Tagesarchiv für den 2. Januar 2010

Trainingsauftakt in Belek

2. Januar 2010

Das erste „türkische Training“ hat der HSV hinter sich gebracht, es sind vier Tore gefallen und es gibt zwei neue Verletzte. Für den HSV 2009/10 fast schon normale Zahlen. Hiobsbotschaft Nummer eins: Marcus Berg konnte zum Auftakt nur mitlaufen, aber nicht mitspielen, er hat sich im Urlaub eine Kniereizung zugezogen und muss in den kommenden ein, zwei Tagen kürzer treten. Dann erwischte es im Abschlussspiel des Tages eins Marcell Jansen, der von Miroslav Stepanek ein wenig unsanft und unter einem lauten Aufschrei zu Boden befördert worden war. Mannschaftsarzt Dr. Nikolai Linewitsch und Physiotherapeut Uwe Eplinius waren sofort zur Stelle, kümmerten sich um den auf dem Rasen liegenden Jansen, doch ein wenig später konnte der Mittelfeldspieler weitermachen. Nach dem Training allerdings humpelte der Nationalspieler dann doch die 800 Meter in Richtung Hotel – wer weiß, was da die Nacht bringen wird?

An dieser einen Szene ist schon zu merken: Es geht zur Sache. Und zwar mächtig. Da wird sich nichts geschenkt. Und es handelt sich bei diesem Türkei-Aufenthalt ja auch nicht um ein ganz normales Trainingslager, sondern um eine Art „Ergänzung“. Jeder Spieler musste in dieser kurzen Pause daheim oder im Urlaub für sich trainieren, und wie gut er das letztlich tat, ist anhand von speziellen Uhren, die sie trugen, abzulesen. Es konnte sich also niemand „hängen lassen“, folglich müsste auch schon jeder gut im Saft stehen. Und deswegen geht es hier nun zur Sache. Und um die Stammplätze.

Im abschließenden Spielchen standen sich übrigens die Stammspieler und die „Reservisten“ mit den Nachwuchstalenten gegenüber. Der Stamm war durch einen herrlichen Volleyschuss von Piotr Trochowski mit 1:0 in Führung gegangen (wäre in der Bundesliga ein Tor des Monats geworden), doch kurz vor dem Ende kam die Wende. Robert Tesche erzielte innerhalb von einer Minute zwei ebenfalls sehenswerte Treffer gegen Frank Rost, und Sekunden vor dem Schlusspfiff stellte Maximilian Beister mit einem Linksschuss den 3:1-Endstand her.

Erfreulich an diesem Auftakt: Erstmalig nach seinem Kreuzbandriss spielte der 19-jährige Miroslav Stepanek wieder mit, und auch Bastian Reinhardt mischte nach seinem zweifachen Mittelfußbruch und der daraus resultierenden monatelangen Pause wieder mit. Und zwar so, als sei nie etwas gewesen. Fast jedenfalls. Natürlich war beim genaueren Hinsehen zu erkennen, dass dem Routinier noch einiges fehlt, bevor er wieder bei 100 Prozent ist, aber dass er überhaupt wieder dabei ist, das ist einfach nur schön. Denn ein Bastian Reinhardt (34) in Bestform ist immer wertvoll, nicht umsonst wurde er jahrelang „Mister Zuverlässig“ genannt.

Bruno Labbadia befand nach dem Training über Reinhardt: „Basti spielte freier Mann, das haben wir bewusst so gemacht. Wir wollen mit ihm nicht überdrehen, denn er hat ja doch sehr lange gefehlt. Wir werden das genau beobachten, aber schön, dass er wieder dabei ist.“

Der HSV-Coach, der mit seinen bisherigen drei Vereinen Darmstadt 98, Greuther Fürth und Bayer Leverkusen ebenfalls das Trainingslager in Belek abgehalten hat, befand über die Bedingungen in der Türkei: „Ich kenne das, es ist hier wirklich optimal, des wird, so habe ich das Gefühl, von Mal zu Mal besser. Der Platz ist in einem ganz hervorragenden Zustand.“ Dass sich Labbadia für die Türkei entschieden hat, liegt auch an der Bevölkerung: „Die Gastfreundlichkeit ist einmalig, wenn man einen Wunsch hat, dann helfen die Türken sofort, das sind ganz feine Menschen.“ Um die Betreuung des HSV in Belek kümmert sich übrigens ein Mann namens Reyhan Gök, der einst Mitarbeiter des ehemaligen Nationaltorhüters Dieter Burdenski war und sich nun schon seit Jahren selbständig gemacht hat. Gök spricht perfekt Deutsch und kümmert sich quasi rund um die Uhr um die Hamburger Delegation.

