Monatsarchiv für Januar 2010

Van Nistelrooy – mehr nicht

31. Januar 2010

Was wurde hier nicht alles spekuliert? Viele, viele Namen wurden hier, bei „Matz ab“, rauf und runter gespielt. Kommt der zum HSV? Oder doch der? Vielleicht ein anderer? Bekannte und Unbekannte wurde gewälzt – und dann kam nur einer – und sonst keiner. Natürlich, bis zum Montag (1. Februar) wäre theoretisch noch alles möglich, aber nach meinen Informationen bleibt es ruhig. Still ruud der See. Van Nistelrooy – und sonst keiner mehr. Was in meinen Augen auch die absolut richtige Maßnahme ist, denn erstens kostet jeder Wintereinkauf viel Geld, zweitens ist eine Soforthilfe nicht unbedingt garantiert, und drittens werden auch die ganz schlimm verletzten HSV-Profis allmählich wieder den Weg zurück zur Mannschaft finden.

Und dann gibt es ja auch jene Spieler, die zwischen Stamm-Mannschaft und Ersatzbank hin und her pendeln. Piotr Trochowski ist so einer, und ich weiß inzwischen ja, dass wir hier an dieser Stelle auf keinen gemeinsamen Nenner mehr kommen werden, weil: 50 Prozent sind für ihn, 50 Prozent gegen ihn. Das war immer so, das wird auch immer so bleiben. Ich sprach an diesem Vormittag mit einem alten Freund, nämlich Herbert Kühl. Der ehemalige Oberliga-Recke (Victoria, St. Pauli) und einst erfolgreichste Amateurtrainer der Stadt begann das Thema „Troche“ von sich aus: „Ich verstehe die Leute in deinem Blog nicht. Wieso sind so viele gegen Piotr Trochowski? Der Mann hat tolle, hat überdurchschnittliche Fähigkeiten, wenn ich HSV-Trainer wäre, dann würde er bei mir immer spielen. Trochowski kann den Ball halten wie kaum ein anderer, er kann dribbeln wie kaum ein anderer in dieser Mannschaft, und er kann schießen wie kaum ein zweiter HSV-Profi.“

Wie gesagt, Herbert Kühl, der bei „Matz ab“ mitliest, fing davon an, und er lief, das sagte ich ihm natürlich auch, bei mir offene Türen ein. Wobei ein besonderer Umstand auch noch ganz kurz Gesprächsstoff war: „Welcher Spieler schnappt sich, nachdem er die beiden ersten Freistöße dermaßen verhauen hat, noch ein drittes Mal den Ball? Dazu gehört schon eine ganz gehörige Portion Mut, und auch diesen Mut hat er eben.“

Ansonsten möchte ich es damit (vorerst) bewenden lassen, denn ich möchte auch nicht versuchen, die anders denkenden „Matz-abber“ vom Gegenteil zu überzeugen. Wozu auch? Es ist ja doch als hypothetisch. Die Wahrheit, das sagte schon der gute alte Adi Preißler (und nicht Otto Rehhagel, habe ich nun gelernt!), liegt auf dem Platz. Und vielleicht wird mancher HSV-Fan auch erst dann wach, wenn Trochowski erst für einen anderen Verein kickt. . .

Ein zweiter Name, neben „Troche“, wird auch seit dem Wolfsburg-Spiel genannt: Marcus Berg. Auch in seinem Fall gibt es viel pro und contra. Wobei ich allen von Euch, die mir auch schon eine gewisse Hoffnungslosigkeit unterstellen, beipflichten muss: es war so. Ich hatte auch in Belek, im türkischen Trainingslager, kein allzu gutes Gefühl, denn erneut hatte der damals verletzte Schwede die Vorbereitung verpasst. Keine optimalen Voraussetzungen, um mit neuem Schwung in die Rückrunde zu starten.

Und dennoch kam der 23-Jährige gut aus den „Startlöchern“, denn nach seiner Einwechslung in Dortmund zeigte er bereits eine engagierte Leistung. Und auch gegen Wolfsburg gehörte Berg ganz sicher zu den besseren Hamburgern. Vornehmlich in der ersten Halbzeit war das so, da war er hinten und vorne zu finden, links und rechts. Leider vergab er dann eine Torchance (die er sich selbst herausgespielt hatte) recht, recht kläglich, als er in Halbzeit zwei aus spitzem Winkel völlig unmotiviert auf das VfL-Tor „ballerte“, statt kühlen Kopf zu bewahren. Der Ball flog hoch und weit am Gehäuse vorbei, in der Mitte beschwerte sich besonders Petric, der den Ball eventuell leicht und locker über die Linie hätte bringen können.

„Marcus hat Phasen hinter sich, in denen er wenig gespielt hat. Er hat sich die Einsätze aber jetzt durch gute Leistungen im Training erarbeitet. Das war deutlich zu sehen, und normalerweise schießt er eine solche Chance, die er da weit am Tor vorbei gesetzt hat, ins lange Eck. Aber dass es so gelaufen ist, das ist eine ganz normale Sache, das kommt eben dann, wenn ein Stürmer kein Top-Selbstvertrauen hat“, sagt Bruno Labbadia. Er weiß das ganz genau, denn er war Stürmer, und auch er hat solche Phasen gehabt. Auch oder besonders damals beim HSV. Labbadia: „Entscheidend ist, dass er weiter an sich arbeitet, denn er hat die Qualität, solche Möglichkeiten rein zu machen.“

Generell hat der HSV-Coach festgestellt, dass sich Marcus Berg jetzt besser bewegt. Und hätte er seine erste große Chance genutzt, als er allein auf VfL-Torwart Lenz zulief (17.), dann wäre sein Selbstbewusstsein sicherlich schon in diesem Spiel um einige Grade gestiegen. Bruno Labbadia: „Das war Pech, er hat den Ball leider nicht richtig mitnehmen können, plötzlich lag das Leder zwischen seinen Füßen.“ Dann sagt der Trainer generell zum Thema Berg: „Wir wollten Marcus ja von Anfang an in Ruhe wachsen lassen, neben Paolo Guerrero und Mladen Petric, aber dann kam es ja durch die Verletzungsmisere ganz anders. Zu Beginn der Saison, als er von der Bank kam, da hat er uns ja oft genug geholfen. Das, obwohl er auch damals keine vernünftige Vorbereitung hatte. Ich hoffe nun, dass er ganz einfach den nächsten Schritt macht.“

Denn jetzt könnte der ursprüngliche HSV-Plan mit Marcus Berg ja auch wieder aufgehen. Sollte demnächst Ruud van Nistelrooy neben Mladen Petric stürmen, dann könnte Berg wieder in aller Ruhe von der Bank kommen und sich entwickeln.

Ihr werdet sicher darauf hoffen, dass der niederländische Star-Einkauf schon beim nächsten Spiel, am Sonnabend beim 1. FC Köln, zum Einsatz kommt. Als mein geschätzter Kollege Matthias Linnenbrügger (Welt) die alles entscheidende Frage an Bruno Labbadia stellte („Wie planen Sie mit Ruud?“), huschte für den Bruchteil einer Sekunde ein Lächeln über das Gesicht des Trainers. Zufall? Oder die pure Vorfreude? Labbadia hatte sich jedenfalls schnell wieder gefangen und antwortete cool: „Das kann ich jetzt noch nicht sagen, ob er ein Thema für Köln wird. Wir müssen nun erst einmal sehen, dass wir beide Spieler, sowohl van Nistelrooy als auch Ze Roberto, in eine solche Verfassung bringen, dass sie uns auch tatsächlich helfen können. Egal wie hoch auch ihre Qualitäten sind, sie müssen schon gewisse Voraussetzung erfüllen, sonst werden sie es schwer haben.“ Dann ergänzt der Trainer noch: „Wenn wir das Gefühl haben, dass es ihm gut täte, wenn er dieses Wochenende noch einmal für sich arbeiten würde, dann werden wir uns so entscheiden und ihn nicht mit nach Köln nehmen, ganz klar.“

Das Thema van Nistelrooy streifte an diesem Sonntag auch Torwart Frank Rost am Rande. Bei Sky wurde er gefragt, ob der HSV denn noch eine Meisterschafts-Chance hätte. Der Keeper schmunzelnd: „Wenn alle Verletzten wieder da sind, und wenn Ruud van Nistelrooy seine Form der vergangenen Jahre wieder findet, dann haben wir noch eine kleine Mini-Chance.“ Und wieder gab es ein kurzes Schmunzeln.

