Tagesarchiv für den 11. Januar 2010

Florian Meyer war da

11. Januar 2010

Ob ich schon schreibe? So wurde hier ja schon vor Minuten gefragt. Jetzt erst, so meine Antwort, weil ich einige Stunden des Tages mit den beiden Bundesliga-Schiedsrichtern Michael Weiner und Florian Meyer verbracht habe. Nicht nur ich, da will ich nicht übertreiben, es war eine lange vorher anberaumte Veranstaltung, zu der viele Kollegen aus der Medienbranche nach Hamburg gekommen waren. Das ZDF hatte sogar die Herren Bela Rethy und Wolf-Dieter Poschmann entsandt, dazu auch die Kollegin Claudia Neumann – einen Kurzbericht von dieser Veranstaltung wird es morgen in der Heute-Sendung um 15 Uhr geben.

Mehr als 50 Menschen waren bei eisglatten Straßen gekommen, um den Vortrag der beiden Herren zu erleben. Es war informativ, es war kurzweilig, es war gut. In meinen Augen sogar sehr gut, so etwas könnte es ruhig öfter geben. Es hat allen Spaß bereitet, auch – oder vor allem (?) – den Schiedsrichtern. 42 Punkte hätten sie eigentlich gehabt, die in den vorgegebenen zwei Stunden per Video abgehandelt werden sollten, aber wir schafften in Hamburg nur so um die zwölf, 13 oder 14. Weil die lebhaften Diskussionen Zeit, zuviel Zeit kosteten.

Bei „Matz ab“ habe ich ja schon verlauten lassen, dass ich eigentlich – ohne zu schleimen – ein dicker Freund der Schiedsrichter bin, weil sie den schwersten Job von allen haben. Und ich gab auch zu, dass ich „sehr gut kann“ mit einigen „Schwarzkitteln“, mit ihnen auch per „Du“ bin. Weiner und Meyer kannte ich bislang nicht persönlich, aber sie haben auf mich einen sehr, sehr netten und keineswegs unnahbaren Eindruck gemacht. Da standen zwei Menschen vor uns, die auf ihre Art für mich wie „Kumpeltypen“ wirkten: locker, witzig, sympathisch. Ich gebe zu: Das hat mich besonders bei Michael Weiner überrascht, der auf dem Platz häufig – so sah ich das bislang – sehr knorrig, sehr herrisch, enorm humorlos und irgendwie auch wie ein Mann auftrat, der niemals Fünfe gerade sein lassen würde. Jetzt, bei dieser Veranstaltung in Hamburg, nehme ich alle diese Gedanken zurück, Weiner ist zugänglich, keineswegs arrogant, ein äußerst intelligenter Mann und humorvoll. Ich wurde nach dieser Veranstaltung um ein kurzes Interview mit dem DFB-Fernsehen gebeten und lobte dabei: „Michael Weiner war hier eine glatte Eins.“

Florian Meyer übrigens auch. Obwohl ich ihm vor Wochen, als er HSV gegen Werder pfiff, eine glatte Sechs gegeben hätte. Übrigens habe ich es ihm während der Veranstaltung gesagt, dass ich ihn zwar sehr schätze (Ihr erinnert Euch, ich hatte ihn als den besten deutschen Schiedsrichter angekündigt), dass ich ihn aber nach dem Spiel „vernichtet“ habe. Dazu stehe ich, deshalb war ich hauptsächlich da, ich wollte Flagge zeigen. Und ich denke, dass das auch ganz gut war.

Natürlich kamen wir auch zum HSV. Die erste Szene aus Hamburger Sicht war das Brutalo-Foul des Mainzers Noveski gegen Eljero Elia. Diesen Mörder-Tritt nochmals und nochmals zu sehen, das tat schon mächtig weh. Ein Wunder immer noch, dass da nicht mehr passiert ist. Und es war genau zu sehen, dass der Mainzer niemals die Absicht hatte (und haben konnte), den Ball noch zu treffen. Das ging nur auf die Knochen. Beruhigend ist zu wissen, dass diese Szene auch beim Treffen aller deutschen Spitzen-Schiedsrichter gezeigt wurde, und dass dabei alle, wirklich alle zu dem Schluss gekommen sind: „Das war Rot.“ Weiner bekannte: „Der Manuel Gräfe hat sich enorm geärgert, dass er nicht Rot, sondern nur Gelb gezeigt hat.“

Dann ging es auch zum Werder-Spiel. Die Rot-Szene von Jerome Boateng wurde gezeigt. Die Medien-Vertreter wurden zuvor mit Gelben und Roten Karten ausgestattet, dann sollten wir anzeigen, was wir beim dem Duell Boateng gegen Marin geben würden. Zu meiner großen Überraschung zogen nicht wenige Kollegen Rot. Wirklich Rot! Für mich unfassbar, aber es war so. Weiner zu Meyer: „Florian, du hast alles richtig gemacht . . .“

Hat er wirklich? Es wurde lebhaft diskutiert, ob Boateng Marin überhaupt berührt habe. Meyer hatte es so gesehen. Weiner gab aber auch zu, dass einige Bundesliga-Schiedsrichter beim DFB-Lehrgang (und beim Ansehen dieses Videos) auch nur Gelb gezogen hätten. Meyer sagte aber zu seiner Entscheidung: „Boateng hat Marin einen hundertprozentige Torchance genommen, deswegen gab ich Rot. Bei diesem Foul habe ich auch keinen Ermessungsspielraum mehr gesehen.“ Was für mich außerdem überraschend war: Beide Herren waren sich einig, wie ein elfmeterreifes Foul im Strafraum zu bewerten sein sollte. Florian Meyer: „Wir Schiedsrichter würden es befürworten, wenn es bei einem Elfmeter keine Rote Karte, sondern nur eine Gelbe Karte geben würde, denn die hundertprozentige Torchance, die vorher genommen wurde, gibt es ja durch die Elfmeter ein zweites Mal.“ Das aber hat die Fifa zu entscheiden, und nicht die deutschen Schiedsrichter.

Ich sprach Florian Meyer auch – vor versammelter Mannschaft – auf den Ellenbogenschlag von Pizarro (Werder) gegen Dennis Aogo an. Meyer hatte gepfiffen und einen Freistoß für den HSV verhängt, aber keine Karte gezogen. In meinen Augen aber war das eine Tätlichkeit, und die hätte glatt mit Rot geahndet werden müssen. Florian Meyer dazu: „Ich habe in dieser Szene nicht genau gesehen, was passiert war, denn ich hatte keine klare Sicht auf dieses Duell. Dass aber etwas war, das konnte ich sehen, und deswegen gab ich Freistoß für den HSV. Nur Freistoß, weil ich nicht auf Verdacht eine Karte ziehen wollte.“ Es ehrt ihn, wenn er es zugibt, immerhin redete er sich nicht heraus („War nicht so schlimm . . .“ Oder Ähnliches). Wenn ein Schiedsrichter mal irgendetwas nicht sieht, ist das nur menschlich, wir alle sehen ja meistens deswegen alles, weil ungefähr 40 Kameras im Stadion alles hautnah verfolgen und zeigen können.

Auf die Frage an Florian Meyer, ob es nicht ein Art „Freispruch“ für Boateng gewesen sein, mit nur einem Spiel Sperre, entgegnete der Schiedsrichter: „Es ist mir total egal, wie die Strafe ausfällt, das ist für mich völlig irrelevant. Ich entscheide auf dem Platz, alles andere ist Sache des Kontrollausschusses und des Sportgerichts.“

Interessant, sogar hochinteressant war für mich eine Erkenntnis, die ich zuvor von einem Bundesliga-Schiedsrichter so noch nie gehört hatte. Mindestens zweimal wurde an diesem Tag das Wort „Ermessungsspielraum“ benutzt, den ein Unparteiischer doch schon haben soll. Nachtigall, ick hör dir trapsen“. „Meine“ Schiedsrichter, mit denen ich, wie eingangs geschildert, „gut konnte oder gut kann“, haben mir immer gesagt, sagen noch heute: „Du musst dich mal freimachen von dem Begriff Fingerspitzengefühl. So etwas gibt es im Fußball nicht. Wir haben Regeln, an die wir uns zu halten haben, da ist kein Platz für Fingerspitzengefühl.“

Aha. Und was ist „Ermessungsspielraum“? Ist das nicht gleichzusetzen mit Fingerspitzengefühl? Meyer sagte nämlich gleich zu Beginn der Veranstaltung: „Wenn ein Spiel ganz normal verläuft, ohne besondere Vorkommnisse, ohne dass viel und brutal gefoult wird, dann kann man es auch mal bei einer Ermahnung belassen, wenn es mal ein grobes Foul gegeben hat, das normalerweise eine Gelbe Karte zur Folge gehabt hätte.“ Das ist doch, da kann ein Schiedsrichter sagen was er will, Fingerspitzengefühl, oder? Und genau dieses Fingerspitzengefühl geht vielen Herren dieser Branche doch ab. Leider. Ich habe, als ich zu dieser Veranstaltung fuhr, bei mir gedacht, warum wohl ein Schiedsrichter wie Wolf-Dieter Ahlenfelder noch heute, fast 22 Jahre nach seinem Karriere-Ende (106 Erstliga-Spiele bis 1988) , in aller Munde ist, aber Könner wie Assenmacher, Berg, Föckler, Gabor, Schmidhuber, Pauly und zum Beispiel Weber kaum noch Erwähnung finden? Die Antwort auf dies Frage gab ich mir selbst: Weil Ahlenfelder auch, ja auch (!) mit Fingerspitzengefühl pfiff, und genau das kam bei Spielern und den Fans gut an.

Die Herren Schiedsrichter wollen in Zukunft, ganz nebenbei, härter gegen die „Motzerei“, die von den Trainerbänken kommt, vorgehen. Michael Weiner: „Eine Handbewegung macht schnell Stimmung im Stadion, deswegen ist es gut, dass so etwas schon vom vierten Offiziellen eingedämmt wurde und wird. Trotz allem nahm das zuletzt zu, und es sind jetzt Grenzen erreicht – so geht es nicht weiter. Das verächtliche Abwinken nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung ist ganz furchtbar, zudem auch das kollektive Aufspringen der Bank. Das wird in Zukunft härter geahndet.“

Zum Schluss dieses „Schiedsrichter-Reports“ sagte Weiner noch zum Thema Abseitsstellung: „Da beweist das Fernsehen oft, dass die Assistenten an der Linie falsch lagen. Da wird dann eine gedachte Linie gezogen – und: Abseits. Wir haben aber herausgefunden, dass diese Linie oft willkürlich gezogen wird, nicht selten wird sich dann vom Fernsehen an den Rasenmäherspuren orientiert, und die sind ganz sicher nicht immer gerade.“ Darauf wird also auch zu achten sein.

Ganz kurz noch zum HSV: Frank Rost hat seinen Vertrag nun auch tatsächlich um ein Jahr verlängert, schon aus Belek meldete ich ja, dass der Vertrag nun unterschriftsreif vorliege. Und als mögliche Verstärkung wird ja im Moment der Bayern-Spieler Christian Lell gehandelt. Hier bei „Matz ab“ wird er ja fast schon so vernichtet, ähnlich brutal wie ich es einst Florian Meyer nach dem Werder-Spiel tat. Im Fall Lell tut mir das weh, sage ich offen und ehrlich, denn so schlecht, wie Ihr ihn macht, ist der gute Mann nicht. Ich habe mit Kollegen aus München telefoniert, die sind ebenfalls weit weg von Eurer Meinung. Und ich kann mich erinnern, dass ich einstmals zu einem Doppelpass flog und ich mir fest vorgenommen hatte, Lell verbal in die Nähe der Nationalmannschaft zu rücken. Ernsthaft.

Jetzt müssen wir uns überraschen lassen. Kommt er, kommt er nicht? Kommt er und zeigt uns, dass er es doch kann, dann ist dem HSV geholfen. Kommt er und spielt schlecht, dann ziehe ich vor Euch den Hut. Ihr werdet es dann erleben. Ob es aber so weit kommt, bleibt vorerst abzuwarten, ich habe von einer 50:50-Chance gehört – inoffiziell.

So, nun bin ich auch am Ende, ganz zum Schluss noch vielen Dank, dass Ihr Brisko Schneider korrigiert habt. Dafür hat es aber gedauert (bis in den Montagmorgen hinein!), bis einer von Euch ermittelt hatte, dass Bernd Hoffmann beim NDR-Fernseh-Interview den HSV zurzeit auf Platz FÜNF (!) gesehen und vermutet hat. Diese zwei „Fälle“ verglichen, so finde ich, ist Platz FÜNF ein wenig schwerwiegender. Aber Bernd Hoffmann hat ja auch gesagt, dass er zum Schluss der Saison besser stehen möchte, als jetzt. Also müssen wir doch jetzt von Platz drei und besser ausgehen, oder?

17.43 Uhr