Monatsarchiv für Dezember 2009

Hinrunden-Bilanz – Teil drei

30. Dezember 2009

Der dritte und damit auch letzte Teil der Hinrunden-Bilanz beschäftigt sich mit den Angreifern des HSV. Selten einmal hat es eine Spielzeit gegeben, in der so viele Angreifer benötigt wurden.

Damit endet auch der Rückblick auf die bisherigen 17 Bundesliga-Spiele.

Paolo Guerrero: Der Peruaner war in der Form seines Lebens, er gefiel nicht nur als ballsicherer Anspielpunkt im Angriff, er hatte auch in den ersten vier Bundesliga-Spielen viermal getroffen – und dann verletzte er sich in einem total unwichtigen Länderspiel schwer. So schwer, dass er mit einem doppelt gerissenen Kreuzbandriss wohl bis zum Saisonende ausfallen wird. Und wie es im Sommer weitergeht, das steht noch in den Sternen, denn ob der auslaufende Vertrag verlängert wird, und wenn ja zu welchen Konditionen, das bedarf ganz sicher noch etlicher Verhandlungsrunden. Wie auch die Frage, ob Paolo Guerrero sich noch einmal in jene Form spielen kann, die ihn im Sommer 2009 ausgezeichnet hatte. Nie war er so wertvoll für den HSV, als zu jener Zeit.
Note 2.

Mladen Petric: Bildete gemeinsam mit Paolo Guerrero eines der torgefährlichsten Angriffs-Duo der Bundesliga – wenn nicht das gefährlichste. Auch Mladen Petric war zu Saisonbeginn, nach einer lediglich durchwachsenen Vorbereitung, in Bestform, verstand sich großartig mit seinem Sturmpartner. Petric blieb lange Zeit der Hoffnungsträger der Mannschaft, war der einzige gestandene Stürmer, der dem Gegner schon vor dem Anstoß ein wenig Angst oder Respekt einflößte, doch dann. . . Nach acht Bundesliga-Spielen war auch bei ihm Pause angesagt. Und erst zu den beiden letzten Begegnungen kehrte er zurück. Begeistert gefeiert von den Fans, die ihm einen überragenden Empfang bereiteten. Petric ist Hamburger, und er wird es vorerst auch bleiben, die Pläne mit (oder des) VfL Wolfsburg dürften sich vorerst erledigt haben.
Note 2,5.

Marcus Berg: Alter Schwede, mit ihm ging es auf und ab. Und auch hier bei „Matz ab“ scheiden sich immer noch die Geister. Wird Berg noch die Kurve bekommen? Die Aussagen die ich hier lese, deute ich mal auf ein 50:50. Aber vielleicht hat ja auch Lotto King Karl Recht, der kürzlich behauptete, dass Berg von vielen unterschätzt wird. Lotto nannte die gute Trefferquote des schwedischen Nationalspielers und verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass Marcus Berg noch sehr wertvoll für den HSV werden dürfte. In seinen Einsätzen müsste Berg nach unserer Einschätzung mehr Einsatz zeigen, mehr Leben, mehr den Willen habe, unbedingt ein Tor machen zu wollen. Er bezeichnet sich selbst als „Strafraumstürmer“, aber gibt es einen solchen Spielertyp noch im heutigen Fußball? Der letzte dieser Art war beim HSV Bernardo Romeo, und den hat einst Thomas Doll vom Hof geschickt, weil der damalige HSV-Trainer auf schnellen Kombinationsfußball und auch auf Konter setzen wollte.
Note 4.

Tunay Torun: Da kommt einer! Und so wie es den Anschein hat, auch ganz gewaltig. Zu Beginn der Saison stand der untersetzte Türke bei keinem (Experten) so wirklich auf dem Zettel, aber die Trainingskiebitze konnte es in den letzten Monaten schon erahnen, dass es mit ihm bergauf gehen könnte. Von Tag zu Tag wurde er selbstbewusster. Torun mischt im Training und zuletzt auch in der Bundesliga prächtig mit, lässt sich nicht mehr so einfach beiseite schubsen, er hält dagegen, wehrt sich, und er zeigt dabei auch, was er fußballerisch drauf hat. Und das ist einiges. Das weiß längst auch Bruno Labbadia, denn Torun gehört inzwischen zu jenen Spielern, die Standards schießen dürfen und sollen. Wenn Lotto King Karl auf Marcus Berg setzt – ich setze genauso entschlossen auf  Torun. Da wächst einer heran.
Note 3+.