In der Türkei will Bruno Labbadia, so kündigte er am ersten Tag an, an den Automatismen und an den Standardsituationen arbeiten. Die klimatischen Bedingungen lassen das in der Türkei zu, in Deutschland wäre ein solches Training aufgrund der momentan herrschenden Kälte nicht möglich gewesen, da zwangsläufig immer einige Spieler nicht beschäftigt wären und damit (in der Kälte) herumstehen würden.

Das tägliche Programm sieht dazu wie folgt aus: Vor dem Frühstück beginnt der HSV schon mit einem leichten Training, es wird dabei aber nicht, wie vielfach üblich, im Wald oder durch das Gelände gelaufen. Es ist dabei an Gymnastik und an Krafttraining gedacht. Später folgt dann am Vor- und am Nachmittag noch jeweils eine Einheit mit Bällen.

Zur Szene am Rande: Die HSV-Fans treffen erst am Sonntag in Belek ein, und sie werden erstaunt sein, dass es auf dem Gelände des Trainingsplatzes einen ganz besonderen Service gibt. Ein Mann macht das Geschäft seines Lebens, denn er hat einen Stand und einen Grill aufgebaut, es gibt kalte Getränke, Kaffee, Mars, Snickers sowie Köfte und Burger. Letzteres hilft besonders dann, wenn es am Abend nicht nur dunkel wird, sondern auch merklich kälter.

Pech hatte übrigens der Fotograf der Hamburger Agentur Witters, denn diesmal wurde er „abgeschossen“. Beim Warmlaufen kam Mladen Petric ein Ball vor die Füße, er zog platziert ab – und traf den Fotografen voll. Der ging zu Boden und stellte danach fest, dass sein Blitzgerät nur noch Schrottwert besaß. Zum Glück hatte er Ersatz dabei.

Wie der HSV. Dass Labbadia einige Amateure mit nach Belek genommen hat, liegt allerdings nicht nur daran, dass er stets in Mannschaftsstärke trainieren lassen will. Es geht auch darum, die jungen Spieler heranzuführen. Und es stehen auch einige Spieler auf dem Sprung, die bislang noch nicht im Rampenlicht standen. Dazu gehören nun auch die Abwehrspieler Henrik Dettmann (19) und Gerrit Pressel (19). Labbadia: „Sie sind neu in unserem Kreis, weil sie uns im Training in Hamburg aufgefallen sind, weil sie dort ordentliche Dinge gemacht haben. Und nun werden wir mal sehen, wie sie sich weiterentwickeln.“ Wir werden es genau verfolgen. Nicht nur in der Türkei. Aber auch. Das war Tag eins in Belek.

In Belek um21.16 Uhr (in Hamburg 20.16 Uhr)

In der Türkei gelandet

2. Januar 2010

Geschafft! Gelandet! Aber wie! Der Morgen danach verlief noch ruhig. Am Tag nach Neujahr hieß es für die HSV-Profis früh aus den Federn zu kommen. Um 7 Uhr war Treffpunkt an der Nordbank-Arena, dann ab zum Flughafen, Start Richtung Türkei. Die ersten drei Stunden des Fluges mit der für die meisten total unbekannten Fluggesellschaft „Freebird“ verliefen dann auch noch ganz normal – viele drückten beide Augen zu, sie schliefen. 40 Minuten vor der planmäßigen Landung in Antalya begann es dann unangenehm zu werden. Aber richtig unangenehm. Der Airbus A 329-200 musste durch drei dicke Wolkenschichten Richtung Erde, und der Flieger ließ dabei kein einziges „Schlagloch“ aus. Da es zudem ganz gewaltig stürmte, wurden wir alle nach allen Regeln der Fliegerkunst durchgerüttelt. Da kam Freude auf.

