Tagesarchiv für den 6. Januar 2010

Was Trochowski denkt

6. Januar 2010

Mit zwei Siegen hat sich der HSV bekanntlich aus dem Jahr 2009 verabschiedet. Dem 4:0 in Nürnberg folgte das 2:1 gegen Werder Bremen. Und: Bei beiden Erfolgen fehlte Piotr Trochowski in der Anfangsformation, in beiden Partien spielte der 19-jährige Tunay Torun für den deutschen Nationalspieler. Die Wachablösung? Oder nur eine Momentaufnahme? Im Trainingslager in Belek sagte Trainer Bruno Labbadia nun über den kleinen Dribbelkünstler: „Ich habe immer gesagt, dass Trochowski ein wichtiger Spieler für uns ist, und dass wir ihn auch brauchen. Er hat seine Qualität, die hat aber zuletzt ein Stück weit gefehlt. Und zudem hat der dahinter lauernde Torun ihm auch Druck gemacht. Zudem kann Marcell Jansen links spielen, und Eljero Elia rechts. Ich wünsche mir, dass Troche die Qualität, die er hat, auch abruft. Ich würde mich für ihn freuen, wenn er bei der Weltmeisterschaft im Sommer dabei wäre.“

Aber ist Piotr Trochowski auch tatsächlich im Sommer in Südafrika? Nicht als Tourist, sondern als Nationalspieler? Er ist optimistisch, ganz klar. „Troche“ sagt: „Ich bange nicht um meine Nominierung. Der Bundestrainer weiß um meine Stärken und Fähigkeiten, ich bin gut drauf und freue mich, dass es nun wieder losgeht.“ Er weiß aber sehr wohl, dass er in diesem Jahr auch noch zulegen muss. „Klar, ich wurde einige Male ausgewechselt, ich habe zuletzt auch zweimal nicht gespielt, das ist sicher nicht erfreulich, aber ich finde nicht, dass ich in der Vergangenheit nicht oft genug zum Zug gekommen bin. Ich habe nun in fünf Jahren 200 Pflichtspiele für den HSV gespielt, und ich bin Nationalspieler geworden“, sagt der Mittelfeldspieler. Aber, und das ist der Haken daran, er ist in diesem HSV-Team zurzeit nicht gesetzt. Was er aber nicht unbedingt so sieht: „Wenn man die Spiele von mir sieht, meine Entwicklung, dann sehe ich mich schon als feste Größe beim HSV. Es wurde mir immer vertraut, ich bin mit 25 Jahren jetzt schon an vierter Stelle der dienstältesten HSV-Profis.“

Also alles gut? Ist er zufrieden mit sich? Trochowski gibt sich selbstbewusst und kämpferisch: „Ich finde, ich habe ein gutes Jahr 2009 gespielt.“ Und die Hinrunde? „Ich finde, dass ich ganz ordentlich gespielt habe. Natürlich sehe ich noch Entwicklungspotenzial bei mir, dennoch finde ich, dass ich meine Sache teils ganz gut gemacht habe. Ich kann mir da nichts vorwerfen.“ Er weiß aber sehr wohl, dass er mehr bringen kann, auch mehr bringen muss. Denn er hat eigentlich die Klasse, ein überragender Bundesligaspieler zu sein. Er sieht das ähnlich, und er gibt es ehrlich zu: „Ich bin in einem Lernprozess, ich bin noch nicht da, wo ich sein will. Das muss ich zugeben, ich will mich verbessern. Ich sehe mich auch nicht wie die dienstältesten Spieler wie Frank Rost, David Jarolim, Joris Mathijsen. Die sind gefestigt, das sind Führungspersonen. Und ich hänge dazwischen und versuche erst noch meine Rolle zu finden. Daran arbeite ich.“