Ja, der HSV legte an diesem Wochenende schon ein gutes Auftreten im Fernsehen hin. Denn auch Jerome Boateng glänzte durch seine Souveränität im ZDF-Sportstudio. Der Nationalspieler erzählte, dass die Vertragsverhandlungen mit dem HSV wieder aufgenommen wurden, und er bekannte auch, dass er gerne in Hamburg bleiben würde. Das klang sehr gut, das klang für mich vor allem auch glaubhaft. Und zum Abschluss der Nacht traf Jerome Boateng dann sogar noch viermal an der Torwand – dieser Auftritt konnte sich wahrlich sehen lassen.

19.55 Uhr

Positive und negative Auffälligkeiten

30. Januar 2010

Auch mit einer verschneiten Nacht Abstand und der Lektüre Eurer vielen sachlichen sowie emotionalen Beiträge bin ich noch unschlüssig, wie ich dieses 1:1 bewerten soll. Klar, wenn man nach 92 Minuten mit dem allerletzten Schuss (nach einem diskutablen Freistoß) einen Punkt holt, dann löst das Freude und Erleichterung aus. Andererseits waren die vorherige Chancenverwertung und die Spielweise in Hälfte eins mangelhaft. Und wenn man Ambitionen in Richtung Top 3 der Bundesliga hegt, dann ist auch ein am Ende so glückliches 1:1 doch eher eine Enttäuschung. Marcell Jansen sagte es nach der Partie treffend: „Der VfL kann froh sein, dass wir ihn nach dieser zweiten Hälfte nicht mit einem deutlichen Sieg nach Hause geschickt haben. Für uns ist dieses Remis trotz des Zustandekommens zu wenig.“

Je mehr und länger ich nach dem Abpfiff mit Freunden und Bekannten über dieses Spiel und die daraus abzuleitenden Erkenntnisse diskutiert habe, desto stärker wird mein Eindruck, dass sich der HSV momentan in einer sehr schwierigen Phase befindet. Auf der einen Seite gestiegene Ansprüche, auf der anderen Seite individuelle Schwächephasen, auf der einen Seite spielerisch eindrucksvolle Momente (wie gestern in Hälfte zwei), auf der anderen Seite individuelle Zielsetzungen einzelner Profis, die möglicherweise gelegentlich das oberste Ziel des HSV beeinträchtigen.

Ich möchte Euch mal vorab in Kurzform erzählen, mit welchen Erkenntnissen von Fans und Experten ich gestern am häufigsten konfrontiert wurde (viele davon finden sich ja auch in Euren Kommentaren) und würde mich freuen, Eure Meinung dazu zu lesen:

Positive Auffälligkeiten:
– David Rozehnal ist zentral kein Sicherheitsrisiko mehr, er wirkt deutlich stabiler
– Tomas Rincon ist als „Sechser“ nicht nur wegen seiner Bissigkeit wertvoll, sondern bringt bis zum letzten Moment vor allem seine ungeheure Willenskraft und Leidenschaft mit ein
– Mladen Petric ist bereiter denn je, auch weite Wege zu gehen (in Hälfte eins hatte er vermutlich mehr Laufstrecken absolviert als Eljero Elia)
– mit Piotr Trochowskis Einwechslung stieg die spielerische Klasse im Nu, der Spielfluss war wesentlich besser und die Angriffe wurden unberechenbarer
– Marcus Berg zeigte trotz einiger Abschlussschwächen steigende Tendenz, wagte sich auch in Eins-gegen-Eins-Duelle und bot sich stets als Anspielstation an

Negative Auffälligkeiten:
– Dennis Aogo wirkt seit seiner DFB-Berufung fahrig und leistet sich zum Teil haarsträubende Fehler, die nicht nur mit seiner hohen Aktivität zu begründen sind
– Eljero Elia ist in der Form des Wolfsburg-Spiels als rechter Mittelfeldmann verschenkt (zudem hatte ich den Eindruck, als hätte sich seine Position in der Mannschaft negativ verändert. Ist das etwas vorgefallen? Bislang habe ich nichts herausgefunden.)
– ruhende Bälle, von denen es gegen Wolfsburg massenhaft gab, werden trotz des Treffers und eines Lattenkopfballs noch zu selten in Torgefahr verwandelt
– im zentralen Mittelfeld fehlt ein Taktgeber mit Torgefahr: David Jarolim ist zwar ballsicher und umsichtig, aber kein torgefährlicher Dirigent, er verschleppt zu oft das Tempo
– der eingewechselte Guy Demel tendiert seit Monaten zum Sicherheitsspieler, wenn es nach vorne geht; er geht jedem Eins-gegen-Eins aus dem Weg (mangels Tempo?), meidet riskante Flankenversuche
– das gesamte Spiel des HSV ist zu linkslastig

So, das war es erst einmal. Ich habe bestimmt noch ein paar polarisierende Aspekte vergessen (z.B. die Taktik-Diskussion: Passt Labbadias 4-4-2 mit den zwei „Sechsern“ und ohne zentral offensiven Mittelfeldmann überhaupt zum aktuellen Personal?), aber ich wurde seit gestern Abend wirklich mit so vielen PROs und KONTRAs konfrontiert, dass Ihr mir das hoffentlich nachseht. Ich möchte Euch aber noch vom „Nachspiel“ des Freitagabends erzählen.

Die Szene war schon skurril: Als ich mit gepackten Sachen durch die Cafeteria im fünften Stock der Nordbank-Arena ging, wurde im Fernsehen gerade ein Interview mit Trochowski gezeigt. Mehr als 100 HSV-Fans sahen auf mehreren Bildschirmen zu. Auf die Frage des Reporters, ob das ein Glücksschuss war, oder ob das Tor so gewollt war, weil er die Technik dazu hat, antwortete Trochowski treu und brav: „Das ist meine Schusstechnik, so war mein Schuss auch gewollt.“ Und in der Cafeteria lachten die meisten laut auf. Typisch. Minuten zuvor lagen sich noch alle Hamburger in den Armen, weil ihnen Trochowski einen Punkt gerettet hatte, aber schon kurz darauf gibt es dieses Lachen, das in den meisten Fällen verächtlich klang. Der kleine Mann hat es nicht leicht in seiner Heimatstadt, schade, schade.