Tolgay Arslan: Kam im Sommer 2009 als Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund zum HSV, wird auch als immer noch Mittelfeldspieler in der Stadion-Zeitung „HSV live“ geführt, doch Bruno Labbadia brauchte und brachte ihn stets als Stürmer. Im Training blitzt sehr wohl das eine oder andere Mal Arslans Können auf, aber im Spiel kann er diesen Vorschusslorbeeren kaum gerecht werden, da zögert und zaudert er – da fällt er auch ab. Er hat zwar eine gute bis sehr gute Technik, muss aber lernen, schneller zu handeln, auch schneller reagieren. Oftmals scheint er (im Training) ein wenig phlegmatisch zu sein, er wirkt dann so, als sei er leicht „eingenickt“, er wirkt gedanklich abwesend – und zieht sich dadurch den Unmut einiger Kollegen zu. Fazit: Da muss noch wesentlich mehr kommen, damit er den Weg ins Profi-Geschäft auch als Stammspieler schaffen kann. Einige erfahrene und ältere Spieler werfen den jüngeren Kollegen ja oft genug vor, dass die Talente viel zu früh zufrieden sind, mit dem was sie haben: Nämlich einen Platz im Kader eines Bundesliga-Vereins. Tolgay Arslan muss gewaltig aufpassen, wenn er nicht als ein Spieler jenes Kreise abgestempelt werden will.
Note 4.

Jonathan Pitroipa (kommt jetzt etwas später und vervollständigt den Kader – mein Kollege Pletz und ich hatten ihn im Mittelfeld vorgesehen,  da tauchte er dann aber leider doch nicht auf, unser Fehler, wir bitten um Verzeihung):  Gehörte ebenfalls zu den umstrittensten Spielern der Hinserie. Er lieferte anfangs einige gruselige Partien ab, bei denen man an seiner Tauglichkeit für diesen HSV zweifeln musste, aber dann waren auch immer wieder brauchbare Ansätze und mitunter sogar beeindruckende Leistungen dabei. Insgesamt spielt er sicherlich zu wechselhaft, kann aufgrund seiner ungeheuren Geschwindigkeit aber auch in Zukunft sehr wertvoll für das Team sein. Nur an seiner Schusskraft und -Technik muss er weiter intensiv arbeiten, am besten täglich.
Note 4

Talent:

Maximilian Beister: Einen Kurz-Einsatz hat der Jugend-Nationalspieler in der Bundesliga, eine einzige Minute im total verkorksten Bundesliga-Spiel gegen Bochum (0:1). Auch er wird zulegen müssen, damit er diese Bilanz noch um viele, viele Spiele verbessern kann. Das Talent hat Beister zweifellos, er erinnert mich rein äußerlich an den ganz jungen Jürgen Klinsmann. Der „Flipper“ war in seiner Zeit immer ein wenig zappelig, aber er hatte den Zug zum Tor, ging auch dorthin, wo es wehtat. Das macht auch Beister, der nun lernen muss, sein Können in jedem Spiel abzurufen. Zudem muss er auch lernen, sich unter Kontrolle zu haben, denn mit Undiszipliniertheiten wird es ein junger Mann, der das Ziel hat, ganz nach oben zu kommen, nicht bis an die Spitze schaffen, dafür würden schon (Profi-)Trainer und auch Profi-Spieler quasi in einer Art Selbstreinigungsprozess sorgen. Genau in diesem Punkt könnte ihm Bruno Labbadia mit einer rechtzeitigen und auch nachhaltigen Ansprache auf die Sprünge helfen.

So, zum Abschluss des Jahres wünsche ich – auch im Namen von Christian Pletz – allen “Matz-abbern” einen guten Rutsch (macht es nicht so doll!) und ein wunderschönes neues Jahr, viel Glück, Erfolg und vor allem beste Gesundheit. Gleichzeitig danke ich allen, die hier so großartig mitgemacht haben, das war und ist echt überwältigend. Und wenn ich, wie jetzt auch bei der Hamburger Hallenmeisterschaft, von Usern angesprochen werde, dass ich ihnen mit dem HSV-Blog die Nachtruhe raube (freundlich gemeint!), so ist das in erster Linie wohl Euer Erfolg – auch dafür ganz herzlichen Dank. Und weiter so! Ich freue mich darauf, 2010 dann das erste ganze “Matz-ab-Jahr” durchzuziehen.

Bei der Gelegenheit: Im Internet-Auftritt des Hamburger Abendblattes wird am 31. Dezember eine Jahresbilanz des gesamten Hamburger Fußballs erscheinen, also mit dem HSV, dem FC St. Pauli und den Amateuren. Christian Pletz und ich haben die letzten zwölf Monate noch einmal im Geiste aufgearbeitet und bringen Euch, so wie es über Jahrzehnte im Abendblatt guter Brauch war, die Rangliste der “Tops und Flops” im hanseatischen Fußball. Es würde uns sehr freuen, wenn Ihr auch da einmal reinschauen würdet.

PS: Ich fliege am Sonnabend mit ins türkische Trainingslager nach Belek und werde von dort in alter Frische berichten.

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »