Tagesarchiv für den 4. Januar 2010

Dritter Tag – Teil zwei

4. Januar 2010

Saßen zwei Ehepaare beim Abendessen am Nebentisch. Deutsche. Golfer. Denn es gibt hier zurzeit nur drei Sorten von Menschen: Fußballer aus Hamburg, Journalisten aus Hamburg – und Golfer aus Europa. Fragt der eine Mann den anderen, die Frauen schwiegen: „Sag mal, hier soll eine Fußball-Mannschaft sein. Weißt du, welcher Verein das ist?“ Sagt der andere Golfer, und die Frauen schwiegen immer noch: „Ich glaube Werder Bremen, die sind im Januar immer hier.“ Der Erstfragende: „Aha.“ Und dann: „Wisst ihr noch, wie ich den Ball am dritten Loch getroffen habe? Das war mein bislang bester Schlag hier . . .“ Aha. Da dachte ich dann an Frau M., denn die hätte gesagt, wer hier nun wirklich im Trainingslager ist: der HSV. Aber die Frauen der Golfer schwiegen beharrlich.

Nun ja, Fußball ist ja auch nicht alles. Hätten die beiden Ehepaare aber nachmittags per Zufall beim HSV-Training vorbei geschaut, dann hätten sie einen wirklich starken Ball von Mladen Petric gesehen, der genau im oberen Dreieck einschlug. Was für ein Treffer! Frank Rost stand noch Sekunden danach fast regungslos zwischen den Pfosten und schüttelte den Kopf – während Petric ihn immer wieder schelmisch angrinste.

Ein solches Tor wäre allein das Eintrittsgeld wert, aber zum Glück wird bei diesem Trainingslager ja (noch) kein Eintritt von den Fans kassiert.
Seit Montag sind übrigens die ganz eingefleischten HSV-Fans in Belek, und sie mussten, wie alle anderen (also auch die Schreiberlinge!) mit einer Zaungastrolle zufrieden sein. Erstmalig in der Geschichte der HSV-Trainingslager (seit 25 Jahren) ist es nämlich allen untersagt, auf den Platz zu gehen, um dort am Rande zu stehen. Ist verboten, streng verboten, bleibt auch verboten. Nicht einmal an einem Rand auf Höhe Mittellinie darf man (hinter dem Zaun stehend) zusehen, denn dort fordern Männer des Wachdienstes nett, höflich aber bestimmt dazu auf, sich zum Bereich hinter dem einen Tor zu begeben. Der (angebliche) Grund für diese Maßnahme: Es könnte ja ein Fan von einem verirrten Golfball am Kopf getroffen werden. Na ja, könnte eben. Wer weiß, wie diese Menschen Golf spielen, die hier Werder Bremen vermuten?

Neben Petric schießen in diesen Tagen zwei Profis ebenfalls sehr eindrucksvoll: Piotr Trochowski ist der beste Scharfschütze, Marcell Jansen der zweite. Es ist schon traumhaft, was diese Herren in den „Puschen“ haben. Als sich neben „Troche“ auch Tunay Torun versuchte, witzelte der deutsche Nationalspieler: „Dein Schuss war ja wie in Slowmotion . . .“ Und irgendwie traf Trochowski auch mit dieser Bemerkung voll ins Schwarze.
Ein Satz noch zu Jansen: Er wirkt hier unternehmungslustig und voll engagiert, knüpft meiner Meinung nach voll an die gute Form an, die er gegen Ende des Jahres hatte. Ich kann nur sagen: Marcell Jansen beeindruckt hier jeden, und trotz allem ist er noch nicht zu 100 Prozent fit. Immer noch humpelt er gelegentlich, was nicht an dem Zweikampf mit Miroslav Stepanek (am Sonntag) liegt, sondern immer noch am Spiel gegen Werder. Da hatte er sich die Fußverletzung zugezogen, und die sorgt immer noch für gelegentliche Schmerzen.

Um das an dieser Stelle schnell einmal einzufügen: Dieser Montag ist offenbar nicht mein Tag. Erst das Frühstück verpasst, dann sagte mir Bastian Reinhardt ab, und nun am Abend erneutes „Pech“: Tunay Torun erschien nicht zum vereinbarten Interview. Lange gewartet, außer Spesen nichts gewesen. Vorschoben – per sms – auf Dienstag. Das „harte“ Los eines Fußballreporters.

Fußball-Profi aber ist deutlich härter. Ze Roberto zum Beispiel. Der hat durch seinen eigenmächtig verlängerten Urlaub ganz sicher keine neuen Freunde dazu gewonnen. Auch in der Mannschaft nicht. Den meisten Kollegen fehlt das Verständnis für den Brasilianer. Zudem, wie bereits geschrieben, zurzeit kein telefonischer Kontakt besteht. Bruno Labbadia möchte das, so mein Eindruck, auch gar nicht, er will das in einem Vier-Augen-Gespräch regeln. Darin wird Ze Roberto dann auch die Höhe der Geldstrafe mitgeteilt. Das Geld wird dann nicht in die Mannschaftskasse fließen, auch nicht an einen guten Zweck, sondern in die HSV-Kasse gehen. Labbadia wüsste schon etwas, wofür die Scheinchen verwendet werden könnten: „Ein neuer Rasen in der Nordbank-Arena.“ Ja, der hätte schon etwas.