Bruno Labbadia rechtfertigte seine Entscheidung, Elia statt Trochowski von Beginn an zu bringen, so: „Wir haben beide Spieler genau im Training beobachtet. Wir brauchten ein wenig mehr Durchschlagskraft. Und wir hatten auch das Gefühl, das kommt noch hinzu, dass uns Eljero von der Bank kommend nicht so richtig helfen könnte, weil er seinen Rhythmus noch nicht gefunden hat. Und wir hatten das Gefühl, dass Elia mit seiner Dynamik auch eine ganz gute Kombination zu Marcus Berg wäre.“

Trochowski war nach dem Spiel sehr geknickt, er wirkte total enttäuscht, von Jubel oder gar Euphorie keine Spur. Labbadia dazu: „Das ist völlig normal, das ist verständlich, jeder Spieler soll dann auch enttäuscht sein. Entscheidend ist, dass er eine Antwort darauf gibt, und diese Antwort war gut.“

Den über weite Strecken der Partie enttäuschenden Elia nahm Labbadia in Schutz: „Diese Schwankungen sind normal bei einem jungen Spieler. Zweitens kommt hinzu, dass er aufgrund seiner Verletzung keine gute Vorbereitung machen konnte, denn er hatte permanent mit Problemen zu kämpfen. Das kennt er ja nicht, denn wenn man seine Karriere verfolgt hat, dann weiß man, dass er kaum verletzt war. Entscheidend war für uns, dass von ihm in der zweiten Halbzeit eine Reaktion kam. In der Pause haben wir noch mit ihm gesprochen, was er machen muss, was er tun soll, was er versuchen muss. Und er hat sich dann ja auch auf alle Fälle gesteigert.“

So, jetzt reicht es aber auch. Genießt den Sonnabend. Ich melde mich morgen wieder.

11:20 Uhr

Der letzte Schuss

29. Januar 2010

Der letzte Schuss. Es war ein echter Flatterball, ganz unangenehm für jeden Keeper. Aber dieser Ball ließ die Herzen der HSV-Fans noch einmal höher schlagen. Es lief die Nachspielzeit, die 92. Minute. Der eingewechselte Piotr Trochowski, der zuvor zwei Freistöße bereits an den Rand der Arena befördert hatte, schnappte sich noch ein drittes Mal den Ball. Das war mutig, sehr mutig sogar. Aus 22 Metern drosch der Nationalspieler auf das VfL-Tor, die Kugel flatterte, erst nach links, dann nach rechts, und der gute Schlussmann Lenz war doch noch bezwungen. Ein versöhnliches Ende nach einem durchwachsenen Spiel. In der ersten Halbzeit suchte der HSV seine Form, fand sie aber nicht. Im zweiten Durchgang wurde Druck entfacht, große Chancen herausgespielt, aber das Tor wollte nicht fallen. Bis zur 92. Minute. Der Ball lag im Netz, als der Schlusspfiff erfolgte. Aber reicht dieser Punkt, reicht dieses 1:1, um noch einmal ganz oben angreifen zu können? Ich habe da ganz, ganz große Zweifel.

Ohne Trochowski hatte diese Partie vor 51 845 Zuschauern begonnen. Die Geduld des Trainers hat ganz offenbar ihre Grenzen. Immerhin war vor dem Anpfiff das Lieblingslied des Dribbelkünstlers zu hören: „Sexy Bitch“ von David Guetta feat. Akon. Der HSV-Profi hat Geschmack, das ist eine starke Scheibe. Und auch das Spiel ließ sich relativ gut an. Der Schnee hinterließ auf dem grünen Teppich keinerlei Spuren, und Wolfsburg begann so, wie von vielen Experten erwartet: Massive Deckung, die Räume zustellend, und dann kontern. Nach 20 Minuten gab es ein Chancenverhältnis von 1:3. Für den HSV hatte Marcus Berg die Chance auf das 1:0, doch der Schwede zögerte zu lange, plötzlich lag ihm der Lenz zu Füßen – Chance vertan (17.). Spätestens zu diesem Zeitpunkt war jedem klar, dass das ein ganz schweres Stück Arbeit werden würde für den HSV.

Mladen Petric schoss einen Freistoß aus 30 Metern schon mit einem Anflug von Verzweiflung, der Ball flog an den Außenpfosten (23.). Einen Kopfball von Marcell Jansen hielt VfL-Keeper Lenz großartig (24.), ebenso Sekunden danach einen Kopfball von Marcus Berg. Nach einem Rückpass von Petric schoss Berg aus 17 Metern nur Zentimeter am VfL-Tor vorbei (32.), das war es aber auch schon an HSV-Möglichkeiten in der ersten Halbzeit.

In der der HSV für mich leider nur mit zehn Mann spielte. Eljero Elia wirkte nicht nur wie ein Fremdkörper, er war für mich auch ein Totalausfall. Was war seine Rolle. Ich bin nicht klar daraus geworden. Das war keine Rakete, das war ein Schlafwandler, der Schlafwagenfußball spielte. Weil er auf der ungeliebten rechten Seite nicht zurecht kam, zurecht kommen wollte? Und weil rechts so schlecht wie nichts lief, war das Spiel des HSV wieder sehr linkslastig.

Und vorne liefen sich Berg und Petric einen Wolf, aber Elia ließ es dazu reichlich gemächlich angehen. Petric war für mich der beste Hamburger der ersten Halbzeit, ihm am nächsten kam Berg, der nur im Abschluss unglücklich war. Immerhin, beide waren unglaublich aktiv.

Aber das erste Tor fiel auf der anderen Seite. Wolfsburgs Madlung drosch den Ball per Hoch-und-Weit-Freistoß über 50 Meter in Richtung HSV-Strafraum, die Kugel kam zu Dzeko, und der setzte sich viel zu mühelos durch gegen Joris Mathijsen durch – es war Mathijsens erster Klops in diesem Spiel, aber der war leider sehr gewichtig. Der 14-Meter-Schuss des Wolfsburgers prallte vom Innenpfosten ins Netz, unhaltbar für den guten Frank Rost (34.). Der HSV war danach zwar bemüht, eine Wende herbei zu führen, doch die Mittel waren eher untauglich. Mladen Petric kam bei einer Spielunterbrechung extra an die Mittellinie zurück, um bei Standardschütze Dennis Aogo Aufklärungsarbeit zu leisten: Alle Freistöße waren eine lässige Beute der langen Kerle in den Wolfsburger Reihen. Hoch rein war also ein höchst untaugliches Mittel, da wäre Raffinesse gefragt gewesen.

Erstaunlich: Wie schon in Dortmund, als Tunay Torun nach einer ganz schwachen ersten Halbzeit noch einmal zur zweiten Halbzeit wiederkommen durfte, so kam diesmal auch Elia mit aus der Kabine. In Dortmund hatte Co-Trainer Eddy Sözer noch geäußert: „Wir haben Vertrauen zu unserer Mannschaft.“ So auch diesmal? Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Und noch besser wäre wohl, einen Spieler, der so tief durchhängt, frühzeitig zu erlösen. Schade, diese Chance wurde wieder nicht genutzt.

Immerhin: Nach dem Seitenwechsel kam der HSV, er drückte, er zeigte Biss, er wollte das Spiel drehen. Und fast wäre es in der 53. Minute auch gelungen: Eckstoß Elia, Kopfball David Rozehnal (über 90 Minuten gesehen eine ganz, ganz starke Vorstellung von ihm) aus sechs Metern an die Querlatte. Das war Pech. Und drei Minuten später? Jansen frei vor Lenz, doch der Schuss des Nationalspielers wird gehalten, weil er genau auf Mann geht. Und beim Nachschuss schießt Elia, der nun etwas aktiver unterwegs war, den vor ihm stehenden Jansen an – Abstoß statt 1:1. Bitter.

Es spielte nur noch eine Mannschaft: der HSV. Doch das Tor wollte und wollte nicht fallen. In der 66. Minute lag die Kugel zwar im Netz der Wolfsburger, aber Jansen hatte bei der Flanke von Jerome Boateng einen kleinen Hauch im Abseits gestanden. Wieder nichts. Am Rande verzweifelte und haderte Bruno Labbadia, der immer wieder mit den Armen durch die Luft ruderte.

