Monatsarchiv für Dezember 2009

Ein Gedicht

23. Dezember 2009

 

Liebe Matz-abber,

Euch allen wünschen wir ein wunderschönes, stressfreies, ruhiges und friedliches Weihnachtsfest. Vielen Dank für Eure Treue seit dem 7. August, ich bin täglich total von den Socken, und ich freue mich schon diebisch auf den 19. Februar 2010, wenn es zum ersten Matz-ab-Treffen in der Raute, in unserer Raute kommen wird.

Bis dahin werden hier noch viele, viele Artikel erscheinen, an denen mein Kollege Christian Pletz, bei dem ich mich hier ausdrücklich für die großartige Unterstützung bedanken möchte, gelegentlich auch Frau M,. von der ich ganz herzlich grüßen soll (ebenfalls beste Wünsche an alle Matz-abber zum Fest – und vielen Dank für die vielen netten Grüße!), und auch ich herumwerkeln. Manchmal gelingt es besser, manchmal nicht, so dass immer einige murren, aber es ist ja hier wie im richtigen Leben – und wie bei den Herren Schiedsrichtern: Die Tagesform ist entscheidend.

Zum Weihnachtsfest gab es in den zurückliegenden Jahren oftmals ein Gedicht zum HSV, es ist eine einzige große Bitte an den lieben guten Weihnachtsmann. Im vergangenen Jahr fiel dieses Gedicht aus technischen Gründen aus, jetzt gibt es es wieder, und zwar nur hier, bei “Matz ab”. Das Gedicht erhebt, das gebe ich gleich mit auf den Weg in die Festtage, keinerlei Anspruch auf absolute Ernsthaftigkeit, es soll an manchen Stellen witzig und ironisch sein, etwaige Beschwerden lasst aufgrund der Festtage bitte stecken, denn sonst wird es ja kein friedliches Fest – und das habe ich ja Euch und auch uns gewünscht.

Übrigens: Es gibt Familien, in denen dieses Gedicht vor der Bescherung von den Knaben (oder auch Mädchen?) vorgelesen wird. Ich wünsche Euch ganz viel Spaß damit. Und morgen soll- und wird – es denn eine Fortsetzung geben. Das würde dann bestens passen, wenn es die Geschenke von Oma und Opa gibt – quasi als kleines sportliches Vorspiel.

Nur der HSV!

Lieber guter Weihnachtsmann,
nun fang’ doch bitte damit an,
diese Seuche zu beenden,
dann trag’ ich Dich auch auf Händen,
mach’ nun Schluss mit Kreuzbandrissen,
die ha’m uns zurück geschmissen,
stopp’ Verletzungen der Bänder,
die geh’n mir voll auf den Sender,
stopp’ die Viren und das Fieber,
so wär’ mir das auch viel lieber,
hauch’ uns’ren Jungs jetzt Kräfte ein,
lass’ alle restlos fit nun sein,
denn nur so kann man gewinnen,
lass’ die Aufholjagd beginnen,
streng’ Dich doch bitte ganz doll an,
denn wir sind doch mal wieder dran,
gib uns Titel – Meisterschaften,
die könnt’ ich nun gut verkraften,
auch für den HSV wär’s schön,
so könnt’s Jahrzehnte weitergehn,
dann fang’ gleich an, Du guter Mann,
und zwar sofort, nicht dann und wann.

Gib dem Fäustel tausend Hände,
dann wird er hier zur Legende,
lass’ mit Ruhm ihn sich bekleckern,
lass’ ihn schreien und auch meckern,
doch halt’ ihn von der Presse fern,
die Leute hat er nicht so gern,
da braust er auf, da wird er laut,
da fährt er zu gern aus der Haut.
Rost soll nur den Kopf bewahren,
lass’ ihn seine Kräfte sparen,
wenn er hier stets die Bälle hält,
wird er auch leis’ ein großer Held.

Gib Guy Demel nicht nur Geschick,
gib offensiv auch ihm den Blick,
denn rennt vor –  rennt er sich fest,
dabei wär’ flanken allerbest,
mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei,
sorgt er bei Fans für viel Geschrei,
gib ihm mehr Sachlichkeit ins Spiel,
denn spielt er so – gewinnt er viel.

Boateng, den mach’ schnell reifer,
schenke ihm auch Trainingseifer,
dann ist er der Liebling vieler,
Deutschlands bester Abwehrspieler,
dann musst Du nur noch schnell schalten,
und ihn hier in Hamburg halten,
gib ihm Vertrag für sieben Jahr’,
das fände ich ganz wunderbar.

Mathijsens Joris mach’ – ruckzuck,
mal ganz, ganz schnell zum „kleinen Muck“,
er soll spurten, sprinten, rasen,
sonst vernaschen ihn die Hasen,
wie zuletzt auch mal geschehen,
wenn wir mal auf Bochum sehen. . .

Gib David Rozehnal mehr Mumm,
dem nehmen sie die Fehler krumm,
und er macht davon ein’ Haufen,
ihm ist vieles schief gelaufen,
er hat sehr, sehr oft geschwommen,
ist hier noch nicht angekommen,
er schoss im Herbst so manchen Bock,
zerbröckelte im Abwehrblock,
doch gegen Bremen ging’s bergauf,
gib’ ihm nun bitte einen Lauf
– wenn er nicht zulegt, ist es aus,
dann schickt ihn Bruno schnell nach Haus.

Dennis Aogo – Fußballgott,
der ist an sich schon ganz schön flott,
doch neigt auch er zum Firlefanz,
gib ihm doch bitte mehr Konstanz,
bleibt er ein Spiel lang konzentriert,
hellwach und auch stets engagiert,
dann läuft er bald für Jogi ein,
das wäre doch nun wirklich fein.

Stell’ den Basti auf die Beine,
lass’ ihn wieder von der Leine,
ihn habe ich doch sehr vermisst,
die Abwehr ohne ihn ist Mist,
lass’ die Knochen wieder heilen
– könntest Du Dich leicht beeilen?

Und mach’ dem Mann vom Zuckerhut,
dem Alex Silva wieder Mut,
er soll hier mal richtig beißen,
lass’ sein Kreuzband nicht mehr reißen,
und mach’ ihn auch gleich souverän,
so ha’m wir ihn noch nie geseh’n,
und wenn er richtig Klasse hat,
dann lass’ ihn nicht zu lange platt.

Gib Marcell Jansen beste Form,
er braucht für die WM die Norm,
belohn’ ihn für die Schufterei,
lass’ ihn nun mal verletzungsfrei,
denk’ jetzt auch einmal aktuell,
und heile seine Kapsel schnell,
gib’ ihm Kraft – er hat die Klasse,
er kann wirklich eine Masse,
ein halbes Jahr nun jedes Spiel,
das wär’ doch mal ein schönes Ziel.

Denk’ auch an Collin Benjamin,
er soll noch nicht von dannen zieh’n,
ich schätze die Bescheidenheit,
und seine Zuverlässigkeit;
er kann es auf jedem Posten,
könnt’ es wohl auch zwischen Pfosten,
sein Einsatz hier ist ganz immens,
er ist ein Liebling aller Fans,
die woll’n ihn hier noch lange seh’n,
hilf ihm dabei – das wäre schön.

Stärk’ auch Rincons Selbstvertrauen,
auf den Kämpfer woll’n wir bauen,
er geht zur Sache wie ein Stier,
Typen wie ihn – die lieben wir,
er gibt Gas, kennt keine Flaute,
er gibt alles für die Raute,
schenk’ ihm viel Kraft und Energie,
dann bleibt er die De-Jong-Kopie.

Lass Trochowskis Flaute enden,
er muss doch Signale senden,
in Richtung Löw – Südafrika,
denn so wie jetzt, das ist wohl klar,
wird es für ihn noch ganz, ganz knapp,
da beißt die Maus kein’ Faden ab,
schenk’ „Troche“ wieder Spaß und Witz,
gib ihm auch manchen Geistesblitz,
er kann es doch, er ist doch stark,
doch im Moment spielt er nur Quark,
gib ihm auch seinen Mut zurück,
und schenk’ ihm bei den Schüssen Glück.

Halte Jarolim bei Laune,
bei ihm sehe ich – und staune,
wie er das ganz Spiel lang rennt,
als wenn er keine Pause kennt,
gib „Jaro“ weiterhin viel Kraft,
halt’ ihn auch weiter so im Saft,
damit er bald ’ne Schale hebt,
nach der der ganze Klub doch strebt.

„Schwalben-Tesche“ soll nicht fliegen,
hilf dabei – ihn hinzubiegen,
er hat ja einen guten Schuss,
dass er doch nicht zu Boden muss,
gib uns’rem Robert viel mehr Biss,
der wirkt oft so, als hätt’ er sch. . .iefe Beine,
lass’ ihn endlich von der Leine,
er hat ein’ Körper wie ein Bär,
und tut sich dennoch sehr, sehr schwer,
mach’ ihn schneller, mach’ ihn wendig,
mach’ ihn heiß und auch lebendig,
weck’ ihn aus seiner Lethargie,
fang nun gleich an – mit Akribie.