Noch einmal zurück zu Tomas Rincon, der ja erst nachts ins Trainingsquartier in Belek gestoßen war (wegen des Schnee-Chaos in Deutschland verspätet). Um 7.45 Uhr war er bei der ersten Einheit im Kraftraum dabei, dann marschierte er auch bei den folgenden Einheiten auf dem Rasen vorneweg. Vorbildlich, der Mann. Er mischte so mit, als hätte es nie eine Reise aus Südamerika gegeben. Kommentar Labbadia: „Wir brauchen Männer!“

Auch den einen oder anderen neuen Mann? Darüber schweigt sich der Trainer aus, mit ihm der gesamte HSV. Und beim Thema Gerald Asamoah lächelt er nur milde. Dabei gibt Bruno Labbadia sehr wohl zu, dass er sich zuletzt intensiv mit dem Thema beschäftigt hat: „Das ist alles nicht so einfach. Nehmen wir mal ausländische Spieler. Zum Beispiel den brasilianischen Markt. Käme ein Brasilianer, käme er im tiefsten Winter. Und er würde die Sprache nicht beherrschen, er hätte auch keine Vorbereitung, wie es die Mannschaft nun hat – und dann kostet er auch noch einiges Geld.“ Der Coach weiter: „Ein neuer Mann müsste uns sofort helfen, aber könnte er das?“ Zudem sucht der HSV für seine zurzeit dünne Spielerdecke ja auch nur Spieler, die sofort helfen sollen. Einen neuen Mann aber bekäme der HSV wohl nur für zweieinhalb oder mehr Jahre. Und dann? Dann hätte der HSV eventuell einen Spieler geholt, den er eigentlich nur ein halbes Jahr lang haben wollte.

Und wir erinnern uns doch noch alle an den Januar 2009: Damals holten Sportchef Dietmar Beiersdorfer, Trainer Martin Jol und Klub-Chef Bernd Hoffmann sechs „Granaten“ in der Winterpause. Wobei zu rätseln wäre, wer die „Obergranate“ gewesen ist? Für mich war es Albert Streit. Für andere war es der Däne Michael Graavgard. Auf jeden Fall sind von den sechs Zugängen (Verstärkungen?) bis heute nur noch zwei übrig geblieben: Thomas Rincon und Mickael Tavares. Das müsste eigentlich allen zu denken geben, den Verantwortlichen und wie auch den Fans. Und allen als abschreckendes Beispiel dienen.
Fazit von Bruno Labbadia: „Es ist schon immer auch für einen deutschen Spieler schwer, in der Winterpause zu wechseln. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Deswegen überlegen wir genau und sehen ganz genau hin.“

Und das ist auch gut so, denn: Hätte der HSV eventuell Ebby Smolarek verpflichtet, wie viele wollten, dann wäre zum Beispiel der Stern von Tunay Torun nicht aufgegangen. Und sollte der HSV jetzt noch einen Spieler holen, wäre eventuell das nächste Talent blockiert. Und Bruno Labbadia hat eben auch ein Herz für junge Leute, er baut sie ein mit viel Mut – im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger. „Unsere Spielerdecke bezüglich des Bundesliga-Rückrunden-Auftaktes ist dünn, wir haben momentan nur 13 Feldspieler“, sagt der Trainer. Eine Mahnung an den Klub, doch noch etwas zu tun?

Zumal im Sommer ja auch der Abgang von Jerome Boateng drohen könnte. „Es ist nicht gut, wenn man die Fäden nicht selbst in der Hand hält“, sagt Labbadia. Was er meint: Der Nationalspieler steht zwar bis 2012 unter Vertrag, dürfte aber in diesem Sommer für eine Ablöse von zwölf Millionen den Verein wechseln. Für einen wie ein eine fast lächerliche Summe. Und da steht der HSV an der Schwelle zu einem ganz großen Klub in Europa, oder doch weiter im gehobenen Mittelmaß zu verharren? Bislang spielte der HSV den „Ausbildungsklub“ für die Großen in Europa. Das sieht auch Labbadia so: „Wir sind noch nicht ganz topp, aber wir sind an der Schwelle. Und nun haben wir den schwierigsten Schritt vor uns, nämlich auf Dauer unter die ersten Fünf Klubs in der Liga zu kommen, am besten unter die ersten drei. Das aber ist schwierig, denn das wollen alle. Das sind mittlerweile zehn Klubs, denn dazu sind zuletzt ja auch Hoffenheim und Wolfsburg gekommen – und dann die üblichen Verdächtigen.“

Zu denen ja auch der HSV fast immer gehörte, letztlich aber nichts gerissen hat. Dass sich das ändert, daran wird emsig gearbeitet. In Belek. Und natürlich hinter den Kulissen in Hamburg.

Zwei Anmerkungen zum Schluss:  Dass sich Mladen Petric etwas zu negativ über den HSV geäußert haben könnte (sollte), ist in Belek (noch kein) Thema. Hier ist es friedlich. Und seitens des HSV war zu hören, dass sich Petric so nicht geäußert haben will. Nun ja.

Und in eigener Sache: Verschlafen habe ich am Monatg, weil ich in fremden Betten grundsätzlich schlecht schlafe. Das klappt meistens erst morgens so richtig – zur Frühstückszeit. Und deswegen habe das Frühstück verpasst. Es lag weder am Alkohol noch daran, dass mir Frau M. zu sehr fehlte. Aber vielen Dank dafür, dass Ihr Euch so große Sorgen um mich macht.

In Belek 23.06 Uhr (in Hamburg 22.06 Uhr)

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