch ab. Er müsste schon ein verdammt guter Schauspieler sein, wenn dem nicht so wäre, aber das, wie gesagt, glaube ich nicht. Was er für Probleme in der Heimat hat, das verriet er nicht, er bat auch darum, dass ihm niemand diese Frage stellen sollte. Der Bitte wurde natürlich entsprochen . . .

„Ich freue mich, dass ich wieder hier bin, ich habe Hamburg schon sehr vermisst. Für mein Fernbleiben in der Vorbereitung habe ich mich bei der Mannschaft und beim Verein entschuldigt, so etwas ist mir in meiner Karriere noch nie passiert, ich habe auch noch nie eine Strafe an einen meiner Klubs zahlen müssen“, sagte Ze Roberto und wirkte dabei niedergeschlagen. Er hat in Brasilien im Kraftraum gearbeitet, aber die Muskulatur hat trotz allem gelitten, weil er drei Wochen einen Gipsverband trug. Die Muskelmasse muss erst wieder vollständig aufgepäppelt werden, um in der Bundesliga spielen zu können – und das kann noch einige Wochen dauern.

Auch mental geht es Ze Roberto noch nicht gut, denn offenbar sind die Probleme in der Heimat noch nicht gelöst. Er akzeptiert aber die Geldstrafe (im Gespräch sind 10 000 Euro), hofft zugleich jedoch darauf, dass sie nicht zu hoch ausfallen wird. Noch weiß er von nichts, denn der HSV wird ihm diese Summe von der nächsten Überweisung des Gehalts einbehalten.

Wann er wieder spielen wird? Auch Bruno Labbadia mochte keine Prognose abgeben, wann dieser Zeitpunkt kommen wird. Der Trainer sagte lediglich: „Wir wollen uns in den nächsten Tagen einen Überblick verschaffen, wie weit Ze ist, und dann hoffen wir, dass er so schnell wie möglich wieder spielen kann.“

So, es hat viel, viel länger gedauert, als ich gedacht und erhofft hatte, einige dienstliche Anrufe kamen mir noch in die Quere. Zum Schluss habe ich noch eine traurige Nachricht zu überbringen:

Uschi ist gestorben.

Uschi war der größte HSV-Fan. Sie war oft beim Training, sie sah fast jedes Spiel der Zweiten, sie kannte alle Spieler, die Profis, die Amateure – und alle kannten Uschi. Sie war auf dem Trainingsplatz unübersehbar, sie hatte ihre blonden Haare stets super hergerichtet, sie sah stets super aus, Mann sie ihr nicht an, dass sie schon lange Rentnerin war. Uschi war lebenslustig, hatte Ahnung vom Fußball, sie sah immer alles, sie kannte alle, sie war nett, höflich, wissbegierig, sie war wie die Mutter des HSV – sie war ein Pfundskerl. Unsere Uschi war eigentlich immer auf Ballhöhe.

Ich werde Uschi sehr vermissen. Ihr, wenn Ihr sie gekannt habt, ganz sicher auch.

21.52 Uhr