Dann der Griff nach dem Strohhalm, Labbadias Dreifach-Wechsel: Kapitän David Jarolim, Berg und Boateng raus, Trochowski, Jonathan Pitroipa und Guy Demel rein. Boateng musste raus, weil er ganz offensichtlich unter Krämpfen litt. Unter Krämpfen! Die Aufholjagd hatte Kraft gekostet.

Aber sie ging auch weiter. Wenn auch mit wenig probaten Mitteln. Die nördlichen Fans hinter dem Wolfsburg-Tor gaben alles, aber es half nichts. Und das gegen eine VfL-Mannschaft, die in der zweiten Halbzeit kein Bein mehr an die Erde brachte, die nur noch darauf bedacht war, das Ergebnis über die Runden zu bringen. Auch deshalb, weil Josue einen Kopfball von Demel von der Torlinie kratzte. Es gibt solche Tage . . .

Immerhin hatte der Fußball-Gott noch in der 92. Minute ein Einsehen. Und mir fiel danach das Plakat ein, das im Norden ganz unten rechts hing. Neben den HSV-Fans aus Undeloh standen da nur zwei Worte: „Jesus heilt.“ Vielleicht ja auch alle Wunden, die es nach diesem verpassten Sieg wieder bei so manchem HSV-Fan gegeben hat.

22.37 Uhr

Vor dem Wolfsburg-Spiel

29. Januar 2010

Das Spiel gegen Wolfsburg ist nicht gefährdet. Sagt der HSV. Und auch Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, mit dem ich deswegen eben gerade telefoniert habe. Allerdings könnte es wohl große Probleme bei der Anfahrt geben. Öffentliche Verkehrsmittel? Wäre wohl ratsam. Obwohl Shuttle-Busse diesmal nur ab Stellingen fahren. Trotzdem wohl die etwas angenehmere Variante. Am Vormittag kam der HSV noch mühelos zum Anschwitzen. So wird das leichte Training am Spieltag genannt. Mit von der Partie war auch Guy Demel, aber mein Eindruck bleibt bestehen: Ich glaube nicht, dass der Ivorer von Beginn an spielen wird.

Eventuell auch eine ganz, ganz kleine erzieherische Maßnahme? Kann ich nur vermuten, möchte ich aber dem Trainer nicht unterstellen, aber: Eigentlich sollte Demel ja schon einen Tag vorher, nämlich am Mittwoch, vom Afrika-Cup in Hamburg eingeschwebt sein, aber wie das Leben mit den Fliegern so spielt, der gute Guy blieb in der Heimat hängen. Warum auch immer? Als ich von diesem „Hängenbleiben“ hörte, dachte ich sofort an Tomas Rincon. Der Kämpfer vor dem Herrn flog im Januar aus Südamerika ins Trainingslager nach Belek, war über einen Tag lang unterwegs, enterte nachts gegen ein Uhr sein Hotelzimmer – und stand am Morgen darauf pünktlich um 7.45 Uhr auf der Matte, als es die erste Einheit gab. Und bei den beiden folgenden Einheiten auf dem Rasen marschierte Rincon immer vorne weg. Vorbildlich nenne ich das.

Wenn also Demel nur auf der Bank sitzt, dann bleibt es auch bei der Abwehr, die sich gegen Dortmund versuchen durfte. Was mich nicht stören würde. Störend finde ich es eher, wie sehr der gute David Rozehnal hier bei „Matz ab“ immer von „seinen“ HSV-Fans runter geputzt wird. Das ist echt schade, denn ich sah den Tschechen gegen den BVB nicht so schlecht, wie hier einige nun schreiben. Und wenn Ihr einmal darauf achtet (auch heue gegen Wolfsburg): An Rozehnal bleibt es meistens hängen, den Ball nach vorne zu befördern (ins Niemandsland), denn Joris Mathijsen hat es sich ein wenig angewöhnt, die Pille schnell noch einmal nach rechts zu befördern, damit Rozehnal die Kugel nach vorne schlagen darf, kann oder muss. Und dass die Pille in Dortmund niemals einen vorne postierten HSV-Profi fand, das lag nicht unbedingt (nur) an Rozehnal, denn allgemein kam doch jeder Ball postwendend in die Hamburger Hälfte zurück, egal wer ihn auch nach vorne beförderte.

Wobei ich zum zweiten Sorgenkind komme: Piotr Trochowski. Ich habe es unmittelbar nach der 0:1-Niederlage schon geschrieben, ich stehe nach wie vor dazu: „Troche“ begann gut, hielt als einer der wenigen Hamburger die Kugel in den eigenen Reihen, bevor er restlos unterging. Das ging ihm aber nicht alleine so, mit ihm tauchten auch (fast) alle anderen Kollegen ab. Zwei Ausnahmen möchte ich schnell noch einmal nennen: Rincon, dem fußballerisch auch nicht viel gelang, war der einzige Hamburger, der „kloppte“ und richtig schön dagegen hielt. Und der eingewechselte Marcus Berg bot ebenfalls eine sehr engagierte Leistung.

Auf eine solche Benotung, das weiß ich, hoffen viele von Euch, wenn es um Trochowski geht. Er schafft es im Moment nicht, noch nicht, über seinen Schatten zu springen. Obwohl ich ihm bescheinigen muss, dass er mir im türkischen Trainingslager den Eindruck vermittelt hatte, dass er begriffen hat, was alle (Fans, Kollegen, Trainer) von ihm erwarten. Aber es ist wohl im Moment noch so, dass er ebenfalls untergeht, wenn alle um ihn herum ums Überleben kämpfen. Übrigens: In Belek machte auch Rozehnal auf mich den Eindruck, als ginge es mit ihm steil bergauf. Und zu ihm und zum Dortmund-Spiel noch einmal ganz, ganz kurz zurück: Er hatte gewiss nicht die schlechtesten Zweikampfwerte der Hamburger Defensive . . .

Auf die hier gestellte Frage, wie sich Piotr Trochowski im Training bewegt, kann ich nur antworten: Nicht schlechter als seine Kollegen. „Troche“ fällt auf jeden Fall nie ab – wie zum Beispiel Mickael Tavares zuletzt. Und im Gegenteil: Liegt Trochowski in einer Pause (oder zum Beispiel beim Warmlaufen) ein Ball im Wege, so beginnt er sofort, Kunststücke damit zu machen, oder auch nur einen Torschuss zu wagen. Das zeugt von seiner Spiellust, die er zweifellos immer noch hat. Ginge es nur nach meinen Trainingseindrücken, müsste Piotr Trochowski eigentlich immer spiele. Ob er aber gegen Wolfsburg von Beginn an auflaufen wird? Ich würde ihn bringen, aber ich kann noch nicht in Bruno Labbadia hinein blicken. Auf einem schneebedeckten Boden wie heute allerdings würde ich ihn schon tanzen lassen, keine Frage.

Ich würde auch Eljero Elia neben Mladen Petric im Angriff bringen. Obwohl der Niederländer nach seiner Einwechslung in Dortmund schon einigen „Mist“ produziert hatte. Zu viele Dribblings, zuviel mit dem Kopf durch die Wand, zuviel Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Da war viel Brotloses im Spiel der Rakete, der es aber zum Beispiel gegen Werder Bremen (auf Schnee) gezeigt hat, wie wertvoll er sein kann, wenn er zu seinem Spiel findet. Sein Spiel: Ein, zwei Raum schaffende Dribblings, abspielen und abgehen wie Schmitz Katze, den Ball wieder fordern – so ist er mir am wertvollsten.