Mach’ Ze Roberto schnell gesund,
mit ihm lief’s doch so gut, so rund,
er ist ganz einfach ein Genie,
er führte so gekonnt Regie,
bitte stell’ ihn auf die Füße
– und auch an Guerrero Grüße,
er soll noch mal alles geben,
soll den Angriff neu beleben,
fünf Jahre schreib’ in den Vertrag,
das wär’ mal ein Befreiungsschlag,
gib ihm dazu auch etwas Geld,
damit’s Paolo hier gefällt,
und trifft er dann des Gegners Tor,
dann jubeln alle hier im Chor.

Tavares läuft hier stets nur mit,
wenn er mal spielt, dann spielt er Schnitt,
manchmal spielt er auch darunter
– mach’ ihn locker, mach’ ihn munter,
denn wenn der Knoten jetzt nicht platzt,
und wenn er weiterhin so patzt,
muss er kleine Brötchen backen,
oder auch die Koffer packen.

Ende des ersten Teils, Fortsetzungen folgen.

Ditmar Jakobs zieht Bilanz

21. Dezember 2009

So, nun haben wir ja fast schon Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens, und ich will eigentlich auch gar nichts mehr über Schiedsrichter Florian Meyer schreiben, aber, aber: Am Tag danach telefonierte ich mit Martin Jol, Trainer von Ajax Amsterdam. Weil dessen Spiel am Sonntag ausgefallen war, konnte er sich im Fernsehen live HSV gegen Werder Bremen ansehen. Und Martin Jol lobte erstens den HSV und sagte zweitens über den Platzverweis von Jerome Boateng: „Das war doch niemals eine Rote Karte. Was hat der Herr Meyer da gepfiffen? Dafür Rot zu geben – ich kann es nicht zu fassen, mir tat Jerome leid.“

Nun ja, der Deutsche Fußball-Bund schloss sich dieser Meinung ja offenbar auch an, Boateng wurde nur für ein Spiel gesperrt – weil dies nun einmal die Mindeststrafe für Rot ist. Und wo ich gerade bei guten Nachrichten bin: Der Vertrag mit Sören Bertram, dem vielleicht größten HSV-Talent, wurde nun verlängert, der HSV geht seinen Weg der jungen Nachwuchsspieler konsequent weiter. An Bertram waren auch andere Bundesliga-Klubs interessiert, ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren noch sehr viel Gutes von dem Mittelfeldspieler hören.

Gutes, da sind wir uns ja wohl alle auch einig, gab es ja in dieser Hinrunde schon sehr, sehr viel. Platz vier trotz dieser unglaublichen Verletzungsmisere, das kann sich sehen lassen. Zumal es nun schon seit einem halben Jahr keinen Sportchef mehr gibt. Und wohl auch in den nächsten Wochen noch nicht. Aufsichtsrats-Chef Horst Becker befand nun erneut: „Ein Sportchef schießt ja keine Tore.“

Mein Tipp in Sachen Beiersdorfer-Nachfolge heißt beharrlich Horst Heldt. Der VfB-Manager eiert seit Tagen schon so konsequent um eine klare Aussage herum, so dass ihn niemand festnageln kann. Heldt kommt, so denke ich mir, in ein paar Wochen nach Hamburg. Dann, wenn sich Stuttgart sportlich wieder gefangen hat. Und wenn Heldt dann doch nicht kommen sollte, dann glaube ich ganz einfach, dass es Bruno Labbadia und Bernd Hoffmann im Duett machen. Das heißt, vielleicht noch mit einem Mann im Rücken, der das Vertrauen von Labbadia besitzt. Und: Vielleicht ist dieser Mann ja schon beim HSV? Ausgeschlossen ist das in meinen Augen nicht. Marinus Bester, Richard Golz, Bernd Wehmeyer? Das wären für mich die üblichen Verdächtigen, und mit dieser Nummer könnte ich sogar sehr gut leben. Sehr, sehr gut sogar. Vielleicht ja auch der HSV.

Ja, im Moment kann der Klub doch überhaupt nicht klagen. Sportlich läuft es, die Mannschaft hat die vielen Ausfälle bestens verkraftet, die K.o.-Runde in der Europa League ist erreicht worden, nachganz oben ist in der Bundesliga noch immer alles möglich, was ja auch der große Uli Hoeneß am Sonntag im Doppelpass bestätigte hat: „Wenn der HSV alle Spieler an Bord hat, dann spielt auch er sicher auch eine gewichtige Rolle in Sachen Meisterschaft.“

Wie ein „Ehemaliger“ des HSV über die nun abgelaufene Hinrunde denkt, erfahrt Ihr nun an dieser Stelle. Ich habe mit dem früheren Kapitän Ditmar Jakobs ein kleines Interview geführt, das nun beginnt:

Matz ab: Herr Jakobs, sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf des HSV?

Ditmar Jakobs: „Doch, eigentlich schon, wenn man mal davon absieht, dass die beiden Heimspiele gegen Mönchengladbach und Bochum verloren gegangen sind, obwohl das völlig unnötig war. Diese Niederlagen tun noch immer weh, denn wo würde der HSV wohl heute stehen?

Matz ab: Zumal es auch eine unheimliche Verletztenmisere zu überstehen gab. Haben Sie so etwas schon einmal mitgemacht?

Jakobs: Noch nie, wir hatten damals auch nie solche schweren Verletzungen. Und bei uns sind auch nie solche Schlüsselfiguren wie jetzt Ze Roberto so langfristig ausgefallen. Für mich ist der Brasilianer, das einmal schnell nebenbei, der Spieler der Hinrunde. Zurück zu den Ausfällen: Die vielen Verletzungen hatten, das sollte man nicht vergessen, auch etwas Gutes, denn es spielten sich einige Leute in den Vordergrund, die vorher keiner auf dem Zettel hatte. Ich nenne da mal Tunay Torun und Tomas Rincon.

Matz ab: Ich war, das gebe ich zu, im Sommer beim Kauf von Ze Roberto ja skeptisch. Hatten Sie auch Zweifel?

Jakobs: Nein, absolut nicht. Man wusste ja, dass er fit ist, und ich war davon überzeugt, dass er dem HSV spielerisch helfen könnte. Dass er allerdings eine so dominante Rolle spielen würde, das hat mich dann doch ein wenig überrascht. Er spielte zuletzt in der Form seines Lebens. Und ich denke auch, dass man einen Mann wie ihn einfach nicht ersetzen kann.

Matz ab: Hat der neue Trainer Bruno Labbadia den HSV fußballerisch schon weiter gebracht?

Jakobs: Von der Spielweise her ist es interessanter geworden. Und ich hoffe, dass es so weitergehen wird. Und das hoffe ich nicht nur, davon bin ich auch total überzeugt, denn in meinen Augen hat die Mannschaft in den Zeiten, als es die vielen Ausfälle gab, ein ganz starkes Wir-Gefühl entwickelt.

Matz ab: Dieses Wir-Gefühl zeichnete Ihre Mannschaft damals, die von 1983, doch auch aus Kann das heutige Labbadia-Team daran schon anknüpfen?

Jakobs: Wir hatten dieses Wir-Gefühl damals über sieben, acht Jahre, das war schon außergewöhnlich. Die jetzige Mannschaft wird noch wachsen, aber was ich sehe ist die Tatsache, dass sich die jungen Leute voll reinhängen, dass sie auch hervorragend integriert sind. Das ist schon fast optimal zu nennen.

Matz ab: Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass in diesem HSV-Team irgendwie mehr Zug ist als in den letzten Jahren?

Jakobs: Nein, das sehe ich nicht so. Disziplin war vorher auch drin. Ich sehe nur, dass sie unter Bruno Labbadia noch ein wenig enger zusammengerückt sind.

Matz ab: Wer ist für Sie, neben Ze Roberto, bislang die Entdeckung dieser Saison?

Jakobs: Jerome Boateng. Dass er als Innenverteidiger mit so viel Auge und so viel Klasse spielt, das ist überragend. Und dazu muss ich auch Tomas Rincon nennen, der gerade in den letzten Wochen einen enormen Sprung nach vorne gemacht hat.

Matz ab: Haben Sie es Rincon in dieser Form zugetraut, denn er hat vorher ja kaum gespielt?