Immer wieder haben in den vergangenen Wochen die Fans an Piotr Trochowski den Anspruch gestellt, mehr Verantwortung zu übernehmen, die Mannschaft mehr zu führen. So etwas erwarten die HSV-Anhänger von einem Nationalspieler. Zu Unrecht? Weil Piotr Trochowski ein ganz anderer Spielertyp ist? „Die sieben sieglosen Spiele in der Hinrunde, das waren ja keine einfachen Partien für uns. Es hat die Lockerheit, die Unbeschwertheit gefehlt, die vorher noch da war. Klar, in solchen Situationen verlange ich auch mehr von mir, aber . . .“ Er kommt ins Stocken. Spricht er mit dem Trainer darüber? Er sagt ja. Und führt seine Gedanken fort, die er zuvor nicht zu Ende gebracht hatte: „Man steht dann einfach im schlechten Licht, wenn man Nationalspieler ist und es läuft nicht so gut – und die Erwartungshaltung von außen ist groß. Wie gesagt, das ist auch mein eigener Anspruch, aber das ist nicht so einfach. Da muss man hineinwachsen, das kann man nicht einfach machen, indem man sagt, dass man es macht. Das muss wachsen.“

Er träumt von einer langen Karriere beim HSV. Und er nennt ein Vorbild, sein Vorbild. Das ist Paul Scholes (35) von Manchester United: „Der ist schon jahrelang bei seinem Verein, hat immer seine Leistungen gebracht und ist von ManU nicht wegzudenken, ihn kann man mit dem Verein identifizieren.“ Trochowski über seine Gedanken: „Ich bin ein Hamburger Jung, das kann nicht jeder von sich behaupten, das ein Spieler, der in Hamburg aufgewachsen ist, dass der seinem Klub dann die Treue hält. In diese Rolle will ich hineinwachsen, das ist mein Ziel. Und ich weiß, dass da schon noch einiges fehlt.“

„Troche“ weiß, dass die Fans viel von ihm erwarten, er stellt aber auch selbst hohe Erwartungen an sich. Ihm fehlt die Konstanz, starke Leistungen über 90 Minuten zu bringen, und dann auch in mehreren Spielen hintereinander. Nach einem überragenden Spiel von ihm kam oft genug dann zu wenig.

Vor geraumer Zeit hat er schon einmal von anderen, von den ganz großen Klubs geträumt. Davon scheint er mehr denn je entfernt zu sein. Er gibt zu: „Ich weiß nicht, was in fünf Jahren ist. Oder in zwei Jahren. Aber für mich ist es ein Traum, mit dem HSV erfolgreich zu sein, und zugleich auf einer Stufe mit dem FC Barcelona zu stehen.“ Er schränkt aber zugleich ein: „Das ist natürlich nicht einfach, das weiß ich auch, aber man sieht, dass hier in Hamburg Riesen-Potenzial vorhanden ist, dass man schon einiges machen kann aus diesen Spielern, aus diesem Verein. Ich will mit dem HSV in die Champions League, dann wird man auch mehr gesehen in Europa.“ Dann fügt er noch mutig an: „Ich will mit dem HSV etwas aufbauen, ich will mit dem HSV auch deutscher Meister werden.“

In ihm wohnen offenbar zwei Seelen. Der eine Piotr Trochowski ist zurückhaltend, vielleicht sogar etwas scheu, und der andere Piotr Trochowski möchte schon das eine oder andere Mal auf die Pauke hauen. Letzteres hat er einige Male auch schon getan, aber so richtig gut ist es ihm nicht bekommen. Sein persönliches Zwischenfazit nach fünf Jahren beim HSV: „Ich bin schon so lange dabei, habe mich schon konstant verbessert, aber dennoch ist man nicht da, wo man eigentlich sein möchte. Vielleicht werde ich nach außen hin anders wahrgenommen, weil ich nicht so polarisiere wie vielleicht andere Spieler. Ich bin nicht so ein Typ, der viel Schnick-Schnack in der Öffentlichkeit macht, der den Medien die dicken Storys präsentiert. Deswegen habe ich es vielleicht auch nicht ganz so einfach.“

Trochowski landet in seinen Gedanken wieder bei seinem Vorbild: „Scholes ist auch nicht so, der sorgt auch nicht für die dicken Schlagzeilen. Das ist auch mein Naturell, genau so bin ich. Das ist manchmal vielleicht langweilig, und deswegen werde ich vielleicht auch anders gesehen. Aber so ist eben die heutige Zeit.“