Aus der Luft betrachtet sah die Region um Antalya übrigens genauso weiß aus, wie zurzeit Norddeutschland. Das lag aber nicht daran, dass hier etwa Schnee gefallen war – davon kann natürlich keine Rede sein. Nein, es waren die vielen, vielen Gewächshäuser – oder auch nur schützende Plastikplanen, die von den Bauern über das Obst und Gemüse gedeckt wurden.

Als endlich die Erde in Sichtweite war, hatte der Spuk ein Ende. Die Landung verlief sicher und ohne Probleme, doch der Schrecken war einigen noch im Gesicht abzulesen. Es gab viele, viele blasse Hamburger Nasen zu bewundern.

Dennis Aogo, dem nachgesagt wird, er habe am meisten Flugangst von allen HSV-Spielern, konnte aber am Gepäckband schon wieder lachen und Entwarnung geben: „Alles gut, es gibt keine Probleme.“ Und Bastian Reinhardt, der in der Türkei nun sein Comeback vorantreiben will, sah zwar mitgenommen aus, sagte aber: „Ich bin immer blass, nach diesem Flug wahrscheinlich noch ein wenig blasser – aber es ist alles in Ordnung.“

18 Grad warm war es um 13 Uhr, dazu schien die Sonne, doch die drohenden Wolken waren nicht zu übersehen. Und der Wind würde auch zur Nordsee bestens passen. Mir fiel da gleich ein Trainingslager des HSV ein, ganz in der Nähe vom jetzigen Standort Belek. Das war damals in Side, und dort schüttete es tagelang so, dass die Fußballplätze wie chinesische Reisfelder aussahen. Das damalige Trainerteam Benno Möhlmann/Felix Magath entschied sich dann wegen des „Hamburger Wetters“ zur vorzeitigen Abreise.

Dazu dürfte es in Belek aber wohl kaum kommen. Es regnet (noch) nicht, in ein wenig Sturm müsste inzwischen auch jeder HSV-Profi in der Hansestadt kennen und schätzen gelernt haben. Vom Flughafen Richtung Unterkunft ging es vorbei an richtig großen Feldern, auf denen Zitronen- und Apfelsinen-Bäume ihr ganze Pracht präsentierten. Und das mit der HSV-Fahne beflaggte Hotel Kempinski entschädigt dann für alles das, was nach negativ aussehen oder riechen hätte könnte. Welch ein Traum, welch Palast! Und ausgebucht das Teil, weil neben dem Hotel nicht nur der Trainingsplatz des HSV liegt, sondern ein gigantischer Golfplatz. Und auf dem herrschte bei der Ankunft des HSV zur Mittagszeit schon reger Betrieb.

Morgen soll auch beim HSV noch einmal reger Betrieb herrschen, denn dann kommen gegen 23 Uhr die Nachzügler nach Belek – mit Zwischenlandung in Istanbul. Tomas Rincon, Ze Roberto, Collin Benjamin und Alex Silva sollen dann zu Mannschaft stoßen. Sollen. Bei Ze Roberto könnte es allerdings eine kleine Schwierigkeit geben, denn der immer noch verletzte Brasilianer schien keine rechte Lust auf Belek zu haben. Nun wollen sich die Verantwortlichen um Trainer Bruno Labbadia selbst überraschen lassen, ob der Mittefeldstratege mit im Flieger saß, oder ob er lieber in der Sonne Südamerikas geblieben ist. Letzteres würde dann in jedem Falle eine Geldstrafe nach sich ziehen – und sicher auch den einen oder anderen Ärger. Fußballstars können ja manchmal so eigen sein . . .

Übrigens: Eljero Elia ist mit von der Partie. Der Niederländer trägt einen Stützverband um seinen immer noch (oder schon wieder) lädierten Fuß, doch er schlug trotz der Tatsache, dass er diesen Verband erst im Laufe der nächsten Woche abgenommen bekommt, mit in der Türkei auf. Und mit ihm einige Spieler aus der „Zweiten“. Mit von der Partie sind hier Maximilian Beister, Henrick Dettmann, Tom Mickel, Gerrit Pressel, Hanno Behrens und Christian Groß, dazu auch Tolgay Arslan. Das Mittelfeld-Talent Sören Bertram musste aus schulischen Gründen passen.

Belek um16.47 Uhr (Hamburg 15.47 Uhr)