Jakobs: Ja, ganz klar. Ich habe ihn einmal unter Martin Jol für 30 Minuten gesehen, da konnte man schon erkennen, dass er eine Stütze dieser Mannschaft werden kann. Er muss nur auf der Sechser-Position spielen, da ist er schon so gut wie einst Nigel de Jong. Rincon und de Jong sind vom Typ her ähnlich, sie sind beide unheimlich giftig, aber Rincon halte ich fußballerisch noch für etwas stärker – und er ist mit 22 Jahren ja auch noch ein ganz junger und entwicklungsfähiger Mann.

Matz ab: Wie beurteilen Sie die Vertragsverlängerung von Torwart Frank Rost? Kommt da Freude bei Ihnen auf, oder ist es aufgrund des Alters ein Risiko?

Jakobs: Das alles hat nichts mit Alter zu tun, sondern einzig und allein damit, ob ein Spieler gut ist und seine Leistungen bringt. Und das ist bei Frank Rost eindeutig der Fall, er hat Qualität, ist eine große Stütze des Teams – das ist ähnlich wie bei Ze Roberto.

Matz ab: Piotr Trochowski ist zuletzt ein wenig abgefallen. Muss von einem Nationalspieler nicht doch ein bisschen mehr kommen als das, was er zuletzt anbot?

Jakobs: Mir war klar, dass er zu kämpfen hat, wenn fast alle Spieler zur Verfügung stehen. Wen soll Bruno Labbadia denn sonst aus dem Team nehmen? Trochowski hat in der Defensive Schwierigkeiten, deswegen hat er seinen Platz in der Mannschaft verloren, und wenn erst Ze Roberto wieder dabei ist, dann dürfte es für Piotr Trochowski noch schwerer werden.

Matz ab: Wer wird der nächste deutsche Nationalspieler des HSV? Dennis Aogo, der ja auch für Nigeria spielen könnte?

Jakobs: Er muss es selbst wissen, zu welchem Land er sich hingezogen fühlt. Dennis hat ja für die deutsche U-21-Nationalmannschaft gespielt, deswegen denke ich, dass er sich im Grunde seines Herzens wohl doch für Deutschland und gegen Nigeria entschieden hat. Ich traue ihm auf jeden Fall zu, dass er A-Nationalspieler wird, auch wenn er sicher noch einiges lernen muss. Er ist aber ein großes Talent, und deutsche Verteidiger, die internationale Klasse haben, sind ja auch selten geworden. Was zudem für Dennis spricht: Er ist offensiv stark, schlägt gute Flanken, und er steht auch in der Defensive meistens sehr solide.

Matz ab: Sie waren einst HSV-Kapitän, wie sind Sie mit einem Ihrer Nachfolger zufrieden, mit David Jarolim?

Jakobs: Ob man seine Spielweise nun mag oder nicht, das sei mal dahingestellt, er ist auf jeden Fall ein vorbildlicher Kapitän, denn er gibt in jedem Spiel immer 100 Prozent.

Matz ab: Im Sommer verstärkte der HSV die Offensive, als Marcus Berg und Eljero Elia verpflichtet wurden – wie denken Sie über diese beiden Spieler?

Jakobs: Berg muss noch einiges lernen, aber ich plädiere dafür, dass man ihm diese Zeit gibt. Bei ihm muss man Geduld aufbringen, Marcus Berg hat sicher seine Qualitäten, aber er muss sein Talent noch weiter entwickeln. Und Elia? Was der spielt, das ist schon Extraklasse. Der ist kaum zu stoppen, weil er am Ball sehr stark ist, weil er schnell ist, und weil er dazu auch körperlich enorm robust ist.

Matz ab: Sollte der HSV Ihrer Meinung nach in der Winterpause noch einmal auf dem Transfermarkt zuschlagen?

Jakobs: Wenn das Verletzungspech anhält, dann ja, aber nur dann. Eigentlich würde ich jetzt keine neuen Spieler mehr holen, denn: Spieler, die sofort helfen könnten, die sind rar und sind zudem sehr teuer. Schon deshalb würde ich darauf verzichten. Und beim HSV haben doch die Spieler aus der zweiten Reihe fast alle gezeigt, dass auf sie Verlass ist, wenn man sie braucht.

Matz ab: Eine Frage zum Werder-Spiel am Sonntag kann ich Ihnen einfach nicht ersparen: War das Foul von Jerome Boateng an Marin in Ihren Augen eine Rote Karte?

Jakobs: Wenn der Schiedsrichter pfeift, dann ist es Rot, so einfach ist das, so ist die Regel auszulegen. Boateng ist in dieser Szene der letzte Mann und vereitelt eine Torchance. Aber ich frage auch einmal ganz anders: Wenn Mertesacker oder auch Naldo das mit Elia gemacht hätten, was wäre dann gewesen? Dann hätten alle Hamburger doch auch Rot gefordert, oder? Dass Marin dann natürlich den Körperkontakt auch dankbar angenommen hat, das ist auch klar.

Matz ab: In der Europa League kommt es demnächst zum Duell mit dem PSV Eindhoven. Machbar? Oder nicht machbar?

Jakobs: Irgendwo habe ich gelesen, dass es jetzt keine schwachen Gegner mehr gibt. Das stimmt wohl. Umgekehrt ist es aber auch so, dass es kaum unschlagbare Gegner gibt, außer einem Klub, aber der spielt aber in der Champions League. Alle anderen Gegner sind machbar, ich glaube, dass in diesem Duell die Tagesform entscheidend sein wird.

Matz ab: Und was ist für den HSV in Sachen Bundesliga noch möglich?

Jakobs: Ich traue dem HSV eindeutig einen Platz unter den ersten drei Klubs zu, denn in dieser Mannschaft steckt wahnsinnig viel Potenzial. Die Mischung stimmt ganz einfach.

Matz ab: Also kann der HSV auch Meister werden?

Jakobs: Meister? Dann müsste es schon sensationell und optimal laufen, dann dürfte es keine weiteren Verletzte mehr geben, dann müsste man mit dieser Truppe auch das nächste halbe Jahr durchspielen können. Ist das der Fall, dann kann sie auch ganz große Ziele erreichen.

Soweit das Gespräch mit Ditmar Jakobs. Neben anderen hatte der frühere Nationalspieler ja auch von Tomas Rincon geschwärmt, der gegen Werder zu den besten Hamburgern gehörte. Der Südamerikaner stellte damit erneut seine erstaunliche Wandlung unter Beweis. Ihr erinnert Euch: Als hier bei „Matz ab“ im Herbst immer wieder gefragt wurde, warum Rincon keine Bewährungschance erhält, habe ich stets geantwortet, dass er dem Trainer wohl zu ungestüm und zu undiszipliniert sei. War er damals wahrscheinlich auch noch, aber das hat er längst abgestellt. Und dennoch gab es gegen Bremen einen ganz kleinen Rückfall: Gelb schon in der 12. Minute.

Bei jedem in der Arena gingen sofort die Antennen hoch: Wie soll der „Büffel“ Rincon die restlichen 78 Minuten ohne weitere Verwarnung überstehen? Er schaffte es. Grandios sogar. Geriet nicht einmal mehr in ernste Gefahr. Und verriet auch, warum: „Ich habe mich mit meinen Abwehrkollegen abgestimmt, und wir haben dann auch ein gutes Gleichgewicht gefunden.“ Dass er zum ersten Mal auf Schnee Fußball gespielt hat, bemerkte er quasi nebenbei. Und befand lachend: „Das war heiß, sehr heiß.“ Trotz der Minusgraden von sechs, sieben und acht Grad.

Immerhin gab Rincon zu: „Das war mein bislang schwerstes Spiel für den HSV. Was nicht so sehr an Gegenspieler Özil lag, sondern vielmehr daran, dass Jerome Boateng so schnell die Rote Karte gesehen hatte. Was für mich eindeutig keine Rote Karte war.“ Dass Mesut Özil nicht zu seinem Spiel fand und später ausgewechselt wurde, das empfand Rincon nicht als persönlichen Triumph: „Es war ein Erfolg der ganzen Mannschaft.“ Zurückhaltend und bescheiden ist er auch noch. Und ein wenig verträumt: „Irgendwie kommt es mir wie ein Weihnachtsmärchen vor, dass ich das Jahr so erfolgreich abschließen konnte.“

Dann wünschen wir ihm doch mal wunderschöne Festtage (in der Heimat), und dass er an diese ausgezeichnete Form im Januar auch wieder anknüpfen kann.

Kurz zum Abschluss noch ein Abstecher in eigener Sache, weil ich ja danach gefragt hatte: Auf dem Reim-Video für das Werder-Spiel sind tatsächlich die beiden ehemaligen HSV-Profis Nils Bahr und Tobias Homp zu sehen. Und noch ein kurzer Schwenk. Ihr habt Hermann Rieger am Rande des Werder-Spiels gesehen – ich auch. Und ich habe ihn bei der Gelegenheit gefragt, ob er am 19. Februar zum Matz-ab-Treffen in die Raute kommen möchte – und er will, er wird dabei sein. Seine Krankheit, so sagt er, hat er bis dahin abgehakt. Ich, und ich bin sicher auch Ihr alle, wir drücken ihm die Daumen.

22.55 Uhr

Lieber Florian Meyer . . .

21. Dezember 2009

Lieber Florian Meyer,

das ist ein offener Brief. Jeder Mensch hat mal einen schlechten Tag. Sie, Herr Meyer, haben das am Sonntag aus nächster Nähe gesehen. Die Bremer Prödl, Marin und Hunt haben anfängerhaft hundertprozentige Torchancen vergeben, weil sie  aus vier, fünf Metern das HSV-Tor verfehlt haben. Diese Werder-Profis hatten also eindeutig einen schlechten Tag. Solche Tage gibt es. Und solche Tage kenne ich natürlich auch. Die kennt wohl jeder von uns. Und Sie, Herr Meyer, kennen einen solchen Tag nun auch, wenn Sie nicht vorher schon gelegentlich einen schlechten Tag hatten.  An diesem Sonntag aber hatten Sie ganz sicher einen grottenschlechten Tag. So schlecht, da bin ich ganz ehrlich, habe ich Sie noch nie gesehen. Noch nie. Was war nur los? Sie wirkten so, als würden Sie zum ersten Mal ein Spiel der Ersten Bundesliga pfeifen. So oft daneben wie diesmal lagen Sie und Ihre Herren an den Seiten wohl noch nie.

Ich hoffe sehr, dass Ihnen das auch vom offiziellen Schiedsrichter-Beobachter, wenn ich mich nicht irre, war es der Herr Siegfried Kirschen, deutlich gesagt wurde. Wenn nicht, würde ich, das sage ich ganz offen, die Fußball-Welt nicht mehr verstehen.

Herr Meyer, was war das bitte für eine Rote Karte, die Sie dem HSV-Spieler Jerome Boateng unter die Nase gehalten haben? „Diese Karte war ein Witz“, so hat es Matthias Sammer im Fernsehen ausgedrückt. Und Sammer hat durchaus ein bisschen Ahnung vom Metier. Ich gehe noch weiter als Sammer, ich sage: Diese Karte war ein Skandal. Ein Wahnsinn. Und mit dieser Ansicht stehe ich ganz sicher nicht allein. Nach dem Schlusspfiff gab es viele Menschen, die ob Ihrer Leistung, Herr Meyer, bestürzt und total sauer waren. Ich sah Menschen, die nur noch die Köpfe schüttelten. Wenn solche Roten Karten in Zukunft in der Bundesliga Mode werden würden, dann gute Nacht, lieber deutscher Spitzen-Fußball. Dann muss eigentlich nie wieder eine deutsche Mannschaft auf internationalem Parkett auflaufen, denn dort wird ja nur dann eine Karte (Gelb oder Rot ist egal) verteilt, wenn es einen offenen Bruch gegeben hat. Ich weiß, ich übertreibe, aber ich übertreibe bewusst, denn was ist das bitte für eine Pfeiferei in der Bundesliga, und was in der Champions und Europa League? Das müssen Sie, Herr Meyer, wenn Sie Ihre sonntägliche Leistung von Hamburg ganz nüchtern und objektiv beurteilen, doch zugeben.

Für mich ist es leider auch ein kleiner Skandal, dass nach den Regeln der Fifa jede Rote Karte automatisch eine Sperre nach sich ziehen muss. So war es früher jedenfalls, und mir ist nicht bekannt, dass sich daran etwas geändert hätte. In diesem Punkt sich die alten Herren wohl immer noch einig. Wäre es nicht so, würde ich im Fall Boateng ganz eindeutig auf Freispruch plädieren. Aber das wird (m)ein Wunsch bleiben. Schade eigentlich. Denn Menschen haben ja nicht nur mal einen schlechten Tag, sie können ja auch gelegentlich irren. Und dass das dann von Amts wegen nicht korrigiert werden darf, ist fast schon tragisch zu nennen.

Ich war, das muss ich Ihnen einmal kurz sagen, schon als Spieler (habe es leider nur bis zur Verbandsliga gebracht) und als Trainer (nur zur Landesliga) immer ein Freund der Schiedsrichter. Auf dem Spielfeld hat es zwar mitunter richtig gekracht, da ging es rund, da gab es auch einige lautstarke Auseinandersetzungen, da gab es auch pro Jahr einen Platzverweis – aber nach fast jedem Spiel waren selbst die lautesten Ausfälle vergessen. Da gab es einen versöhnlichen Händedruck, eine kurze und freundschaftliche Aussprache – und dann war es wieder gut. Auch als Berichterstatter habe ich in früheren Jahren kaum über Schiedsrichter geklagt, auch höchst selten etwas Böses geschrieben (Ausnahme Hoyzer). Weil ich der Meinung war, dass auch die Unparteiischen – wie jeder Spieler und Trainer – Fehler machen dürfen, denn sie haben ein besonders schweres Amt – das schwerste wohl überhaupt im Profi-Sport.

Herr Meyer, ich habe mit der Zeit viele Ihrer Kollegen aus der Bundesliga persönlich kennen lernen dürfen, ich habe diese Männer auch stets zu schätzen gewusst. Mit einigen bin ich, ich wollte gerade sagen befreundet, aber das wäre zuviel gesagt, aber wir sind immerhin gut bekannt und per Du. Sie, Herr Meyer, habe ich bislang nicht persönlich kennen gelernt, aber ich schätzte Sie stets aus der Ferne. Sie sind für mich der Gentleman unter den deutschen Schiedsrichtern. Und Sie waren für mich bislang auch der beste Mann, die Nummer eins Ihrer Zunft. Wahrscheinlich sind Sie es auch immer noch, denn einen schlechten Tag kann ja jeder, wie eingangs schon geschrieben, einmal haben. Ich werde morgen, drei Tage vor Heiligabend, darüber ganz genau nachdenken, im Moment aber bin ich immer nur noch fassungslos, was Sie für einen schlechten Tag in Hamburg erwischt haben. Aber daran ist ja jetzt ohnehin nichts mehr zu ändern.

Ich stehe ja mit meinen Eindrücken von Ihrer Spielleitung nicht allein auf weiter Flur. Etliche Kollegen haben sich wesentlich drastischer ausgedrückt, als ich jetzt. Und viele VIP-Fans in der Nordbank-Arena schilderten mir nach dem Spiel ihren Kummer. Es war schon mehr ein Klagen: „Der HSV musste mit zehn Mann gegen zwölf spielen.“ Und: „Der HSV hat in dieser Saison immer das Pech, dass er die schlechtesten Schiedsrichter ertragen muss.“ Ich aber glaube nicht, dass das Pech ist. Ich glaube vielmehr, und das ist jetzt ganz hart für Sie und Ihre Kollegen, dass die deutschen Schiedsrichter im Moment ein kleines (oder auch schon größeres) Leistungstief durchlaufen. Es gibt keinen Hellmut Krug, keinen Markus Merk, keinen Herbert Fandel mehr, und das merkt man. Ganz deutlich sogar. Da ist viel Qualität in Rente geschickt worden.

Ich werde im Jahre 2010 30 Jahre HSV-Reporter sein, habe also schon einige Bundesliga-Begegnungen erleben dürfen. Eine solche Phase an schwachen Schiedsrichter-Leistungen, auch das sage ich ganz ehrlich, habe ich aber noch nie erlebt. Und das halte ich für sehr bedenklich. Läuft da etwas schief? Ich glaube ja. Aber ich weiß nicht, wie man es beheben kann? Stehen die deutschen Schiedsrichter zu sehr unter Druck? Weil es zu viele Fernsehkameras in den Stadien gibt, die jeden Fehler gnadenlos analysieren und entlarven? Oder auch deshalb, weil viele Spieler unter die Schauspieler gegangen sind, weil sie  nicht mehr ehrlich und fair sind, sondern mit allen auch unerlaubten Mitteln den Erfolg wollen, selbst wenn diese Mittel noch so verwerflich sind?

Als ich die Trainer-Lizenz erwarb, musste ich auch den Schiedsrichterschein „machen“. Ich fand sogar Gefallen daran, Spiel zu pfeifen. Und ich habe einmal, schon als Reporter für Amateurspiele, ein Kreisliga-Punktspiel gepfiffen, weil keine Schiedsrichter erschienen waren. Ich stellte bei diesem Spiel einen Spieler der Heimmannschaft vom Platz, die Gäste-Elf gewann 4:1. Und trotzdem erhielt ich Lob vom Verlierer. Es hieß sogar wörtlich: „Sie können nächste Woche wieder kommen und unsere Liga pfeifen, das war okay, sogar sehr okay.“ Ich schreibe Ihnen das, weil ich damit bekräftigen möchte, dass ich eigentlich schon immer ein Herz für Schiedsrichter hatte und immer noch habe. Und das ich Verständnis dafür habe, wie schwer Sie und Ihre Kollegen es in diesen Zeiten voller (Übertragungs-)Technik haben. Dennoch muss ich Ihnen sagen: Als kurz vor Schluss der Bremer Frings den Hamburger Tomas Rincon umtrat, standen Sie, Herr Meyer, drei Meter daneben. Und sahen dennoch nichts. Es war ein klares Foul, aber Sie unterbanden das Spiel nicht. Das war, wie etliche andere Szene, schwach von Ihnen.

Nach einem solchen Spiel  schießt mir  der Gedanke durch den Kopf, dass es sich etliche Schiedsrichter selbst oft sehr schwer machen. Sie Herr Meyer nehme ich einmal davon aus, weil ich eigentlich ein “Fan” von Ihnen bin. Andere Kollegen von Ihnen aber pfeifen teilweise wie Roboter. Eiskalt, ohne jede menschliche Regung. Da ist kein sportliches Miteinander zu erkennen, da läuft alles unnahbar nach Schema F ab. Und? Ist das ein vernünftiges Klima unter Sportlern? Und ist das ein Klima, das die Schiedsrichter haben wollen, das sie so auch schätzen?

Ich behaupte mal nein. Wobei kein Spiel zu einer Plauderstunde ausarten soll, aber öfter einmal ein freundliches, nettes Wort zur richtigen Zeit (!) würde sicher helfen, das Eis auf dem Rasen und damit auch im Stadion zu brechen. Und ich glaube fest daran, dass man so als Schiedsrichter auch bessere Leistungen bringen kann. Wobei ich genau weiß, dass viele Spitzen-Schiedsrichter das bekannte Wort Fingerspitzengefühl ablehnen, doch es gibt einige Herren der Zunft, die sich sehr wohl dieses Wortes bedienen. Ich habe Ihnen, Herr Meyer, dieses Wort auch oft genug unterstellt. Ein Fehler?

Sie, Herr Meyer, waren für mich nie ein Roboter. Sie ließen bei Ihren Spielleitungen meistens auch den Menschen Florian Meyer erkennen – so weit Sie es vertreten konnten. Die Art hob (und hebt) Sie von den meisten Ihrer Kollegen so wohltuend ab. Und ich hoffe auch, dass Sie künftig Ihrer Linie treu bleiben werden, denn sonst würde Deutschland noch einen guten Schiedsrichter weniger haben.

Aber Sie sollten sich Ihr Spiel von Hamburg, die Partie HSV gegen Werder Bremen vom 20. Dezember 2009, auch ruhig noch einige Male anschauen und dann in sich gehen. Und nur für sich, ganz allein für sich befinden, dass das eine Schiedsrichter-Leistung war, die auch Sie ein wenig ins Grübeln bringt. Kommen Sie allerdings nicht zu dieser von mir erhofften Erkenntnis (und Selbstkritik), dann würde ich ernsthaft an meinem Fußball-Verstand (ich sage extra nicht Fachverstand) zweifeln.

Der HSV hat gewonnen. Also Ende gut, alles gut. Aber, Herr Meyer, so denke ich nicht. Sonst würde ich diese Zeilen auch nicht schreiben. Ich habe schon vielen Ihrer Kollegen ein Lob erteilt (erteilen dürfen), selbst dann, wenn der HSV das Spiel verloren hatte. Ich möchte, das war und ist stets mein Bestreben, die Leistung eines Unparteiischen immer fair und objektiv bewerten. Und genau deshalb schreibe ich Ihnen diese Zeilen. Fair und objektiv betrachtet muss ich Ihnen diesmal eine ganz schlechte Leistung attestieren. Was ja durchaus mal passieren kann. Pech war für mich nur, dass ich Sie am Tag vor dem Spiel noch als besten Schiedsrichter Deutschlands angekündigt hatte. Ich schrieb, dass ich gerade deswegen von einer Top-Leistung des 23. Mannes überzeugt bin, weil „der Herr Meyer dieses stets brisante Nordderby pfeift“. Und dann das. Das war Pech. Für mich. Und für Sie.

Für den HSV und Hamburg ist es, wie gesagt, gerade noch einmal gut gegangen, es ging mit einem 2:1-Sieg in die Winterpause. Die Frage ist für mich: Ist es auch für Sie gut gegangen? Ich sehe das als wahrscheinlich an, denn früher hieß es ja schon immer (als ich noch Spieler und Trainer war), dass sich unter den Schiedsrichtern nicht gegenseitig in den Rücken gefallen wird. „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, so hieß es unter uns Fußballern. Diesmal allerdings hoffe ich, dass Sie vom früheren DDR-Schiedsrichter Kirschen doch ein wenig „auf dem Pott gesetzt“ wurden, denn da waren doch einige Fehler zuviel mit im Spiel.

Wenn Sie denn aber daraus lernen, Herr Meyer, dann hat sogar ein solcher Auftritt wie der in Hamburg noch seine gute Seite. Ich hoffe es für Sie. Und für die Bundesliga. Und ich drücke Ihnen auch die Daumen, dass Sie in Ihrer bislang schon großartig verlaufenen Karriere noch weiter, noch bis ganz nach oben an die Spitze gelangen. Das hätten Sie als Gentleman der deutschen Schiedsrichter schon verdient. Ganz objektiv gesagt. Und trotz Ihrer Leistung vom Sonntag.

Ein schönes und stressfreies Fest wünsche ich Ihnen. Und für 2010 alles Gute, viel Erfolg – und bleiben Sie gesund.

Mit freundlichen Grüßen,
Dieter Matz vom Hamburger Abendblatt.

(der auch in Zukunft ein Freund der Schiedsrichter sein möchte – wenn sie ihn nach einem solchen Brief dann immer noch lassen)

PS: Geschrieben in der Nacht von Sonntag auf Montag, 1.58 Uhr. Weil immer noch an dieses Spiel und diese Leistung denkend

Das war ein Super-Sieg!

20. Dezember 2009

Herrlich, super, unglaublich. Der HSV gewinnt das Nordderby mit zehn Mann gegen Werder Bremen, Was für ein Spiel! Das war hervorragend, so intensiv, so spannend, so klasse, so hoch dramatisch – einfach nur sensationell. Ich gebe zu, ich hätte nie gedacht, dass der HSV noch einmal so viel aus sich herausholen könnte. Wie ich schon schrieb: Fußball wird im Kopf entschieden. Ein riesiges Kompliment an diese Mannschaft und ihren Trainer.  Der HSV überwintert nach all diesem Verletzungspech auf Rang vier, ein fantastisches Ergebnis. 2:1, die Nummer eins im Norden ist der HSV!

Entschuldigung. Ich hatte hier geschrieben, dass ich ganz beruhigt in dieses Derby gehe, weil Florian Meyer das Ding pfeift. Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung. Die Rote Karte gegen Jerome Boateng war zumindest zweifelhaft, aber es gab schon in Halbzeit eins drei andere Szenen, die der „Unparteiische“ zu Gunsten der Bremer auslegte. Nach vier Minuten schlug Pizarro mit dem Ellenbogen gegen die Brust von Dennis Aogo. Eine klare Tätlichkeit. Aber was macht der sanftmütige Herr Meyer? Er gibt Freistoß für den HSV, ermahnt Pizarro. Gibt es keine Regel, die eine solche Szene eindeutig regelt? Natürlich! Rot! Unfassbar.

In der 23. Minute wäre Tunay Torun frei auf das Werder-Tor zugelaufen, aber der Herr an der Linie, Carsten Kadach, hebt die Fahne. Abseits. War es aber nicht. Eine klare Torchance wurde verhindert.

In der 42. Minute wäre Eljero Elia ebenfalls allein auf das Werder-Tor zugelaufen, oben, genau auf Höhe von Kadach, parkte noch ein Werder-Spieler, doch der Linienrichter hebt trotzdem mal auf Verdacht die Fahne. Falsch. Völlig falsch, leider wieder zu Ungunsten des HSV. Drei ganz wichtige Entscheidungen, immer gehen Hamburg, nein, ein Heim-Schiedsrichter war der Herr Meyer hier auf keinen Fall. Das sollte man auch mal dem Deutschen Fußball-Bund mitteilen, der wäre sicher stolz auf einen so mutigen Mann!

Kommen wir zum Positiven aus HSV-Sicht. Für mich war Schneefloh Elia der überragende Mann auf dem Platz. Der Niederländer kam super mit dem eisigen Geläuf zurecht und spielte den langen Kerlen in der Werder-Abwehr immer wieder Knoten in die Beine. Das war überragend! Wie auch die Vorbereitung zum 2:0. Nein, die war sogar Weltklasse! Elia tanzte sie alle an der Mittellinie aus und legte den Ball mustergültig in den Lauf zu Marcell Jansen – Tor.

Großartig, das sei an dieser Stelle gleich erwähnt, wie der bärenstarke Jansen auf links immer wieder wie Schmitz Katze abging. Und dazu das 2:0, das war wieder die reinste WM-Bewerbung in Richtung Jog Löw.
Nach dem Jansen-Tor fragte ich mich allerdings, warum die HSV-Fans denn noch immer gegen Tim Wiese pfiffen, denn dieses 2:0 hatte der Werder-Torwart doch maßgeblich begünstigt, denn was wollte er denn eigentlich an der Mittellinie? Die Antwort kann nur lauten: das 2:0 vorbereiten. Hat er geschafft. Deswegen waren die Pfiffe überflüssig.

Super auch der HSV-Kapitän. David Jarolim gab nicht nur wieder einmal alles, das macht er ja immer, ist eine Selbstverständlichkeit für ihn. Nein, „Jaro“ hielt dagegen, er attackierte, er grätschte, er „kloppte“, er war einfach nur vorbildlich.

Und, ich muss es zugeben, beim 1:0 habe ich gejubelt. Endlich einmal ein Eckstoß, wie ich ihn schon seit Monaten „fordere“. Aogo von links mit links, am ersten Pfosten verlängert Jansen per Kopf in die Mitte, wo Joris Mathijsen sich und allen HSV-Fans ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk bereitete: Kopfball, 1:0. Überhaupt: Die Standards, zuletzt (und nicht nur zuletzt) heftig kritisiert, waren diesmal annehmbar. Sie waren nicht alle gut, aber ich hatte das Gefühl, sie wurden viel konzentrierter ausgeführt.

Angst hatte ich um Tomas Rincon, der früh, viel zu früh für mein Empfinden, die Gelbe Karte sah, als er Jensen umgrätschte (13.). Es spricht für Rincon, der erneut ein bärenstarkes Spiel abgeliefert hat, dass er dieses Spiel überstand, er hat es inzwischen gelernt, disziplinierter zu spielen – Kompliment. Auch dem Trainer-Gespann, das sicherlich auch einen großen Anteil daran hat.

Pech hatte Tunay Torun, der in der 36. Minute vom Platz genommen werden musste, weil Boateng ja vom Platz gestellt worden war. Für Torun kam Rozehnal, es war für Bruno Labbadia sicher keine leichte Entscheidung, denn Torun hatte bis dahin sehr gut gespielt. Was mir gefiel: Der junge Türke hat auch einen Blick für die Defensive, arbeitete viel nach hinten, das konnte sich wahrlich sehen lassen, er setzte in dieser kurzen Spielzeit die Reihe seiner guten Vorstellungen fort.

Schwer war es für Labbadia auch deshalb, weil in Halbzeit eins absolut nichts von Mladen Petric, der vor dem Platzverweis von Boateng einen völlig überflüssigen Fehlpass gespielt hatte, durch den die Bremer in Ballbesitz gekommen waren, zu sehen gewesen war. Viele Kollegen sagten sogar, sie hätten den nicht ganz gesunden Kroaten eher vom Platz genommen, als Torun. Spricht für den Türken. Und es spricht für Petric, dass er im zweiten Durchgang doch noch zulegen konnte. So gesehen hatte Labbadia doch wieder alles richtig gemacht.

Übrigens: David Rozehnal war Gold wert, er hat wohl sein bislang bestes Spiel für den HSV gemacht. Was er da hinten alles rausköpfte, war einfach unglaublich. Note eins für den Tschechen.

Glück hatte der HSV trotz der Schiedsrichter-Entscheidungen auch noch. Naldo traf die Torlatte (27.), Frank Rost hätte nichts zu halten gehabt. Und in der zweiten Halbzeit hätte Meyer, als insgesamt eine Stunde gespielt war, durchaus einen Elfmeter pfeifen können, als Guy Demel den einschussbereiten Pizarro festhielt. Und Glück auch, als Hunt in der 64. Minute aus sechs Metern den Ball nicht richtig traf, sonst wäre das Anschlusstor wohl unvermeidlich gewesen. Wie auch in der Schlussphase: Hunt gegen die Latte, Marin auch noch. Der HSV wankte, aber er fiel nicht!

Es passte zur Schiedsrichter-Leistung, dass Hunt gegen Demel tätlich werden durfte, nur weil der HSV-Spieler die schnelle Ausführung eines Freistoßes verhindern wollte. Hunt stieß Demel vor die Brust, der Linienrichter stand sechs Meter daneben, aber Sekunden später gab es Gelb für die beiden Streithähne. Unfassbar auch, als Meyer ein klares Foul von Frings (wo war er eigentlich in diesen 90 Minuten?) an Rincon nicht pfiff, obwohl er drei Meter neben dem Tatort stand. Es war einfach unglaublich. Dass das 1:2 zum Schluss noch fiel – wen juckt es?

Ganz zum Schluss noch ein Satz in eigener Sache. Auch in der Arena wurde ich wieder oft darauf angesprochen, ob „Matz ab“ auch weiterhin kostenlos bleibt. Ich kann es sagen: es bleibt. Keine Angst also. Es geht weiter wie bisher. Und viele, viele freuen sich schon – ganz nebenbei – auf den 19. Februar, das Treffen der „Matz-abber“ wird ganz sicher ein wunderschöner Abend. So wunderschön, wie dieser letzte Spieltag in diesem Jahr 2009. Ende gut, alles gut. Und wenn es doch etwas Kritisches von Eurer Seite aus anzumerken gäbe – lasst sie stecken, jetzt wäre es der absolut falsche Zeitpunkt. Der HSV gewinnt mit zehn Mann gegen Werder Bremen, wer hätte das gedacht?

17.25 Uhr

Fußball wird im Kopf entschieden

19. Dezember 2009

Bruno Labbadia und sein Assi Eddy Sözer liefen nach dem Trainingsende sofort in den Volkspark, und ich lief auch: zum Auto. So schnell konnte ich gar nicht zittern, wie ich gefroren habe. Auftauen war angesagt. Auch für das Trainerteam. Der schöne Bruno lief mit einer total roten Nase – und nach eigenem Bekunden mit eingefrorenen Füßen – los, ich kann nur hoffen, dass ihm am Sonntag ein Satz heißer Ohren in Form einer Heimniederlage erspart bleibt. Es sah auf dem beheizten Trainingsrasen neben der Arena nicht wirklich nach einem schönen Fußballplatz aus. Schiet-Wetter, Schiet-Winter. Aber keimt daraus nicht auch ein wenig Hoffnung auf? Darauf, dass die langen Kerls von Werder auf einem solchen Geläuf nicht so richtig Fuß fassen können? Abwarten.

Rückschlüsse auf die morgige Aufstellung ließ das Abschlussspiel am Sonnabend nicht zu, und das lag nicht an der einbrechenden Dunkelheit. Labbadia hatte die Spieler bunt durcheinander gewürfelt. Neun gegen neun lautete das Spielchen, ein Team bestand aus Rost, Demel, Rozehnal, Mathijsen, Jansen, Trochowski, Jarolim, Tavares, Pitroipa. Diese Truppe versuchte sich gegen Hesl, Rincon, Boateng, Aogo, Tesche, Elia, Arslan, Berg, Torun. Und das Ergebnis? Wahrscheinlich gewann die Hesl-Truppe 3:1, wahrscheinlich deshalb, weil nicht genau zu klären war, welche Tore wegen einer Abseitsstellung nicht gezählt wurden. Übrigens: Ein Linienrichter war Torwart-Trainer Claus Reitmaier, und der stand wie immer eisern in kurzer Hose am Rande. Nur die Harten komm’ in Garten. . .

Apropos: Bei einem Ausflug aus seinem Tor senste Frank Rost den glücklosen Stürmer Marcus Berg um, es gab ein wildes Geschrei, aber Berg stand nach wenigen Sekunden wieder auf, und der Zwischenfall zog weder einen Freistoß noch sonst eine Konsequenz auf sich. Wobei ich mich bei „wildem Geschrei“ frage, wieso es beim Training (eigentlich) sehr laut, sehr lebhaft und sehr motivierend zugeht, aber während eines Spiels davon recht, recht wenig zu hören und zu sehen ist. Vielleicht ein Ansatz für Bruno Labbadia, darüber mal zu Beginn der Rückrunde mit seinen Mannen zu sprechen, denn wenn man sich verbal gegenseitig unterstützt, ist das auf jeden Fall immer besser – weil hilfreich.

Dazu ist ganz passend, was ich auf dem Weg an die Arena gehört habe. Da traf ich den ehemaligen HSV-Profi Borisa Djordjevic, der ja in der Netzer-Ära geholt wurde, Mitglied der Meistermannschaft von 1983 ist und seit dieser Zeit in Norderstedt lebt. „Bora“ trainiert im Sommer oft jugendliche Fußballer, und denen sagt er immer: „Ihr müsst nach jedem Training oder Spiel Kopfschmerzen haben. Nicht vom Köpfen, sondern vom Denken, denn nur wer beim Fußball auch denken kann, der ist auch erfolgreich.“ Djordjevic sagte es mir heute noch einmal, weil er kürzlich Bayern-Trainer van Gaal im Aktuellen Sportstudio gesehen hatte: „Jetzt schätze ich ihn wirklich sehr, denn van Gaal sagte: ’Die Deutschen denken, dass Fußball mit den Beinen gespielt wird, aber ich sage ihnen, Fußball wird im Kopf entschieden.’ Und genau ist es, was ich auch immer sage.“ Vielleicht erinnern sich daran ja, die HSV-Profis, wenn es am Sonntag gegen den Nachbarn von der Weser geht.

Übrigens: Standards wurden an diesem bitterkalten Tag nicht trainiert, da regiert einmal mehr das Prinzip Hoffnung. Irgendwann muss es doch einmal so richtig flutschen, so denke ich mir, so können doch alle Fußball spielen, wieso ist keiner in der Lage, einen vernünftigen Freistoß und Eckball vor das Tor des Gegners zu befördern. Auch da muss, ja, ganz eindeutig muss, Bruno Labbadia in der Rückrunde den Hebel ansetzen. Ich würde es ja eiskalt so machen: An jenen Tagen, an denen nur vormittags geübt wird, würde ich mir die Experten, die die Standards treten sollen, zum Sondertraining bestellen. Und immer und immer wieder üben lassen. Nicht nur fünf Minuten, sondern mindestens eine Stunde. Und das mehrfach in der Woche. Damit kann eigentlich kein Profi überfordert werden, aber es könnte der Mannschaft und dem Verein helfen.

Es wird nicht leicht sein, dieses gravierende Manko abzustellen, aber was ist schon leicht. Und da bin ich beim Thema Europa League. Ich bin schon sehr erstaunt, wie in Hamburg das Los PSV Eindhoven aufgenommen wurde. Leicht? Naja, ich wüsste etwas anderes, und das werden alle erleben. Der PSV eilt in den Niederlanden seit Wochen von Sieg zu Sieg, ist nach 17 Spielen noch immer ungeschlagen (45 Punkte, 43:13 Tore) – wenn auch nur auf Platz zwei, hinter Twente Enschede.

Apropos oben: Schalke 04 mischt oben mit (Herbstmeister ist aber Bayer Leverkusen, 3:2 über Gladbach!), also hat Felix Magath auch bei seiner neuesten Trainer-Station wieder riesigen Erfolg. Ich gratulierte an diesem Vormittag einem Schalke-Reporter zum Geburtstag, bei der Gelegenheit sprachen wir natürlich auch kurz über Magath – und der Kollege geriet ins Schwärmen: „Ich bin seit Jahrzehnten Schalke-Reporter, deswegen kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass 04 noch keinen Trainer hatte, wie Magath. Der hat alles im Griff, dem folgen sie alle bedingungslos, dem liegen sie hier fast zu Füßen.“ Ich habe nichts anderes erwartet. Übrigens: Am 23. Dezember zeigt das DSF den Audi-Talk, und in dieser Sendung dreht sich dann alles nur um Felix Magath, der vom DSF zum Mann des Jahres gewählt wurde – auch keine Überraschung.

Und wo ich gerade dabei bin: Schiedsrichter des Jahres ist für mich der Mann, der am Sonntag das Derby pfeifen wird: Florian Meyer. Für mich der beste Unparteiische, den wir in Deutschland haben, und dass dieser Mann nun im Volkspark pfeifen darf, ist für mich eine große Beruhigung. Auch wenn es bei Euch sicher den einen oder anderen gibt, der auch an Meyer etwas auszusetzen hat – auch hier gilt: abwarten.

So, ich komme zum Ende. Beim Training fiel mir ein, dass wir in den nächsten Tagen eigentlich mal über Eure beste HSV-Mannschaft aller Zeiten schreiben könnten. Eine Mannschaft, die es nie so gegeben hat, also bei mir würden zum Beispiel Uwe Seeler und Kevin Keegan in einem Team spielen.

Zwei Männer, aber die nur als Beispiel. Zwei andere Herren sind im aktuellen Vierzeiler für das Bremen-Spiel zu sehen, die Ihr beim genaueren Hinsehen eigentlich erkennen müsstet. Ob Ihr es auch tatsächlich schafft? Da bin ich mal gespannt. Und ein Mann ist bei diesem Vierzeiler dabei, den Ihr dann am 19. Februar wieder treffen werdet – so Ihr denn dabei seid, wenn es das große „Matz-ab“-Treffen in der Raute gibt. Übrigens, weil ich immer gefragt werde: Es kann jeder dabei sein, es muss sich keiner vorher anmelden. Und, zu diesem Treffen noch gesagt: In der nächsten Woche setzen wir, Carsten Kober und ich, uns einmal zusammen, ob wir ein Programm machen, was wir machen, wie was laufen könnte. Schon jetzt kann ich sagen, dass es so manchen (großen) Überraschungsgast geben wird. Aber verraten wird nichts, denn ich würde schon schön dämlich aussehen, wenn dann hinterher doch keiner erscheint. Also deswegen gilt auch hier: abwarten.

Bis zum Werder-Spiel.

1725 Uhr

Werder ist Favorit – na und?

18. Dezember 2009

„Wer ist Fred Rutten?“ Für mich war die Auslosung der nächsten Europa-League-Runden eben eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Erinnert Ihr Euch noch? Es ist gar nicht so lange her, dass in Hamburg eine intensive Trainersuche stattfand, in deren Zusammenhang Namen von Arsene Wenger über José Mourinho bis hin zu Fred Rutten diskutiert wurden. Und als ich vom DSF zu Rutten befragt wurde, habe ich ein wenig flapsig gesagt: „Wer ist Fred Rutten?“ Das war aber gar nicht despektierlich gemeint, sondern sollte im Zusammenhang mit all den klangvollen Namen der Superstars nur Rutten als Nobody herausstellen. Beim DSF kam dieser Satz damals aber so gut an, dass er immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen ausgestrahlt wurde. Und jetzt kommt ausgerechnet dieser Fred Rutten mit dem PSV Eindhoven im Sechszehntelfinale der Europa League zum HSV. Wenn ich Bernd Wehmeyers Mimik bei der Auslosung richtig gedeutet habe, dann wusste er auch nicht so recht, ob er sich über dieses Los freuen sollte oder nicht. Aber Trainer Bruno Labbadia hat schon Recht: Man muss es nehmen, wie es kommt. Und wenn der HSV wirklich ganz weit in diesem Wettbewerb kommen will, muss er nach den Holländern auch noch Bilbao oder Anderlecht als Gegner im Achtelfinale ausschalten.

Das ist aber alles Zukunftsmusik, schließlich stehen die Spiele gegen Eindhoven erst im Februar 2010 an. Und bis dahin gibt es noch allerhand Wichtigeres zu erledigen. Ich sag nur: Nordderby, Nordderby, Nordderby und noch einmal Nordderby. Danach folgen die Entscheidung in Sachen Sportchef, die Wintervorbereitung und eventuell auch noch die eine oder andere Personalfrage.

Gestern war im Hause Springer übrigens Weihnachtsfeier. Meine Kollegen haben mir berichtet, dass es dort auch ein paar verbale Scharmützelchen in Sachen Nordderby gab. „Wenn die HSV-Fans ein paar Papierkugeln geschickt in den Werder-Strafraum werfen, könnte Hamburg sogar ein Tor treffen“ – so lautete der Gipfel aller übermütigen und natürlich nicht ganz ernst gemeinten Frotzeleien.

Wenn ich nun die beiden jüngsten Auftritte der Kontrahenten im Europapokal betrachte, vergleiche und meine Schlüsse daraus ziehe, dann stelle ich folgende Behauptungen auf. Erstens: Werder (das mit Twente Enschede auch ein Oranje-Team als Gegner in der Europa League gezogen hat) kommt als Favorit in die Nordbank-Arena. Zweitens: Claudio Pizarro ist trotz gerade erst überstandener Verletzung in Topverfassung und vom Papier her einen Schritt weiter als Mladen Petric auf HSV-Seite. Drittens: Die Standards der Bremer von Özil sorgen dank kopfballstarker Spieler wie Mertesacker, Bönisch und Naldo für Dauergefahr und sind mit den leider meist megaharmlosen Hereingaben des HSV nicht ansatzweise zu vergleichen.