Aber: Bei Thomas Doll, bei Huub Stevens, bei Martin Jol und jetzt auch bei Bruno Labbadia gab und gibt es immer wieder Phasen, in denen der Nationalspieler Trochowski nicht gesetzt ist. Wieso? Und ist das für ihn ein Grund zur Besorgnis? Oder gar zum Verzweifeln? „Wenn ich verzweifeln würde, dann würde ich nicht so viele Spiele haben. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich ausgewechselt wurde oder mal nicht gespielt habe. Ich habe mich aber immer zurück gekämpft, so bin ich, ich werde immer um meine Position kämpfen“, sagt Trochowski. Er fordert Zeit für seinen Reifeprozess. „Ich werde niemals auf dem Platz groß herumturnen und herumschreien“, sagt er. Es ist sein Naturell. Er will der Mannschaft fußballerisch helfen, nicht durch Worte. Und solche Spieler gibt es auch, die waren Weltklasse. Wie Zinedine Zidane zum Beispiel, den habe ich nie herumschreien gesehen oder gehört. Der hat die Probleme auf dem Platz fußballerisch gelöst, das will ich auch.“

Dann pack es nun an, „Troche“, die Fans würden sich freuen. Und es auch mit reichlich Applaus und Zuspruch belohnen. Und auch der Bundestrainer dürfte es dann mit einer WM-Nominierung honorieren.

In Belek 1.04 Uhr (in Hamburg 0.04 Uhr)

Wiedersehen macht Freude

6. Januar 2010

Martin Bader beim HSV! Der Manager des 1. FC Nürnberg war am Mittwoch auf der Trainingsanlage des HSV, allerdings gemeinsam mit seinem Trainer-Duo Dieter Hecking/Armin Reutershahn. Die „Clubberer“ hatten an diesem Nachmittag frei, und Reutershahn schlug den Trip zum HSV vor. „Es ist immer wieder schön, alte Freunde zu treffen“, sagte Reutershahn, der lange mit Osteopath Thomas Marquard plauderte. Es war überhaupt viel los an diesem Tag: Christian Rahn, jetzt bei Greuther Fürth, sah auf einen Sprung vorbei, unterhielt sich lange Zeit mit HSV-Physiotherapeut Uwe Eplinius. Zudem war der ehemalige Aachener Trainer Jürgen Seeberger als Zaungast zu sehen.

Als eine Art Fortbildung? Armin Reutershahn sagte mir: „Das ist doch ideal hier in der Türkei. Im Moment sind hier 50 Klubs, die sich auf die Rückrunde vorbereiten, allein sieben aus Deutschland. Da würde ich auch hierher reisen, um von anderen Trainern etwas zu lernen.“

Es gibt hier in diesen Tagen ein großes Wiedersehen von ehemaligen Hamburgern. Neben Rahn und Reutershahn sind im Umkreis von wenigen Kilometern noch Miso Brecko (1. FC Köln), Björn Schlicke (MSV Duisburg), Änis Ben-Hatira (MSV Duisburg), Mehdi Mahdavikia (Eintracht Frankfurt); Heribert Bruchhagen (Eintracht Frankfurt), Eric-Maxim Choupo-Moting und – natürlich – sein Vater (!) vom 1. FC Nürnberg sowie Macauley Chrisantus vom Karlsruher SC hier. Zudem reisten am späten Abend auch noch Thomas Doll und sein Assistenten Ralf „Katze“ Zumdick mit Genclerbirligi an. Und am Donnerstag trifft der HSV ja bekanntlich auf den türkischen Tabellenvierten Kayserispor, bei dem mit Ömer Sismanoglu (FC St. Pauli) und Umur Kocin (HSV II) auch zwei Hamburger spielen.

Zurück zum Nachmittags-Training. Hecking beobachtete die Einheit ganz genau. Scherzte in Richtung Reutershahn: „Die HSV-Spieler verballern ja mehr Torchancen, als unsere jungen Spieler – und mit denen meckern wir dann . . .“ Der ehemalige Bundesliga-Stürmer Dieter Hecking befand dann über den neuen Ball: „Mit dem hätte auch ich ganz sicher mindestens ein Bundesliga-Tor erzielt.“ Sein Pech: Er hat es nur auf ein Eigentor in der Ersten Liga gebracht.

Immerhin drückt Dieter Hecking dem HSV im ersten Spiel gegen den SC Freiburg die Daumen: „Wir helfen dem HSV mit einem Sieg gegen Schalke, und der HSV hilft uns mit einem Heimsieg – das hätte doch was, oder?“ Wer hätte etwas dagegen? In Hamburg schon mal keiner.