Ich bin gespannt, zu welcher Aufstellung sich Bruno Labbadia durchringen wird. Und ich wünsche allen, ob in der Arena oder vor dem Fernseher, viel Spaß. Und natürlich auch jenen HSV-Fans, die vor dem Radio sitzen werden. Wobei ich schnell noch eine Frage beantworten möchte, nämlich die, nach dem Werbepartner NDR 2. Ob der nicht ein wenig zu wenig machen würde? Ich habe mit HSV-Vorstand Katja Kraus gesprochen, die ehemalige Nationaltorhüterin sagt ganz klar: „Es ist alles bestens: Wir haben eine gute Präsenz im Programm, die Zusammenarbeit ist bestens.“ Sehe ich auch so. Dass in der Woche nicht viel läuft, ist logisch, der NDR hat ja nicht nur „seinen HSV“, sondern viele andere Dinge zu berücksichtigen. Ich liebe zum Beispiel die Bundesliga-Konferenz am Sonnabend, auch die Sendung am Sonntag – es gibt nichts Besseres. Und, so ganz nebenbei, auf NDR 90,3 sind ebenfalls ganz emsige Menschen am Werk (meine Nummer eins: Lars Pegelow), das wird doch praktisch jeden Tag über den HSV berichtet oder gesprochen – und 90,3 Ist ja auch ein „bisschen“ NDR. Oder täusche ich mich da, Ihr Damen und Herren in der Rothenbaumchaussee?

Und wo wir gerade beim Thema sind. Der NDR berichtet heute aus dem Volkspark wie folgt: NDR 2 wird ausführlich live vom Spiel HSV gegen Wolfsburg berichten. Reporter ist Rolf Rainer Gecks. Eine komplette Reportage der zweiten Halbzeit gibt es bei NDR Info Spezial im Webradio (http://www.ndrinfo.de/livestream152.html) und auf der Mittelwelle. Reporter sind Jan Didjurgeit und Alexander Bleick. Ja, das ist doch ein Service, oder?

Schnell noch zum Gewinnspiel. Ja, die Geister, die dort gerufen wurden . . . Es sollte ja schwerer werden, dieses Gewinnspiel, aber es ist offenbar zu schwer, denn es gab keine zwei richtigen Antworten. Die Spiele von Andre Breitenreiter haben sie alle gewusst, aber nicht, wer der ominöse Stürmer ist, der einst für Wolfsburg, den HSV und den 1. SC Norderstedt gespielt hat. Der Mann heißt Jens Fischer, gelegentlich auch Jens-Peter Fischer gerufen, stammt aus Tangstedt bei Hamburg und hat sogar im Europapokal für den HSV gespielt. Trotzdem wurde das Trikot und wurden die Karten an die Männer gebracht: Das Trikot erhielt Manfred Mahneke aus Uelzen, die Karten Philipp Reuß aus Hamburg. Herzliche Glückwünsche. Und das nächste Gewinnspiel, es steht schon bei “Matz ab”, wird leichter, versprochen.

17.13 Uhr

Kleine Ergänzung: Der frühere HSV-Kapitän Thomas von Heesen ist soeben als Trainer von Apollon Limassol (Zypern) entlassen worden.

Nicht vom Trubel anstecken lassen

28. Januar 2010

Im Volkspark herrscht weiterhin Van-Nistelrooy-Alarm. Die ersten Fans tauchten heute schon um 9 Uhr morgens beim Trainingsgelände auf, um den neuen Superstar vielleicht bei einer Spezialeinheit zu erwischen. Das ging sogar so weit, dass ein Trainingsgast während des normalen Mannschaftstrainings Bastian Reinhardt, der eine Einheit mit Markus Günther absolvierte, für den Angreifer hielt. Der junge Mann konnte glücklicherweise schnell aufgeklärt werden. Es ist trotzdem spannend zu sehen und mitzuerleben, welche Euphorie der neue Hoffnungsträger entfacht. Sogar die fleißigen Schneeschiebe-Helfer, die rund um die Arena alles für morgen Abend herrichten, diskutierten eifrig, wann „Van the man“ nun ENDLICH sein Debüt geben wird. Hallo!? Der Mann ist gerade einmal seit Wochenbeginn da, und vor dem Spiel in Köln wird es ganz sicher nichts mit seinem Aufgalopp.

Was bin ich erleichtert, dass sich Bruno Labbadia von dem Trubel um seinen neuen Angreifer nicht so verrückt machen lässt. Bei der Pressekonferenz wurde er auf van Nistelrooy angesprochen und sagte ganz ruhig und nüchtern, dass der Neuzugang eventuell nächste Woche ins Mannschaftstraining einsteigen wird, Mitte der Woche. Und ob van Nistelrooy in Köln dabei sei, könne er noch nicht einschätzen, dafür ist es zu früh.

Der Trainer hat mit Zufriedenheit registriert, dass sich die Mannschaft von dem Megainteresse an der Topverpflichtung nicht ablenken lässt. In der morgendlichen Einheit legte der Coach wie gewohnt großen Wert auf schnelles, präzises Passspiel, auf hohe Aufmerksamkeit und gezielte Vorstöße. Als sich Tunay Torun einen deutlich erkennbaren Lapsus erlaubte und dann auch noch gedankenverloren zusah, was mit dem Ball passierte, überschlug sich Labbadias Stimme in einer wortgewaltigen (und trotzdem sehr sachlichen) Schelte für den Offensivspieler.

Dass Torun gegen den nach dem Trainerabschied Armin Vehs noch unberechenbareren VfL wohl nicht von Beginn an auflaufen wird, dürfte mit dieser Trainingsszene aber nicht zu begründen sein. Bei den abschließenden Torschussübungen und dem Abschlussspiel im Stadion probte der Coach mehrere Varianten, von denen die mit Elia oder Berg an Stelle von Torun wohl die wahrscheinlichsten sein dürften. Labbadia, der die Wolfsburger unter der Regie des Interimstrainers Lorenz-Günther Köstner deutlich defensiver als zuletzt erwartet, will von seiner Mannschaft eine deutliche spielerische und kämpferische Steigerung im Vergleich zur Pleite in Dortmund sehen. Und, ganz ehrlich, das dürfte den HSV-Profis ja auch nicht schwer fallen.

Ob es, wie von Labbadia vermutet, allerdings „ein Spiel auf ganz hohem Niveau“ wird, das wage ich dann doch etwas zu bezweifeln. Dafür präsentierten sich die Niedersachsen in den vergangenen Wochen zu wechselhaft, und auch beim HSV gab es während der Partien in 2010 zu viele Aufs und Nieders.

Auf und Nieder ist das richtige Stichwort, wenn es um die neuesten Entwicklungen im Fall Paolo Guerrero geht. Wobei „Nieder“ es bei dem Peruaner besser trifft, denn er hängt ja nach wie vor in Lima fest. Beim HSV sind seit der Berichterstattung über Guerreros akute Flugangst mehr als 150 Bewerbungen von Flugangstexperten eingegangen, die ihre meist kostenintensive Hilfe anbieten. „Wir brauchen keine weiteren Bewerbungen“, sagt Pressesprecher Jörn Wolf. Wann Guerrero nun einschwebt, oder er womöglich doch zur Ein-Mann-Kajak-Tour aufbricht, werde ich Euch berichten, wenn es soweit ist.

Ich möchte mich lieber noch einmal den Personalfragen für das Spiel gegen den VfL Wolfsburg widmen. Guy Demel landete heute um 11.40 Uhr auf dem Flughafen Fuhlsbüttel, sein Abenteuer Afrika Cup ist damit beendet. Nun will sich Labbadia vom Fitnesszustand seines Rechtsverteidigers überzeugen, will ihn in Bewegung halten. Ein Einsatz in der Startelf gegen den VfL kommt aber eher nicht in Frage. Diese Rolle dürfte also noch einmal Jerome Boateng übernehmen. Demel wartet dann als Reservist auf der Ersatzbank.