Klingt nicht gerade zuversichtlich, oder? Stimmt. Aber trotzdem glaube ich aus HSV-Sicht an einen gelungenen Jahresabschluss am Sonntag. Denn Nordderbys gehorchen ja nicht irgendwelchen Trends, Statistiken oder Experteneinschätzungen (die meisten glauben an einen Werder-Erfolg), sondern entwickeln stets eine gewisse Eigendynamik. Und sie haben es in sich.

Ich hoffe, dass sich Bruno Labbadias Schachzug von Tel Aviv auszahlen wird. Der Großteil der Hamburger Mannschaft, allen voran so wichtige Spieler wie David Jarolim, Dennis Aogo oder auch Jerome Boateng, wird am Sonntag total ausgeruht in das Prestigeduell gehen. Gegen die spielerisch etwas reiferen und variabler agierenden Bremer lässt sich mit einer kämpferischen und läuferisch intensiveren Leistung einiges bewegen. Wie das geht, hat ja gerade erst Schalke 04 – und das sogar in Bremen – demonstriert.

Was die Aufstellung betrifft, erwarte ich im Vergleich zum Sieg in Nürnberg maximal eine Veränderung in der Startelf. Das heißt: Vor Frank Rost werden mit Guy Demel, Boateng, Joris Mathijsen und Dennis Aogo vier gestandene Größen stehen, davor mit Tomas Rincon und Jarolim die „Sechser“, links Marcell Jansen, rechts Tunay Torun oder Piotr Trochowski – und vorne drin Mladen Petric und Eljero Elia.

Dass „Troche“ nach seiner mehr als durchwachsenen Leistung in Israel überhaupt in Frage kommen könnte, liegt am Gegner. Ich habe fast den Eindruck, dass der Nationalspieler gegen fußballerisch starke Mannschaften besser zur Geltung kommt als im Liga-Alltag. Allerdings wäre es für Torun nach seinem guten Auftritt beim FCN ein mittelgroßer Schlag ins Kontor, wenn der Trainer ihn nun im Jahresabschlussspiel auf die Bank setzen würde. Mehr dazu morgen, nach dem Abschlusstraining.

Zum Schluss noch schnell zum Gewinnspiel, bei dem es eine Rekordbeteiligung gab. Allerdings haben auch viele daneben gelegen, weil sie dachten, dass Uwe Seeler beim 9:1 am Rothenbaum gegen Werder vierfacher Torschütze war. Das war aber Klaus Neisner. Und die tragische Derbyfigur war Ditmar Jakobs (ohne „ie“ und mit „k“ statt „c“). Das Trikot hat Petra Ehrhardt gewonnen. Gewinner der Karten ist Barne Warnken.

14:35 Uhr

Die B-Elf verliert 0:1

17. Dezember 2009

Als Frau M. um 18.58 Uhr Mickael Tavares, Wolfgang Hesl, Robert Tesche und David Rozehnal beim Auflaufen in Tel Aviv erblickte, legte sie sich zurück in das Sofa. Ich erkannte ein kurzes Fragen in ihren Augen, und einen leichten Hauch von Entsetzen. Deshalb fragte ich sie: „Was ist denn los? Gefällt dir an dieser Aufstellung irgendetwas nicht?“ Sie, immer noch mit ganz unnatürlich großen, fast ängstlichen Augen: „Der HSV wollte doch eigentlich Gruppenerster werden. So hat es der Trainer doch eben noch vor dem Anpfiff angekündigt. Aber wie soll das denn gehen? Da habe ich aber meine leichten Zweifel.“ Und dann kam es so, wie befürchtet, der HSV verlor in Tel Aviv 0:1 und ist nun am Ende doch nur Zweiter der Gruppe C der Europa League. Schade, da war deutlich mehr drin.

Wenn schon, denn schon: Ich hätte ja gerne noch Maximilian Beister gesehen, dazu noch Sören Bertram. Beide von Anfang an. Das hätte zu diesem vorweihnachtlichen Betriebsausflug doch noch ganz gut gepasst. So oder so, Bruno Labbadia wollte mit dieser Aufstellung ein Zeichen setzen. Richtung Werder. Getreu dem Motto: „Seht her, ihr lieben Bremer, wir können unsere besten Spieler auch schonen. Und zwar von Anfang an.“

Der Start der Hamburger B-Elf konnte sich auch durchaus noch sehen lassen. Alle Spieler waren viel in Bewegung, jeder wollte sich zeigen, so hatte es sich Bruno Labbadia offensichtlich auch erhofft. Das sah nicht nach Niederlage aus. Marcell Jansen legte nach seinen zuletzt überragenden Auftritten einen guten Start hin, der HSV stand eher vor dem 1:0, so hatte ich den Eindruck, als die Israelis. Bis Jansen nach zehn Minuten einen Elfmeter haben wollte, weil er im Hapoel-Strafraum zu Boden gegangen war. Danach ging es aber wirklich bergab. Mit Jansen und auch mit dem HSV. Fast logisch deshalb das Führungstor der Hausherren. Jansen beging den entscheidenden Fehler, als er einen langen Pass nicht abfangen konnte, Yeboah (ausgerechnet ein Stürmer namens Yeboah!) schob gegen Hesl ein; den HSV-Torwart traf keine Schuld, er wollte am Eck des Fünfmeterraumes den Winkel verkürzen.

Die einzig gute Tormöglichkeit vergab Marcus Berg, der prächtig von Mladen Petric frei gespielt worden war. Der Schwede zog aus elf Metern ab, aber viel zu unplatziert, Torwart Enyeama konnte problemlos halten. Aber da war deutlich mehr drin. Es fehlte dem Strafraum-Stürmer in dieser Szene der „Killer-Instinkt“.

Was auffiel: Im Hamburger Mittelfeld lief kaum etwas zusammen. Ein Wunder? Eigentlich nicht, denn in dieser Zusammensetzung haben die Herren ja kaum einmal zuvor gespielt. Von Tesche und Tavares konnte man keine Wunderdinge erwarten, Frau M. (inzwischen ja eine absolute Fachfrau) tat es auch nicht, ich ebenfalls nicht. Von Piotr Trochowski hatte ich mir mehr erhofft – Frau M. wahrscheinlich auch, obwohl ich sie noch nicht gefragt habe – aber da kam nichts. Der ein wenig aufs Abstellgleis geschobene Nationalspieler spielte mir zu körperlos, schoss auch nur zweimal auf das israelische Tor. Logische Konsequenz zur Pause: Labbadia ließ „Troche“ in der Kabine. Wie auch Tavares. Schonung für Bremen? Eher nicht.

Von Mladen Petric war auch nicht viel zu sehen, aber das kam für mich erwartungsgemäß. Er kann ganz einfach noch nicht so weit sein, obwohl er, das war schon überraschend, kämpferisch gegen Ende des Spiels noch zulegen konnte. Dennoch, ich lege mich da fest: Es war wichtig, dass der Kroate 90 Minuten lang dabei war, denn jede Spielminute bringt ihn seiner Bestform wieder näher. Was ich von Berg nicht behaupten kann. Nach vorne ging kaum etwas, bei Berg ging gar nichts. Ein solches Spiel wirft ihn eher zurück, als dass es ihn nach vorne bringt.

Apropos Berg: Er wurde in der 36. Minute böse von hinten von Ben Dayan umgegrätscht, aber der russische Schiedsrichter Nikolajew tat das mit einer lässigen Handbewegung ab – so wie es unsere Unparteiischen in der Bundesliga so oft zu tun pflegen. Es gab nicht einmal Freistoß, es gab lediglich Einwurf. Zu dieser Szene passend: Als Jansen in der 76. Minute Zehavi umsäbelte, hätte ein etwas strengerer Schiedsrichter auch leicht mal Rot ziehen können. Für mich ist s nach wie vor ein Phänomen, dass die Unparteiischen international mehr durch gehen lassen, als in der eigenen Liga, obwohl ich auch nicht weiß, wie dieser Herr in Russland pfeift. Das gebe ich natürlich zu.

Dass Labbadia zur zweiten Halbzeit mit Eljero Elia und Tunay Torun zwei offensive Kräfte brachte, das zeugte davon, dass er dieses Spiel doch nicht abschenken wollte. Und Frau M. lächelte auch schon wieder etwas mehr, denn: Der HSV schien wacher, williger, entschlossener. Und er übernahm eindeutig das Kommando. Torun hätte das 1:1 erzielen könne, fast müssen, als er in de 58. Minute aus elf Metern frei zum Schuss kam, den Ball aber mit seinem schwächeren linken Fuß in die Wolken beförderte. Und nur Sekunden später hatte Elia Torwart Enyeama bereits überwunden, aber Badir rettete auf der Torlinie. Das war Pech.
Der HSV drückte, aber der letzte Pass war oft zu ungenau, das erlösende Tor wollte einfach nicht fallen. Für Sonntag aufgespart?

Schiet-Wetter, Schiet-Ergebnis – abhaken, Werder wartet!

20.50 Uhr

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