Gegen Kayserispor stehen dem HSV im Moment nur zehn Feldspieler aus dem Profi-Kader zur Verfügung. Neu angeschlagen sind nun auch noch Mickael Tavares (Verhärtung im Oberschenkel) und Robert Tesche, der am Nachmittag einen Schlag auf den Oberschenkel bekommen hatte, die Einheit abbrechen musste und mit einem dicken Eisverband in Richtung Hotel ging. Dennoch bleibt Trainer Bruno Labbadia die Ruhe selbst: „Das ist doch alles normal. Aber die Mannschaft gegen Kayserispor stellt sich somit von ganz allein auf.“ Es werden alle Profis spielen, die fit sind. Der eine oder andere junge Spieler dürfte dann im Laufe des Spiels eingewechselt werden.

So richtig konnte sich in diesen Tagen von Belek noch niemand aus der Rasselbande in den Vordergrund spielen, es bietet sich kein Talent zwingend für das Profi-Team an. „Die jungen Spieler müssen erst noch die robuste Spielweise bei den Profis annehmen“, sagt Bruno Labbadia. Auch deswegen befand der HSV-Coach (total unaufgeregt): „Es wäre schon schön, wenn wir noch den einen oder anderen Spieler mehr hätten.“ Also auch einen Neuzugang. Oder auch zwei?

Ich lege mich da schon mal fest: Es wird sich noch etwas tun, davon bin ich fest überzeugt, denn mit einer so dünnen Spielerdecke wie zurzeit kann der HSV unmöglich in die Rückrunde gehen. Oder er geht es, schminkt sich aber schon jetzt alle hochgesteckten Ziele ab. Übrigens: Es tut sich ja auch noch viel bei anderen Bundesliga-Klubs. Dieter Hecking verriet, dass auch der „Club“ noch einmal zuschlagen wird, und – viel interessanter – dass Schalke 04 mit Kevin Kuranyi und Rafinha noch zwei „Kracher“ an den FC Sunderland verlieren könnte. Könnte. So sagt es ein Gerücht aus Gelsenkirchen.

Zum Test am Donnerstag: Es dürfte gegen die Türken ein recht schweres Spiel (19.30 Uhr, live auf Eurosport) werden. So wie eigentlich immer, wenn es in einem Trainingslager gegen eine vermeintlich „kleinere, namenlosere“ aber total heiße Mannschaft geht. „Ich erwarte einen sehr gut organisierten Gegner, das wird ein Top-Test für uns – auch im Hinblick auf Freiburg. Die werden wohl ähnlich spielen, auf Konter warten“, sagt Labbadia.

Apropos warten: Es geht ja auch immer noch darum, wann Ze Roberto nach Hamburg kommen wird. Das soll jetzt am Dienstag geschehen. Am Sonntag kehrt die Mannschaft aus der Türkei zurück, am Montag ist dann trainingsfrei – am Dienstag soll Ze Roberto „heimkehren“. Lassen wir uns mal überraschen.

Zwei Dinge in eigener Sache zum Schluss. Ich bin vielfach ob meiner Flusigkeit kritisiert worden, es gab zu viele Rechtschreibfehler. Das stimmt, ich gehe da tief in mich. Aber die Fehler sind deshalb geschehen, weil ich Euch so schnell wie möglich mit Neuigkeiten aus der Türkei versorgen wollte. Und das alles zwischen Vor- und Nachmittags-Training, zwischen Terminen und Terminabsprachen mit Spielern. Gestern zum Beispiel das Interview am Mittag mit Tunay Torun, am Abend dann ein Interview mit Piotr Trochowski (das folgt hier noch in der Nacht zu Donnerstag), ganz spät dann ein Treffen mit Bastian Reinhardt, der uns, der für „Matz ab“ ja noch eine Gastkolumne schreiben wird. Das ist versprochen, das hält der „Basti“ auch.

Und kurz noch einmal zu Frau M. Da wurde ich vielfach aus Eurem Kreis kritisiert, weil ich geschrieben hatte, dass ich sie hier in Belek nicht vermissen würde. Das stand zwar tatsächlich so in meinem Bericht, war aber nicht so gemeint – das war zum über „Fünf-Ecken-Denken“ gedacht. Das auch zur Erklärung für Frau M., die nicht sonderlich begeistert über meine Ausdrucksweise war.

In Belek um 18.36 Uhr (in Hamburg um 17.36 Uhr)