Über Elias körperlichen Zustand wurde auch oft und lange diskutiert. Wie fit ist er schon? Was macht der Knöchel? „Ob es schon für 90 Minuten reicht, kann ich nicht sagen“, meint Labbadia. Die angeschlagene Kapsel schmerzt offenbar noch immer ein wenig, aber der rasante Offensivallrounder drängt voller Unternehmungslust ins Team. Ich kann mir vorstellen, dass Labbadia seinen „Eli“ von Beginn an aufstellt; alleine, um die mehr als verunsicherte Hintermannschaft der Wolfsburger immer wieder in Bewegung zu halten und sie vor unlösbare Aufgaben zu stellen. Sollte Elia dabei auch mal wieder an seine besser postierten Nebenleute denken (nicht wie in Dortmund!), dann könnte das einer der Schlüssel zum Erfolg werden.

Da ich mir vor einem der letzten Spiele ja mal anhören musste, ich würde mich nicht auf eine potenzielle Anfangself festlegen wollen, mache ich es an dieser Stelle mal: Rost – Boateng, Rozehnal, Mathijsen, Aogo – Trochowski, Jarolim, Rincon, Jansen – Petric, Elia. Sollte Labbadia auf Berg setzen, würde Elia meines Erachtens ins rechte Mittelfeld rücken – dann müsste Trochowski zunächst auf der Bank Platz nehmen.

PS: Ein wichtiges Detail hätte ich fast noch vergessen. Labbadia und seine Männer haben ja heute zum Abschluss des Trainings den neuen Rollrasen in der Nordbank-Arena ausprobiert. Ich habe ihn mir auch angeschaut und kann Labbadias Eindruck bestätigen: Der Platz ist super und wird dem Spielstil des HSV bekömmlicher sein als das schmierige Grau-Grün gegen Freiburg vor zwei Wochen. Ich bin mal gespannt, wie lange der Rasen diesmal halten wird.

14:10 Uhr

Wenn der Teufel los ist . . .

27. Januar 2010

Bei „Matz ab“ ist der Teufel los. So die Begrüßung beim Training an der Nordbank-Arena. Oh wie schön, der Teufel ist los. Ja aber. So wurde auch gesagt, es ist eher negativ, denn es gibt um die Ohren. Einer dem anderen. Und mittenmang auch einige Frauen. Also habe ich während des Schneetreibens für mich beschlossen: heute wird nichts gelesen. Das wird nachgeholt, weil ich es immer lese, aber so richtig negativ muss ich es jetzt nicht mehr haben. Es war stürmisch, es war eisig, es war ungemütlich im Volkspark, da muss ich mich jetzt nicht noch ein weiteres Mal ärgern. Wobei ich auch klar festhalten muss, dass ich mich trotz der widrigen Witterungsbedingungen sehr, wirklich sehr gefreut habe über das, was am Nachmittag beim Training passiert ist. Es gab nämlich ein kleines „Familientreffen“ von „Matz-abbern“. Benno Hafas war da, Eiche Nogly, Trainerglück, Devildino, HSVNils_reloaded, OlliWL, Peacock und Andre. So viel Besuch hatte ich noch nie, vielen Dank dafür. Auch dafür, dass mich alle gewarnt haben, dass der Teufel los sei. Fast hätte ich gestöhnt vor Glück . . .

Die Matz-Abber trainerglueck, andré, Eiche, Peacock, Blogfather, Benno, HSVNils_reloaded, Olli-WL, devildino

Was aber auch daran lag, dass am Vormittag, aus heiterem Himmel, Ruud van Nistelrooy erstmalig auf dem Acker war und mit Ball trainiert hat. Und kaum einer hat es gesehen. Der HSV ist eben voller Überraschungen. Um es gleich zu sagen: Macht Euch bitte keine Hoffnungen darauf, dass „Van the man“ schon am Freitag gegen Wolfsburg in irgendeiner Form eingreifen wird, das ist ausgeschlossen. Auch wenn er jetzt schon früher auf dem Rasen war, als am Tag vorher noch von den Verantwortlichen angekündigt. Co-Trainer Eddy Sözer: „Umso früher er auf den Platz gehen kann, umso früher er etwas mit dem Ball machen kann, umso positiver ist es für ihn und für uns. Das war heute ein erster Schritt, ein erster Einstieg.“ Es hat nichts gezwickt, es gab auch hinterher keine Beschwerden – es war einfach nur positiv.

Natürlich hatte es sich unter den Trainings-Kiebitzen herumgesprochen, dass van Nistelrooy schon einmal draußen war. Deswegen auch bestand bei vielen die Hoffnung, dass er auch am Nachmittag noch einmal auf dem Rasen auflaufen würde, aber diese Hoffnung zerschlug sich leider schnell. Der Torjäger absolvierte im Kraftraum seine zweite Einheit. Trotz allem, so sieht mein Fazit aus: Es geht eventueller doch schneller mit ihm, es gibt die Hoffnung, dass er tatsächlich im Köln-Spiel schon das erste Mal dabei sein könnte.

Eventuell auch Ze Roberto? Von den „Matz-abbern“, die beim Training waren, gab es schon das eine oder andere Wort der Skepsis bezüglich des Brasilianers zu hören. Es dauert ihnen, es dauert wohl auch Euch allen (den meisten jedenfalls), zu lange. Und nicht wenige vermuten, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugeht. „Eiche Nogly“ sprach es offen aus: „Ein Bänderanriss dauert doch nicht so lange, wie das jetzt schon gedauert hat. Da muss doch mehr sein . . .“ Aber da gibt es nichts. Sözer sagt: „Wir wünschen uns, dass er am Donnerstag vielleicht schon mit dem Ball arbeiten kann, mal raus gehen kann, individuell balltechnisch und fußballspezifisch arbeiten kann. Und dann müssen wir abwarten, ob er noch Schmerzen hat, um dann die nächsten Schritte zu machen. Ze arbeitet aber sehr gut, da gibt es keine Probleme.“ Und einen zweiten Test, ob die Wadenmuskulatur inzwischen wieder vollständig aufgearbeitet ist, den wird es in den kommenden Tagen auch noch geben.

Ob dann Paolo Guerrero schon wieder in Hamburg sein wird? Großes Fragezeichen sogar. Diesmal wollte er fliegen, aber sein Cousin, der ihn nach Deutschland begleiten sollte, hatte kein Visum. Also alles zurück, und morgen noch einmal ein Versuch. Eddy Sözer zu diesem Thema: „Wir sind bemüht darum, Hilfestellungen für Paolo zu finden.“ Das heißt, dass ihm ein Psychiater in Peru die Flugangst nehmen soll.

Ein etwas anderes Flugproblem hatte Guy Demel, der nach dem Aus der Elfenbeinküste beim Afrika-Cup in Afrika „hängen geblieben“ ist. „Da gab es mit dem Flieger Probleme. Das ist schade, denn wir hätten ihn schon gerne im Hinblick auf das Wolfsburg-Spiel am Mittwoch im Training gehabt“, sagt Labbadias Assistent. In der Nacht zum Donnerstag wird Demel in Paris landen, dann am frühen Morgen weiter nach Hamburg fliegen. Am Vormittag wird, so ist es jetzt vorgesehen, er eine individuelle Trainingseinheit absolvieren. Ob es noch für einen Einsatz gegen Wolfsburg reicht, bleibt aber abzuwarten. Ein Gerücht besagte schon, dass sich Guy Demel nicht ganz so gut bei Kräften fühle. Sözer aber hatte davon aber nichts gehört, räumte nur ein: „Klar ist ein Ausscheiden aus dem Afrika-Cup immer mit einer Enttäuschung verbunden . . .“

Erfreuliche Nachrichten gibt es bei Collin Benjamin zu vermelden. Ein Krafttest hat ergeben, dass der Allrounder erstaunliche Fortschritte (nach seinem Kreuzbandriss) gemacht hat. „Er hat gut gearbeitet, hat sich sehr gut weiter entwickelt, er kann jetzt beginnen, mit dem Ball zu arbeiten. Er ist voll im Soll, es ist auch ein positives Signal für ihn“, berichtete Sözer. Mitte bis Ende März ist damit zu rechnen, dass Benjamin wieder ins Mannschaftstraining einsteigen könnte.

Beim HSV aber scheint es personell wieder (leicht) bergauf zu gehen. Nun darf sich Hamburg überraschen lassen, wie sich der Gegner VfL Wolfsburg präsentieren wird. Nach dem Trainerwechsel wird der Meister sicherlich anders spielen, als zuletzt bei der 2:3-Heimpleite gegen den 1. FC Köln. Eddy Sözer sah diese 90 Minuten live und berichtet: „Natürlich hat Wolfsburg Stärken, aber es gibt zurzeit auch Schwächen beim VfL, und die haben die Kölner ausgenutzt. Aber bei uns wird die Wolfsburger Mannschaft ganz sicher anders auftreten, sie wird mit Sicherheit noch kompakter spielen, das war das Hauptproblem gegen Köln. Und wer den neuen Trainer Köstner kennt, der weiß, dass er auf Kompaktheit, auf Defensive und auch auf Festigkeit großen Wert legt. Wir erwarten eine andere VfL-Mannschaft in Hamburg.“

Dazu wäre es dann passend, wenn auch die Hamburger eine andere HSV-Mannschaft als noch zuletzt in Dortmund sehen würden. Ich wiederhole es gerne noch einmal, auch wenn es wehtut: Die Dortmunder liefen wie die Hasen, die HSV-Spieler hoppelten wie die Angsthasen über den Rasen. Wenn es gegen Wolfsburg nicht von Anfang an mit Herz, Leidenschaft und Engagement gehen sollte, dann ist die nächste Pleite programmiert. Denn der VfL wird sich nach dem Veh-Rausschmiss ganz sicher zerreißen. Da ist dann nichts mit spielerisch dagegen halten, da ist auch kein Abwarten, kein Abtasten und keine Pomadigkeit gefragt, da ist ganz klar Herz gefordert. Sonst kann auch diese Saison schon wieder abgehakt werden.

„Wir haben das Dortmund-Spiel sehr gut und sehr kritisch analysiert. Wir haben dort einige Fehler gemacht, aber darüber haben wir uns mit der Mannschaft beraten, es wurden ganz klar alle diese Themen besprochen. Wir müssen gegen Wolfsburg ganz anders auftreten, das wissen wir, wir müssen ganz anders dagegen halten, wir müssen unser Heimspiel gewinnen, das ist ein ganz wichtiges Spiel für uns“, sagt Eddy Sözer.

Im Training am Mittwoch war schon Feuer drin, auch wenn die Temperaturen die Freude am Fußball immer noch ein wenig hemmen. Ganz böse sah es um 15.16 Uhr aus, als bei einem Spielchen ohne Tore Tomas Rincon und Mladen Petric zusammengeprallt waren. Beide Spieler blieben einige Sekunden lang am Boden liegen, am Rande wurde schon das Schlimmste befürchtet, aber dann berappelten sie sich doch wieder. Erst stand Petric, dann Rincon, aber beide hielten sich noch einige Zeit die schmerzenden Hüften. Ein, zwei Minuten danach ging Rincon noch einmal mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden, doch dann ging es auch für den Spieler mit dem vielleicht größten Kämpferherz aller HSV-Profis weiter. Bleibt abzuwarten, wie sich die Verletzung in der Nacht, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, „entwickelt“.

Die zusehenden „Matz-abber“ verfolgten nicht nur diese Szenen ganz gespannt. Und sie sahen auch diesem Bericht schon mit Spannung entgegen. Natürlich wurde – ganz nebenbei – auch über das bevorstehende Treffen (in der Raute) am 19. Februar gesprochen – und über die Unruhe des heutigen Tages. Was ich dazu gesagt habe, möchte ich Euch nicht vorenthalten: „Matz ab gibt es nun seit dem 7. August 2009. Alles hat sich bestens entwickelt, besser, als viele vorher – auch ich – gedacht haben. Dennoch kommt hier keine Ruhe rein, weil es immer wieder Zeitgenossen gibt, die hier ihre ganz eigenen Erziehungsmaßnahmen durchführen wollen. Allen denen möchte ich sagen, dass ich von der Front genügend Rückmeldungen bekomme. Positive. Die meisten, wirklich die meisten User lieben Matz ab so, wie es jetzt ist. Es gibt hier Fußball, es gibt den HSV, es gibt auch Witze und, das gebe ich zu, so manche Sache, die hart an der Grenze ist, dazu gibt es Ironie und es gibt Biss, es gibt auch den einen oder anderen Gasmann, der hier sein Unwesen treibt, aber selbst diese Gasmänner werden toleriert. Das wurde nicht zuletzt auch an diesem Mittwoch deutlich (angesprochen). Nun sollten aber diese Gasmänner – oder auch Gasfrauen – ebenfalls so tolerant sein, Matz ab so zu nehmen, wie ist es ist. Oder sie sollten doch besser einen eigenen Blog aufmachen.“

Vielen Dank allen, die sich hier mit Freude engagieren. Ich bin begeistert von Euch, ich stöhne gelegentlich voller Freude – und ich freue mich schon sehr auf den 19. Februar.

19.24 Uhr (ich weiß, es hat zu lange gedauert!)

Van Nistelrooy als Joker

26. Januar 2010

Ruud van Nistelrooy ließ sich nicht sehen. Viele Fans warteten vor der Arena auf den neuen HSV-Star, auch etliche Medienvertreter standen sich die Beine in den Bauch, aber „Van the man“ blieb in den Katakomben. Er fuhr Fahrrad, ging im Kraftraum an die Maschinen, er lief auf dem Laufbahn und er ließ sich von den Physiotherapeuten behandeln. Draußen, auf dem halbgefrorenen Rasen, ackerten derweil seine neuen Kollegen. Für das Wolfsburg-Spiel am Freitag, das nun schwer genug werden wird, nach dem Rausschmiss von Armin Veh. Und besonders nach der schlimmen HSV-Vorstellung von Dortmund. Die Mannschaft kann sich ja glücklich schätzen, dass van Nistelrooy in dieser Woche „dazwischen gekommen ist“, denn sonst hätte es bis zum Freitag ja bitterböse Kritik gehagelt. So aber spricht alle Welt nur von Ruud van Nistelrooy – und der HSV kann sich bis Freitag um 20.30 Uhr überlegen, wie er die katastrophale Vorstellung gegen den BVB wieder vergessen machen kann. Was heißt kann? Muss!

Ob sich dabei das Thema „van Nistelrooy“ negativ bemerkbar machen wird, bleibt abzuwarten. Zu hoffen ist es nicht, da der „Neue“ zunächst einmal ja auch nicht zur Disposition steht. Der Niederländer wird in dieser Woche überwiegend in der Arena arbeiten, er wird seine Läufe auch aus Gründen der Vorsicht nicht im vereisten Volkspark absolvieren, sondern weiter auf dem Laufband. Und ob er dann eine Woche nach dem Wolfsburg-Spiel schon im Kader für die Auswärtspartie beim 1. FC Köln (6. Februar) stehen wird, stehen kann, das steht in den Sternen.

Für mich ist das ja bei diesem Sensations-Transfer die ganz entscheidende Frage. Und die habe ich Bruno Labbadia gestellt: „Was macht den HSV eigentlich so optimistisch, dass Ruud van Nistelrooy, der seit über einem Jahr kaum noch Spiele für Real Madrid absolviert, absolvieren konnte, beim HSV nun plötzlich gesundet und wieder voll da ist? Gibt es hier ein besonderes Heil-Klima? Gibt es beim HSV einen Mann, der durchs Handauflegen heilen kann?“ Um es schnell einmal einzufügen: Niemand in Hamburg wird etwas dagegen haben, dass van Nistelrooy so plötzlich gesund und fit wird, niemand. Auch ich natürlich nicht. Im Gegenteil, ich würde mich für ihn, für den HSV, für die Fans und für meine Kollegen riesig freuen, wenn er plötzlich wie Phönix aus der Asche käme. Riesig würde ich mich freuen.

Aber zurück zu meiner Kardinalfrage. Die Bruno Labbadia auch beantwortete: „Ich kann nicht sagen, was und wie das bei Real lief mit ihm, er stand da ja oft auf dem Sprung, und dann kamen verschiedene Sachen dazwischen – wie zum Beispiel auch eine Mandelentzündung. Das will ich gar nicht beurteilen, da muss man auch ganz vorsichtig sein.“ Der HSV-Trainer weiter: „Wir haben Ruud nicht für ein halbes Jahr geholt, sondern für eineinhalb Jahre, wir wissen, dass es auch eine gewisse Zeit dauern kann, aber wir werden nicht in Hektik verfallen. Wenn wir eine Woche länger brauchen, dann brauchen wir die eben. Drängen werden wir ihn nicht, verheizen werden wir ihn auch nicht.“ Dann wiederholt Labbadia noch einmal, was er schon vor einigen Tagen gesagt hat: „Es hätte auch passieren können, dass wir keinen Spieler mehr geholt hätten, nun haben wir ihn, und ich nenne ihn, es mag ein wenig blöde klingen, aber ich nenne ihn unseren Joker.“

Klingt aber auch, Bruno Labbadia möge mir verzeihen, wie eine Art Wundertüte. Entweder „funktioniert“ van Nistelrooy in den nächsten Wochen, oder er „funktioniert“ erst in der nächsten Saison. Labbadia: „Wir hatten schon vor seiner Verpflichtung eine gute Mannschaft, und dieser guten Mannschaft vertrauen wir auch weiterhin, sie hat uns bis zur Winterpause auf Platz vier geführt.“ Dann sagt der HSV-Coach auch noch: „Wir gehen sehr klar mit dieser Sache um, und ich gehe damit doch am sachlichsten mit um. Natürlich gibt es da ein Risiko, aber die Chance ist auch groß, dass es funktioniert, dass uns van Nistelrooy weiterhilft – und verlieren tun wir dadurch nichts. Das muss man ganz klar sagen, denn wir hätten ohne ihn wohl nichts gemacht.“ Dann fügt Labbadia noch einen entscheidenden Satz hinzu: „Wenn uns van Nistelrooy ab Mitte der Rückrunde weiterhelfen könnte, wären wir zufrieden.“

Die Fans wären also klug beraten, nicht auf Soforthilfe des Star-Einkaufs zu hoffen. Geduld ist nun die erste Bürgerpflicht, jedenfalls der HSV-Anhänger. Und gleichzeitig sollten alle die Daumen drücken. Nie zuvor habe ich beim Training – unter den Kiebitzen – so oft den Namen Juan Pablo Sorin gehört. Noch nie. Aber vielleicht kommen ja auch überwiegend die Skeptiker zum Training an der Arena?

Wobei es nicht wenige unter ihnen gibt, die voraussagen, dass van Nistelrooy in der Rückrunde mehr Spiele machen wird, als Paolo Guerrero. Dem trauen die meisten Fans nämlich kein einziges Spiel mehr zu. Was nicht damit in Zusammenhang gebracht wird, dass der Peruaner nun unter großer, nein größter Flugangst leidet, sondern eher immer noch mit der Schwere seines doppelten Kreuzbandrisses. Dass die Flugangst nun so plötzlich ein Thema wurde, mag für die Fans überraschend sein, für die Hamburger Medienvertreter ist es das nicht. Im Interesse des Spielers wurde dort seit Wochen geschwiegen. Nur weil es in Peru ein öffentliches Thema wurde, gab es nun auch in Hamburg diese Berichterstattung.

Labbadia ist nicht erfreut über diese Entwicklung und sagt: „Ich hätte mir gewünscht, dass wir dieses Thema aus der Öffentlichkeit hätten heraushalten können, leider ist es nun aber anders gelaufen – was nicht an den Hamburgern lag, ganz klar.“ Dann schildert der Coach die Situation aus seiner Sicht: „Wir haben alles erdenkliche versucht, ihm zu helfen, haben sogar Marinus Bester nach Peru geschickt, und jetzt werden wir abwarten. Wenn Paolo es nicht schafft, zu fliegen, dann werden wir die nächsten Schritte tun. Dann werden wir ihm professionelle Hilfe schicken, Leute, die sich auskennen, die ihm die Flugangst nehmen können.“

Auch in diesem Fall will der Trainer nichts von einem gewissen Druck wissen, unter dem Guerrero zu leiden hätte: „Wir haben bewusst versucht, den Druck herauszunehmen, wir haben nicht gesagt, dass er nun unbedingt kommen muss. Weil wir auch durch das Ereignis im vergangenen Jahr gewarnt sein müssen, dass wir damit vorsichtig umgehen müssen. Wir werden Kontakt zu ihm halten.“ Mit dem Ereignis im vergangenen Jahr meinte Labbadia den Freitod Robert Enkes. Leidet Paolo Guerrero auch unter Depressionen? Der HSV-Coach vehement: „Nein, nein, nein, nein, überhaupt nicht, um Gottes Willen, das wollte ich damit nicht gesagt haben. Wir können nur auf der einen Seite so tun, als würde die Welt still stehen, und auf der anderen Seite so tun, als sei alles in bester Ordnung. Wir müssen uns Gedanken machen, dass es Dinge gibt, die wir nicht einschätzen können – aber da gibt es nichts von Depressionen. Paolo geht es gut, das berichtete auch Marinus Bester, der mit ihm ja einige Zeit in der Familie Guerrero gelebt hat.“

Dass der HSV jetzt schon eine gewisse Zeit verloren hat, in der Paolo Guerrero nicht so trainiert hat, wie es in der Reha in Hamburg der Fall gewesen wäre, ist eindeutig, aber auch das nimmt der Klub hin. Die Flugängste zu beheben, das geht eindeutig vor. Auch die vertraglichen Dinge spielen im Moment keine Rolle. Labbadia: „Jetzt ist primär nur ein Thema wichtig, und dann kommen die anderen. Wenn er wieder in Hamburg ist, werden wir uns mit ihm an einen Tisch setzen und alles bereden.“

Kurz noch zum Training. Am Rande liefen Bastian Reinhardt, Maximilian Beister und Hanno Behrens, die leicht verletzt sind. Und die gesunden Profis absolvierten erst einen Zirkel, danach mussten sie Pässe in jeder Form (über sechs, sieben Meter) üben. Die Einheit wurde von Co-Trainer Eddy Sözer geleitet.

15.04 Uhr

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